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Naters / Bern / Am Sonntag beginnt für die
SBB ein neues Zeitalter. Der neue Fahrplan tritt in Kraft. Was heisst
das für die Bahnkunden und das Oberwallis? Der Natischer Paul Blumenthal,
Leiter Personenverkehr SBB geht im grossen RZ-Interview auf den Fahrplan,
die NEAT und den neuen Autoverlad am Simplon ein.
Von German Escher
Markus Pianzola
Wie werden Sie in der Nacht auf den 12. Dezember
schlafen?
Nicht viel. Ich werde um 4.19 Uhr mit dem ersten Zug über die
Neubaustrecke zum Flughafen Kloten fahren. Ich freue mich auf diese Lokfahrt.
Den Rest das Tages werde ich an verschiedenen Orten der Schweiz unterwegs
sein und mit den Vertretern vor Ort die Neuerungen feiern.
Sind Sie nervös?
Der Blutdruck steigt.
Ein positiver Kick oder die Angst vor möglichen
Pannen?
(zögert). Das Positive überwiegt. Aber die Vorbereitungszeit
war so lange und intensiv, dass ich wirklich froh bin, dass es endlich
los geht.
Was wäre das Worst Case Szenario am 12. Dezember?
Das Schlimmste wäre, wenn gewisse Systeme nicht optimal funktionieren
würden. Aber aufgrund des jetzigen Vorbereitungsstandes bin ich zuversichtlich.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Pannen oder Verzögerungen auftreten,
ist am 13. Dezember wesentlich grösser. An diesem Tag kommt der Pendlerverkehr
und der Güterverkehr hinzu. Für mich ist der 12. Dezember wie
eine Generalprobe. Die eigentliche Nagelprobe haben wir am 13. Dezember
zu bestehen.
Am einem Dreizehnten: Sind Sie abergläubisch?
Es ist kein Freitag (lacht).
Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen?
Warum? Weil ich als Walliser so etwas einführe? (lacht nochmals)
Nein. Weil als Folge des Fahrplanwechsels die
Mittagspause an der Oberwalliser Mittelschule kürzer wird und unsere
Familie kaum mehr Zeit hat, gemeinsam mit unserem Sohn zu speisen.
Dafür lernt er mehr (lacht). Ihr Beispiel zeigt: Der Fahrplan
des öffentlichen Verkehrs hat grossen Einfluss auf unser Alltagsleben.
Und wenn 90 Prozent des Fahrplans ändert, spüren das die Menschen.
Deshalb habe ich auch den grössten Respekt vor dem 13. Dezember.
Niemand weiss ganz genau, wie sich die Menschen an den ersten Tagen genau
verhalten werden.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Und genau darin besteht unsere Unsicherheit. Viele unserer Bahnkunden
haben den bisherigen Fahrplan verinnerlicht. Deshalb braucht es eine gewisse
Einführungszeit und grosse Kommunikationsanstrengungen. Ein kleines
Beispiel: Wer von Bern nach Zürich zur Arbeit fährt, überlegt
sich jetzt, soll ich eine halbe Stunde länger arbeiten oder eine
halbe Stunde länger schlafen (lacht). Was jetzt noch lustig tönt,
kann uns aber vor Probleme stellen. Noch wissen wir nicht genau, auf welche
Züge sich beispielsweise die Pendlerströme konzentrieren werden.
Eine Task-Force wird das Geschehen stündlich und täglich neu
beurteilen und entsprechend eingreifen.
Kann man in ein solch komplexes Fahrplansystem
noch eingreifen?
Zumindest für ein Jahr ist der Fahrplan in Stein gemeisselt.
Aber wir können nachfrageorientiert das Rollmaterial einsetzen. Züge,
die stärker frequentiert werden, können verlängert, andere
verkürzt werden.
Das verlangt von den SBB-Mitarbeitern an der Front
eine gewaltige Flexibilität.
Das stimmt. Vor der Leistung unserer Mitarbeiter habe ich allergrössten
Respekt.
Bleiben wir beim Kunden. Wer profitiert am meisten?
Eigentlich alle Bahnkunden. Sämtliche Verbindungen, die über
die Neubaustrecke führen, profitieren. Also auch die Züge Basel-Brig
oder Zürich-Brig. Hier wird die Fahrzeit massiv reduziert. Die Gäste
sind schneller im Wallis. Dank den höheren Kapazitäten können
wir neu auf den Hauptstrecken und vielen Zubringerlinien den Halbstundentakt
einführen.
Wie viele zusätzliche Kilometer legen die
SBB-Züge zurück?
Die Anzahl Züge werden um zwölf Prozent erhöht. Die
Zugskilometer werden um 14 Prozent zunehmen.
Und welche Frequenzsteigerungen erwarten Sie?
Das ist die grosse Herausforderung. Das neue Rollmaterial und zusätzliches
Personal haben einen Kostensprung von zwölf Prozent zur Folge. Die
Frequenzen werden natürlich nicht derart schnell ansteigen. Aber
unser Ziel ist klar: Wir wollen die Passagierzahlen in den nächsten
drei Jahren um 12 bis 15 Prozent erhöhen.
Werden auch die Frequenzen in Richtung Wallis
derart ansteigen?
Die Walliser bitte ich inständig, sich noch zwei Jahre zu gedulden.
Die Verbesserungen durch die erste Etappe Bahn 2000 konzentrieren sich
vor allem auf die Neubaustrecke, also auf die Ost-West-Achse. Für
den Nord-Süd-Verkehr wird der grosse Schub erst mit der Eröffnung
des Lötschbergbasistunnels einsetzen.
Wie viel Mehrverkehr wird durch den Lötschbergtunnel
rollen?
Wir wissen, wie viele Passagiere wir für einen kostendeckenden
Betrieb benötigen. Aber diese Zahl verrate ich heute noch nicht (schmunzelt).
Nur soviel: Es werden massive Zunahmen sein. Wir werden jede zweite Stunde
im Halbstundentakt durch den neuen Basistunnel ins Wallis fahren. Aber
diese Sitzplatzkapazitäten müssen dann auch gefüllt werden.
Der touristische Verkehr, aber auch der Pendlerverkehr nach Bern ist für
uns ein Riesenpotenzial. Die Fahrzeit von Bern nach Visp verkürzt
sich auf eine Stunde.
Sie könnten wieder nach Naters ziehen?
Das muss ich mir noch gut überlegen (lacht).
Viele Walliser haben noch nicht erkannt, welche
Chancen und Veränderungen mit der NEAT anstehen?
Diese Einschätzung teile ich. Ich bedauere es, dass der Dialog
über die Chancen der NEAT noch nicht intensiver geführt wird.
Von NEAT-Begeisterung spüre ich im Wallis bisher wenig.
Die Oberwalliser konzentrieren uns noch immer
auf die Streitfrage, welche Züge in Brig und Visp halten werden?
Diese Frage ist gelöst. Viel wichtiger ist die Frage, was muss
unternommen werden, damit die Gäste nicht ins Berner Oberland, sondern
ins Wallis reisen. Die SBB können nur die Infrastruktur und Mobilitätsangebote
zur Verfügung stellen. Die Touristiker und nicht die SBB müssen
den Gast überzeugen. Natürlich bieten wir Unterstützung.
Nach der Einführung der Bahn 2000 stehe ich gerne wieder für
intensivere Diskussionen rund um die NEAT im Wallis zur Verfügung.
Aber die Hausaufgaben haben primär die Touristiker zu machen.
Aber den Brigern sitzt die Angst um ihren Bahnhof
im Nacken.
Die Briger sollen sich nicht um irgendwelche Phantome bemühen,
sondern sich Gedanken machen, wie man möglichst viele Leute ins Wallis
bringen kann. Dazu gibt es gute Gründe. Viele Anschlussverbindungen
werden auch in Zukunft ab Brig angeboten. Der Bahnhof Brig bleibt ein
wichtiger Knoten.
Bleiben wir vorerst bei der Gegenwart. Werden
Bahnreisende in Randgebieten wie dem Oberwallis weiterhin in veralteten
Wagen Platz nehmen müssen?
Das Rollmaterial im Regionalverkehr ist verbesserungswürdig.
Mit der Walliser Firma RegionAlps, die wir gemeinsam mit dem Kanton Wallis
aufgebaut haben, planen wir Verbesserungen. Dazu benötigen wir aber
Zeit. Im Fernverkehr ist mit der Bahn 2000 auf der Neubaustrecke modernes
Rollmaterial eine Grundvoraussetzung. Ab 2007 werden wir 14 neue Neigezüge
einsetzen. Das werden die modernsten Hochgeschwindigkeitszüge auf
dem Markt sein.
Profitiert davon auch das Wallis?
Die neuen Hochgeschwindigkeitszüge werden unter anderem auf der
Strecke Basel-Brig-Mailand eingesetzt werden.
Im regionalen, grenzüberschreitenden Verkehr
bringt der neue Fahrplan auch Verschlechterungen. Vor allem die Grenzgänger
sind verärgert.
Wir sitzen gemeinsam mit dem Kanton und den Grenzgängern, beziehungsweise
den Gewerkschaften am Tisch. Es ist ein klassische Dreiecksbeziehung,
bei der jeder dem anderen die Schuld zuschieben will. Man muss jetzt erste
Erfahrungen mit dem neuen Fahrplan sammeln. Die Kombination Regionalverkehr
mit Autoverlad lässt aber wenig Spielraum. Zudem sind die Bahntrassees
südlich von Iselle sehr rar.
Das gilt auch für die Zeit nach 2007?
Ganz genau. Für die Planung ab 2007 kämpfen wir nicht nur
in Oberitalien, sondern auch im Lötschbergbasistunnel um Trasseekapazitäten.
Güter- und Personenverkehr feilschen um den Basistunnel. Aber fürs
System 2007 müssen vor allem die technischen Voraussetzungen stimmen,
also die Führerstandsignalisierung und die ETCS-Ausrüstungen,
damit wir mit 200 Stundenkilometer fahren können.
Ist der Vollausbau des Basistunnels, wie ihn vor
allem die Unterwalliser fordern, nicht realistisch?
Hätten wir genügend Geld, wäre der Doppelspur-Ausbau
sicher die sinnvollste Lösung. Eine Doppelspur nützt aber wenig,
wenn vor allem südlich des Simplons Engpässe bestehen. Diese
müssen von den Italienern noch beseitigt werden.
Ab 12. Dezember betreiben die SBB wieder einen
Autoverlad am Simplon. Es ist eine Premiere, den Autoverlad und den Regionalverkehr
so zu kombinieren.
Eine sehr innovative Premiere. Kostengünstiger lässt sich
der Autoverlad am Simplon nicht anbieten. Den betrieblichen Ablauf haben
wir getestet. Jetzt müssen die Kunden von der Möglichkeit überzeugt
werden, günstig, wintersicher und gefahrenfrei mit dem Auto nach
Süden reisen zu können. 19 Franken ist wirklich ein vernünftiger
Preis. Da setzen wir sogar für die BLS einen Marchstein.
Aber der Autoverlad ist eigentlich keine Kernkompetenz
der SBB mehr?
Wenn es um eine reine Autoverladelösung ginge, könnte man
darüber diskutieren, ob es sich um eine Kernkompetenz der BLS oder
der SBB handelt.
Wie viele Autos müssen durch den Simplontunnel
transportiert werden, damit die Kosten vertretbar sind?
Die Zielsetzung für 2005 sind 50000 Fahrzeuge. Das ist
eine realistische Vorgabe. 1993, also kurz vor der Betriebseinstellung
des damaligen Autoverlads, waren es immerhin noch 90000 Autos.
Ist das Angebot nicht zu dünn, um sich auf
dem Markt beim Automobilisten durchzusetzen?
Wir bieten ab 6.05 und bis 22.45 Uhr zehn Autozüge, also alle
90 Minuten eine Verlademöglichkeit, an. Wir werden bald einmal sehen,
ob und welche Anpassungen sich hier allenfalls aufdrängen werden.
Primär müssen wir bei den Italienern, die im Winter nicht gerne
über den Pass fahren, mit dem Thema Sicherheit argumentieren.
Gibts Bestrebungen seitens der SBB, sich
der Autoverladekarte von BLS und MGB anzuschliessen?
Wir werden mit der BLS Marketingmassnahmen diskutieren. Die gemeinsame
Verladekarte wäre eine Vision. Die Frage ist, wer bekommt wie viel
von den Einnahmen aus dieser Karte? Toll wäre auch die Unterstützung
durch die Hoteliers, die ihren Gästen vielleicht eine Verladekarte
beilegen. Hier bestehen durchaus Chancen für clevere Hoteliers...
Ihre
Meinung interessiert uns!
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