| Visp / Der kleine Ausbildungsklub
Visp steht im Finale und der Hunger, auch dort zu siegen, ist vorhanden.
Einen grossen Anteil an diesem Erfolg trägt zweifelsohne Bruno Aegerter.
Ein bunter Hund der Trainergilde, aber der richtige Mann für einen
Verein mit eher bescheidenen Mitteln.
Von Klaus Regniet und Walter Bellwald
Hand aufs Herz: Hat der Teamchef diese Leistung seinem Team zu Saisonbeginn
zugetraut?
Als Trainer will ich das Bestmögliche erreichen. Vor zwei Jahren
sind wir im Halbfinale gegen Lausanne knapp gescheitert und in dieser
Liga kann eben vieles geschehen. Selbstverständlich muss die Mannschaft
die Ideen des Trainers erst umsetzen und alles muss zusammenpassen.
Visp möchte doch erst mittelfristig ein Spitzenklub der NLB sein.
Jetzt steht man bereits im Finale, wo liegt da noch die Steigerung?
Die Formulierung Spitzenklub muss man auch in Relation zum Budget sehen.
Wir wollen regelmässig zu den vier stärksten Teams der NLB gehören
und wenn die Mannschaft miteinander harmoniert, liegt manchmal auch mehr
drin.
Im letzten Jahr scheiterte das Team im Viertelfinale gegen die GCK
Lions, diesmal gelang im Halbfinale die Revanche. Wie stark spielten die
persönlichen Emotionen als früherer GC-Coach?
Ich persönlich gehe immer gerne dorthin zurück, denn ich verbrachte
eine schöne Zeit bei diesem Klub. Das Umfeld von GC ist mir auch
weiterhin vertraut. Von der Affiche her bedeutete dieses Spiel nichts
besonderes, aber es freut mich natürlich, dass wir uns für das
letztjährige Ausscheiden revanchieren konnten.
Die Fasnachtszeit konnte der EHC ohne Leistungseinbusse auf dem Eis
hinter sich bringen. Hut ab! Hat sich der Coach etwa maskiert unters Volk
gemischt, um Abtrünnige rechtzeitig ins Bett zu holen?
Das bleibt mein Geheimnis. Ach was, die Spieler spürten die einmalige
Chance, sich für den Final zu qualifizieren und fanden bei dieser
Ausgangslage das richtige Mass. Bei diesem Mammutprogramm verträgt
es einen nächtlichen Absturz ganz einfach nicht. Kompliment an die
Mannschaft.
Die Spieler liessen sich für die Playoff-Party die Haare färben.
Wann stürzt sich Aegi ins Playoff-Outfit?
Auweia, jedes Jahr die gleiche Geschichte. Ich mag das überhaupt
nicht. Doch ich habe der Mannschaft versprochen, wenn wir es bis ins Finale
schaffen, dann komme ich als Roger Misteli an den Match. Ich werde mich
also in Schale werfen, allerdings eher etwas ausgefallenes. Vielleicht
sollte ich auf rote Hosen zurückgreifen?
Das Visper Publikum gab sich während dem Halbfinale teils reserviert.
Im Finale gegen Basel sollte doch eine Steigerung drinliegen, oder?
Ich kann das Publikum nicht zwingen, etwas zu machen. Doch wenn wie im
letzten Match in den letzten Minuten alle Zuschauer stehen und singen,
geht das auch uns an der Bande und den Spielern echt unter die Haut. Bei
unseren Zuschauerzahlen können die Fans absolut die Rolle des sechsten
Spielers übernehmen.
Mit Siders und GCK trafen die Visper in den bisherigen Playoff-Spielen
auf zwei total gegensetzliche Spielkulturen. Die Löwen haben beides
mit Bravour überstanden. Was liegt gegen Basel drin?
Basel ist eine Zwittermannschaft, ein Mix aus den beiden bisherigen Playoff-Gegnern.
Jedenfalls verfügt die Mannschaft mit den ehemaligen A-Spielern über
viel Erfahrung in den Reihen. Dennoch spielen wir unser Spiel, unser System.
In den bisherigen Partien standen wir uns ziemlich nahe, doch jetzt ist
bei uns der Hunger erwacht. Wir können nur gewinnen. Ausserdem wird
die Hockeyschweiz hinter uns stehen, weil niemand den Baslern einen billigen
Aufstieg gönnt
Basel will nach oben, Visp nicht.
Halt, was heisst da, Visp will nicht. Wenn plötzlich 4 Mio. auftauchen,
sieht mit einem Schlag alles ganz anders aus.
Und was ist, wenn die Basler den Vispern ein unmoralisches Angebot
unterbreiten?
Diese Frage geht an die falsche Adresse, ich bin nicht der Kassier. Nein,
im Ernst, so etwas scheint mir unmöglich. Ich glaube nicht, dass
ein Spieler oder ein Trainer sich auf einen solchen Deal einlassen. Als
Verantwortlicher vor die Mannschaft hinstehen und sagen, so dann verliert
mal schön, ohne mich, dann wäre ich als Trainer unglaubwürdig
und bekäme wohl nie mehr einen Job.
Das Theater um den nicht lizenzierten Fribourg-Spieler gipfelte in
der Abschaffung der NLA-Playouts. Der Entscheid nimmt somit auch Einfluss
auf das B-Finale. Visp kann mit einem Sieg auf einen Schlag die entstandenen
Verbandsprobleme wieder zurecht rücken.
Ja genau, ist doch toll. Wir sind der Schlüssel im Ganzen. Aber
Fehler wie bei Fribourg können passieren. Uns erging es im letzten
Jahr genau so. Unglücklich ist vor allem der Zeitpunkt, so kurz vor
Ende der Qualifikation - und bis der Fall überhaupt bemerkt wurde,
vergingen mehr als zwei Tage. Vielleicht macht ja der Verband oder die
Nationalliga ein Angebot, damit wir gewinnen.
Behauptung: Die Mannschaft ist der Star, aber Bruno der Hero?
Ich bin ein kleines Rad am Ganzen, eine Mannschaft ist nur so gut wie
die einzelnen Teile zusammenpassen. Selbst der Junior, welcher vielleicht
noch gar nie gespielt, sondern nur mittrainiert hat, ist wichtig. Vielleicht
stachelte genau dieser einen Arrivierten dazu an, noch mehr zu geben.
Bei uns braucht es alle, vom Spieler über die Betreuer bis zum Trainerstab.
Zu alldem kommt noch ein Vorstand, welcher Verständnis aufbringt,
seinen Job kennt und weiss, dass man eine Mannschaft einfach arbeiten
lassen muss.
Abgesehen von der Klassierung, in welchen Bereichen hat die Mannschaft
Fortschritte gegenüber dem Vorjahr erzielt?
Wir erzielen in jedem Jahr Fortschritte. In diesem Jahr spielten wir
unser Defensivsystem griffiger. Sei es, weil viele Spieler schon seit
zwei Jahren mit diesem System vertraut sind oder die Neuen sich schnell
integriert haben. Doch in der Offensive taten wir uns lange schwer, doch
jetzt erzielen wir auch Tore im richtigen Moment. Ein grosser Schritt
gelang uns aber auch im mentalen Bereich, wenn man in Betracht zieht,
wie oft wir ein Spiel noch gedreht haben. Gerade das entscheidende Spiel
gegen GC bereitete uns lange Zeit Mühe. Teilweise agierten wir zu
sicher oder zu nervös, doch wir versuchten es. Am Schluss hatten
wir wieder die Nase vorn. Das zeugt von einer guten Moral.
Ist es für einen erfolgsorientierten Coach nicht frustrierend,
mit einem Team zu arbeiten, das nicht aufsteigen kann?
Diese Frage musste ich mir zu Beginn des Engagements stellen. Will ich
das oder will ich es nicht? Ich habe jahrelang mit einem Klub gearbeitet,
der unbedingt aufsteigen wollte. Hier haben wir einen Aufstieg nie diskutiert.
Aber vielleicht bringen unsere Erfolge eines Tages Leute auf die Idee,
aus diesem Klub mehr zu machen. Nur, heute dürfen wir von einem gut
geführten Klub sprechen und ich weiss nicht, ob dann immer noch alles
so überblickbar bleibt.
Ein Bruno Aegerter will stets gewinnen. Wie gut vertragen sich da
Spieler-Ausbildung und Erfolg als Ganzes?
Das verträgt sich sehr gut. Es darf nicht das Ziel sein, immer nur
mit den Besten zu gewinnen. Mein Auftrag ist: Spieler weiterzubringen
und trotzdem zu siegen. Dies haben wir in dieser Saison durch verletzungsbedingte
Absenzen mehrfach bewiesen.
Zuckerbrot und Peitsche gilt als kurzfristiges Erfolgsrezept, wenn
überhaupt. Wer längerfristig arbeitet, muss einer anderen Philosophie
nachleben. Wie charakterisiert sich der Visper Coach selbst?
Ich bin jemand der immer Erfolg will, ganz klar. Ich versuche der Mannschaft
zu vermitteln wie man erfolgreich sein kann und das man dafür hart
arbeiten muss. Ich glaube auch, dass wir in den vergangenen drei Jahren
den Trainingsbetrieb im Winter und Sommer weiterentwickelt haben und in
den Köpfen der Spieler reift ein immer professionelleres Verhalten.
Mein Credo lautet eher: Ich stosse nicht gerne, ich ziehe lieber. Nicht
im Sinne von Vorbild, aber ich möchte Begeisterung ins Team bringen.
Gut ich kann auch böse sein, ganz egal wen es trifft, denn mich interessiert
nicht der Status eines Spielers, sondern ich erwarte Leistung.
Stichwort Challenge 2006: Das Projekt sieht vor, eine Mannschaft aus
50% Eigengewächsen zu bilden. Einige vielversprechende Talente haben
wir in dieser Spielzeit schon gesehen. Was darf der Zuschauer für
2003/2004 erwarten?
Ich bin froh, wird dieser Punkt aufgegriffen, denn wir mussten einiges
an Kritik einstecken. Der Vorwurf die Jungen werden zu wenig eingesetzt
kann ich so nicht gelten lassen. Wir haben mit so vielen jungen
Spielern agiert, die hätten in den meisten B-Klubs überhaupt
nie eine Chance erhalten zu spielen. Wir können diese aber nur punktuell
einsetzen, damit die Basis des Teams nicht zu sehr verloren geht. Auch
ist es widersinnig zu glauben, man könnte eine gesamte Meisterschaft
nur mit Talenten durchziehen. Selbst ein Nachwuchsspieler kommt ohne Leistung
nicht zu einem Platz im Team, gratis gibt es nichts. Er muss einen Bestandenen
verdrängen. Aber sicher werden wir bei den diesjährigen Abgängen,
wie beispielsweise mit Cédric Métrailler, zurückhaltend
bei Zuzügen sein, damit wirklich auch Platz frei bleibt, um nachzurücken.
Ob wir dann im Jahre 2006 zur Hälfte aus Einheimischen bestehen,
wird man sehen. Aber für mich gilt auch ein Gastaldo als Einheimischer,
er ist ein Walliser. Bei GC kommen vielleicht nur drei aus Zürich,
der Rest stammt aus dem riesigen Einzugsgebiet.
Visp hatte in dieser Spielzeit bereits rund 30 Spieler im Einsatz.
Muss das Kader nicht verkleinert werden?
Das Kader wurde durch die jungen Spieler so gross. Es hat schlicht niemand
damit gerechnet, dass Spieler wie Schwarz, Burgener, Schmid Flavio, Ruffener
usw. derart drücken und zum Spielen kommen. Dann waren die Rückkehrer
Bühlmann und Aeberli ebenfalls nicht einkalkuliert. Die Konturen
der Mannschaft für die kommende Saison stehen, wir sind da ziemlich
weit fortgeschritten. Durch einen Abgang kann wieder Geld gespart werden.
Ich sehe freie Plätze in der Verteidigung und im Sturm, für
die sich die Nachwuchsspieler empfehlen können.
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