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/ Sitten / Die Gemeinde Ausserbinn soll mit Ernen, Mühlebach und
Steinhaus gegen ihren Willen fusioniert werden, wenn es nach dem Willen
des Walliser Staatsrats geht. Doch die Ausserbinner wehren sich. Und sie
hoffen auf die Solidarität aller anderen Oberwalliser Gemeinden. Ausserbinn
ist bloss der Anfang, warnt Gemeindepräsident Roland Jentsch.
Von Ruth Seeholzer
Betreten auf eigene Gefahr! Hier wird auf die Demokratie geschissen.
Der Walliser Staatsrat hat der Gemeinde Ausserbinn den Krieg erklärt.
Die Worte auf dem Plakat der Ausserbinner Gemeinde sind deutlich. Überdeutlich.
Eine nicht repräsentative Umfrage der RZ zeigt: Auch
diejenigen Gemeindemitglieder, die vorher noch für eine Fusion waren,
wehren sich vehement gegen einen Zwang.
Unschöne Informationspolitik
Wir mussten anhand eines Pressecommuniqués erfahren,
dass wir zur Fusion gezwungen werden, ärgert sich Gemeindepräsident
Roland Jentsch. Lediglich zwei Stunden, bevor es die kantonale und nationale
Presse erfuhr, wurde der Ausserbinner Gemeinderat telefonisch von Martin
Zurwerra, dem Juristen des zuständigen Departementes, informiert.
Jentsch: Als mindestes hätten wir eine gebührende Vororientierung
durch den Staatsrat erwartet. Doch dem war und ist
nicht so. Bis heute haben die Ausserbinner Gemeinderäte noch kein
persönliches Wort vom zuständigen Staatsrat und neuen Staatsratspräsidenten
Jean-René Fournier zu hören bekommen in Sachen Zwangsfusion.
Lobbying im Grossen Rat
Jetzt sind unsere Grossräte gefragt, meint der Ausserbinner
Gemeinderat Egon Julier. Heute Donnerstag trifft sich der Ausserbinner
Gemeinderat mit den Gommer Grossräten. Wir möchten, dass
sie für unser Anliegen lobbyieren im Grossen Rat, so Julier.
Der Dritte im Dreiergremium, Gemeinderat Bruno Hiltmann, doppelt nach:
Der Staatsrat will an der Gemeinde Ausserbinn ein Exempel statuieren.
Ausserbinn ist nur der Anfang. Er und seine Ausserbinner Ratskollegen
rufen deshalb alle Oberwalliser Grossräte auf, gegen diese Zwangsfusion
zu stimmen.
Das Oberwallis muss einig sein
Zieht das Unterwallis gegenüber dem Oberwallis mit diesem Entscheid
die Schrauben an? Die drei Ausserbinner Gemeinderäte sind sich einig:
Ausserbinn wird nicht die letzte Oberwalliser Gemeinde sein, die zu einer
Fusion gezwungen werden soll. Nur wenn alle, über die Parteigrenzen
hinweg, zusammenhalten, können wir diese unhaltbare Forderung des
Walliser Staatsrats abweisen, so Gemeindepräsident Jentsch.
Schwer erschaffene Eigenständigkeit
Der Zwangsfusionsentscheid des Staatsrats ist umso bitterer für
die Ausserbinner, weil diese Kleinstgemeinde lange ums Überleben
kämpfte, sich aber mittlerweile aufgerappelt hat. Wir sind
stolz auf diese schwer erschaffene Eigenständigkeit, er-
klärt Jentsch. Wir haben den Leuten wieder ermöglicht,
in ihrer Gemeinde gut zu leben. Dass man uns nun mit Zwang irgendwo derzüe
ghit, dafür können wir kein Verständnis aufbringen.
Zeitdruck für Grossen Rat
Schon in der Juni-Session des Grossen Rates soll das Traktandum Zwangsfusion
Ausserbinn zur Abstimmung gelangen. Allerdings sollte die vorbereitende
Kommission damit etwas in Zeitnot geraten. Gemäss vorliegenden Informationen
müssten die Grossräte bis zum 10. Mai schriftliche Unterlagen
zum besagten Traktandum erhalten. Das dürfte jedoch schwierig werden,
da bis zum heutigen Zeitpunkt noch kein Kontakt mit der Gemeinde Ausserbinn
aufgenommen worden ist.
Der Gang ans Bundesgericht
Falls der Grosse Rat beschliessen sollte, Ausserbinn müsse
mit den Gemeinden Ernen, Mühlebach und Steinhaus zwangsfusionieren,
werden wir, falls die Urversammlung zustimmt, den Gang ans Bundesgericht
wählen, erklärte Roland Jentsch nach einer ausserordentlichen
Gemeinderatssitzung anfangs Woche gegenüber der RhoneZeitung. Die
Gemeinde Ausserbinn hätte mit diesem Schritt nichts zu verlieren,
so Jentsch. Falls wir gewinnen, zahlt die Gegenpartei die Kosten.
Und falls wir verlieren, dann gibt es unsere Gemeinde ja sowieso nicht
mehr.
Staatsratspräsident Jean-René Fournier nimmt Stellung
Ein offenes Ohr
Sitten / Der Walliser Staatsrat informierte die Gemeinde Ausserbinn
mit einem dürren Mediencommuniqué über die bevorstehende
Zwangsfusion. Gegenüber der RZ nimmt der zuständige Staatsrat
Jean-René Fournier jetzt Stellung.
Von Ruth Seeholzer
Warum wird mit Zwang gegen die Gemeinde Ausserbinn vorgegangen?
Die Gemeinde Ausserbinn ist eine kleine Gemeinde und arbeitet in verschiedenen
Verwaltungsbereichen bereits heute sehr eng mit Ernen zusammen. Ein Zusammengehen
mit Ernen ist daher nach Ansicht des Staatsrats sinnvoll, weshalb der
Staatsrat dem Grossen Rat den Zusammenschluss vorschlägt. Im Übrigen
wünscht die Mehrheit der Bevölkerung der drei anderen Gemeinden
Steinhaus, Mühlebach und Ernen ein Zusammengehen mit Ausserbinn,
dessen Bevölkerung sich in einem ersten Fusionsprojekt klar zu einer
Fusion bekannt hatte.
Ausserbinn wollte u.a. nicht mit den anderen Gemeinden fusionieren,
weil die Gemeinde Ernen stark verschuldet ist. Ein Dilemma für den
Kanton?
Die Gemeinde Ernen hatte 1998 noch rund 5.1 Mio. Nettoschulden. Dank
eigenen grossen Anstrengungen der Gemeinde Ernen und mit Hilfe des Kantons
konnte mittlerweile die Nettoschuld auf rund CHF 3.9 Mio. gesenkt werden.
Als 2001 mit der Sanierung begonnen wurde, konnte eine Selbstfinanzierungsmarge
von CHF 198000.- ausgewiesen und im Jahr 2002 auf stolze CHF 440000.-
gesteigert werden. Mit der eingeleiteten Sanierung wurde eine merkliche
Entspannung der finanziellen Lage der Gemeinde Ernen erreicht. Alle vier
Gemeinden weisen per 31. Dezember 2002 eine kumulierte Nettoschuld von
CHF 3.25 Mio. auf, was einer Pro-Kopf-Verschuldung von CHF 5800.-
entspricht. Diese liegt unter dem kantonalen Mittelwert von CHF 6594.-.
Der zugesicherte Fusionsbeitrag ist in diesen Berechnungen noch nicht
berücksichtigt und wird die Finanzlage der neuen Gemeinden noch weiter
verbessern.
Bläst den Oberwalliser Kleingemeinden in Zukunft eine steife
Brise von Westen entgegen? Ist Ausserbinn nur der Anfang?
Auf die Gemeinden wie übrigens auch auf die Kantone
kommen immer wieder neue Aufgaben zu, oder traditionelle Aufgaben nehmen
ganz ungewohnte Dimensionen an. Für Klein- und Kleinstgemeinden bedeutet
dies nicht selten nur ein Finanzierungsproblem; sie stossen immer öfter
auch an personelle und organisatorische Grenzen. Gleichzeitig erwartet
der Bürger eine immer bessere und differenziertere Dienstleistung.
Es ist daher für den Staatsrat ein wichtiges Anliegen, die Gebietsstrukturreform
zu fördern und zu unterstützen. Der Kanton Wallis zählt
heute insgesamt 158 Gemeinden, wovon 82 auf das Oberwallis und 76 auf
das Unterwallis fallen. Während das Oberwallis mehr als 50 Prozent
der Gemeinden aufweist, vereint es hingegen nur etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung
des Kantons auf sich. Diese Zahlen zeigen, dass sich die Problematik der
Gebietsstrukturreform im Ober- und Unterwallis nicht mit der gleichen
Intensität stellt. Dennoch wird der Staatsrat Gemeindefusionen unter
Vorbehalt der im neuen Gemeindegesetz aufgeführten Ausnahmen grundsätzlich
nicht von oben diktieren.
Wenn das Unterwallis dem Oberwallis künftig verstärkt zeigt,
wer der Herr im Haus ist wohin wird das führen?
Ohne auf die politische Tragweite dieser Frage näher einzugehen
ist zu erwähnen, dass sich sowohl der Staatsrat als auch der Grosse
Rat der Interessen aber auch der Sorgen und Nöte des Oberwallis durchaus
bewusst sind und dafür auch immer ein offenes Ohr hatten und nach
wie vor haben werden.
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