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Zum 10. Jahrestag der Unwetterkatastrophe vom 24. September 1993 in Brig
Die Katastrophe hat das Leben in Brig verändert

 
Brig / Nächste Woche jährt sich die Unwetterkatastrophe von Brig, bei der zwei Menschen ums Leben kamen und ein Sachschaden von rund 600 Millionen Franken angerichtet wurde, zum zehnten Mal. Für die RZ Grund genug, für einen mitunter auch persönlichen Rückblick und eine Standortbestimmung.

Von German Escher

24. September, kurz nach 16.00 Uhr: Ein schon fast magisch-trauriger Fixpunkt in der Geschichte der Simplonstadt, die fortan nie mehr so aussehen sollte wie zuvor. Nach dreitägigen sintflutartigen Regenfällen schwellen Saltina und Gamsa zu reissenden Bergbächen an. Erste Sofortmassnahmen werden bereits anfangs Nachmittag in die Wege geleitet. Trotzdem lässt sich das Schlimmste nicht verhindern: Bei der Saltinabrücke sind die Fluten nicht mehr zu bändigen. Mit grosser Gewalt fliessen Wasser, Geschiebe, Sand und Treibholz in Richtung Glis und über den Saltinastutz in die Innenstadt. Menschen rennen ins nächste Treppenhaus, bringen sich in Sicherheit. Autos werden wie Zündholzschachteln durch Strassen und Gassen gespühlt. Fachleute der ETH Zürich stellen später fest: Zum fraglichen Zeitpunkt transportierte die Saltina bei einer Wassermenge von 80 Kubik pro Sekunde Geschiebe im Umfang von 1,5 Tonnen pro Sekunde.

Den Bewohnern von Brig-Glis stand eine unheimliche Nacht bevor. In den ersten Stunden machte sich Angst um die Angehörigen breit. Viele fanden bei fremden Familien Unterschlupf und Sicherheit. Bei Kerzenlicht lauschte man dem Lokalsender RRO, während draussen die Helikopter über der dunklen Stadt kreisten und Baggerführer unter Einsatz ihres Lebens versuchten, die Saltina zu bändigen. Zwei Fragen lagen in jener Nacht über der Stadt: Wieviele Menschen haben wohl ihr Leben gelassen? Wie wird Brig-Glis wohl morgen aussehen?

Die Antworten waren erschütternd: Zwei Verkäuferinnen eines Schuhgeschäfts am Sebastiansplatz in Brig konnten sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen. Martha Escher-Blatter aus Ried-Brig und Trudy Schmid aus Glis kamen in den gewaltigen Schlammmassen ums Leben.

Am Samstagmorgen floss das Wasser allmählich ab. Zurück blieb ein Bild der Zerstörung, enorme Geröllmassen, Sorgen und Hoffnungslosigkeit. „Die Stadt ist am Boden zerstört“, sagte mir ein sichtlich gerührter Stadtpräsident Rolf Escher damals beim ersten TV-Interview. Die Schadensbilanz war erschütternd: Zwei Todesopfer, Zerstörung sämtlicher Erd- und Untergeschosse von rund 300 Gebäuden, Zerstörung von 250 Geschäften und rund 50 Restaurants und Hotels, Zerstörung und Überflutung von öffentlichen Plätzen und Strassen, Kulturlandschaften, Brücken, Kanälen und Flussläufen, Zerstörung von rund 800 Motorfahrzeugen, mehreren Lokomotiven und Eisenbahnwagen. Insgesamt wird das Schadensausmass auf rund 600 Millionen Franken geschätzt, annähernd eine Milliarde Franken soll später in der Simplonstadt investiert worden sein.

Für die Bewohner, Geschäftsleute und den Krisenstab begann am 24. September 1993 das wohl härteste Jahr, das viel Geduld und Kraft abverlangt hat, aber auch eine Zeit, in der die Bewohner von Brig-Glis näher zusammengerückt sind und eine in diesem Ausmass nie erwartete Solidarität aus dem ganzen Land erfahren durften. Die gelebte Solidarität von innen und aussen war für all jene, die während dieser Zeit in der vom Militär bewachten und nur mit Passierschein begehbaren Sperrzone Brig wohnen und arbeiten mussten – zu ihnen gehörte auch der Schreibende – eine enorme Hilfe.

Schnell und eindrücklich verliefen die Räumungsarbeiten, an der sich die Armee massgeblich beteiligte. Während Wochen prägten der Lärm der Baumaschinen und der Geruch des Schlamms die Stimmung in der Innenstadt. Und manch einer merkte, wie wichtig Wirtshäuser eigentlich waren. Der Stadt fehlten plötzlich ihre sozialen Treffpunkte. Brig, die Metropole des Oberwallis, war zerstört. Und obwohl der Wiederaufbau zügig voran kam, das Geschäftsleben der einst pulsierenden Briger Innenstadt kam nur allmählich wieder in Gang. Die Einkaufsgewohnheiten vieler Oberwalliser haben sich deshalb verändert. Und darunter leiden manche Geschäfte der Innenstadt noch heute.

Mit dem Fest „Viva Brig“ am ersten Jahrestag versuchte die Stadtgemeinde auch nach aussen zu dokumentieren: In Brig gehts vorwärts. In der Tat wurde enormes geleistet und einiges diskutiert, was den damaligen Stadtpräsidenten und Krisenstabschef Rolf Escher an der improvisierten Weihnachtsfeier im Schlossgarten zur Aussage bewog: „Wir streiten wieder. Offenbar geht es uns wieder gut.“ Der damalige Stadtpräsident erwies sich als ein Krisenmanager, der den Wiederaufbau unter Notrecht mit aller Entschlossenheit vorantrieb und damit in fast allen Bevölkerungskreisen der Stadt, aber auch weit über die Gemeindegrenzen hinaus Anerkennung erntete. Bei all jenen, die er in Anwendung des Notrechts vielleicht zu hart angegangen war, hat er sich am ersten Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche in Brig – den Tränen nahe – öffentlich entschuldigt. Emotionen, die der stattliche Mann in all den Krisenmonaten wenig gezeigt und vielleicht auch damit den Brig-Glisern das Gefühl von Sicherheit gegeben hatte.

Nicht alle Entscheide des damaligen Stadtrates waren unumstritten. Den Entscheid, die Innenstadt vom Durchgangsverkehr zu befreien, stiess auf unterschiedliche Reaktionen. Der Beschluss war etwas eigenmächtig, mutig und wohl auch aus heutiger Sicht im Grundsatz richtig. Über die Gestaltung gehen die Meinungen noch heute auseinander. Tatsache aber ist, dass vor allem Fremde die schöne Innenstadt loben. Brig wirkt heute modern und offen. Kaum eine Kleinstadt in der Schweiz hat derart schöne Geschäfte und Restaurants. Kritiker mögen einwenden: Die Stadt ist zwar schöner, hat aber an Charakter verloren. Vieles ähnelt sich und die alten Wirtshäuser, wo sich Studenten, Hausfrauen, Geschäftsleute und Rentner trafen, fehlen. Aber wohl auch hier gilt: Veränderungen gehen meist einher mit dem Verlust liebgewonnener Gewohnheiten. Das ist der Gang der Dinge.

Symbol der Veränderung und Mahnmal zugleich ist die neue Saltinabrücke, die jeweils zum Jahrestag angehoben wird. Die Stadtgemeinde hat in die ersten Sicherheitsmassnahmen und den Wiederaufbau über 70 Millionen Franken investiert. Nicht zuletzt auch dank der grossen Solidarität hatte davon die Stadtgemeinde letztlich nur Restkosten von rund 1,1 Millionen Franken zu übernehmen. In den Jahren 1997 bis 2002 sind weitere 5,8 Millionen Franken in den Hochwasserschutz investiert worden. Für die Schadensbehebung der Unwetter vom Oktober 2002 waren wieder 14 Millionen notwendig. Und im Finanzplan 2004 bis 2007 sind gemäss Hochwasserschutz nochmals 16 Millionen Franken eingeplant. Und so stellte die heutige Stadtpräsidentin Viola Amherd kürzlich vor den Medien denn auch fest: „Nach menschlichem Ermessen sind wir jetzt sicher.“


 

 

      
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