| Sitten / Als FIFA-Generalsekretär
war er die rechte Hand von FIFA-Präsident Joseph S. Blatter. Nach dem
internen Knatsch mit seinem früheren Chef wurde er im Sommer entlassen.
Im RZ-Interview schaut Michel Zen-Ruffinen (44) zurück, spricht über
die Zukunft des FC Sitten und sagt: Der Posten des OK-Direktors für
die EM 2008 würde mich reizen.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
In zwei Wochen beginnt die Auf-/Abstiegsrunde der Fussball-Nationalliga.
Schafft der FC Sitten den Wiederaufstieg in die oberste Spielklasse?
Ich rechne fest damit. Nach den Querelen der letzten Tage sind die Missverständnisse
ausgeräumt und wir bemühen uns, eine neue Struktur zu schaffen.
Damit sollen für die Mannschaft die bestmöglichen Voraussetzungen
geschaffen werden, um wieder ganz vorne mitzumischen. Wir haben fünf
neue, starke ausländische Spieler verpflichtet und werden uns auch
auf nationaler Ebene verstärken. Ich kann Ihnen versprechen, wir
werden eine Mannschaft haben, die um den ersten Aufstiegsplatz spielen
wird.
Warum auf einmal diese überraschende Kehrtwende, nachdem der
Klub damit gedroht hat, die Profiverträge aufzulösen?
Ein paar Walliser Persönlichkeiten werden nun Geld in den Klub investieren.
Gleichzeitig wollen wir auch eine professionelle, kommerzielle Struktur
schaffen. Es ist mir aufgefallen, dass überall in unserem Kanton
vom Val dIlliez bis ins Obergoms die Leute bereit wären, den
Klub finanziell zu unterstützen. Ich kann keine drei Schritte tun,
ohne dass mich irgend jemand auf den FC Sitten anspricht. Das ist doch
ein gutes Zeichen. Das Problem ist nur, dass diese Leute bisher nicht
angegangen wurden. Darum schaffen wir jetzt eine Vollzeitstelle, um mögliche
Investoren und Unternehmen anzufragen, den Klub finanziell zu unterstützen.
Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf zwischen Präsident Jean-Daniel
Bianchi einerseits und dem ehemaligen Mäzen Christian Constantin
und Ihnen andererseits. Wer gewinnt die Oberhand?
Nein, es ist kein Machtkampf. Jean-Daniel Bianchi hat die Mannschaft
administrativ bisher gut geführt. Man braucht eine Person, die den
Klub führt und die Kontakte zu den Spielern pflegt. Natürlich
stehen auch Christian und ich hinter dem Klub. Aber wir sind für
die Struktur zuständig. Ich persönlich habe kein Interesse,
dem Klub als Präsident vorzustehen.
Wie sieht die neue Struktur aus?
Mit der neuen Struktur bleibt der Klub eigenständig, wird aber eventuell
in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Unser Ziel ist es, bis im Sommer
alles unter einen Hut zu bringen. Der Präsident des Klubs bleibt
Jean-Daniel Bianchi. Niemand hat irgendwelche Ambitionen, das Präsidium
des FC Sitten zu übernehmen.
Warum engagieren Sie sich für den FC Sitten?
Schon mein Vater hat bei Sitten gespielt und seit Jahren besuche ich
regelmässig die Spiele im Tourbillon. Kommt hinzu, dass ich für
den FC Sitten als internationaler Schiedsrichter tätig war. Der Klub
ist meine Leidenschaft und wenn man die Möglichkeit hat, für
diesen Verein etwas zu tun, sollte man diese Chance packen. Der FC Sitten
ist die beste Werbung für den Kanton Wallis. Dieser Wille, der Geist
und die Kampfkraft werden durch die Mannschaft nach aussen getragen. Darum
setze ich mich auch in Krisensituationen für den Klub ein. Ich hoffe,
dass ich für den FC Sitten und das Wallis etwas bewegen kann.
Wie sehen Sie die Zukunft des FC Wallis?
Für die Zukunft des FC Sitten werden die nächsten Monate entscheidend
sein. Wenn der Wiederaufstieg verpasst wird, haben wir ein Problem. Das
hätte zur Folge, dass die Einnahmen weniger fliessen würden.
Auch das Konzept müsste angepasst werden. Ob dann die heutigen Investoren
noch bereit sind, weitere Gelder in den Klub zu investieren, ist mehr
als fraglich.
Was ist dran am Gerücht einer möglichen Fusion zwischen
Sitten und Lausanne-Sports?
Eine Fusion zwischen Lausanne und Sitten ist für mich eine Utopie,
weil sich die Ober- und Mittelwalliser nicht mehr mit ihrem Klub identifizieren
würden. Die Stärke des FC Sitten ist die Identifikation mit
der Bevölkerung und ich bin überzeugt, dass sich die Walliserinnen
und Walliser künftig wieder voll und ganz hinter ihre Mannschaft
stellen werden. Mit dem FC Sitten hat man erreicht, was auch im Hockey
sinnvoll wäre. Das Wallis hat einen Klub, und die ganze Bevölkerung
steht dahinter.
Kann sich der Kanton Wallis einen Fussball-Spitzenklub überhaupt
leisten?
Jein. Vor dem Bosman-Urteil haben die Klubs an den Transferrechten der
Spieler schwer mitverdient. Das Bosman-Urteil hat die Voraussetzungen
geändert. Ein Spieler kann nun ablösefrei zu einem anderen Klub
wechseln, wenn er nicht sechs Monate vor seinem Vertragsende verkauft
worden ist. Darum ist eine langfristige Planung für die Vereine sehr
wichtig. Das macht die Aufgabe nicht einfacher. Für den FC Sitten
ist es wichtig, neben den Matcheinnahmen, dem Sponsoring und den Fernsehrechten
über das Transfergeschäft die notwendigen Einnahmen zu holen.
Mindestens vierzig Prozent des 4,5 Millionen Budgets müssen über
Transfers gedeckt werden. Das ist machbar, aber schwierig.
Sie wurden vor einem dreiviertel Jahr als FIFA-Generalsekretär
geschasst, weil Sie sich gegen Sepp Blatter aufgelehnt haben. Sind die
Wunden in der Zwischenzeit verheilt?
Ich fühle mich sehr wohl, weil meine damalige Haltung für mich
leider der einzige Weg war und ich weiss, dass die Zukunft vor mir liegt.
Sie haben auf Drängen des FIFA-Exekutivkomitees einen Bericht
gegen Ihren früheren Chef verfasst. Trotzdem wurden alle Klagen gegen
ihn fallengelassen?
Das war ein Entscheid der Zürcher Staatsanwaltschaft. Ich persönlich
habe keine Klage gegen Blatter verfasst; das hat das Exekutivkomitee als
Kontrollorgan getan. Diesbezüglich habe ich noch keinen Kommentar
abgegeben und werde das auch heute nicht tun.
Trotzdem, in Ihrem Bericht sind Sie nicht gerade zimperlich mit ihrem
damaligen Chef vorgegangen?
Man hat mir befohlen, die von mir bekannten Fakten dem Exekutivkomitee
mitzuteilen. Das habe ich getan.
Warum sind Sie nicht freiwillig von Ihrem Amt als FIFA-Generalsekretär
zurückgetreten?
Ich glaube, eine Demission in dieser Situation wäre der falsche
Schritt gewesen. Das entspricht nicht meinem Charakter. Ich hatte mir
nichts vorzuwerfen und habe meine Aufgabe gemacht.
Sie standen früher auch als FIFA-Schiedsrichter im Einsatz. Wie
sehen Sie die umstrittenen Schiedsrichter-Leistungen an der vergangenen
WM in Japan und Südkorea?
Das Medienecho auf die Schiedsrichterleistungen war in der Vorrunde sehr
gut. Leider gab es in den Achtelfinals ein paar umstrittene Entscheide.
Daraufhin wurde jeder kleine Schiedsrichterfehler kritisiert und schliesslich
kam man zu der Überzeugung, dass die WM-Schiedsrichterleistungen
ein Skandal seien. Es ist bei jeder Grossveranstaltung immer das gleiche.
Kommt hinzu, dass sich viele Verbände benachteiligt fühlten
und dadurch von Spiel zu Spiel die Schiedsrichter immer mehr unter Druck
gesetzt haben. Damit konnten viele nicht umgehen. Die Schiedsrichter sind
zwar besser ausgebildet als viele Spieler, haben aber eine wesentlich
schwerere Aufgabe zu bewältigen. Damit müssen sie aber leben.
Ist die FIFA-Politik betreffend der Nominierung der WM-Schiedsrichter
noch sinnvoll?
Die FIFA muss von der Nominierungs-Politik der WM-Schiedsrichter wegkommen.
Man kann nicht an einen kleinen Kontinentalverband schon zum Voraus eine
bestimmte Anzahl Schiedsrichterplätze vergeben. Was natürlich
nicht heissen soll, dass kleine Fussballverbände nicht gute Schiedsrichter
haben. Im Gegenteil: An der WM Italia 90 beispielsweise war Lim Kii Chong
aus Maurizius Island der beste Schiedsrichter für mich. Er hat sich
toll in Szene gesetzt. Ich finde es aber gefährlich, wenn man schon
lange vor einer Weltmeisterschaft fixe Schiedsrichterplätze an die
einzelnen Verbände vergibt.
Sollten die Schiedsrichter und Ihre Assistenten künftig elektronisch
unterstützt werden?
Nein. Ich bin dafür, dass der Schiedsrichter während dem Spiel
mit den Assistenten kommunizieren kann. Aber ich glaube nicht, dass es
eine sinnvolle elektronische Unterstützung gibt, die dem Schiedsrichter
seine Entscheide abnehmen kann. Auch alle Versuche mit Videobeweisen zu
arbeiten, haben bisher überhaupt nicht funktioniert. Wichtig ist
aber, dass die Schiedsrichter-Assistenten mehr Rechte bekommen. Hier hat
wiederum das Eishockey eine gute Vorreiterrolle übernommen. Im Eishockey
kann auch ein Linesman das Spiel unterbrechen. Das müsste auch im
Fussball möglich sein.
In fünf Jahren findet in der Schweiz und in Österreich die
Fussball-Europameisterschaft statt. Haben Sie sich über die Vergabe
der EM 2008 gefreut?
Natürlich habe ich mich darüber gefreut. Es wurde auch langsam
Zeit, dass die Schweiz ein sportliches Grossereignis bekommt. Die Schweiz
und Österreich haben ein gutes Dossier zusammengestellt und harmonieren
sehr gut. Die Deutschschweizer Mentalität kommt der österreichischen
sehr nahe. Ich hoffe, es wird eine grossartige Veranstaltung für
beide Länder.
Was macht Michel Zen-Ruffinen während der Fussball-EM im eigenen
Land?
Das ist eine gute Frage (lacht). Die Antwort kann ich Ihnen erst in zwei
Monaten geben.
Sind Sie daran interessiert, das OK-Präsidium für die EM
2008 zu übernehmen?
Im Prinzip schon, aber nur unter gewissen Bedingungen. Ich möchte
nicht nur Weisungen und Entscheide von andere Leuten ausführen. sondern
möchte auch selber mitentscheiden. Momentan habe ich auch andere
interessante Angebote. Aber ich gebe zu: Das Amt des EM OK-Präsidenten
wäre sehr reizvoll.
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