| Neuenburg / Britannia-Hütte
/ 1978 hat sich Therese Andenmatten zusammen mit ihrem mittlerweile verstorbenen
Mann einen Traum erfüllt: Hüttenwartin auf der Britannia-Hütte,
3030 Meter über Meer. Wie meistert die Mutter von inzwischen drei Söhnen
dieses Leben in kargem Fels und Gletscher hoch über Saas Fee? Hier
in der Hütte sind wir wie eine grosse Familie, meint Therese
Andenmatten mit einem strahlenden Lachen. Eine sehr grosse Familie. Bis
zu zehntausend Übernachtungen können es in Spitzenzeiten in einem
Jahr sein. Was ihr Berge und Eis geben, und wie nah ihr manche Bergunfälle
gehen, wie sehr sie ihre Familie braucht und liebt und wie dankbar sie dem
Leben gegenüber ist, erzählt Therese Andenmatten im grossen RZ-Interview.
Von Ruth Seeholzer
Wir sitzen hier gemütlich in der Britannia-Hütte. Ein wunderschöner
Sommertag neigt sich dem Ende zu. Sind Sie zufrieden mit der bisherigen
Saison?
Sehr. Es wird wahrscheinlich eines der besten Jahre. Ich stelle fest,
dass die Leute wieder mehr die Tendenz zu den Bergen hin haben.
Ist das sehr heisse Wetter gut für die Bergsteigerhütten,
oder kann es auch Nachteile mit sich bringen?
Der Vorteil ist, dass beim schönen Wetter sehr viel mehr Leute
in den Bergen unterwegs sind. Das ist gut für die Hütten. Allerdings
bringt die diesjährige Hitze auch Probleme mit sich. So schmilzt
der Schnee, der auf dem Gletscher liegt. Damit wird das Queren gefährlich.
Auch einzelne Wanderwege, die sonst gut über Schneefelder passierbar
waren, sind schwieriger zu begehen, wenn es so extrem abschmilzt.
Die Britannia-Hütte befindet sich auf über dreitausend Meter
über Meer. Das Leben ist ein ganz anderes auf dieser Höhe?
Die Luft ist viel dünner bei uns. Für die meisten wird schon
das einfachste Treppensteigen zur überraschenden Mühsal. Allerdings
merke ich selber davon schon lange überhaupt nichts mehr. Das war
nur das erste Jahr so, bis ich mich an die Höhe gewöhnt hatte.
Bei einigen unseren Gästen kann diese Höhe sogar zu leichten
Beschwerden wie Schwindel und Atemnot führen.
Wie gehen Sie damit um?
Es gibt solche, die meinen, sie hätten bereits ein Höhenödem
und müssten sofort mit dem Helikopter zurück ins Tal. Aber da
hilft nur die Ruhe selbst (lacht). Ich mache ihnen ruhig und bestimmt
klar, dass das etwas ganz Normales und überhaupt nichts Gefährliches
ist, und dann ist meistens schon das Gröbste vorbei.
Liegt es daran, dass zur Britannia-Hütte auch viele Leute kommen,
die nicht so berggängig sind?
Ja, das mag schon sein. Viele haben schon von der Britannia gehört,
und wenn es halt nur eine knappe Stunde Fussweg von der Bergstation ist,
traut man sich das noch eher zu. Der Weg ist ja auch nicht allzu schwierig.
Aber die Leute überschätzen sich. Auf dieser Höhe kann
man als Untrainierte nicht gleich schnell laufen wie unten im Tal. In
der Hütte angekommen sind sie manchmal müde, geschwächt
und rufen nach einem Kaffee, Coramin oder einem Glas Wein. Nach einer
kleinen Weile sind die alle wieder purlimunter. Das sind dann sogar meistens
diejenigen, die man abends nicht mehr ins Bett bringt (schmunzelt).
Sie sind eine der wenigen Frauen unter den Schweizer Hüttenwarten.
Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Meine beiden Söhne waren noch klein, als ich zusammen mit meinem
damaligen Mann Ambros auf einer Klettertour von weitem die Britannia-Hütte
sah. Dabei sagte ich zu meinem Mann: Das wäre doch noch interessant,
eine solche Hütte zu führen. Mein Mann winkte ab und meinte,
dass keinerlei Chance bestünde, diese Hütte zu übernehmen,
weil viel zu viele Anwärter vorhanden seien. Ich antwortete ihm,
dass wenn man sich im Leben wirklich etwas wünscht und sich das auch
vorstellt, dass man es kriegt. Dann kam es tatsächlich soweit, dass
der damalige Hüttenwart den Posten abgab. Über 60 Bewerbungen
gingen beim SAC ein. Aber ich hatte immer ein gutes Gefühl. Und wie
Sie sehen, ging die Rechnung auf. Wir kriegten den Zuschlag, und seitdem
führe ich diese Hütte.
Welche Gäste kommen zur Britannia-Hütte?
Wir haben alle Nationalitäten hier. Da kommt die ganze Welt zusammen.
Es hat Familien mit kleinen Kindern, Wanderer, Extrem-Kletterer und Bergsteiger
aller möglichen Couleurs. Es kommt auch immer wieder vor, dass Tagesausflügler
zu lange die schöne Aussicht auf unserer Terrasse geniessen und die
letzte Talfahrt verpassen. Für diese haben wir auch immer ein Bett
frei.
Man hat das Gefühl, dass die Zahl der Bergunfälle von Jahr
zu Jahr zunimmt. Sind die Leute leichtsinniger geworden?
Es gibt immer wieder auch bei uns Gäste, die ungenügend
ausgerüstet sind. Dazu kommt, dass sie das Wetter nicht beobachten.
Entscheidend aber ist für mich, dass diese Leute ihre eigenen Kräfte
nicht kennen und sich häufig überschätzen.
Kommt es vor, dass Gäste, die von Ihrer Hütte aus eine Bergtour
machen, in Bergnot geraten?
Ja, das gab und gibt es immer wieder. Schlimm ist für mich, wenn
einer unserer Gäste, der noch seine Sachen hier hat, tödlich
verunfallt, wie das dieses Frühjahr gerade wieder passiert ist. Wenn
ich dann seine Sachen zusammenpacken muss, dann geht mir das schon sehr
nahe, gerade, wenn man vorher noch einen herzlichen Kontakt hatte. Ich
brauche dann manchmal eine gewisse Zeit, bis ich über einen solchen
Fall hinweg bin.
Eine Hüttenwartin geht mit ihren Gästen anders um als ein
Hüttenwart. Sind Sie eine Art Bergsteigermutter?
Hier in der Hütte sind wir wie eine grosse Familie. Wenn es nur
einem von meinen Gästen nicht gut geht, dann bin ich seine Ansprechperson.
Dann bin ich Doktor, Krankenpflegerin, Aufstellerin, dann hängt alles
an mir. Also ich bin sicher eine Art Bergsteigermutter. Die Leute kommen
mit allen möglichen Anliegen zu mir. Ich bin hier nicht einfach Wirtin
und Hotelière. Durch das engere Zusammenleben und die zwar grandiose,
aber immer auch bedrohliche Natur in nächster Nähe kommt sehr
vieles mehr auf mich zu.
Also Hüttenseelsorgerin eher?
(schmunzelt) Es gibt schon Fälle, wo ich bereits nach zehn Minuten
das ganze Leben eines Gastes kenne. (ernster) Manch einer kommt hierher,
dem es moralisch nicht gut geht. Das sehe ich denen an. Denen gebe ich
dann manchmal ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg oder mache sie
auf ein paar Schönheiten in der Natur aufmerksam.
Wie reagieren Sie dann?
Ich versuche, diese Einzelgänger mit anderen Klettergruppen zu
verkuppeln, die denselben Berg vorhaben. Ich schaue dann, dass der Kontakt
bereits am Vorabend beim gemütlichen Beisammensein zustande kommt.
Und ich stelle immer wieder fest, dass solche Menschen beim Reden und
Diskutieren aufblühen, sich plötzlich auf eine gewisse Weise
geborgen fühlen.
Woher nehmen Sie die Kraft dafür?
Durch den Tod meines ersten Mannes habe ich am eigenen Leib erfahren,
was Trauer und Leid heisst. Ich ging gestärkt aus dieser traurigen
Zeit hervor. Heute lebe und handle ich langfristiger. Ich geniesse jeden
Augenblick intensiv. Und von dem kann ich vielleicht anderen auch etwas
mitgeben.
Sie haben mit Ihrem ersten Mann zwei Söhne und mit dem zweiten
Mann einen weiteren Sohn. Wie funktioniert das neben Ihrem Beruf?
Für mich gibt es den Ausdruck: Ich kann nicht, nicht.
Gut organisiert ist halb gewonnen. Doch an erster Stelle kommt die Familie.
Die funktioniert nur, weil mein Mann auch auf vieles verzichtet und soweit
es sein Beruf als Sous-directeur in einem Neuenburger Lycée zulässt,
uns tatkräftig unterstützt. Mein ältester Sohn Dario ist
bei mir auf der Hütte und dank ihm ist für mich vieles einfacher
geworden. Er ist meine rechte Hand. Früher war das alles nicht so
einfach. Aber ich hatte Glück, denn alle meine Schwestern sind in
Saas Fee verheiratet. Und diejenige, die nur ein Jahr älter ist als
ich, war die Ersatzmutter für meine Söhne. Sobald ich nicht
da war, war sie die Mutter für die Buben, mit allen Rechten und Pflichten.
Auch die Schwiegermutter hat immer gerne den Ältesten zu sich genommen.
Es gab und gibt Zeiten, wo ich nicht von der Hütte weg kann. Und
da war und ist es für mich eine grosse Erleichterung, dass unsere
Familie auf diese Art betreut wurde. Meine Söhne sind selbständig
geworden durch dieses Leben. Sehr häufig kommt es aber auch vor,
dass alle zusammen, so wie heute abend, hier oben bei mir in der Hütte
sind. Ich glaube, dass meine Söhne in mir eine Art Vorbild in dem
Sinn gefunden haben, dass man sehr vieles erreichen kann, wenn man es
nur will und wenn man das Vertrauen in sich selber hat.
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