| Raron / Das Wallis
hat sie schon als Kind fasziniert, welches regelmässig seine Ferien
hier verbrachte. Ich liebe die Berge und die grandiose Natur,
begeistert sich die gebürtige Ostschweizerin Marlis Chanton-Bichsel
noch heute. Darum engagiert sich die 54-Jährige für die Umwelt.
Seit einem Monat ist Marlis Chanton Präsidentin des WWF Oberwallis.
Und meint, es gäbe noch viel zu tun.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Werden Sie am Eröffnungsspiel der Europameisterschaften 2008
in Zürich dabei sein?
(lacht) Nein, sicher nicht.
Weil Sie Fussball nicht interessiert, oder weil Zürich bis dahin
wegen der Einsprache des VCS Zürich gar kein Fussballstadion haben
wird?
Fussball interessiert mich tatsächlich überhaupt nicht.
Und ob dieses Fussballstadion kommt oder nicht, muss der VCS mit Zürich
ausmachen.
Das kann den WWF jedoch auch betreffen, kommt doch gerade das Verbandsbeschwerderecht
wieder ziemlich unter Beschuss wegen Zürich?
Klar, das ist eine gewisse Problematik für die anderen Umweltverbände.
Obwohl rein prozentual gesehen die Einsprachen von Umweltverbänden
in der Schweiz nicht mehr als dreissig Prozent ausmachen. Das Verbandsbeschwerderecht
wird von bürgerlicher oder Wirtschaftsseite immer wieder viel zu
stark aufgebauscht. Das passt diesen einfach nicht in den Kram.
Das Verbandsbeschwerderecht wird gerade seit den Querelen ums
neue Zürcher Fussballstadion attackiert. Dieses Recht ist
jedoch inzwischen auch für den WWF zu einem wichtigen
Werkzeug geworden?
Natürlich ist das Verbandsbeschwerderecht wichtig für uns.
Aber längst nicht so sehr, wie gewisse Kreise behaupten. Durch die
Aufhebung oder Beschränkung des Verbandsbeschwerderechts wollen sie
nur erreichen, dass die lästigen Umweltverbände
gebremst und eingeschränkt werden.
Haben diese Kreise Angst vor dem Verbandsbeschwerderecht?
Ich denke schon. Es ist doch eine recht starke Bewegung entstanden
in den letzten dreissig Jahren.
In der übrigen Schweiz steht der Kanton Wallis nicht gerade als
ökologischer Hochglanzkanton im Rampenlicht. Sind die Walliser Naturschützer
zu wenig zäh mit ihren Forderungen?
Wir wären an und für sich zäh genug...
Aber?
Aber wir haben schlichtweg zu wenig Leute. Und das, obwohl wir im
Vergleich zur übrigen Schweiz prozentual mehr WWF-Stellenprozente
im Wallis haben als alle anderen Kantone. Aber mit diesen riesigen Projekten,
die momentan im Oberwallis laufen, kommen wir mit der Arbeit kaum nach.
Nehmen wir das Beispiel Zermatt. Mit den dortigen Bergbahnen haben wir
wenigstens inzwischen erreicht, dass sie uns eine Gesamtplanung für
die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre vorgelegt haben.
Das haben sie nicht freiwillig gemacht?
Nein, das war auf ausdrücklichen Wunsch der Oberwalliser Umweltverbände.
Aber auch da ist die Lage schwierig. Die Zermatter Bergbahnen wollen enormen
Dampf machen und Jahr für Jahr grosse Investitionen tätigen.
Ich war letzte Woche in Zermatt. Und ich war schockiert. Es ist eine Weile
her, dass ich das letzte Mal da war. Ich erschrak über die enorme
Bautätigkeit, und das in einer Zeit, in der Zermatt fast überquillt
vor Gästen und Besuchern. Das finde ich nicht sehr positiv. Zermatt
entwickelt sich langsam zu einer Grossstadt, die sich wie eine Krake ausbreitet
und selbst die Berghänge rundherum total in Beschlag nimmt. Es gibt
kaum einen grünen Fleck mehr im Dorf.
Mit der Offenlegung der Planung für die nächsten Jahre ist
es aber nicht getan für die Bergbahnen und die Umweltverbände?
Zermatt weist Gebiete von internationaler, nationaler, regionaler
und lokaler Bedeutung auf. Dem müssen und wollen die Zermatter Bergbahnen
künftig Rechnung tragen. Wir sind mit ihnen so verblieben, dass sie
sich bei Neubauten oder dem Ersatz alter Anlagen etc. ganz klar an bestimmte
Auflagen halten werden.
Woher kommt dieses Entgegenkommen der Zermatter Bergbahnen gegenüber
den Umweltverbänden?
Ich denke, einerseits ist es ein Zeichen der Zeit. Sie haben erkannt,
dass das Erhalten der heimischen Natur wichtig ist. Gleichzeitig zeigt
sich die jetzige Geschäftsführung sehr offen gegenüber
Umweltanliegen, was natürlich unabdingbar ist für eine gute
Zusammenarbeit.
Nehmen wir als weiteres Beispiel die Autobahn. Ist es für den
WWF und die übrigen Oberwalliser Umweltverbände eigentlich diskussionslos
gegeben, dass das Wallis eine Autobahn braucht?
Zuerst waren die Oberwalliser Umweltverbände klar gegen eine
Autobahn, weil sie einen Durchfahrtstourismus befürchteten.
Zu dem bringen bessere Strassen auch immer mehr Verkehr. Aber schliesslich
hatte Andreas Weissen, der erste Kämpfer im Oberwallis für die
Umwelt, damals gesehen, dass man nicht immer nur dagegen sein kann. Doch
für ihn und die anderen Oberwalliser Umwelt-Engagierten war immer
klar, dass eine Autobahn nur als Südvariante in Frage kommt.
Hier haben die Umweltverbände im Bereich des Pfynwaldes schöne
Resultate erzielt, währenddem sie im Bereich Raron-Visp komplett
auf die Nase gefallen sind?
Im Pfynwald ist dieser Erfolg relativ einfach zu erklären: Die
betroffenen Gemeindebehörden standen hinter den Forderungen der Umweltverbände.
Und in Raron?
Hier eben nicht.
Aber Sie gehören als Vize-Gemeindepräsidentin doch auch
den Rarner Gemeindebehörden an?
(lächelt) Alleine gegen sechs kann ich nichts ausrichten. Aber
wir hatten immer wieder Erfolge mit der Autobahn. Zum Beispiel die Petition
zur Abkoppelung des Anschlusses Visp West, die wir gestartet haben mit
der IG A9 und mit den Umweltverbänden. Visp West wurde abgekoppelt.
Und jetzt hat sich der Staatsrat ins Wespennest gesetzt. Sie haben jetzt
Gampel/Visp-West bewilligt, obwohl der Anschluss Visp West abgekoppelt
wurde. Das ist sehr zwiespältig. Neu dazu kommt nun das vierte Gleis
der NEAT in diesem Bereich, von dem die Behörden schon lange wussten.
Nun muss die Autobahn noch einmal verschoben werden, und alles verzögert
sich wieder. Zu meinen Rarner RatskollegInnen habe ich lachend gemeint:
Seht Ihr, wir kommen doch je länger desto mehr in den Süden.
Dann sind Sie immer noch optimistisch bezüglich der Südvariante
der Autobahn?
Ja, ganz klar. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich merke
auch, dass meine RatskollegInnen mittlerweile damit umgehen können,
dass ich nicht dieselbe Meinung habe wie sie. Früher wollten sie
mich sogar davon überzeugen, dass ich mich in den Ausstand begeben
solle, wenn im Gemeinderat über die Autobahn abgestimmt wird. Dabei
habe ich keinerlei persönliche Interessen an der Autobahn. Ganz im
Gegensatz zum Rarner Gemeindepräsidenten. Er arbeitet für die
Autobahn. Die direkte Kommunikation findet leider mit Herrn Staatsrat
Rey-Bellet immer noch nicht statt, die CoCoCo ist auch nicht wieder aktiviert
worden, was sehr zu bedauern ist. Der Widerstand in Sachen Autobahn mit
den Umweltverbänden seitens des Kantons ist gross unter Herrn Rey-Bellet.
Wie man die letzten paar Jahre mitbekommen hat, haben Sie selten das
Heu auf der gleichen Bühne wie Ihre Kollegen im Gemeinderat. Sind
Sie ein Querkopf?
Ja, wahrscheinlich schon (lacht).Ich kann mich intensiv einsetzen
für etwas, das mir richtig und wichtig erscheint. Ich brauche auch
nicht immer die absolute Harmonie um mich herum.
Das ist wahrscheinlich nicht immer sehr einfach. Woher haben Sie diese
kämpferische Einstellung?
Die habe ich mit der Muttermilch aufgesogen! Schon meine Mutter hatte
sich immer eingesetzt für Sachen, die ihr wichtig waren.
Sie sind eine Frau, sie sind Deutschschweizerin und eine Grüne.
Und wollen als Präsidentin des WWF den Wallisern sagen, was sie zu
tun und zu lassen haben. Damit müssen Sie doch regelmässig scheitern
in einem Kanton, in dem es Umweltthemen immer noch ziemlich schwer haben?
(lacht nachdenklich) Also manchmal denke ich schon, dass das Buch
Frauen im Laufgitter, das Iris von Roten vor bald fünfzig
Jahren schrieb, leider noch immer sehr aktuell ist. Als Frau hat man es
im Wallis immer noch nicht leicht. Und die Frauen haben auch kaum den
Mut, sich einzusetzen und zu kämpfen für eine Sache. Sie haben
Angst vor dem Unbekannten, Angst vor den Reaktionen der Familie und des
näheren Umfelds.
Fehlen die Vorbilder?
Wahrscheinlich schon. Gleichzeitig empfinde ich, dass die Frauen,
die eine Generation älter sind als wir, noch eine viel stärkere
Mittragekraft waren als die Frauen von heute. Viele Frauen damals mussten
hart mitarbeiten zum Überleben. Frauen wären eigentlich eine
grosse Kraft. Aber man kann halt nicht immer bloss nett sein. Um etwas
zu erreichen, muss man kämpfen und sich positionieren. Ohne das geht
es nicht.
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