| Brig / Nächste
Woche jährt sich die Unwetterkatastrophe von Brig, bei der zwei Menschen
ums Leben kamen und ein Sachschaden von rund 600 Millionen Franken angerichtet
wurde, zum zehnten Mal. Für die RZ Grund genug, für einen mitunter
auch persönlichen Rückblick und eine Standortbestimmung.
Von German Escher
24. September, kurz nach 16.00 Uhr: Ein schon fast magisch-trauriger
Fixpunkt in der Geschichte der Simplonstadt, die fortan nie mehr so aussehen
sollte wie zuvor. Nach dreitägigen sintflutartigen Regenfällen
schwellen Saltina und Gamsa zu reissenden Bergbächen an. Erste Sofortmassnahmen
werden bereits anfangs Nachmittag in die Wege geleitet. Trotzdem lässt
sich das Schlimmste nicht verhindern: Bei der Saltinabrücke sind
die Fluten nicht mehr zu bändigen. Mit grosser Gewalt fliessen Wasser,
Geschiebe, Sand und Treibholz in Richtung Glis und über den Saltinastutz
in die Innenstadt. Menschen rennen ins nächste Treppenhaus, bringen
sich in Sicherheit. Autos werden wie Zündholzschachteln durch Strassen
und Gassen gespühlt. Fachleute der ETH Zürich stellen später
fest: Zum fraglichen Zeitpunkt transportierte die Saltina bei einer Wassermenge
von 80 Kubik pro Sekunde Geschiebe im Umfang von 1,5 Tonnen pro Sekunde.
Den Bewohnern von Brig-Glis stand eine unheimliche Nacht bevor. In den
ersten Stunden machte sich Angst um die Angehörigen breit. Viele
fanden bei fremden Familien Unterschlupf und Sicherheit. Bei Kerzenlicht
lauschte man dem Lokalsender RRO, während draussen die Helikopter
über der dunklen Stadt kreisten und Baggerführer unter Einsatz
ihres Lebens versuchten, die Saltina zu bändigen. Zwei Fragen lagen
in jener Nacht über der Stadt: Wieviele Menschen haben wohl ihr Leben
gelassen? Wie wird Brig-Glis wohl morgen aussehen?
Die Antworten waren erschütternd: Zwei Verkäuferinnen eines
Schuhgeschäfts am Sebastiansplatz in Brig konnten sich nicht mehr
rechtzeitig in Sicherheit bringen. Martha Escher-Blatter aus Ried-Brig
und Trudy Schmid aus Glis kamen in den gewaltigen Schlammmassen ums Leben.
Am Samstagmorgen floss das Wasser allmählich ab. Zurück blieb
ein Bild der Zerstörung, enorme Geröllmassen, Sorgen und Hoffnungslosigkeit.
Die Stadt ist am Boden zerstört, sagte mir ein sichtlich
gerührter Stadtpräsident Rolf Escher damals beim ersten TV-Interview.
Die Schadensbilanz war erschütternd: Zwei Todesopfer, Zerstörung
sämtlicher Erd- und Untergeschosse von rund 300 Gebäuden, Zerstörung
von 250 Geschäften und rund 50 Restaurants und Hotels, Zerstörung
und Überflutung von öffentlichen Plätzen und Strassen,
Kulturlandschaften, Brücken, Kanälen und Flussläufen, Zerstörung
von rund 800 Motorfahrzeugen, mehreren Lokomotiven und Eisenbahnwagen.
Insgesamt wird das Schadensausmass auf rund 600 Millionen Franken geschätzt,
annähernd eine Milliarde Franken soll später in der Simplonstadt
investiert worden sein.
Für die Bewohner, Geschäftsleute und den Krisenstab begann
am 24. September 1993 das wohl härteste Jahr, das viel Geduld und
Kraft abverlangt hat, aber auch eine Zeit, in der die Bewohner von Brig-Glis
näher zusammengerückt sind und eine in diesem Ausmass nie erwartete
Solidarität aus dem ganzen Land erfahren durften. Die gelebte Solidarität
von innen und aussen war für all jene, die während dieser Zeit
in der vom Militär bewachten und nur mit Passierschein begehbaren
Sperrzone Brig wohnen und arbeiten mussten zu ihnen gehörte
auch der Schreibende eine enorme Hilfe.
Schnell und eindrücklich verliefen die Räumungsarbeiten, an
der sich die Armee massgeblich beteiligte. Während Wochen prägten
der Lärm der Baumaschinen und der Geruch des Schlamms die Stimmung
in der Innenstadt. Und manch einer merkte, wie wichtig Wirtshäuser
eigentlich waren. Der Stadt fehlten plötzlich ihre sozialen Treffpunkte.
Brig, die Metropole des Oberwallis, war zerstört. Und obwohl der
Wiederaufbau zügig voran kam, das Geschäftsleben der einst pulsierenden
Briger Innenstadt kam nur allmählich wieder in Gang. Die Einkaufsgewohnheiten
vieler Oberwalliser haben sich deshalb verändert. Und darunter leiden
manche Geschäfte der Innenstadt noch heute.
Mit dem Fest Viva Brig am ersten Jahrestag versuchte die
Stadtgemeinde auch nach aussen zu dokumentieren: In Brig gehts vorwärts.
In der Tat wurde enormes geleistet und einiges diskutiert, was den damaligen
Stadtpräsidenten und Krisenstabschef Rolf Escher an der improvisierten
Weihnachtsfeier im Schlossgarten zur Aussage bewog: Wir streiten
wieder. Offenbar geht es uns wieder gut. Der damalige Stadtpräsident
erwies sich als ein Krisenmanager, der den Wiederaufbau unter Notrecht
mit aller Entschlossenheit vorantrieb und damit in fast allen Bevölkerungskreisen
der Stadt, aber auch weit über die Gemeindegrenzen hinaus Anerkennung
erntete. Bei all jenen, die er in Anwendung des Notrechts vielleicht zu
hart angegangen war, hat er sich am ersten Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche
in Brig den Tränen nahe öffentlich entschuldigt.
Emotionen, die der stattliche Mann in all den Krisenmonaten wenig gezeigt
und vielleicht auch damit den Brig-Glisern das Gefühl von Sicherheit
gegeben hatte.
Nicht alle Entscheide des damaligen Stadtrates waren unumstritten. Den
Entscheid, die Innenstadt vom Durchgangsverkehr zu befreien, stiess auf
unterschiedliche Reaktionen. Der Beschluss war etwas eigenmächtig,
mutig und wohl auch aus heutiger Sicht im Grundsatz richtig. Über
die Gestaltung gehen die Meinungen noch heute auseinander. Tatsache aber
ist, dass vor allem Fremde die schöne Innenstadt loben. Brig wirkt
heute modern und offen. Kaum eine Kleinstadt in der Schweiz hat derart
schöne Geschäfte und Restaurants. Kritiker mögen einwenden:
Die Stadt ist zwar schöner, hat aber an Charakter verloren. Vieles
ähnelt sich und die alten Wirtshäuser, wo sich Studenten, Hausfrauen,
Geschäftsleute und Rentner trafen, fehlen. Aber wohl auch hier gilt:
Veränderungen gehen meist einher mit dem Verlust liebgewonnener Gewohnheiten.
Das ist der Gang der Dinge.
Symbol der Veränderung und Mahnmal zugleich ist die neue Saltinabrücke,
die jeweils zum Jahrestag angehoben wird. Die Stadtgemeinde hat in die
ersten Sicherheitsmassnahmen und den Wiederaufbau über 70 Millionen
Franken investiert. Nicht zuletzt auch dank der grossen Solidarität
hatte davon die Stadtgemeinde letztlich nur Restkosten von rund 1,1 Millionen
Franken zu übernehmen. In den Jahren 1997 bis 2002 sind weitere 5,8
Millionen Franken in den Hochwasserschutz investiert worden. Für
die Schadensbehebung der Unwetter vom Oktober 2002 waren wieder 14 Millionen
notwendig. Und im Finanzplan 2004 bis 2007 sind gemäss Hochwasserschutz
nochmals 16 Millionen Franken eingeplant. Und so stellte die heutige Stadtpräsidentin
Viola Amherd kürzlich vor den Medien denn auch fest: Nach menschlichem
Ermessen sind wir jetzt sicher.
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