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Gondo / Simplon-Dorf / 14. Oktober 2000:
Es schüttet wie aus Kübeln. Die Stimmung im kleinen Grenzdorf
ist an diesem Samstagmorgen merkwürdig angespannt. Noch ahnt niemand
die Katastrophe, die sich wie ein dunkler Schleier über das Dorf
senken wird.
Von Walter Bellwald
Gegen 10.30Uhr kann der Schutzdamm oberhalb des Dorfes dem Druck nicht
mehr standhalten und bricht. Die Wasser- und Schlammassen begraben die
Wohnhäuser unter sich und reissen alles mit. Die Bilanz ist verheerend:
Elf Todesopfer und zwei Vermisste fordert die Katastrophe. Unter ihnen
das Ehepaar Käthy und Roger Tscherrig. Binnen Sekunden werden die
beiden Brüder Renato und Daniel Tscherrig zu Vollwaisen.
Schreckliche Erinnerung
Renato Tscherrig (21) spricht leise. Zwischendurch hält er inne,
sucht nach Worten. Nur ungern erinnert er sich an jenen Samstagmorgen,
als ihn die Nachricht vom Murgang wie ein Schlag traf. Als er aus dem
Äther die Hilferufe des Gemeindepräsidenten hört, merkt
er instinktiv, dass auch seine Eltern von der Tragödie betroffen
sind. Da wusste ich, was es geschlagen hat, sagt er tonlos.
Glückliche Jugend
Renato wächst in Naters auf und besucht hier den ersten Kindergarten.
Als er fünf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Gondo, weil der
Vater im Kraftwerk eine Anstellung findet. Renato und sein drei Jahre
jüngerer Bruder Daniel gehen fortan im kleinen Grenzdorf zur Schule.
Wenn es die Zeit erlaubt, fährt die Familie ins benachbarte Italien,
um am Ortasee spazieren zu gehen und ein Gelato zu geniessen. Das
war immer ein schönes Erlebnis, schwelgt Renato in Erinnerung.
Im Herbst 1999 beginnt er eine Lehre als Informatiker im Spital Brig.
Trotz des langen Arbeitsweges pendelt er jeden Tag von Gondo nach Brig
und zurück. Auch am Freitag, 13. Oktober, will Renato nach Hause
und fährt nach Simplon-Dorf. Weil die Strasse im Gabi wegen Steinschlag
gesperrt ist, entschliesst er sich, mit dem Postauto wieder nach Brig
zu fahren.
Der schwarze Samstag
Samstagmorgen: Noch immer regnet es in Strömen. Gegen neun Uhr
telefoniert Renato mit seinem Vater, um ihm mitzuteilen, dass er heute
zurückkomme. Als er das Haus verlassen will, hört er die Hiobsbotschaft
im Radio: Ich wusste instinktiv, dass etwas Fürchterliches
passiert sein musste. Die schlechte Vorahnung sollte sich später
als richtig erweisen: Zwar bleibt das Haus der Tscherrigs vom Murgang
verschont, aber weil die Familie wie jeden Samstagmorgen bei der Grossmama
im Gässi zum Kaffee eingeladen ist, werden sie von der
Schlammlawine überrascht und getötet. Glück im Unglück
hat sein Bruder: Weil Daniel zum Zeitpunkt des Unglücks bei einer
Tante Milch holt, entkommt er der Katastrophe. Derweil versucht Renato
verzweifelt, seinen Vater anzurufen. Ich habe so gehofft, seine
Stimme zu hören. Aber niemand meldete sich. Renato schluckt,
seine Stimme schwankt. Ich habe es immer wieder versucht. Vergebens.
Schliesslich fährt er zu seiner Tante nach Sitten. Trotz der Ungewissheit
und Angst findet er hier Zuspruch. Als er schliesslich seinen Bruder ans
Telefon bekommt, beruhigt er sich ein wenig.
Positiv denken
Trotz der emsigen Suchaktion nach den Vermissten fährt Renato
nicht nach Gondo. Ich wusste, dass ich nicht helfen kann,
meint er resigniert. Zwei Tage später erfährt er die grausame
Wahrheit. Unter den Toten sind nicht nur seine Eltern, sondern auch seine
Grossmutter, seine Tante und sein Getti. Renato und sein Bruder sind geschockt
und trösten sich gegenseitig. Schliesslich nehmen sich Urs und Mathilde
Arnold der beiden Vollwaisen an. Ich wüsste nicht, was wir
gemacht hätten, wenn uns Onkel Urs und Gotte Mathilde nicht aufgenommen
hätten, sagt Renato liebevoll. Heute, vier Jahre nach der Katastrophe,
hat er etwas Abstand gewonnen. Inzwischen hat er seine Lehre als Informatiker
abgeschlossen und macht eine Zweitausbildung zum Telematiker. Trotz der
Tragödie habe er nie mit dem Herrgott gehadert. Diese Frage
hat sich nie gestellt. Im Gegenteil: Ich bin ein sehr positiv denkender
Mensch, meint er und fügt an: Das habe ich von meinem
Vater geerbt.
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