| Sitten / Alljährlich, wenn die Kantonspolizei
ihre Statistiken über Verkehrsunfälle und Verbrechen präsentiert,
lässt sich erahnen, was in unserem Kanton so alles abgeht. Aber was
steckt dahinter und wie gehen die Polizisten mit der Situation um? Die RZ
hat nachgefragt bei Hauptmann Franziskus Escher, Chef Ausbildung der Kantonspolizei.
Sein Fazit: Der Polizist muss das Erlebte permanent verarbeiten.
Von German Escher und Walter Bellwald
Die Kantonspolizei hat diese Woche die Statistik
2002 veröffentlicht. Welche Zahl hat Sie am meisten beeindruckt?
Am meisten beschäftigen mich die tödlichen
Verkehrsunfälle und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht.
Auf den Walliser Strassen sind im vergangenen Jahr 31 Personen tödlich
verunfallt. Die Zahl der Todesopfer ist damit leicht gestiegen. Im Vorjahr
hatten wir 28 und im Jahr 2000 waren es 31 Verkehrstote. Hinter jeder
Zahl stehen Schicksale, Opfer und deren Angehörige.
Die schweren Verkehrsunfälle häufen
sich. Ist das nur ein subjektiver Eindruck?
In der Tat haben sich in den letzten Wochen die tragischen
Verkehrsunfälle gehäuft. Grundsätzlich stellen wir fest:
Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit sind die Hauptursachen
bei Verkehrsunfällen.
Sollten Verkehrssünder beispielsweise
bei Trunkenheit am Steuer noch härter bestraft werden?
Gegen überhöhten Alkoholkonsum bei Fahrzeuglenkern
geht die Kantonspolizei bereits heute streng vor. Diese Verkehrskontrollen
werden konsequent fortgeführt mit dem Ziel, nicht die Automobilisten
zu schikanieren, sondern die Zahl der Verkehrsunfälle zu reduzieren.
Was halten Sie von einer Reduktion der Grenze
von 0,8 auf 0,5 Promille?
Das ist ein politischer Entscheid, zu dem sich die
Polizei nicht direkt zu äussern hat. Unsere Aufgabe besteht darin,
für die Einhaltung der geltenden Gesetze und Bestimmungen zu sorgen.
Themenwechsel: Es sterben im Wallis doppelt soviele
Menschen durch Suizid als auf den Strassen. Ein trauriges Bild. Wo sehen
Sie die Hauptgründe?
Es ist ein gesellschaftliches Problem. Die Menschen
sind heute unter einem gewaltigen Druck, mit dem nicht jeder gleich gut
umgehen kann. Auch die Polizei kann kaum etwas dazu beitragen, die Zahl
der Selbstmorde zu reduzieren. Bei einem Suizid führt die Kantonspolizei
die gerichtspolizeiliche Untersuchung durch. Aber die Zahlen geben auch
uns zu denken: Letztes Jahr wurden von der Kantonspolizei 59 Suizide festgestellt.
Im Vorjahr waren es 51, im Jahr 2000 64 Selbstmorde.
Was geht im Mensch Franziskus Escher eigentlich
vor, wenn er an einem Unfall- oder Katastrophenort mit dem Tod konfrontiert
wird? Eignet man sich da eine gewisse Härte an?
Härte ist wahrscheinlich der falsche Begriff.
Der Polizist muss das Erlebte permanent verarbeiten. Bei all den Todesfällen
und Katastrophen, die wir in den letzten Jahren im Wallis hatten und an
denen ich mitarbeiten musste und durfte, habe ich viel gesehen und erlebt.
Das zu bewältigen, ist nicht immer einfach und setzt immer wieder
einen entsprechenden Verarbeitungsprozess in Gang. Ich versuche mich beim
Laufen und mit Fitness zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen.
Eines ist klar: Polizisten sind keine Roboter; Polizisten haben auch ein
Herz und sensible Adern.
Welche Bedeutung hat eigentlich das Debriefing,
also die psychische Verarbeitung eines Ereignisses, bei der Kantonspolizei?
Die Kantonspolizei hat schon vor Jahren begonnen,
einige Mitarbeiter zu sogenannten Debriefern ausbilden zu lassen. Diese
Spezia-
listen kommen nach schweren Ereignissen zum Einsatz. Wer eine entstellte
Leiche zusammensuchen muss, vergisst diese Bilder nicht so schnell. Agenten,
die solche Arbeiten durchführen müssen, haben die Möglichkeit,
sich nachher zu debriefen, also das Erlebte und Gesehene im Gespräch
mit einem ausgebildeten Kollegen zu verarbeiten. Zudem besteht die Möglichkeit,
Psychologen oder gar Psychiater zu Rate zu ziehen.
Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen wächst
auch im Oberwallis. Wie erklären Sie sich das?
Wenn man täglich im Fernsehen die Bilder sieht,
denken die Bürger zwar, soweit sind wir im Wallis zum Glück
noch nicht. Aber kaum ereignet sich irgendwo im Kanton ein schweres Verbrechen,
schreit die Bevölkerung sofort nach mehr Sicherheit. Auch die Bevölkerungsbefragung
hat gezeigt: Das Sicherheitsbedürfnis der Walliser steigt. Diesem
Bedürfnis versucht die Walliser Kantonspolizei mit einer angepassten
Einsatzstrategie zu begegnen. Der Polizist sucht heute den direkteren
Kontakt und das Gespräch mit dem Bürger, der so seine Anliegen
ausdrücken und sich auch sicherer fühlen kann.
Aber was wird konkret unternommen?
In der Verbrechensverhütung haben wir letztes
Jahr die Aktion Bonjour durchgeführt. Unsere Patrouillen haben während
der Nacht abgelegene Gebiete und Häuser besucht, die Umgebung kontrolliert
und eine entsprechende Mitteilung in den Briefkasten gelegt. Die Aktion
fand einen sehr guten Anklang. Es werden auch vermehrt Präventivdienste
angestrebt.
Im Unterschied zum Unterwallis, wo es verschiedentlich
zu schweren Familiendramen kam, hört man im Oberwallis von Gewaltverbrechen
wenig. Sind wir bräver als andere?
Die Oberwalliser sind nicht bräver oder schlechter
als die Unterwalliser. Aber die Häufung der Verbrechen im unteren
Kantonsteil lässt sich unter anderem mit der geografischen Lage und
den Verkehrswegen erklären. Auf der Achse St. Gingolph bis zumGrossen
St. Bernard bewegt sich vielmehr als im Mittel- oder Oberwallis. Wer einen
Coup im Oberwallis landet, hat schon weniger schnelle Fluchtwege zur Verfügung.
Aber man muss auch bedenken, dass im welschen Kantonsteil zwei Drittel
unserer Bevölkerung lebt.
Wie sieht die Verbrecherbilanz denn aus?
Es gibt zwar Schwankungen. Aber über die Jahre
bleiben die Zahlen in etwa stabil. Nur einige Zahlen: So wurden im letzten
Jahr 1825 Einbruchdiebstähle (2001: 1346, 2000:1822) gemeldet. Bei
den Diebstahlversuchen waren es 437. Die Zahl der Raubdelikte ist im Vergleich
zum Vorjahr von 23 auf 35 angestiegen. Wir stellen fest: Die Gewaltbereitschaft
hat enorm zugenommen. Das heisst aber nicht, dass wir jetzt weniger Sicherheit
im Kanton hätten. Kantons- und Gemeindepolizei haben die Präventionsmassnahmen
in den letzten Jahren verstärkt.
Einige Bürger kritisieren, dass die Polizei
zu wenig streng gegen straffällige Asylbewerber vorgeht. Stimmt das?
Die Polizei ist eine ausführende Behörde,
die dafür sorgt, dass die Gesetze entsprechend gehandhabt werden.
Die Polizei macht das Bestmögliche und führt Delinquenten auch
dem Strafrichter vor.
Als Polizeibeamter steht man häufig in der
Kritik. Wie gehen Sie damit um?
Der Polizist hat einen vielfältigen, aber auch
frustierenden Beruf. Wir machen von morgens früh bis abends spät
unsere Aufgabe, werden aber vom Bürger oft nur kritisiert. Ein kleines
Beispiel: Wenn ein Agent bei jemandem die Fahrzeugschilder abholen muss,
weil er die Steuern nicht bezahlt hat, wird man kaum freundlich empfangen.
Das hinterlässt beim Polizisten Spuren. Mit solch negativen Erlebnissen
muss man umgehen können. Auch das versuchen wir unseren Aspiranten
in der Ausbildung beizubringen. Wenn ein Bürger bei einer Polizeiintervention
heftig reagiert und revoltiert, darf man das nicht persönlich nehmen.
Was ist die schwierigste Aufgabe?
Das Überbringen einer Todesnachricht ist sehr
heikel und schwierig. Es ist deshalb auch ein Kaderauftrag. Ich erinnere
mich an einen Unfall Mitte der 90er Jahre. Ich musste einem holländischen
Ehepaar, das hier in den Ferien weilte, mitteilen, dass ihr Sohn verunfallt
ist. Bevor ich etwas sagen konnte, haben die Eltern bereits gespürt,
dass ihr Sohn tot ist. Es war ein sehr emotionaler Moment. In dieser ersten
Phase der Trauer braucht es das richtig Gespür. Seither schreiben
mir die Eltern regelmässig und wir besuchen einmal im Jahr gemeinsam
die Unfallstelle.
Was ist das Wichtigste, um ein guter Polizist
zu werden?
Ein gutes Fingerspitzengefühl im Umgang mit
Menschen ist das wichtigste. Alles andere ist lernbar. In der Aspirantenschule
werden die künftigen Agenten psychisch, physisch und intellektuell
gefordert. Aber ich glaube, die Ausbildung macht den zurzeit 30 Absolventen
Spass.
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