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Peter Arnold, Rektor Kollegium Spiritus Sanctus
„Pro Walliser Jahrgang macht jeder Fünfte die Matura“

 

Brig / Das neue Schuljahr hat begonnen, auch am Kollegium Brig. Für die RZ Grund mit Peter Arnold, Rektor des Spiritus Sanctus, über Tendenzen, Verhalten der Schüler und den Drogenkonsum am Oberwalliser Gymnasium zu sprechen.

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Die Schülerinnen und Schüler freuen sich mehr oder minder aufs neue Schuljahr. Wie ergehts da dem Rektor?
Der freut sich auch mehr oder weniger. Ich wäre nicht böse, wenn ich noch fünf Wochen Ferien hätte. Aber es ist ein schönes Gefühl, ein neues Schuljahr zu beginnen.

Im letzten Schuljahr standen 105 Lehrkräfte den insgesamt 1127 KollegiumsschülerInnen gegenüber. Wie siehts dieses Jahr aus?
Die Zahlen haben sich leicht verändert. Neu werden 106 Lehrerinnen und Lehrer 1164 Jugendliche in gleichviel Klassen, nämlichen deren 52, unterrichten. Das heisst, dass die Klassen aufgrund des Spar-
drucks grösser werden.

Der Anstieg überrascht doch. Auf den unteren Schulstufen sind die Zahlen ja stark rückläufiig.
Ich war auch überrascht. Ich dachte, dass die Schülerzahl den Höchststand erreicht hat. Die Gründe für den erneuten Anstieg sind mir nicht ganz klar. Die Lehrstellensituation hat sich ja nicht derart verschärft, dass jetzt mehr Jugendliche ins Kollegium gingen. Aber Sie haben recht: In den Primarschulen sind die Schülerzahlen stark rückläufig. Das werden wir in einigen Jahren auch spüren.

Von den letztjährigen Maturanden gehen nur gut die Hälfte direkt an eine Uni – so wenig wie noch nie. Warum?
Das ist eine gesamtschweizerische Entwicklung. Vielleicht hat die junge Frau oder der junge Mann Mühe zu wählen, sich zu entscheiden. Diese Haltung ist heute ausgeprägter als früher. Aber auch die Zukunftsperspektive ist für die Studierenden schwieriger geworden. Heute kann ein Akademiker nicht automatisch mit einem gutbezahlten Job rechnen. Einige Maturanden wollen ein Zwischenjahr mit Reisen oder auch Arbeiten usw. einschalten. Andere absolvieren zunächst die Rekrutenschule. Grundsätzlich gilt festzuhalten: Ein Jahr zu arbeiten kann auch für einen Studenten durchaus lehrreich sein.

Sind die Maturanden zu wenig reif für ein Hochschulstudium?
Nein. Aber man muss sich von der Idee lösen, dass die Schule das Monopol hat auf die Bildung der Jugendlichen. Die Schule ist nur ein Bestandteil des ganzen Bildungsangebotes. Kinder und Jugendliche holen sich ihr Wissen immer häufiger auch ausserhalb der Schulstube. Eine Aufgabe der Schule besteht darin, das Wissen der Schüler in Strukturen zu bringen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Unsere Jugendlichen sind nicht weniger reif als wir früher. Unsere Generation war vielleicht zielgerichteter – vieleicht auch nur, weil die Eltern mehr Druck ausübten.

Und nach dem Uni-Abschluss kehren die wenigsten zurück ins Wallis. Gibt Ihnen diese Entwicklung nicht auch zu denken?
Im Wallis gibt es nicht sehr viele Arbeitsplätze für akademisch ausgebildete Leute. Zu diesem Schluss kam erst kürzlich eine vom Kanton eingesetzte Kommission. Ein weiterer Grund mag das Lohnniveau sein, das im Wallis doch wesentlich tiefer ist als in der Deutschschweiz. Und schliesslich bieten sich im Oberwallis nicht sehr viele Karrieremöglichkeiten. Aber deswegen jetzt die Maturandenquote senken zu wollen wäre falsch. Damit würden wir unseren Kindern etwas Furchtbares antun. Wir sind verpflichtet, unsere Jugend möglichst gut auszubilden. Wo sie sich niederlassen, ist deren Entscheid. Wir können lediglich um attraktive Standortbedingungen bemüht sein. Im Übrigen: Es ist auch ein Vorteil, wenn ausserhalb des Kantons wichtige Positionen von Wallisern besetzt sind.

Aber fehlt im Oberwallis nicht auch das kreative Umfeld, das Neues entstehen lässt?
Das Wallis ist in den letzten Jahrzehnten nicht durch eine unheimliche Innovationskraft aufgefallen. Viele Innovationen sind nicht von Wallisern, sondern von Zugewanderten eingeleitet worden. Als Geniesser stelle ich umgekehrt fest: Der Walliser Wein ist seit 1982 massiv besser geworden. Unsere Winzer waren da sehr innovativ. Auf alle Fälle muss man das kreative Element fördern.

Und da sind auch die Schulen gefordert?
Wir können mit unseren Schülern sicher noch mehr machen. Aber es sind bereits interessante Projekte im Gang. Jugendliche lernen innovativ vorzugehen, quer zu denken und alles dann in Projekten umzusetzen. Konkret: Im Fach Wirtschaft z.B. haben zwei Maturandengruppen je eine Firma gegründet mit Aktien und Businessplan und allem Drum und Dran. Sie suchten Nischenprodukte und wollen diese nun entwickeln und verkaufen. Die einen produzieren Uhren in der Form eines halben Fussballs. Die anderem werden den Kunden anbieten, ihr Ferienhaus von einem Modellflugzeug aus fotografieren zu lassen. Da wird Innovation eingeübt und auch Risikobereitschaft trainiert.

Sie sind zwar Oberwalliser, haben aber lange ausserhalb des Kantons gelebt. Sind die Oberwalliser engstirniger als andere?
Mein Vater hat 1932 in Brig die Matura gemacht und dann das Wallis verlassen. Ich kam im Aargau zur Welt, bin in der Deutschschweiz aufge-wachsen und war an verschiedenen Orten tätig. 1982, genau 50 Jahre nach der Matura meines Vaters, kehrte ich als Gymnasiallehrer ans Kollegium Brig zurück. Mein erster Eindruck damals: Das Wallis ist sehr konservativ. Seither hat sich viel verändert. Die Oberwalliser sind offener geworden. Die Parteienlandschaft hat sich aufgeweicht und ausgeweitet. Die Rolle der Kirche hat sich verändert. Als Historiker stelle ich fest: Im Wallis hatten mittelalterliche Strukturen bis über den zweiten Weltkrieg hinaus Bestand und brachen, auch aus ökonomischen Gründen, erst ab den 60er Jahren teilweise auf oder auch zusammen. Während dieser Prozess in der Deutschschweiz vielleicht 100 Jahre dauerte, spielte sich der Wandel im Wallis innert zwei Jahrzehnten ab. Das führt zu Orientierungslosigkeit, die ich auch bei Jugendlichen feststelle. Werte, welche die Gesellschaft tragen, werden nur allmählich durch Neues ersetzt. Viele flüchten sich in dieser Situation in einen wenig reflektierten Neokonservatismus. Ich würde die Walliser aber nicht als engstirnig bezeichnen.

Wird die NEAT den Wandel nochmals beschleunigen?
Die NEAT wird nicht so viel verändern, wie man jetzt vielleicht annimmt. Und doch: Bern mit seinem Kultur- und Bildungsangebot wird für uns erreichbarer. Man wird in Bern studieren und im Oberwallis wohnen können. Das hat auch finanzielle Vorteile: Ein Kind an der Universität kostet die Eltern im Jahr durchschnittlich 20`000 Franken. Wenn der junge Erwachsene zuhause wohnen und zur Uni pendeln kann, dann betragen die Kosten vielleicht noch 5`000 Franken. Damit wird auch die Chancengleichheit gefördert.

Gehen viele Jugendliche nicht einfach ins Kollegium, weil ihnen die Berufswahl schwer fällt?
Die Angst vor dem Berufsentscheid ist häufig festzustellen. Deshalb kommen Einige ins Kollegium, die eigentlich nicht hierher gehören. Die Ausfallquote im ersten Jahr beträgt denn auch 15 bis 20 Prozent. Einzelne wiederholen, andere steigen aus. Die Maturandenquote beträgt übrigens rund 20 Prozent. Das heisst: pro Walliser Jahrgang macht jeder Fünfte die Matura. Da sind wir über dem Schweizer Durchschnitt.

Wieviele von jenen, die ins Kollegium kommen, schliessen auch mit der Matura ab?
Jährlich kommen rund 280 Schüler in die erste Klasse. Pro Jahr erhalten durchschnittlich 160 bis 180 Jugendliche das Maturazeugnis. Das heisst rund 100 Schüler gehen unterwegs „verloren“.

Der Erwartungs- und Leistungsdruck steigt. Sind Jugendliche weniger belastbar?
Die Jugendlichen sind sich heute gewohnt zu widersprechen und möglicherweise Recht zu bekommen. Das führt zu einem anderen Verhalten. Die Jugendlichen wehren sich. Daraus abzuleiten, Jugendliche wären weniger belastbar, ist falsch. Aber die Bereitschaft, schwierige Situationen zu akzeptieren, nimmt bei Jugendlichen ab. Vielleicht hängt die hohe Suizidrate im Wallis auch damit zusammen. Ein Pfarrherr hat kürzlich an einem Begräbnis eines jungen Suizidopfers gesagt: Wenn sterben einfacher wird als leben, dann müssen wir uns wirklich Gedanken machen.

Wie hilft das Kollegium?
Wir haben vier Mediatoren, die sehr gefragt sind. Zudem haben wir eine religiöse Betreuung, die eine Art Sprechstunden, die sogenannte „Offene Tür“, anbietet. Ein eigentlicher, permanenter schulpsychologischer Dienst fehlt am Kollegium. Das ist ein Mangel.

Der Alkohol- und Drogenkonsum ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Was tun Sie gegen diese Entwicklung?
Das normale Rauchen hat stark zugenommen. Es ist erschütternd zu sehen, wie viel Erstklässler am Kollegium rauchen. Man könnte auf dem Kollegiumsareal ein Rauchverbot einführen, aber wohl kaum durchsetzen. Der Alkoholkonsum im Schulalltag ist kein Problem, wohl aber bei Veranstaltungen. Deshalb haben wir auch den Kollegiumstag abschaffen müssen. Es gibt aber auch positive Erfahrungen. Letztes Jahr hat der Schülerrat ein Benefizspiel mit Alkoholausschank durchgeführt. Je nach Alter und der Farbe der Armbändel durften die Jugendlichen Bier trinken oder nicht; und es hat nicht schlecht funktioniert.

Und der Cannabiskonsum?
Das Problem ist kleiner als auch schon. Auf dem Schulareal wird kaum gekifft. Wenn gekifft wird, intervenieren wir – aber ohne gleich ein Verfahren zu starten. Da ergeht es uns ähnlich wie der Polizei, die ja den Konsum quasi toleriert. Zwischen dem geltenden Recht und dem Vollzug besteht eine Diskrepanz, und die Schule ist Spiegel der Gesellschaft.

Sind Sie für die Legalisierung von Cannabis?
Ich habe lange geschwankt. Jetzt bin ich für eine Legalisierung in einem restriktiven Rahmen. Das Kiffen bringen wir nicht mehr weg – das wäre eine Illusion. Der gesellschaftliche Konsens, den Cannabiskonsum zu verfolgen, fehlt offensichtlich. Also bleibt nur noch die Legalisierung. Damit würde man den Konsum aus dem Dunstkreis der Kriminalität herausnehmen und hätte eine Kontrolle über den Verkauf und die Qualität.

Man spürt, dass Ihnen die Jugendlichen am Herzen liegen. Ist das auch ein Grund, dass Sie das Amt als Rektor, der häufig zwischen den Fronten steht, so reizt?
In der Schule wollen verschiedene Partner – Verwaltung, Politiker, Eltern, Lehrer, Jugendliche – mitreden. Und alle glauben zu wissen, wie die Schule aussehen muss. Auch innerhalb dieser Gruppen gehen die Meinungen auseinander. So kann es schon zu Konflikten kommen, auch mit einzelnen Schülern. Das sind für mich die unangenehmsten Momente. Aber Sie haben mit Ihrer Feststellung recht: Ich habe die Schüler gern.

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