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Am 25. September ist Tag der Organspende – wir Schweizer sind eines der spendeunfreudigsten Völker
Fass Dir ein Herz – rette Leben!

 

Termen / Bern / Genf / In der Schweiz stirbt jede Woche ein Mensch, weil er zu lange auf ein Spendeorgan warten musste. Wir Schweizer gehören zu den spendeunfreudigsten Völkern in ganz Europa. Der internationale Tag der Organspende soll dem Abhilfe schaffen.

Von Ruth Seeholzer

Es war eine wunderschöne Geburt. Die ganze Familie freute sich auf den Nachzügler Stefanie. Die gelbe Hautfarbe bald nach der Geburt erklärte man noch mit der Gelbsucht, nicht unüblich bei Babys. Doch als diese auch nach zwei Monaten nicht vergehen wollte, fingen die Alarmglocken an zu schrillen. Eine Untersuchung im Inselspital in Bern brachte die erschütternde Diagnose: Gallengangatresie (fehlende Gallengänge) und eine schwer geschädigte Leber. Operationen und weitere Untersuchungen folgten. Bis klar wurde: „Entweder sterben lassen oder die Leber transplantieren.“ Raphaela Kuonen, die Mutter von Stefanie: „Die Entscheidung war für uns klar.“ Stefanie kam auf die Warteliste.

Keine „Organspende-Kultur“
Wie ein Blick auf den Jahresbericht der Stiftung Swisstransplant zeigt, verstarben im Jahr 2002 54 Patienten, während sie auf ein Spenderorgan warteten. Und die Warteliste ist lang. Letztes Jahr warteten insgesamt 1’137 Patienten auf ein Organ, 410 Organe wurden transplantiert. Die Schweiz bildet zusammen mit Griechenland und Luxemburg das Schlusslicht in der Skala der spendefreudigen Völker.

Zwischen Bangen und Hoffen
Bei Stefanie, ihren Eltern und ihren drei Brüdern brach die bange Zeit des Wartens an. Die Wochen und Monate gingen dahin. Stefanies Leber hörte beinahe ganz auf zu arbeiten. Das Kind wurde gelber und gelber. Wasser sammelte sich in ihrem ganzen Körper an. Stefanie ass kaum mehr und musste mit einer Magensonde ernährt werden. Gleichzeitig galt es, jederzeit bereit zu sein, wenn der erlösende Anruf kommen sollte, dass ein geeignetes Organ für Stefanie gefunden sei. „Das Transplantationsteam in Genf bleute uns ein, dass jede Minute zählen würde. Wir wussten, dass bereits eine Viertelstunde nach dem Anruf der Helikopter in der Nähe landen würde, um Stefanie abzuholen“, erklären die Eltern. Doch soweit sollte es gar nicht kommen. Stefanie ging es nämlich nach Monaten des Wartens kurz vor Weihnachten so schlecht, dass ihre Mutter wieder mit ihr ins Spital nach Genf musste. „Sie liessen uns gar nicht mehr nach Hause.“ Dann, in der ersten Januarwoche, kam der erlösende Bescheid: „Rufen Sie Ihren Mann an, wir haben ein Organ für Stefanie!“ Sofort wurde das kleine Kind auf die OP vorbereitet: Magen ausgepumpt, verschiedene Medikamente gespritzt und weitere Torturen. Als Raphaela mit ihrer Tochter ausser Atem vor dem Operationssaal eintraf, kam der Schock: Der Chefchirurg trat aus dem Saal heraus und winkte ab: „Falscher Alarm. Die gespendete Leber ist unbrauchbar.“ – Das war einer der schwersten Augenblicke für Raphaela und ihre Familie.

Was tun für eine Organspende?
Jeder kann Organe spenden. Für die Organspende gibt es keine feste Altersgrenze. Denn das biologische Alter ist viel wichtiger als die Anzahl Lebensjahre. So können sowohl Kinder als auch ältere Menschen Spender und Empfänger sein. Wer einen Organspendeausweis auf sich trägt, kann bestimmen, was mit ihm nach seinem Tode passiert. Rechtlich gesehen ist dieser Ausweis eine Willenserklärung, die bis nach dem Tode des Spenders seine Gültigkeit hat. Eine Organspende ist erst möglich, wenn alle Gehirnfunktionen vollständig und unwiderruflich erloschen sind und der Hirntod eingetreten ist.

Ein gutes Ende gefunden
Zwei Wochen später erhielten Stefanies Eltern wieder den Bericht: Organ gefunden. Und diesmal klappte es. Es war schon eher fünf nach Zwölf für das Mädchen. Nach einer 14-stündigen Operation erholte sich Stefanie erstaunlich gut. Heute, knapp zwei Jahre nach der Operation, ist Stefanie ein glückliches und aufgewecktes Kind. Und sogar ein bisschen stolz auf die grosse Narbe auf ihrem Bauch.

 

 

 

Armella Bumann wartete zehn Jahre auf eine Spenderniere

Zwischen Hoffen und Bangen

Saas Fee / Die junge Frau wirkt aufgestellt und gesund. Nichts deutet darauf hin, dass Armella Bumann (43) seit dreizehn Jahren mit einer Spenderniere lebt und mehrere Operationen über sich ergehen lassen musste.

Von Walter Bellwald

Armella ist ruhig und gefasst. Mit einer schier unglaublichen Selbstverständlichkeit erzählt sie ihren Leidensweg und meint: „Ich bin nicht unglücklich, dass ich mit diesem Schicksal konfrontiert wurde. Dadurch habe ich eine neue Lebensphilosophie gewonnen.“

„Eigentlich müssten Sie tot sein“
Armella ist ein Teenager wie viele andere in ihrem Alter. In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport und trainiert Leichtathletik. Nach der Schule absolviert sie den Handel. Kurz nach ihrem 20. Geburtstag verändert sich das Leben von Armella schlagartig. „Ich fühlte mich schlecht und musste mich dauernd übergeben“, erinnert sie sich. Weil im Dorf eine Grippewelle herrscht, schreibt sie die Symptome der Grippe zu. Auch der Arzt glaubt an eine vorübergehende Grippe und verordnet Medikamente und Bettruhe. Nichts hilft. Armella geht es immer schlechter. Schliesslich wird die 20-Jährige in den Notfall eingeliefert. Nach einer eingehenden Kontrolle schlagen die Ärzte Alarm. Neun(!) Liter Wasser haben sich in ihrem Körper angesammelt und auch die Blutwerte sind alarmierend. „Eigentlich müssten Sie tot sein“, erklären die Ärzte der geschockten Patientin. Sofort wird sie ins Kantonsspital nach Sitten überführt, wo sie die niederschmetternde Diagnose erfährt: Armella leidet unter einer akuten Glomerulonephritis, einer Erkrankung der Nierenkörperchen. Dadurch sind die Nieren funktionsunfähig. Ein langer Leidensweg beginnt.

Regelmässige Blutwäsche
Armella muss sich fortan regelmässig einer Dialyse unterziehen. Dreimal pro Woche wird ihr Blut künstlich gereinigt. Daneben muss sie eine strenge Diät einhalten und darf nur noch einen halben Liter pro Tag trinken. „Das war das Schlimmste. Jeden Morgen bin ich mit einem Durstgefühl erwacht und jeden Abend mit Durst eingeschlafen.“ Ihre einzige Hoffnung: Eine Spenderniere. „Ich musste rund um die Uhr erreichbar sein, um bei Gelegenheit sofort ins Spital zu fahren.“ Dann endlich ist es soweit: Drei Jahre nach der niederschmetternden Diagnose wird Armella auf den erlösenden Eingriff vorbereitet. „Es war ein Wechselbad der Gefühle“, erinnert sie sich. „Einerseits war es eine grosse Erleichterung, andererseits hatte ich furchtbare Angst.“ In einer mehrstündigen Operation wird ihr die neue Niere eingesetzt. Aber die Hoffnungen schwinden schnell. Der Körper stösst das fremde Organ ab. „Ich war deprimiert und am Boden zerstört.“ Trotzdem macht sie sich Mut und unterzieht sich wieder der Dialyse.

Der erlösende Anruf
Armella wartet weitere sechs Jahre. Dann endlich: Am 7. Mai 1991 der erlösende Anruf. „Frau Bumann, wir haben eine Niere für Sie. Kommen Sie schnell.“ Armella fährt erschrocken auf. „Ich habe sofort meine Sachen gepackt und bin ins Inselspital nach Bern gefahren.“ Während der Fahrt kommt sie ins Grübeln. „Mir gingen so viele Sachen durch den Kopf. Wie werde ich die Operation überstehen? Was, wenn mein Körper das fremde Organ wieder abstösst? Ich schwankte zwischen Hoffen und Bangen.“ Wieder muss sie eine langwierige Operation über sich ergehen lassen. Obwohl die erste Diagnose nach der Operation nicht sehr vielversprechend ist und der Körper das neue Organ abweist, kämpft Armella weiter und lässt sich mit einem neuen Medikament behandeln. Mit fatalen Folgen: Sie fällt ins Koma und erwacht erst zwei Tage später. Auch eine Hirnhautentzündung schleicht sich ein. Die junge Frau schwebt zwischen Leben und Tod. Trotzdem entschliesst sie sich, eine erneute Behandlung mit dem neuen Medikament über sich ergehen zu lassen. Diesmal schlägt die Therapie an. Endlich funktioniert die fremde Niere in ihrem Körper. „Es war ein wunderschönes Gefühl. Ich hätte Lachen und Weinen können zugleich.“ Seit nunmehr dreizehn Jahren lebt sie mit dem fremden Organ. Heute arbeitet sie wieder halbtags in einem Lebensmittelgeschaft in Saas Fee. Armella: „Ich bin dem Nierenspender sehr dankbar. Dadurch ist mein Leben wieder lebenswert geworden.“

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