| Am Arbeitsplatz ist
es Thema Nummer eins. Man richtet den neuen Tagesrhythmus danach aus. Auch
Frauen lassen sich dafür begeistern. Selbst EU-Kritiker fühlen
sich plötzlich angesprochen: Die Euro hat uns alle in den Bann gezogen.
Nicht etwa die Währung unserer Nachbarn, sondern der männliche
Tanz auf dem Rasen um das silbern schimmernde Leder begeistert die Massen:
Die Europameisterschaft der Fussballer in Portugal.
Da lassen sich absolute Kickerbanausinnen die meisten dieser
Gattung sind weiblichen Geschlechts wieder einmal den Unterschied
zwischen Corner und Penalty erklären, freuen sich, wenn Beckham in
Grossaufnahme Anlauf nimmt und können so gar nicht verstehen, dass
die etwas profunderen Kenner sich darüber freuen, wenn der Engländer
das Leder nicht in die Maschen hängt. Egal, wir schauen gemeinsam
hin, sind fasziniert und uns in einem Punkt einig: Wicky hat uns überzeugt
die einen, weil ihm der neue blonde Look in der Tat gut steht,
die anderen, weil er gegen Kroatien ein sackstarkes Spiel abgeliefert
hat.
Aber warum bloss vermag das Sportspektakel die Menschen so zu begeistern?
Eigentlich wird doch rund ums Jahr auf irgend einmal TV-Kanal Spitzenfussball
geboten. Und dennoch ist die Euro 2004 in Portugal etwas anderes. Wir,
die Aussenseiter im Herzen Europas, sind stolz, für einmal im Konzert
der Grossen mitrennen zu dürfen, hoffen auf das schier Unmögliche
oder dann zumindest auf ein ehrenhaftes Ausscheiden mit respektvollen
Erwähnungen in den ausländischen Medien. Und dann werden sich
zumindest einzelne fragen: Warum bloss verkümmert dieser Enthusiasmus
im Alltag? Von Aufbruch, Tatendrang und Risikobereitschaft wird dann hierzulande
wieder nichts zu spüren sein. Nun gut. Freuen wir uns zumindest auf
das vorübergehende Aufflackern der helvetischen Volksseele und auf
den nächsten Mitfiebertermin heute abend gegen Beckham & Co.
|