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Frontal-Interview:
Pirmin Zurbriggen, ehemaliger Skirennfahrer und Hotelier


Pirmin Zurbriggen
 
Zermatt / Er ist einer der grössten Skifahrer aller Zeiten und hat den Skirennsport geprägt wie kaum ein anderer. Der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger Pirmin Zurbriggen wagt für die RZ vor der Ski-Weltmeisterschaft in St. Moritz eine Prognose und sagt: „Den Schweizern ist an der WM einiges zuzutrauen.“

Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer

Am 2. Februar beginnen die Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz. Wie viele Medaillen holt die Schweiz?

Ich tippe auf vier Medaillen, eine bei den Damen und drei bei den Herren.

Und wer schafft den Sprung aufs Podest?

Bei den Damen tippe ich auf Sonja Nef im Riesenslalom. In der Herren-Abfahrt ist alles möglich. Die Strecke in St. Moritz verlangt von den Athleten viel Feingefühl. Dazu kommen die äusseren Bedingungen und natürlich das Material. Darum ist es schwer, sich auf einen Favoriten festzulegen. Ich hoffe, dass Bruno Kernen oder Ambrosi Hoffmann aufs Podest fahren. Im Riesenslalom gehört Didier Cuche zu den Mitfavoriten. Auch Michael von Grünigen ist sicher ein heisser Anwärter auf einen Medaillenplatz. Und im Super-G haben die Schweizer bisher gezeigt, dass sie alle Möglichkeiten haben, ganz vorne mitzufahren.

Welche/r Fahrer/in wird der Ski-WM seinen/ihren Stempel aufdrücken?

Der momentane Superstar bei den Frauen ist Janica Kostelic. Ich glaube, sie wird auch an der WM gross auftrumpfen. Sie dominiert zurzeit den Ski-Weltcup und kann die Rennen entsprechend locker angehen. Bei den Herren kann möglicherweise Stefan Eberharter in mehreren Disziplinen vorne mitfahren. Einen eigentlichen Allrounder gibt es derzeit aber nicht.

Werfen wir einen Blick auf unsere ärgsten Widersacher. Werden uns die Österreicher an der WM im eigenen Land um die Ohren fahren?

Sicher werden die Österreicher wieder vorne mitmischen und einige Medaillen einheimsen (schmunzelt). Aber ich glaube, keine Nation wird die WM dominieren.

Sie haben vor sechzehn Jahren bei den goldenen Schweizer (Welt)Meisterschaften in Crans-Montana nicht weniger als vier Medaillen geholt, davon einmal Gold im Super-G und im Riesenslalom. Erinnern Sie sich noch an die goldenen Tage von Crans?

Vor allem jetzt kurz vor der WM in St. Moritz kommen die Erinnerungen zurück. Als Athlet im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu fahren ist zwar motivierend, kann aber auch belastend sein. Man will es zwar nicht wahrhaben, aber vor eigenem Publikum möchte man natürlich besonders glänzen. Dadurch setzt man sich auch unter Druck. Ich erinnere mich an mein erstes Rennen an der WM in Crans. Ich war total nervös und bin den Kombinationsslalom entsprechend katastrophal gefahren. Trotzdem hat es mir für den zweiten Platz in der Kombination gereicht.

Das ganze Schweizer Frauen- und Herrenteam glänzte an der WM in Crans und heimste nicht weniger als 14 Medaillen ein. Was war auschlaggebend für die Glanzresultate?

Unser Kader von damals war sehr ausgeglichen. Das war unser grosser Vorteil. Wir hatten sowohl bei den Damen wie auch bei den Herren grosse Namen am Start, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen konnten. Unser einziges Sorgenkind von damals war der Herren-Slalom. Es war auch die einzige Disziplin, wo wir keine Medaille geholt haben.

Damals herrschte bei der WM im eigenen Land eine einzigartige Stimmung und Begeisterung. Auch das Medieninteresse war enorm. Ist dieses Ambiente in St. Moritz zu toppen?

Ich glaube, dass es eine gute WM gibt. Die Organisation ist hervorragend und der Vorverkauf ist gut angelaufen. Sicher wird die Stimmung auch davon abhängen, ob das Wetter mitspielt und die Schweizer Leistungen stimmen.

Ein Blick auf die Resultate der laufenden Saison zeigt, dass es der Mannschaft noch nicht rund läuft. Ist das eine zusätzliche Belastung für die Weltmeisterschaft im eigenen Land?

Bei den Herren habe ich ein gutes Gefühl. Ambrosi Hoffmann hat erst kürzlich erklärt, dass die Mannschaft wieder zu einer Einheit zusammengewachsen sei. Diese Aussage hat mir gefallen. Nur über ein gutes Einvernehmen innerhalb der Mannschaft ist der Erfolg erst möglich. Bei den Damen ist der Druck auf einzelne Athletinnen so gross, dass es tatsächlich zu einer Belastung werden könnte.

Während die Frauen anfangs der Saison für Aufsehen sorgten, scheinen jetzt die Herren im richtigen Moment zur WM-Hochform aufzulaufen?

Das stimmt. Neben den guten Resultaten im Riesenslalom haben sich auch die Abfahrer in den letzten zwei Rennen eindrücklich zurückgemeldet. Der Sieg von Bruno Kernen am Lauberhorn und der zweite Platz von Didier Cuche in Kitzbühel zeigen klar auf, dass die Schweizer Abfahrer wieder präsent sind.

Im Klartext: In der Paradedisziplin liegt an der WM alles drin?

Ganz klar. Bruno Kernen befindet sich momentan in einer Topform und hat ein riesiges Selbstvertrauen. Auch für Ambrosi Hoffmann liegt einiges drin. Schwer einzuschätzen ist im Moment Didier Cuche, obwohl er in Kitzbühel einen starken Auftritt hatte. Noch fährt er aber zu wenig konstant.

Als der Schweizer Abfahrtstrainer Fritz Züger nach den Übersee-Rennen gefeuert wurde, ging ein Aufschrei durch den Schweizer Blätterwald. Haben Sie diese Reaktion erwartet?

Ich habe den Entscheid verstanden, dass man Fritz Züger freigestellt hat. Die Stimmung in der Mannschaft war sehr schlecht und demnach musste etwas passieren. Fritz Züger ist ein sehr impulsiver und enthusiastischer Mensch und hat sicher viel für den Schweizer Skirennsport getan. Trotzdem bin ich der Meinung, dass er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hat.

Ihr ehemaliger Teamkollege Franz Heinzer ist neuer Trainer der Schweizer Abfahrer. Ist das der richtige Mann, um die Abfahrer wieder an die Weltspitze zu bringen?

Für mich ist Franz einer der komplettesten und besten Abfahrer der Schweiz. Durch seine Erfahrung und Abgeklärtheit kann Franz Heinzer den Abfahrern sehr viel an Wissen und Erfahrung mitgeben. Das macht ihn stark. Früher mussten die Rennfahrer bei ausländischen Trainern um Rat fragen. Diese Zeiten sind nun glücklicherweise endgültig vorbei.

Während die Formkurve der Abfahrer steil nach oben zeigt, fahren unsere Slalomspezialisten immer noch hinterher. Was läuft falsch im Schweizer Slalomteam?

Von den Slalomfahrern bin ich schwer enttäuscht. Bei den letzten Rennen sind sie völlig neben
den Schuhen gestanden. Einzig Silvan Zurbriggen hat mit seinem Exploit in Kitzbühel gezeigt, was er kann.

Der Slalom ist schon seit jeher ein Sorgenkind der Schweizer Skifahrer. Sind wir einfach zu schlecht, um ganz vorne mitzufahren?

Das glaube ich nicht. Die Fahrer kamen einfach nicht vorwärts, weil das Umfeld nicht stimmte und die Trainingseinheiten zu wenig genau abgestimmt waren. Darum ist es wahrscheinlich auch zum Eklat zwischen Karl Frehsner und dem Technikertrainer Christian Huber gekommen. Ich bin überzeugt, dass es mit dem Slalomteam künftig wieder aufwärts gehen wird.

Was ist ihrer Meinung nach zu tun, um die Schweizer Stangenkünstler wieder auf Kurs zu bringen?

Die Fahrtechnik muss unbedingt verbessert werden. Das hängt natürlich mit den Trainingsmethoden zusammen. Ich bin überzeugt, dass Karl Frehsner die Mängel erkannt hat und einen kompetenten Nachfolger engagieren wird.

Haben Sie einen Vorschlag?

(überlegt lange) Das ist schwierig. Momentan fällt mir auch kein Name ein. Auch ohne Christian Huber haben die Fahrer einen riesigen Betreuerstab. Ich bin der Meinung, dass man sich Zeit lassen sollte, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Nach dem (un)freiwilligen Rücktritt von Christian Huber steht das Technikerteam ohne Trainer da. Ein denkbar ungünstiger Augenblick vor Beginn der Ski-WM?

Für die Rennfahrer ist es alles andere als ideal. Ich bedaure die Situation ausserordentlich und hoffe, dass sich die Trainercrew von Swiss Ski wieder auf ihre Qualitäten besinnen kann und dass wieder Ruhe im Trainerstab einkehrt.

Glauben Sie dennoch an einen Effort der Mannschaft in St. Moritz?

Ich denke, das kommt auf die nächsten Rennen an. Eine Weltmeisterschaft hat sowieso ihre eigenen Gesetze. Da ist alles möglich. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gerade bei einem Grossereignis vielfach ein Aussenseiter vorne mitgefahren ist.

Die grösste Schweizer Slalomhoffnung ist Ihr Namensvetter Silvan Zurbriggen. Was trauen Sie ihm zu?

Was Silvan besonders auszeichnet, ist seine Coolness und Cleverness bei Grossveranstaltungen. Das ist seine grosse Stärke. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Silvan auch an der WM in St. Moritz vorne mitfahren wird. Er hat nichts zu verlieren und kann entsprechend locker an den Start gehen.

Cheftrainer Karl Frehsner macht seinem Spitznamen „der eiserne Karl“ alle Ehre und hat nach der Entlassung von Fritz Züger jetzt auch den Technikertrainer Christian Huber faktisch geschasst. Wie denken Sie über seinen Führungsstil?

Es ist sicher nicht einfach, mit Karl Frehsner umzugehen. Anderseits muss ich sagen, dass er mit seiner Erfahrung und Weitsicht einer der erfolgreichsten Trainer der Welt ist. Wenn er merkt, dass innerhalb der Mannschaft etwas nicht stimmt, dann greift er ein. Über die Jahre hinweg gibt ihm der Erfolg recht.

Hand aufs Herz, hat es Sie noch nie gereizt, wieder an Ihre frühere Wirkungsstätte zurückzukehren und Ihr Wissen und Können an die Rennfahrer weiterzugeben?

Ich bin sicher nicht abgeneigt, meine Erfahrungen in den Skizirkus einzubringen. Ich finde es schade, dass der Verband nicht schon früher die wertvollen Erkenntnisse von ehemaligen Skigrössen genutzt hat. Auch die Aktiven haben das bemängelt. Die Folge war, dass die Skination Schweiz eine schwere Krise durchstehen musste. Ich glaube, der damalige Skidirektor Josef Zenhäusern hat die Situation falsch eingeschätzt.

Am Wochenende beginnt die Ski-WM in St. Moritz. Werden Sie sich die Rennen vor Ort ansehen?

Ich fahre am 6. Februar nach St. Moritz und werde mir die Damen- und Herrenabfahrt ansehen.


 

 

      
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