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Termen / Bern / Genf / In der Schweiz stirbt
jede Woche ein Mensch, weil er zu lange auf ein Spendeorgan warten musste.
Wir Schweizer gehören zu den spendeunfreudigsten Völkern in
ganz Europa. Der internationale Tag der Organspende soll dem Abhilfe schaffen.
Von Ruth Seeholzer
Es war eine wunderschöne Geburt. Die ganze Familie freute sich auf
den Nachzügler Stefanie. Die gelbe Hautfarbe bald nach der Geburt
erklärte man noch mit der Gelbsucht, nicht unüblich bei Babys.
Doch als diese auch nach zwei Monaten nicht vergehen wollte, fingen die
Alarmglocken an zu schrillen. Eine Untersuchung im Inselspital in Bern
brachte die erschütternde Diagnose: Gallengangatresie (fehlende Gallengänge)
und eine schwer geschädigte Leber. Operationen und weitere Untersuchungen
folgten. Bis klar wurde: Entweder sterben lassen oder die Leber
transplantieren. Raphaela Kuonen, die Mutter von Stefanie: Die
Entscheidung war für uns klar. Stefanie kam auf die Warteliste.
Keine Organspende-Kultur
Wie ein Blick auf den Jahresbericht der Stiftung Swisstransplant zeigt,
verstarben im Jahr 2002 54 Patienten, während sie auf ein Spenderorgan
warteten. Und die Warteliste ist lang. Letztes Jahr warteten insgesamt
1137 Patienten auf ein Organ, 410 Organe wurden transplantiert.
Die Schweiz bildet zusammen mit Griechenland und Luxemburg das Schlusslicht
in der Skala der spendefreudigen Völker.
Zwischen Bangen und Hoffen
Bei Stefanie, ihren Eltern und ihren drei Brüdern brach die bange
Zeit des Wartens an. Die Wochen und Monate gingen dahin. Stefanies Leber
hörte beinahe ganz auf zu arbeiten. Das Kind wurde gelber und gelber.
Wasser sammelte sich in ihrem ganzen Körper an. Stefanie ass kaum
mehr und musste mit einer Magensonde ernährt werden. Gleichzeitig
galt es, jederzeit bereit zu sein, wenn der erlösende Anruf kommen
sollte, dass ein geeignetes Organ für Stefanie gefunden sei. Das
Transplantationsteam in Genf bleute uns ein, dass jede Minute zählen
würde. Wir wussten, dass bereits eine Viertelstunde nach dem Anruf
der Helikopter in der Nähe landen würde, um Stefanie abzuholen,
erklären die Eltern. Doch soweit sollte es gar nicht kommen. Stefanie
ging es nämlich nach Monaten des Wartens kurz vor Weihnachten so
schlecht, dass ihre Mutter wieder mit ihr ins Spital nach Genf musste.
Sie liessen uns gar nicht mehr nach Hause. Dann, in der ersten
Januarwoche, kam der erlösende Bescheid: Rufen Sie Ihren Mann
an, wir haben ein Organ für Stefanie! Sofort wurde das kleine
Kind auf die OP vorbereitet: Magen ausgepumpt, verschiedene Medikamente
gespritzt und weitere Torturen. Als Raphaela mit ihrer Tochter ausser
Atem vor dem Operationssaal eintraf, kam der Schock: Der Chefchirurg trat
aus dem Saal heraus und winkte ab: Falscher Alarm. Die gespendete
Leber ist unbrauchbar. Das war einer der schwersten Augenblicke
für Raphaela und ihre Familie.
Was tun für eine Organspende?
Jeder kann Organe spenden. Für die Organspende gibt es keine
feste Altersgrenze. Denn das biologische Alter ist viel wichtiger als
die Anzahl Lebensjahre. So können sowohl Kinder als auch ältere
Menschen Spender und Empfänger sein. Wer einen Organspendeausweis
auf sich trägt, kann bestimmen, was mit ihm nach seinem Tode passiert.
Rechtlich gesehen ist dieser Ausweis eine Willenserklärung, die bis
nach dem Tode des Spenders seine Gültigkeit hat. Eine Organspende
ist erst möglich, wenn alle Gehirnfunktionen vollständig und
unwiderruflich erloschen sind und der Hirntod eingetreten ist.
Ein gutes Ende gefunden
Zwei Wochen später erhielten Stefanies Eltern wieder den Bericht:
Organ gefunden. Und diesmal klappte es. Es war schon eher fünf nach
Zwölf für das Mädchen. Nach einer 14-stündigen Operation
erholte sich Stefanie erstaunlich gut. Heute, knapp zwei Jahre nach der
Operation, ist Stefanie ein glückliches und aufgewecktes Kind. Und
sogar ein bisschen stolz auf die grosse Narbe auf ihrem Bauch.
Armella Bumann wartete zehn Jahre auf eine Spenderniere
Zwischen Hoffen und Bangen
Saas Fee / Die junge Frau wirkt aufgestellt und gesund. Nichts deutet
darauf hin, dass Armella Bumann (43) seit dreizehn Jahren mit einer Spenderniere
lebt und mehrere Operationen über sich ergehen lassen musste.
Von Walter Bellwald
Armella ist ruhig und gefasst. Mit einer schier unglaublichen Selbstverständlichkeit
erzählt sie ihren Leidensweg und meint: Ich bin nicht unglücklich,
dass ich mit diesem Schicksal konfrontiert wurde. Dadurch habe ich eine
neue Lebensphilosophie gewonnen.
Eigentlich müssten Sie tot sein
Armella ist ein Teenager wie viele andere in ihrem Alter. In ihrer
Freizeit treibt sie gerne Sport und trainiert Leichtathletik. Nach der
Schule absolviert sie den Handel. Kurz nach ihrem 20. Geburtstag verändert
sich das Leben von Armella schlagartig. Ich fühlte mich schlecht
und musste mich dauernd übergeben, erinnert sie sich. Weil
im Dorf eine Grippewelle herrscht, schreibt sie die Symptome der Grippe
zu. Auch der Arzt glaubt an eine vorübergehende Grippe und verordnet
Medikamente und Bettruhe. Nichts hilft. Armella geht es immer schlechter.
Schliesslich wird die 20-Jährige in den Notfall eingeliefert. Nach
einer eingehenden Kontrolle schlagen die Ärzte Alarm. Neun(!) Liter
Wasser haben sich in ihrem Körper angesammelt und auch die Blutwerte
sind alarmierend. Eigentlich müssten Sie tot sein, erklären
die Ärzte der geschockten Patientin. Sofort wird sie ins Kantonsspital
nach Sitten überführt, wo sie die niederschmetternde Diagnose
erfährt: Armella leidet unter einer akuten Glomerulonephritis, einer
Erkrankung der Nierenkörperchen. Dadurch sind die Nieren funktionsunfähig.
Ein langer Leidensweg beginnt.
Regelmässige Blutwäsche
Armella muss sich fortan regelmässig einer Dialyse unterziehen.
Dreimal pro Woche wird ihr Blut künstlich gereinigt. Daneben muss
sie eine strenge Diät einhalten und darf nur noch einen halben Liter
pro Tag trinken. Das war das Schlimmste. Jeden Morgen bin ich mit
einem Durstgefühl erwacht und jeden Abend mit Durst eingeschlafen.
Ihre einzige Hoffnung: Eine Spenderniere. Ich musste rund um die
Uhr erreichbar sein, um bei Gelegenheit sofort ins Spital zu fahren.
Dann endlich ist es soweit: Drei Jahre nach der niederschmetternden Diagnose
wird Armella auf den erlösenden Eingriff vorbereitet. Es war
ein Wechselbad der Gefühle, erinnert sie sich. Einerseits
war es eine grosse Erleichterung, andererseits hatte ich furchtbare Angst.
In einer mehrstündigen Operation wird ihr die neue Niere eingesetzt.
Aber die Hoffnungen schwinden schnell. Der Körper stösst das
fremde Organ ab. Ich war deprimiert und am Boden zerstört.
Trotzdem macht sie sich Mut und unterzieht sich wieder der Dialyse.
Der erlösende Anruf
Armella wartet weitere sechs Jahre. Dann endlich: Am 7. Mai 1991 der
erlösende Anruf. Frau Bumann, wir haben eine Niere für
Sie. Kommen Sie schnell. Armella fährt erschrocken auf. Ich
habe sofort meine Sachen gepackt und bin ins Inselspital nach Bern gefahren.
Während der Fahrt kommt sie ins Grübeln. Mir gingen so
viele Sachen durch den Kopf. Wie werde ich die Operation überstehen?
Was, wenn mein Körper das fremde Organ wieder abstösst? Ich
schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Wieder muss sie eine langwierige
Operation über sich ergehen lassen. Obwohl die erste Diagnose nach
der Operation nicht sehr vielversprechend ist und der Körper das
neue Organ abweist, kämpft Armella weiter und lässt sich mit
einem neuen Medikament behandeln. Mit fatalen Folgen: Sie fällt ins
Koma und erwacht erst zwei Tage später. Auch eine Hirnhautentzündung
schleicht sich ein. Die junge Frau schwebt zwischen Leben und Tod. Trotzdem
entschliesst sie sich, eine erneute Behandlung mit dem neuen Medikament
über sich ergehen zu lassen. Diesmal schlägt die Therapie an.
Endlich funktioniert die fremde Niere in ihrem Körper. Es war
ein wunderschönes Gefühl. Ich hätte Lachen und Weinen können
zugleich. Seit nunmehr dreizehn Jahren lebt sie mit dem fremden
Organ. Heute arbeitet sie wieder halbtags in einem Lebensmittelgeschaft
in Saas Fee. Armella: Ich bin dem Nierenspender sehr dankbar. Dadurch
ist mein Leben wieder lebenswert geworden.
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