| Salgesch / Vor vier
Jahren mit rund 300 Stimmen Vorsprung auf der CVPO-Liste in den Nationalrat
gewählt, inzwischen zum mediengewandten CVP-Fraktionschef aufgestiegen
und von der Bundeshauspresse als einer der einflussreichsten Poltiker bezeichnet:
Jean-Michel Cina könnte die bevorstehenden Nationalratswahlen locker
nehmen. Doch dies entspricht nicht dem Polit-Temperament des Salgeschers.
Im RZ-Interview spricht er über den CVP-Kurs, das Verhältnis zur
CSP und Oberwalliser Verkehrsfragen.
Von German Escher und Walter Bellwald
Haben Sie den Champagner schon kalt gestellt?
Für welches Fest?
Für den 19. Oktober. Sie sind der einzige Oberwalliser Nationalrat,
der vor einer sicheren Wiederwahl steht.
Im Oberwallis wird nie jemand locker wiedergewählt. Jeder muss
sich im Wahlkampf engagieren, den Leistungsausweis der letzten Legislatur
präsentieren und um die Stimmen werben.
Aber für Ihre gelben und roten Oberwalliser Ratskollegen wird
die Wiederwahl schon schwieriger?
Ich gehe davon aus, dass die CVPO ihren Sitz verteidigt. Aber auch
wir müssen unsere Wähler mobilisieren. Bei Wahlen gibt es nie
etwas auf sicher und schon gar nicht im Wallis.
Jetzt stapeln Sie tief. Der CVPO gehts gut der Schwesterpartei
CSPO weniger: Was für Konsequenzen hat das Nichtzustandekommen der
Listenverbindung?
Die Folge ist klar: Die Mobilisierung der CSPO ist massiv. Das ist
positiv. Bei einer Listenverbindung hätte man das Ganze vielleicht
auf die zu leichte Schulter genommen.
Aber mit einer Listenverbindung wäre ein Sitzgewinn für
den gesamten Walliser C-Block möglich gewesen?
Die Wahrscheinlichkeit für einen Sitzgewinn der C-Parteien wäre
vorhanden gewesen. Das stimmt. Ich persönlich habe mich auch für
diese Listenverbindung eingesetzt nicht zuletzt auch im Interesse
der CVP Schweiz.
Ich nehme an, in Bern hat man sich nicht gefreut, dass sich der Fraktionschef
im Wallis nicht durchgesetzt hat?
Der Entscheid der CVPO wurde in Bern mit Befremden zur Kenntnis genommen.
Aber die CVP Schweiz kann keine Direktiven an die Kantonalparteien geben.
Das würde als Einmischung nicht goutiert. Aber nochmals: Ich und
Ständerat Rolf Escher haben für diese Listenverbindung geworben.
Laut Sonntagspresse gehören Sie zu den einflussreichsten Parlamentariern.
Ist das ein Grund, Sie zu wählen?
Das allein genügt sicher nicht, aber es ist ein zusätzliches
Argument, mich zu wählen. Nur wer Mehrheiten schmiedet, kann in Bern
etwas bewegen. Dazu braucht es Einfluss. Es bringt nichts, als einsamer
Rufer in der Wüste etwas zu verlangen. Für etliche habe ich
Mehrheiten gefunden beispielsweise für den Tourismus, den
Weinbau, die Bergführer oder für die Selbstständigerwerbenden.
Als Fraktionschef gehören Sie zum Kreis der Königsmacher
im Bundeshaus. Wer wird neuer Bundesrat?
Wahrscheinlich jemand von der FDP. Noch ist es zu früh, die Chancen
der möglichen Kandidaten abzuschätzen. Bis zum 10. Dezember
kann noch viel geschehen.
Erleichtert die FDP-Vakanz die Strategie für die Wiederwahl des
CVP-Bundesrates Joseph Deiss?
Man spricht immer von der Wiederwahl von Joseph Deiss. Ich gehe davon
aus, dass beide Bundesräte der CVP am 10. Dezember in Ihrem Amt bestätigt
werden. Joseph Deiss und Ruth Metzler sind gute Bundesräte. Und gute
Bundesräte werden nicht abgewählt.
Eine äusserst optimistische Einschätzung.
Wer sich in einem Amt engagiert, muss das mit Optimismus tun.
Aber die CVP Schweiz muss mit vier bis fünf Sitzverlusten rechnen.
Da gerät die CVP schon unter Druck?
Wir werden keine Sitzverluste in diesem Ausmass haben. Zugegeben:
Der eine oder andere Sitz ist gefährdet. Aber andere Parteien, beispielsweise
die FDP in der Romandie, müssen auch um ihre Mandate kämpfen.
Zurück ins Wallis: Die CSPO sagt offen, im Fall der Abwahl ihres
Nationalrats könnte es im Wallis neue Mehrheiten geben. Hat Ihnen
die Jung-CVPO ein klassisches Eigentor geschossen?
Die Jung-CVPO ist eine eigenständige Partei, die ihre Beschlüsse
selber fällt. Auch die Mutterpartei hat sich an ihrer Versammlung
gegen eine Listenverbindung ausgesprochen. Von einem Eigengoal der Jung-CVPO
kann man also sicherlich nicht sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass
die CSPO ihren Sitz halten kann.
Aber andernfalls könnten neue Konstellationen und Mehrheiten
bedeuten, dass Sie den Staatsratssitz für die CVPO im März 2005
kaum zurückgewinnen werden...
Nochmals: Die CSPO wird ihren Sitz verteidigen. Zudem habe ich mir
es abgewöhnt, auf hypothetische Fragen von Journalisten zu antworten.
Aber Fakt ist: Die Staatsratswahlen überschatten bereits die
Nationalratswahlen.
Staatsratswahlen werfen immer ihre Schatten voraus. Das ist in der
Walliser Politik nichts neues.
Für Sie sind die Staatsratswahlen also auch ein Thema?
Ich konzentriere mich voll auf die Nationalratswahlen. Mein Ziel ist
es, nochmals nach Bern gewählt zu werden.
Macht ist das eine, Inhalte das andere beispielsweise der Umgang
mit Asylbewerbern. Rutscht die CVP unter dem Druck der SVP nach rechts?
Das stimmt nicht. Unsere Familienpolitik hat beispielsweise klare soziale
Komponenten, die wir immer wieder zum Ausdruck bringen. Auch die Mutterschaftsversicherung
unterstützen wird. Das im Gegensatz zur SVP, die das Referendum angekündigt
hat. Wir haben unser eigenes Profil: In Wirtschaftsfragen verfolgen wir
eine Mitte-Rechts-Politik. In der Familienpolitik stehen die sozialen
Aspekte im Vordergrund.
Aber mit der Politik von Bundesrätin Metzler, wonach abgewiesene
Asylbewerber sofort keine Sozialhilfe mehr bekommen, überholt die
CVP sogar die SVP rechts aussen.
Hier muss ich klar präzisieren: Es geht um die Nichteintretensentscheide,
also um Asylbewerber, die bereits in einem Nachbarland ohne Erfolg ein
Gesuch oder in der Schweiz bereits früher einen Antrag gestellt haben.
In solch klaren Fällen ist es nur folgerichtig, dass diese Personen
die Schweiz unmittelbar verlassen und nicht noch Sozialhilfe beziehen.
Es ist eine Rechts-Position, die selbst von der Zürcher SVP-Regierungsrätin
Rita Fuhrer kritisiert wird.
Das stimmt. Aber die Regierungsrätin hat ein anderes Problem.
Sie befürchtet Mehrkosten für die Kantone. Aber jene Asylbewerber,
die einen Nichteintretensentscheid erhalten, werden keine Sozialhilfe
beantragen, sondern untertauchen oder das Land umgehend verlassen, um
der Ausschaffungshaft zu entgehen. Wir wollen ja mit diesem Entscheid
auch eine Präventivwirkung erzielen.
Was sagen Sie zu den Schwierigkeiten mit Asylanten, mit denen man
offenbar vor allem im Raum Visp immer wieder konfrontiert ist?
Dieses Thema ist sachlich anzugehen. Man darf nicht alle Asylbewerber
in den selben Topf werfen. Es gibt Asylsuchende, die in ihren Ländern
verfolgt werden. Hier ist die humanitäre Tradition der Schweiz wichtig.
Aber es gibt Gesuchsteller, die nicht verfolgt sind und auch nicht aus
humanitären Gründen einen Aufenthalt erhalten dürfen. Wer
sich nicht an unsere Gesetze hält und kriminelle Handlungen begeht,
muss gehen.
Sind die Wahlen 2003 Richtungswahlen?
Es sind nicht unbedingt Richtungswahlen, aber für die CVP geht
es um viel. Wir wollen den einen oder anderem Sitz gewinnen. Am 19. Oktober
will die CVP Schweiz wieder Tritt fassen.
Aber ist es nicht auch inhaltlich eine Weichenstellung z.B.
in Richtung Europa?
Die Europafrage wird aus wahltaktischen Interessen hochgespielt. Aber
in Sachen Europa geht es derzeit darum, die zweiten bilateralen Verhandlungen
erfolgreich abzuschliessen und die EU-Osterweiterung zu vollziehen.
Zurück ins Oberwallis und zur Verkehrspolitik: Der Bund steht
auf die Sparbremse, der Autobahnbau stockt. Haben unsere Parlamentarier
in Bern versagt?
Man kann in Bern fürs Wallis nur dann etwas erreichen, wenn auch
Geld vorhanden ist. Denn eine Schuldenwirtschaft nützt letztlich
niemandem. Man muss also Prioritäten setzen. Die jetzt beschlossenen
Einschränkungen habe lediglich eine kurze Verzögerung zur Folge.
Die zentralen Teilstücke, vor allem die Umfahrung Visp, sind davon
nicht betroffen. Bei derartigen Sparmassnahmen braucht es eine Opfersymmetrie.
Aber die wachsenden Verkehrsprobleme in den Agglomerationen erschweren
das Ganze. Der Verteilkampf ist für das Wallis härter geworden.
Man spricht vom Agglomerationsverkehr und einer zweiten Gotthard-Röhre
und wir warten auf die Fertigstellung der A 9. Da stimmen doch die Prioritäten
nicht mehr?
Ich teile diese Ansichten. Es wird für die Randgebiete immer
härter. Da müssen wir Walliser am Ball bleiben und unsere Interessen
in diesem Verteilkampf mit aller Entschiedenheit einbringen. Aber dazu
braucht es Verbündete. Und das ist nicht immer so einfach.
Dass die NEAT vor der Autobahn kommt, hätte vor zehn Jahren wohl
niemand geglaubt. Welches Bauwerk ist für uns wichtiger?
Vorausgesetzt, die Südumfahrung von Visp und andere Dorfumfahrungen
stehen, muss ich klar sagen: Die NEAT. Deren Anschluss ist in zeitlicheer
Hinsicht fürs Oberwallis wichtiger als der Abschluss der Autobahn.
Für den Tourismus, unsere Wirtschaft und das Oberwallis als Wohngebiet
ist die schnelle Verbindung nach Thun/Bern wertvoll.
Aber wird die Realität nicht eine andere sein: mehrheitlich Güterzüge
und viel Lärm...
Natürlich wird es auch Güterzüge auf dieser Achse geben.
Im Parlament habe ich die Lärmfrage aufgegriffen. Bei einem solchen
Projekt gibt es immer auch Nebenwirkungen. Diese dürften aber nicht
grösser sein als die Vorteile.
Aber im Vergleich zu den Urnern haben wir uns schlecht gewehrt.
Das Urnerland ist enger und hat eine andere Tradition, sich gegen
das Verkehrsaufkommen zu wehren. Die NEAT-Lärmproblematik ist im
Wallis relativ spät thematisiert worden. Erst bei der Auflage des
Projekts wurde deutlich, wie stark der Lärm sein wird und welche
Schutzmassnahmen die SBB vorschlagen. Diese sind ungenügend. Hier
braucht es Nachbesserungen.
Eigentlich stehen uns spannende Wahlen bevor und niemanden
interessierts?
Im Wallis konzentriert sich der Wahlkampf immer auf die letzten Wochen.
Da mach ich mir keine Sorgen: Das Wahlfieber im Wallis wird schon noch
steigen...
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