| Visp / Sitten / Heute als Direktor der Walliser
Handelskammer und früher als Fraktionschef der CSPO ist Thomas Gsponer
durch seine klaren Äusserungen und seinen Reformwillen aufgefallen.
Jetzt zieht es ihn wieder in die Politik. Er will auf die Nationalratsliste
der Gelben und scheut dabei die Auseinandersetzung, auch innerhalb der Partei,
nicht.
Von German Escher und Walter Bellwald
Sie sind Direktor der Walliser Handelskammer.
Wie ist das aktuelle Stimmungsbild in der Walliser Wirtschaft?
Durchmischt. Der Industriesektor, der bisher die
Konjunktur gezogen hat, kämpft in einzelnen Bereichen mit Schwierigkeiten.
Im Tourismus präsentiert sich das Bild unterschiedlich, aber für
die Wintersaison gesamthaft doch eher positiv. Das Baugewerbe befindet
sich in einer grossen Beschäftigungskrise.
In wenigen Tagen dürfte klar werden, ob es
zum Irak-Krieg kommt. Was würde ein Krieg für das Wallis bedeuten?
Ein kurzer, rascher Krieg hätte den Vorteil,
dass die Unsicherheiten rasch überwunden und das Konsumklima wieder
besser würden. Dauert der Krieg länger, leidet nicht nur die
Zivilbevölkerung im Irak, sondern auch die Walliser Konjunktur. Rückgang
der Investitionen, steigende Erdölpreise, ein Inflationsschub und
negative Auswirkungen auf den Tourismus wären die Folgen. Ein langer
Irak-Krieg würde dem Wallis ein bitteres Jahr bescheren.
Die Weltpolitik können wir kaum beeinflussen
ganz im Unterschied zum Gang der Dinge am Rotten. Was muss sich
ändern, damit es wieder aufwärts geht?
Im internationalen Standortwettbewerb, dem das Wallis
ausgesetzt ist, sind Rahmenbedingungen ausschlaggebend. Die Steuern müssen
runter, das Ausbildungssystem noch besser und der Technology- und Wissenstransfer
optimiert werden. Und schliesslich ist beim Autobahn-Bau jetzt endlich
vorwärts zu machen. Handlungsbedarf besteht aber vor allem in der
Wirtschaftsförderung. Hier sind wir überhaupt nicht konkurrenzfähig.
Stichwort Reformstau. Wo ist der Handlungsbedarf
am grössten?
Unser Staat hat Fett angesetzt. Hier ist eine Entschlackung
unumgänglich. Aber dann muss sich der Staatsrat endlich der Grundsatzfrage
stellen: Was sind die zentralen Aufgaben des Staats? Die Regierung kann
die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden nicht länger auf
die lange Bank schieben. Nur unter klaren Auflagen lässt sich auch
ein neuer Finanzausgleich zwischen den Gemeinden diskutieren.
Zum Beispiel in Bezug auf Gemeindefusionen?
Ganz richtig. Wir haben heute eine Fusionspolitik
à la carte. Das ist nicht zukunftsgerichtet. Es braucht klare Vorgaben
des Kantons in Bezug auf Grösse, Finanzkraft und Aufgaben. Daraus
liesse sich eine neue Gemeindelandschaft des Wallis ableiten. Die Umsetzung
muss mit finanziellen Anreizen unterstützt, aber zugleich die Gemeindeautonomie
gestärkt werden.
Und die Bezirke?
Bezirke im heutigen Sinne kann man aufheben und allenfalls
durch neue Wahlkreise ersetzen. Ebenso macht es nicht Sinn, das Amt des
Präfekten künstlich aufzuwerten. Fakt ist: Wir sind überstrukturiert.
Die Aufteilung in Bezirke geht zurück ins 19. Jahrhundert. Für
die komplexen Probleme gibt es heute oft nur überregionale Lösungen.
Wer in Gemeindegrenzen denkt, stirbt. Weil wir uns zu schwerfällige
Strukturen leisten, zahlen wir im Wallis auch zu hohe Steuern.
Sie haben den Walliser Finanzminister verschiedentlich
für seine Politik kritisiert. Hat Nationalratskandidat Thomas Gsponer
bereits den Wahlkampf eröffnet?
Mir liegt das Wohl der Wirtschaft und der Arbeitnehmer
am Herzen. Ich bin ein politisch denkender Mensch. Die Politik steht für
mich über der Wirtschaft. Aber das bedingt, dass wir eine leistungsfähige
Politik haben. Darum erlaube ich mir auch, die Politik zu kritisieren
und habe die Ambition aufzuzeigen, wie man es besser machen könnte.
Ihnen steht als Nationalratskandidat ein heisser
Herbst bevor?
Sofern mich die Partei nominiert, stimmt das. Es
ist an der Zeit, dass wir in diesem Kanton eine zielgerichtetere und leistungsorientiertere
Politik einschlagen. Ich glaube, hier meinen Beitrag leisten zu können
auch im nationalen Parlament, etwa bei der Neuorientierung der
schweizerischen Regionalpolitik, der Integrations- und Aussenhandelspolitik,
den Sozialversicherungs- oder Wirtschaftsfragen.
In ihrer Partei dürfte es zum grossen Show-down
zwischen dem Amtsinhaber Nationalrat Odilo Schmid und seinen Herausforderern
kommen. Welche Chancen räumen Sie sich ein?
Meine Positionen sind dem rechten Spektrum der CSP
zuzuordnen. Das im Unterschied zum amtierenden Nationalrat, der gemäss
verschiedenen Erhebungen oft nahe bei der SP politisiert. Ich verstehe
meine Kandidatur als Alternative dazu innerhalb der CSP, aber auch
für solche Wähler, die nicht parteibezogen wählen.
Aber auch als Alternative zu einer möglichen
Nationalratskandidatur von Wilhelm Schnyder...
Ich gehe davon aus, dass die besten CSP-Leute auf
die Nationalratsliste gehen. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, dass
unser Staatsrat Interesse an einer Kandidatur bekundet. Wenn mich die
CSPO nominiert, freue ich mich auf die Auseinandersetzung mit allen Kandidaten
auf dieser Liste. Der Wettbewerb der Ideen tut der Politlandschaft und
der Partei gut.
Das Gerangel um den Oberwalliser C-Staatsrat erschwert
die Diskussion über eine Listenverbindung innerhalb des C-Blocks.
Aber ohne die Hilfe der Schwarzen ist der gelbe Nationalratssitz kaum
zu holen?
Ich teile diese Einschätzung. Ohne Listenverbindung
ist dieser CSP-Sitz in grosser Gefahr. Wir haben ein lebhaftes Interesse
an einer Listenverbindung und das prioritär mit den C-Parteien.
Aber bevor man die Waffen endgültig streckt, müsste man dann
noch andere Optionen prüfen.
Konkret heisst das?
Ich kann mir auch einen Schulterschluss der fortschrittlichen
Kräfte im Kanton vorstellen. Wenn man die CSPO aus dem C-Block drängen
will, werden wir neue Allianzen mit der FDP oder der SP prüfen müssen.
Die CVP jedenfalls wäre gut beraten, an eine Listenverbindung nicht
bereits Zusicherungen für die Staatsratswahlen in zwei Jahren zu
knüpfen.
Nun stehen sie als Direktor der Handelskammer
nicht unbedingt für Christlich-soziale, gewerkschaftsnahe Positionen.
Sind Sie in der falschen Partei?
(lacht herzhaft, dann wieder ernster:) Die CSPO ist
eine Volkspartei, in der es auch zahlreiche liberaldenkende Unternehmer
gibt. Christlich-soziale Politik heisst nicht nur Arbeitnehmerpolitik,
sondern bedeutet auch Engagement für ein nachhaltiges Wachstum und
soziale Gerechtigkeit. Das heisst für mich: Keine Sozialpolitik im
Giesskannenprinzip, die gegen Leistungs- und Privatinitiative ist, sondern
eine Politik, welche den Schwächsten in unserem Land bessere Hilfe
garantiert.
Eines ihrer Hauptanliegen ist die NEAT und ihre
Auswirkungen. Warum?
Unser Heimmarkt ist zu klein. Mit der Neat erschliessen
wir uns ein neues Marktfeld. Der Tagestourismus profitiert. Von der Millionen-Agglomeration
Zürich ist man heute eine Stunde rascher in den Bündner als
in den Walliser Skistationen. Mit der Neat wird sich das ändern.
Aber unser Tourismus muss sich auf dem Markt, beispielsweise in Zürich,
bereits heute stärker positionieren. Ein weiteres Beispiel ist der
Arbeitsmarkt: Das Oberwallis wird ein attraktiver Wohnort für all
jene, die im Raum Bern-Thun wohnen. Und wir werden das Angebot im Bereich
Kultur oder Weiterbildung im Mittelland besser nutzen können.
Ist das nicht Wunschdenken? Erstens verkehren
durch die Neat abends vor allem Güterzüge. Zweitens: Wer sagt
uns, dass jemand ins Oberwallis umzieht und hier noch höhere
Steuern bezahlt?
Die Einwände sind berechtigt. Deshalb muss man
heute reagieren nicht nur in Bezug auf die Steuern. Gerade deshalb
plädiere ich für die Stadtregion Brig-Visp-Naters. Nur so können
die Aufgabenteilung optimiert und die bescheidenen finanziellen Ressourcen
besser eingesetzt werden. Bereits heute wohnen viele Oberwalliser im Grossraum
Bern. Also wieso nicht die Stadtregion Brig-Visp-Naters als attraktive
Wohngegend verkaufen und so gutausgebildete Menschen und ihre Familien
ins Wallis zurückholen?
Aber ich sehe niemanden, der bereit ist, hier
jetzt die richtigen Pflöcke einzuschlagen?
Dieser Prozess kommt noch in Gang. Das Ortsmarketing
Visp ist ein gutes Beispiel, das in einer künftigen Stadtregion Schule
machen sollte. Aber es braucht Geduld. Der Druck wird wachsen, dass die
Politik ihre Hausaufgaben machen wird.
Jetzt kam zweimal das Stichwort Stadtregion. Wieso
nicht gleich die drei grossen Talgemeinden fusionieren?
Mir schwebt so etwas durchaus vor. Aber man hat mir
zu erkennen gegeben, dass es nicht klug wäre, das Wort Fusion in
den Mund zu nehmen (schmunzelt). Ich gehe davon aus, dass sich ein guter
Visper, Natischer und Briger seiner Wurzeln bewusst ist, aber alle drei
mittel- und längerfristig an einem Standort leben möchten, der
konkurrenzfähig und attraktiv ist. Die Synergien, die man mit einer
Stadtregion erzielen wird, muss man voll spielen lassen. Das Endprodukt
muss die Fusion von Brig-Visp-Naters sein. Ich gehe noch einen Schritt
weiter nämlich die Eingemeindung von Baltschieder, Lalden,
Bitsch, Ried-Brig und Termen.
Hier stehen Sie im Widerspruch zu den C-Parteien
in Brig und Naters, die gegen eine Fusion plädieren, weil man sonst
das restliche Oberwallis erdrücke?
Im Gegenteil: Das Oberwallis verliert auch gegenüber
dem Unterwallis an Gewicht, wenn wir nicht ein starkes Zentrum haben.
Verschiedene Studien in der angewandten Wirtschaftsforschung zeigen, dass
starke Zentren zu Wachstum führen. Eine Stadt Brig-Visp-Naters könnte
zur Lokomotive des Oberwallis werden beispielsweise auch als Dienstleistungszentrum
für die Berggemeinden in den Seitentälern.
Wenn Sie Stimmbürger von Brig oder Naters
wären, würden Sie für die SP-Initiative stimmen?
Die SP-Initiative ist der richtige Schritt. Wir haben
im Wallis leider noch immer das Problem, dass wir die Vorschläge
nach deren Absender beurteilen. Das ist falsch. Wenn wir in unserem Kanton
wieder wachsen wollen, dann muss der Wettbewerb der Ideen forciert und
dürfen gute Vorschläge nicht torpediert werden. Ich hätte
es toll gefunden, wenn die SP ihre Initiative zugunsten eines Begehrens
zur Lancierung der Stadtregion Brig-Visp-Naters zurückgezogen hätte.
Wenn die SP-Initiative versenkt wird, dann ist das für die Bildung
einer Stadtregion Brig-Visp-Naters nicht vorteilhaft.
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