D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Roland Jeanneret, Kommunikationsleiter der Glückskette
„Der Wiederaufbau verspricht Gondo eine gute Zukunft“


 

Bern / Oberwallis / Er arbeitet beim Schweizer Radio DRS und ist die Stimme der Glückskette. Roland Jeanneret (57) appelliert jeweils an die Solidarität der Schweizerinnen und Schweizer und hat sich auch für die Unwetterschäden vor vier Jahren im Wallis stark gemacht. Im RZ-Frontalinterview spricht er über den gelungenen Wiederaufbau von Gondo, wehrt sich gegen die Vorwürfe der Bauverzögerung und sagt: „Man müsste uns erst mal beweisen, wo wir auch nur eine Woche verschlampt hätten.“

Von Walter Bellwald

Wann waren Sie das letzte Mal in Gondo?
Vor rund zwei Monaten. Ich begleitete ein Team von Journalisten und Fotografen, die sich ein Bild über den Stand der Wiederaufbau-Arbeiten machen wollten. Insgesamt war ich in den letzten vier Jahren wohl gegen zwanzig Mal in Gondo.

Mit dem neuen Dorfplatz, der Parkanlage und zwei Mehrfamilienhäusern präsentiert sich Gondo im neuen Kleid. Wie gefällt Ihnen das neue Dorfbild?
Ich denke, der Wiederaufbau ist gelungen. Das Werk ist zweckmässig und passt bestens in das neue Dorfbild. Früher hatte es keinen
eigentlichen Dorfplatz und kein Parkhaus im Ort. So gesehen hat man die „Chancen“ einer Katastrophe genutzt und wertvolle Verbesserungen gemacht.

Inwiefern haben Sie das Projekt mitbeeinflusst?
Die Glückskette arbeitet nach dem Prinzip der Selbstbestimmung.
Wir haben den BewohnerInnen von Gondo nicht vorgeschrieben, was sie wie aufbauen sollen. Wir – bzw. unser Partner Schweiz. Rotes Kreuz – haben das Projekt nur begleitet und verschiedene Experten als Berater zur Verfügung gestellt.

Heute, am Jahrestag der Katastrophe, wird das „neue Gondo“ eingeweiht. Was bedeutet Ihnen dieser Anlass?
Die Feierlichkeiten bedeuten für uns den Abschluss einer intensiven Zusammenarbeit. Die Glückskette hat in der Schweiz noch nie ein solch grosses Projekt begleitet. Über diese vier Jahre hat sich eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden entwickelt.

Wie viel Geld hat die Glückskette in den Wiederaufbau von Gondo investiert?
Wir haben gegen 15 Millionen Franken eingesetzt. Das umfasst die Not- und
Soforthilfe an Einzelpersonen, den eigentlichen Wiederaufbau mit dem Mehrfamilien- und dem Burgerhaus, Parkhaus und Dorfplatz, einen
Anteil Stockalperturm sowie drei Millionen für die „Stiftung Lebensraum Simplon-Süd“. Dieses Projekt ist einmalig und soll eine nachhaltige Entwicklung auf der Simplon-Südseite ermöglichen.

Auch andere Gemeinden wurden mit Hilfsgeldern bedacht. Wie viel Geld haben Sie insgesamt ausgeschüttet?
Die Sammlung „Unwetter Wallis, Tessin und angrenzende Regionen“ vom Oktober 2000 brachte mit 340‘000 Einzahlungen rund 74 Millionen Franken zusammen. Dieses Resultat war überwältigend und selbst für die Glückskette ein neuer Sammelrekord. Von diesen Geldern haben wir rund 56 Millionen für das Wallis gesprochen. Neben Gondo erhält Baltschieder rund 11,8 Millionen Franken. Weitere 23 Millionen kamen anderen 34 betroffenen Walliser Gemeinden zugute. Sodann wurden 14 Gemeinden im Tessin und drei Projekte im Aosta- und Ossolatal finanziell unterstützt.

Die Glückskette steht für schnelle und unbürokratische Hilfe. Trotzdem hat sich der Wiederaufbau in Gondo verzögert. Was war der eigentliche Grund für die Bauverzögerung?
Der Grund für die Verzögerung war primär der Bau des Schutzdamms über dem Dorf. Vorher gabs vom Kanton Wallis keine Baubewilligung. Diese Arbeiten dauerten etwa anderthalb Jahre. Dazu kam, dass wir zwar ein Gesamtprojekt hatten, jedes Gebäude aber einzeln abgesegnet werden musste. Daneben verlangten unsere Experten Präzisierungen, wie beispielsweise einen Businessplan für die Einstellhalle. Wir wollten auch verhindern, dass Gondo in zehn Jahren die Kosten für den Unterhalt der Gebäude nicht mehr bezahlen kann. Das hat mitunter zu kleineren Verzögerungen geführt.

Einige kritische Stimmen bemängelten, dass die Hilfe der Glückskette sehr lethargisch angelaufen sei...
Das bestreite ich in aller Form. Man müsste uns erst mal beweisen, wo wir auch nur eine Woche verschlampt hätten. Wir leben natürlich in einem recht schwerfälligen System – demokratische Beschlussfassungen sind in einem Land wie der Schweiz nicht sehr dynamisch. Bis ein Baugesuch durch alle Instanzen ist, vergehen Monate. Es gibt Einsprachefristen. Wir von der Glückskette sind vielmehr das Schwungrad eines Systems, das in Gang kommen musste. Auch die Arbeit hinter den Kulissen darf nicht unterschätzt werden. Allein das Schweizerische Rote Kreuz, unser Partner im Kanton Wallis, hat über 2000 Dossiers bearbeitet. Mir ist durchaus bewusst, dass die Spender ungeduldig darauf warteten, bis endlich ein sichtbares Zeichen passierte. In der Nothilfe geht es meist sehr schnell, aber die Phasen der Rehabilitation und des Wiederaufbaus dauern länger. Es braucht halt Zeit, um nach guten und sinnvollen Lösungen zu suchen. Darum ist jede Katastrophe immer auch eine Chance – aber man muss sie nutzen!

Die Glückskette hat anfangs laut darüber nachgedacht, das zerstörte Dorf nicht wieder aufzubauen...
Das ist richtig. Wir haben offen darüber diskutiert, ob man Gondo wieder aufbauen soll oder nicht. Dabei haben wir auch Experten beigezogen. Für uns war das ein wichtiger Prozess. Wir haben dann umso deutlicher Ja gesagt. Der Grund war einfach: Die Solidaritätskundgebung der Schweizer Bevölkerung war so gross wie noch nie. Auch die Frage, ob die Betroffenen selber weiterhin in ihrem Dorf leben wollten, konnte klar positiv beantwortet werden. Schliesslich gaben uns auch die kantonalen Behörden zu verstehen, dass das Wallis hinter der Zukunft Gondos steht. Daraus konnten wir ableiten, dass der Wiederaufbau in Gondo der einzig richtige Weg ist.

Trotz dem neuerlichen Aufbau des Dorfes ist nicht mit einem grossen Bevölkerungswachstum zu rechnen. Ist die Summe von fast 15 Millionen Franken für den Wiederaufbau dennoch gerechtfertigt?
Ich denke schon. Wenn Gondo keine Zukunft hätte, wäre es zuviel. Aber in dem ganzen Wiederaufbau-Prozess sind Ideen und Vorschläge gewachsen, die Gondo eine gute Zukunft versprechen. Gondo soll nicht stagnieren, sondern das Dorf soll sich im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterentwickeln. Hier gibt es verschiedene Ansätze. Sollte beispielsweise die Umfahrungsstrasse gebaut werden, könnte Gondo zum ersten Autobahnrastplatz-Dorf der Schweiz werden – ein spannendes Modell. Dann braucht es vielleicht statt eines Hotels ein Motel, statt noch mehr Parkplätze einen Kinderspielplatz und im Stockalperturm ein Museum, das die Goldgräber-Zeiten dokumentiert. Bleibt Gondo eher ein Bergsport-ort, braucht es wieder andere Infrastrukturen. Oder bei einem Wegfall des Zolls könnte Gondo zusammen mit anderen Grenzorten zu einem „Portal Schweiz“ werden. Auch ein Zentrum zur Erforschung von alpinen Naturkatastrophen steht zur Diskussion. Solche Ideen finde ich faszinierend. Es liegt nun an der Bevölkerung von Gondo zu bestimmen, welchen Weg sie einschlagen will.

Am Gedenktag der Unwetterkatastrophe wird eine Charta unterzeichnet, die eine Stiftung für nachhaltige Entwicklung auf der Simplon-Südseite anstrebt. Was für Aufgaben will man diesbezüglich wahrnehmen?
Die Charta bezweckt die Stiftung zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung auf der Simplon-Südseite mit besonderer Ausrichtung auf die Gemeinde Zwischbergen, um dadurch die anhaltenden Schadensfolgen der Unwetter-
katastrophe 2000 zu bewältigen und den Lebensraum Simplon-Süd zu aktivieren. Die Stiftung initiiert und begleitet Projekte und Vorhaben, welche namentlich geeignet sind, nachhaltige wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklungen der Simplon-Südseite zu fördern. Dieses Projekt ist einmalig. Für die Einrichtung dieser Stiftung haben wir von der Glückskette drei Millionen gesprochen. Das zeigt auf, dass wir die Menschen in Gondo auch mit Blick auf die Zukunft unterstützen wollen.

 

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: