| Simplon-Dorf / Schon
als 18jährige unterrichtete sie an der Dorfschule in Naters. Mit 45
Jahren wechselte sie ihren Beruf und amtete fortan als Haushälterin
von Pfarrer Josef Sarbach. Im RZ-Interview erzählt Lydia Brunner über
ihre Arbeit, ihre Einstellung zur katholischen Kirche und sagt: Ich
bin sehr kirchentreu und loyal!
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Gestern hat die Fastenzeit angefangen. Muss Pfarrer Sarbach jetzt
kulinarisch kürzer treten?
Nein, eigentlich nicht. Wir haben das ganze Jahr über am Freitag
kein Fleisch auf dem Tisch. Ich bin der Meinung, man kann während
der Fastenzeit andere Opfer bringen, als sich nur im Essen einzuschränken.
Schwärmt der Herr Pfarrer für Ihre Küche?
Ich glaube, er ist zufrieden (lacht). Er stellt keine grossen Ansprüche.
Sein Leibgericht ist Fisch, aber er isst praktisch alles.
Wie fasten Sie?
In der Fastenzeit gebe ich mir Mühe, die Kreuzwegandacht zu besuchen
oder auch vermehrt die Bibel zur Hand zu nehmen und dem Fastenvorsatz
nachzuleben. Der Messbesuch gehört für mich auch ausserhalb
der Fastenzeit zur Tagesordnung.
Sie sind zusammen mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Hat Sie Ihre
religiöse Erziehung geprägt?
Auf alle Fälle. Ich bin zu grosser Gewissenhaftigkeit erzogen worden.
Auch Anstand und Ehrlichkeit haben mir meine Eltern mitgegeben. Das sind
nicht nur religiöse Eigenschaften, sondern auch wichtige soziale
Grundwerte für die Gesellschaft.
Ihr Bruder Norbert Brunner ist Bischof von Sitten. Sind Sie stolz,
einen Bischof in der Familie zu haben?
Der erste Gedanke nach der Wahl war Sorge. Es ist eine sehr grosse Verantwortung,
die ein Bischof tragen muss. Glücklicherweise hat er gute Mitarbeiter,
die ihn bei seiner Arbeit unterstützen. Natürlich sind wir auch
stolz darauf, einen Bischof in der Familie zu haben.
Sind Sie immer einverstanden mit seiner Amtsführung?
Wenn ich mit einem Entscheid oder einer Befugnis der Kirche nicht einverstanden
bin, frage ich mich: Was für Überlegungen mögen zu diesem
Entscheid beigetragen haben? So versuche ich, gewisse Entscheide besser
zu verstehen. Und wer etwas bestimmt, muss sich beraten lassen, seinem
Gewissen folgen und die Verantwortung tragen.
Sprechen Sie mit Ihrem Bruder auch über seine Arbeit?
Es kommt automatisch zu einem Meinungsaustausch. Wir haben einen herzlichen,
wenn auch nicht sehr häufigen Kontakt miteinander, und es kann durchaus
vorkommen, dass wir einander um Rat fragen.
Die römisch-katholische Kirche ist gegen eine Zulassung von Frauen
zum Priesteramt. Teilen Sie diese Meinung?
Ich glaube, die Kirchenoberen haben hier eine grössere Weitsicht
als ich. Ich kenne die Traditionen und Bestimmungen der Kirche zuwenig
genau. Darum kann ich das auch nicht beurteilen. Ich bin sehr kirchentreu
und loyal. Sobald die Kirche Frauen zum Priesteramt zulässt, habe
ich damit überhaupt kein Problem. Man darf nicht immer nur kritisieren,
sondern man muss auch seinen Beitrag zur Kirche leisten.
Sie stellen also Ihre Meinung unter diejenige der Kirche?
Ja, was aber nicht heissen soll, dass ich keine eigene Meinung habe.
Aber ich will keine Meinung nach aussen vertreten, die nicht mit der Kirche
übereinstimmt. Ich bin ja ein Teil der Kirche und je besser ich mich
als Kirchenmitglied präsentiere, umso besser steht die Weltkirche
da. Wenn sich fünf Millionen weitere Gläubige mit ihrer Kirche
identifizieren, hat sie viel weniger Kritik. Das heisst aber nicht, dass
es keine Änderungen geben darf. Das hat sich beispielsweise auch
in der Erneuerung der Liturgie gezeigt.
Wo sehen Sie die Arbeit der Frau in der Kirche?
Die grösste Aufgabe der Frauen sehe ich in der Familie. Durch die
Berufstätigkeit der Frauen wird der Familienzusammenhalt nicht gerade
gefördert. Die Familie geht bachab.
Mit anderen Worten: Frauen gehören zurück an den Herd?
Überhaupt nicht. Ich bin nicht dagegen, dass Frauen ihrer Arbeit
nachgehen. Aber die Aufgaben innerhalb der Familie sollten genau aufgeteilt
und geregelt sein. Die meisten Frauen können Atmosphäre schaffen
und wenn die Kinder heimkommen, ist jemand zu Hause. Eine Aufgabenhilfe
und ein Kinderhort reichen da nicht aus. Kinder brauchen eine Bezugsperson,
wonach sie sich richten können. Natürlich soll der Mann seine
Frau dabei unterstützen oder die Eltern können ihre Rollen tauschen.
Aber ich bin der Meinung, mu sellti dr Famili meh Sorg hä.
Sie haben 27 Jahre lang als Lehrerin in der Schule unterrichtet. Warum
haben Sie ihren angestammten Beruf aufgegeben und sind Pfarrhaushälterin
geworden?
Seit Beginn meiner Unterrichtszeit in Naters habe ich schon immer im
Pfarrbüro ausgeholfen. Als viel später die damalige Haushälterin
ihre Arbeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, fragte
mich Pfarrer Sarbach, ob ich diese Arbeit übernehmen wolle. Die Notsituation
des Priesters, der seinerzeitige Lehrerüberfluss wie auch der Pfarrhaushälterinnenmangel
haben mir den Entscheid erleichtert.
Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Ich wollte meine Arbeit vermehrt in den Dienst der Kirche stellen. Ich
habe es als wichtigen Dienst an der Seelsorge angesehen. Abgesehen von
der Hausarbeit im Pfarrhaus müssen auch wichtige administrative Aufgaben
erledigt werden. Dazu kommen Gespräche mit den Mitmenschen am Telefon
oder an der Türe und eine gewisse Verfügbarkeit für die
Belange der Pfarrei.
Sie kommen aus einem streng religiösen Umfeld. Haben Sie sich
schon früher mit einem kirchlichen Beruf auseinandergesetzt?
Die Frage, ob ich ins Kloster sollte, habe ich mir tatsächlich gestellt.
Ich hatte aber immer das Gefühl, der liebe Gott wolle mich nicht
im Kloster. Schliesslich kam ich zur Gewissheit, dass ein Eintritt ins
Kloster nicht das richtige für mich ist. Das hatte wohl auch damit
zu tun, dass ich durch meinen Beruf als Lehrerin mit Kindern arbeiten
durfte und grosse Erfüllung gefunden habe.
Wie würden Sie Ihre Rolle als Pfarrhaushälterin umschreiben?
Man muss sich immer hinten anstellen können und sehr diskret sein.
Das ist eine wichtige Vor-aussetzung. Obwohl man viel sieht und hört,
ist Verschwiegenheit das oberste Gebot. Sicher muss man dann auch den
vielfältigen Aufgaben einer Pfarrhaushälterin gewachsen sein,
aber das kann man fast alles lernen.
Sie sind nun schon seit 17 Jahren als Haushälterin mit Pfarrer
Josef Sarbach zusammen. Was für ein Verhältnis pflegen Sie untereinander?
Auch wenn man ein gutes Vertrauensverhältnis untereinander hat,
ist doch der gegenseitige Respekt wichtig: Der Pfarrer ist nicht mein
Mann, sondern mein Chef. Ein gewisses Vertrauen ist aber unabdingbar.
Trotzdem bleibt natürlich eine gewisse Distanz.
Stehen Sie dem Pfarrer auch mal beratend oder hilfreich zur Seite
oder konzentrieren Sie sich ganz auf Ihre Aufgaben im Haushalt?
Wenn mich der Pfarrer um einen Rat fragt, dann sage ich meine Meinung
und versuche ihm zur Seite zu stehen.
Bevor Sie nach Simplon-Dorf gekommen sind, waren Sie neun Jahre lang
in Leuk. Hier haben Sie das Pfarrarchiv durchstöbert und die Daten
der Tauf-, Ehe- und Totenbücher von 1630 1910 erfasst. Wie
sind Sie dazu gekommen?
Weil wir immer wieder Anfragen über die genaue Herkunft der Geschlechter
hatten, musste ich jedesmal die Schriften in den Büchern neu entziffern,
was zum Teil sehr schwierig war. Mit dem Vorschlag, die Daten fein säuberlich
niederzuschreiben, damit alle einen besseren Zugang zu den Büchern
hätten, bin ich bei Herrn Pfarrer Hans-Anton von Roten vorstellig
geworden. Er hat mich ermutigt. So habe ich mich an die Arbeit gemacht
nachdem ich erst einen Computer-Kurs absolvieren musste
und zuerst die Ehebücher sorgfältig gelesen und abgeschrieben,
dann die Taufbücher und schliesslich die Totenbücher. Pfarrer
Sarbach hat mir bei der Übersetzung aus dem Lateinischen geholfen.
Das Resultat sind 23 Bände zu 250 Seiten. Dabei habe ich rund 1600
Stunden investiert. Insgesamt war ich knapp sechs Jahre damit beschäftigt.
Daneben haben Sie auch in aufwändiger Kleinarbeit die Bibel in
Walliser Dialekt umgeschrieben und auf CDs aufgenommen...
Ich habe die Bibel von der Schöpfung bis zur Urkirche im Dialekt
verfasst und die 145 Bibelgeschichten aufgenommen. Während meiner
Zeit bei der kirchlichen Radiogruppe hatte ich schon verschiedene Bibelgeschichten
im Dialekt erzählt. Dann kam die Anfrage, ob die Geschichten nicht
erhältlich seien. Aus diesem Grund habe ich alle neu geschrieben
und mich dabei strenger an den Bibeltext gehalten. Ein paar Erklärungen
sind mit eingeflossen.
Haben Sie schon ein neues Projekt, das Sie verwirklichen möchten?
Ja. Mein Vater hat uns ein grosses Fotoarchiv hinterlassen. Er war ein
guter Fotograf und hat von etwa Ende der zwanziger bis Ende der fünfziger
Jahre viele Fotos gemacht. Die Filme waren damals alle noch gerollt. Jetzt
sind sie fachgerecht gelagert, und von allen habe ich Kontaktabzüge
machen lassen. Die Fotos möchte ich jetzt so weit als möglich
alle beschriften.
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