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Wiler / Es ist der grösste Ort im
Lötschental. Joseph Imseng, der nie wo anders als in Wiler leben
wollte, bringt uns seine Heimat etwas näher.
Von Ruth Seeholzer
Es hat seinen eigenen Reiz, das Lötschental. Kaum hat man das nicht
ganz so hübsche Goppenstein und die paar abweisenden, engen Kehren
der Talstrasse hinter sich, öffnet sich einem bei Ferden ein grandioser
Blick auf das Tal der Täler. Ein Gefühl des Wohlbehagens schleicht
sich unweigerlich ein. Sind es die blühenden Blumenwiesen, die vielen
Berge oder ist es einfach die angenehm kühle Luft? Für Joseph
Imseng, bald 91 Jahre alt, mögen diese Attribute nur unterschwellig
eine Rolle gespielt haben, warum er sein ganzes Leben in Wiler verbracht
hat. Für mich gab es nichts anderes. Wiler ist meine Heimat.
Schlicht und einfach.
Kein Geld für die Lehre
Dabei ist Joseph Imseng in bitterster Armut aufgewachsen. Das
kann man sich heute unmöglich mehr vorstellen, erklärt
er mit einem Kopfschütteln. Der Vater hatte häufig keine Arbeit,
die Mutter erkrankte schwer, als die Buben noch klein waren. Einigen ging
es etwas besser. Die halfen dann ab und zu denjenigen, denen es ganz schlecht
ging. Joseph war fünf Jahre alt, als der Vater in den ersten Weltkrieg
ziehen musste. An die Grenze, nach Simplon-Dorf. Für mich war
das ungeheuerlich. Ich dachte, Simplon-Dorf liege am anderen Ende der
Welt, muss der ältere Mann nun doch schmunzeln. Nach der obligatorischen
Schule war keine Rede von einer Berufslehre. Nur einer von uns Buben
konnte eine Lehre machen. Schon der Kleider wegen. Es war einfach kein
Geld da.
Der Tourismus wächst langsam
Bis ins 14. Jahrhundert gehörte das gesamte Lötschental
dem Freiherrn vom Turm zu Niedergesteln. Danach war das Tal vierhundert
Jahre lang von den fünf oberen Walliser Zehnden (Goms, Brig, Visp,
Raron, Leuk) politisch abhängig. Im Jahr 1790 kaufte sich Lötschen
von der Gerichtsbarkeit der Zehnden frei. 1868 wurde das erste Hotel (das
Nesthorn in Ried) eröffnet. Gäste waren vor allem
englische Alpinisten. Wenn das Hotel 25 Personen beherbergte, hiess es
bei den Einheimischen, das Tal sei voll von Fremden, wie Edgar
Droste-Orlowski, ein passionierter Lötschental-Freund, in seiner
Geschichte über das Lötschental erzählt. Die
Entwicklung des Tourismus vollzog sich sehr langsam und erlebte erst mit
der Eröffnung der Lötschbergbahn 1913 einen nennenswerten Aufschwung.
Bücklinge hat er keine gemacht
In den dreissiger Jahren kamen immer mehr Gäste ins Lötschental,
erinnert sich Joseph Imseng. Das lag auch an Prior Siegen. Der reiste
nach Zürich und bis nach Deutschland und hielt Vorträge.
1946 heiratete Joseph Victorine Henzen aus Wiler. Aus dieser Ehe gingen
sieben Kinder hervor, zwei Mädchen und fünf Buben. Doch lange
Jahre war Joseph unter der Woche auswärts an der Arbeit. So fand
er unter anderem eine Stellung beim Bau der Staumauer von Dixence. 1961
wurde in Steg die Alusuisse eröffnet. Dort arbeitete
Joseph Imseng fünfzehn Jahre bis zu seiner Pensionierung, zehn davon
als Portier. Aber Bücklinge machte Joseph nie gerne vor fremden Herren.
Wenn die grossen Herren aus Zürich kamen, mussten wir ihnen
die Kleidung bürsten. Das hat mir nicht so gut gefallen.
So, und damit ist das Gespräch beendet. Nach einem kurzen Mittagsmahl
bricht Joseph Imseng auf ins nahegelegene Altersheim, seine Frau Victorine
besuchen. Und wir wünschen dem rüstigen Rentner schon heute
alles Gute für seinen 91. Geburtstag im September.
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Meinung interessiert uns!
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