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Mariette Burgener-Blumenthal, dipl. Lerntherapeutin
„Es gibt keine dummen Kinder“

 
Visp / Nicht für alle Eltern und Schüler ist der Start ins neue Schuljahr mit Freude und Zuversicht verbunden. Stress, Angst, Versagen, Störungen körperlicher und psychischer Art machen mancher Familie zu schaffen und sorgen dafür, dass die Schule zur Belastung wird. Die RZ unterhielt sich mit Mariette Burgener-Blumenthal, die als ausgebildete Lerntherapeutin Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen Hilfestellungen gibt, wenn das Lernen schwerfällt.

Von German Escher und Walter Bellwald

Ein neues Schuljahr hat begonnen: Was bedeutet für Sie als Lerntherapeutin der Schulanfang?
Auch für mich ist jeder Schulbeginn etwas Besonderes. Die Ferien sind vorbei. Alle im Bildungswesen Beteiligten starten mit neuen Hoffnungen, hegen neue Erwartungen und haben sich Ziele gesetzt. Sobald das Schuljahr richtig begonnen hat, tauchen bei den Lernenden in der Regel die ersten Schulprobleme auf und dann kommt auch auf mich als Lerntherapeutin Arbeit zu.

Wie kann man eigentlich die Arbeit einer Lerntherapeutin definieren?
Auf unterschiedlichste Art und Weise. Ich behandle nicht nur Lernprobleme, sondern vermittle in erster Linie Lerntechniken und Lernstrategien. Ich habe – im Gegensatz zur landläufigen Meinung – nicht nur Problemschüler. Meine Schüler sind zwischen 7 und 42 Jahre alt; nur die wenigsten von ihnen sind lernbehindert. Zu mir kommen auch Hausfrauen, Berufsleute in Umschulung oder Mittelschüler. Diese wünschen sich vor allem Lerntechniken fürs Sprachenlernen, Verbesserungen in der Lesetechnik und besseres Auffassen von komplexen Texten.

Was hat Sie bewogen, sich zur ersten Lerntherapeutin im Oberwallis ausbilden zu lassen?
Ich war früher als Reallehrerin tätig und übernahm später von Primar- bis Orientierungsschule und Lehrerseminar Stellvertretungen. Dabei fiel mir auf: Viele Schüler wissen gar nicht, wie man richtig lernt. Häufig vermittelt der Lehrer den Schülern einen Stoff; aber viele Lernende wissen nicht, wie man sich diesen richtig einprägt. Wahrscheinlich haben viele Lehrer in ihrer Jugendzeit leicht gelernt und mussten sich deshalb auch keine Lernstrategien aneignen. Da hab ich mich gefragt: Irgendjemand muss doch den Schülern zeigen, wie man mit allen „Kanälen“ – auditiven und visuellen – möglichst effizient lernt. Schliesslich bin ich dann auf das Institut für Lerntherapie in Schaffhausen ge-stossen, wo ich die Ausbildung zur Lerntherapeutin absolvieren durfte. Derzeit gibt es in der Schweiz rund 300 Lerntherapeuten.

Aber es gibt doch schon zahlreiche Massnahmen für lernschwache Schüler. Braucht es da wirklich auch noch die Lerntherapie?
Selbstverständlich vermittelt jede gute Lehrperson Lerntechniken. Aber im Gegensatz zur Schulklasse gehe ich auf jede Person einzeln ein. Ich kläre ab, ob es sich um einen visuellen, auditiven, taktilen oder verballogischen Typ von Studierenden handelt und gebe dann die entsprechenden Hilfestellungen an. Durch die individuelle Beratung nimmt der Schüler die Lerntechniken besser auf. Eltern haben mir erzählt: Bisher hatte unser Kind derart Mühe, Vokabeln zu lernen und jetzt braucht es nur noch einen Drittel der Zeit. Das sind Erfolge, die mich, aber auch das Kind und die Eltern freuen.

Wie stark ist der Zulauf?
Lerntherapie entspricht einem Bedürfnis. Zum einen ist es Mund zu Mund-Propaganda; zum andern machen Fachpersonen oder Lehrer, Schüler und Eltern auf die Möglichkeit der Lerntherapie aufmerksam. Die Nachfrage ist da – auch bei Erwachsenen. Effizientes Lernen ist erlernbar, gibt dem Betroffenen mehr Sicherheit, führt zu Erfolg – und Erfolg stachelt an. Ein Kind will lernen.

Sind die Schüler denn nicht lernfauler als früher?
Natürlich gibt es auch faule Schüler. Aber viele Schüler sind sich nicht bewusst, dass Lernen eine Anstrengung ist. Wenn Jugendliche beispielsweise das Snowboard fahren lernen, dann geben sie nicht auf, bis sie sich auf dem Brett einigermassen bewegen können. Diese Hartnäckigkeit fehlt vielen beim Lernen. Viele Schüler können sich einfach nicht motivieren und sehen nicht ein, wie wichtig Lernen fürs spätere Leben ist.

Wie lange sollte ein Kind für die Hausaufgaben aufbringen?
Auf Primarschulstufe gibt es eine Faustregel, wonach ein Kind täglich im Durchschnitt pro Schuljahr zehn Minuten Hausaufgaben machen sollte – also in der 5. Klasse beispielsweise 50 Minuten. Es kann mal Ausnahmen geben, dass ein Kind länger benötigt. Aber braucht ein Schüler regelmässig wesentlich mehr Zeit, um den Stoff zu verarbeiten, sollten die Eltern den Lehrer kontaktieren.

Dann wird die Lerntherapie zum Thema?
Unter Umständen. Wenn nur das einzelne Kind länger hinter den Hausaufgaben sitzt, lernt es vielleicht falsch. Es gibt aber auch Kinder, die während den Hausaufgaben herumtrödeln, indem sie beispielsweise zehn Minuten die Farben spitzen oder zwischendurch ein SMS schicken.

Muss die Mutter wie ein Assistenzlehrer neben dem Kind sitzen?
Die Eltern sollen Interesse zeigen und die Kinder loben und motivieren. Aber die Eltern müssen nicht zeitversetzt 20 Jahre später nochmals die Primarschule absolvieren. Das ist nicht der Sinn der Hausaufgaben. Hausaufgaben sollen eine Wiederholung des in der Schule angeeigneten Wissens sein. Und das sollten Kinder alleine machen. Wenn ein Kind die Mutter bittet, die Vokabeln abzufragen oder ein Diktat zu diktieren, ist das super. Aber während den Hausaufgaben daneben zu sitzen ist falsch. Das gibt unselbstständige Kinder. Kinder müssen selber lernen.

Der Schulstoff wird komplexer, der Leistungsdruck grösser – kommen da nicht immer mehr Kinder unter die Räder?
Der Leistungsdruck kommt längst nicht nur von der Schule. Häufig – etwa in den höheren Primarschul- oder den OS-Klassen – kommt der Druck von den Eltern, die hohe Erwartungen in ihre Kinder setzen oder etwas hineinprojizieren, was sie selber nicht erreichen konnten. Der Druck kann für viele Kinder zur Belastung werden. Aber unter Druck lässt sich schlecht lernen.

Es ist also nicht Ihr Ziel, aus jedem Kind einen Spitzenschüler zu machen?
Das könnte ich auch nicht. Da wäre ich ja eine Wunderheilerin (lacht). Ich will dem Kind Lerntechniken und Lernstrategien vermitteln, damit es sich mit einem sicheren Gefühl an die Aufgaben macht. Wer die Lerntechnik konsequent anwendet, macht auch Fortschritte. Das gibt Selbstvertrauen und reduziert die Prüfungsangst.

Welche Tipps gibts gegen Prüfungsangst?
Prüfungsangst hat oft mit der Erziehung zu tun. Manche Eltern räumen ihren Kindern alle Steine aus dem Weg. Diese Kinder lernen nie an ihre Grenzen zu kommen und in der Schule sitzt das Kind dann alleine in der Prüfung. Die überbehütenden Mütter erzeugen so indirekt die Prüfungsangst. Auch eine stark autoritäre Lehrperson kann Prüfungsangst verursachen. Und schliesslich kann der Notendruck der Eltern zu Nervenflattern führen. Mit autogenen Übungen am Vorabend oder einfachen Entspannungstechniken kurz vor der Prüfung, kann man den Stress reduzieren.

Sind Lernprobleme eine Frage der Intelligenz?
In den allerwenigsten Fällen. Sind wir doch ehrlich: Jeder Schüler hat irgend einmal während seiner Schulkarriere ein Lernproblem. Das kann ein Wohnort- oder Lehrerwechsel, ein Motivationsproblem oder Liebeskummer sein. Wer den Kopf nicht bei der Sache hat, kann nicht lernen. Deshalb suche ich zuerst bei jedem Kind das Gespräch. Ich hatte schon Kinder in der Therapie, die einen sehr hohen Intelligenzquotient haben, aber die Ursache der Lernschwierigkeit völlig woanders zu suchen war.

Was für Schüler haben bisher ihre Hilfestellung in Anspruch genommen?
Die verschiedensten Gruppen. Es gibt keine „dummen“ Kinder. Es gibt solche mit grösseren Lernproblemen und solche, die einfach effizienter lernen möchten. In Zahlen lässt sich das nicht ausdrücken. Ich kann nur sagen: Es gehen etwas weniger Mädchen als Jungen zur Lerntherapie.

Wie muss ich mir eine solche Lerntherapie vorstellen?
Zuerst gibts ein Aufnahmegespräch mit den Eltern, um herauszuhören, wo der Schuh drückt. Nach einer Auswertung des Lern- und Arbeitsverhalteninventars erfolgt eine Lerntypbestimmung. Es stellt sich die Frage, wie ein Kind den Lerninhalt am besten aufnimmt. Wer beispielsweise eine auditive Schwäche hat, kann den Wortschwall der Lehrperson nicht richtig aufnehmen. Anhand des Schülerprofils lassen sich Lerntechniken und Lernstrategien ableiten. Ich erkläre dann dem Schüler, wie er welches Fach am besten erlernt.

Wie lange dauert eine Lerntherapie?
Fünf Stunden sind schon ratsam. Ich muss ja eine Vertrauensbasis schaffen, die ein tieferes Gespräch erst ermöglichen. Nur so lässt sich die Ursache des Lernproblems analysieren. Gegebenenfalls führe ich weitere Tests, z. B. einen IQ-Test, durch. In jedem Fall werden die Eltern miteinbezogen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen?
Diese ist für mich sehr wichtig. Wenn Kind und Eltern dies wünschen und das Lernproblem es erfordert, nehme ich Kontakt auf und bespreche meine Erfahrungen mit den betreffenden Lehrkräften. Bis jetzt nahmen alle Lehrpersonen, die ich kontaktierte, meine Feststellungen dankend entgegen. Es geht schliesslich um die Schullaufbahn der einzelnen Kinder.

Wie sieht Ihre Erfolgsbilanz nach Abschluss der Therapie aus?
Grossmehrheitlich sicher positiv. Die Rückmeldungen von Kindern, Eltern und Lehrpersonen bestätigen, dass die Lerntherapie eine echte Ergänzung zur Schule sein kann. Bestimmte Schüler konnten ihre Notendurchschnitte verbessern, andere veränderten ihr Arbeitsverhalten und bekamen mehr Freude an der Schule, wieder andere sahen sich in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt. Das Wichtigste ist allerdings, dass die Schüler freiwillig kommen und ihr Lernverhalten verändern wollen.

Und wer finanziert die Lerntherapie?
Im Kanton Wallis müssen – im Gegensatz zu einzelnen Kantonen in der Deutschschweiz, wo sich der Staat an den Kosten beteiligt – die Eltern die Kosten übernehmen. So wie sich gewisse Personen teure Hobbies, ein Fitnessstudio oder eine Wellness-Woche gönnen, kommen andere zu mir in die Lerntherapie.

Das neue Schuljahr steht bevor. Welchen Ratschlag geben Sie den Schülern auf den Weg?
Ich verlange von jedem Studierenden eine professionelle Einstellung. Schülersein ist ein Vollzeitjob, jeder Schüler ist Profi. Genau wie für die Eltern auch beginnt jetzt wieder der Arbeitsalltag. Die Schüler sollten drei Dinge beachten. Erstens: Lernen ist immer mit Anstrengungen verbunden. Zweitens: Es bleibt nur dasjenige Wissen haften, was man selbstständig erarbeitet hat. Drittens: Kinder sollten sich klare Ziele setzen. An erster Stelle kommen die Schule, die Hausaufgaben und erst dann die Freizeit – eine professionelle Einstellung eben.

Haben die Kinder heute zu viele Hobbies?
Jugendliche müssen lernen, einen Zeitplan zu erstellen und so die Schule und ihr Leben zu managen. Dann hat es auch noch Platz für Freizeitbeschäftigungen. Aber nicht jeder Mensch ist gleich belastbar. Allenfalls muss das Kind auf das eine oder andere Hobby verzichten.


 

 

      
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