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Hermann Anthamatten, Lehrer/Dozent und Regisseur des Freien Theaters Oberwallis
„Theater funktioniert anders als der Schulbetrieb“


 

Brig / Theaterpremiere an Silvester. Das macht neugierig. Dahinter steckt das Freie Theater Oberwallis mit Regisseur Hermann Anthamatten. Im RZ-Interview spricht er über Theater, Kulturförderung, die Jugend und seine Jahresbilanz 2004.

Von German Escher
Markus Pianzola

An Silvester steigt die Premiere des Theaterstücks „Futsch“. Warum gerade an diesem Abend?
Aus zwei Gründen. Zum einen haben wir nach Möglichkeiten gesucht, den Silvesterabend einmal auf eine andere Art, in Verbindung mit Kultur, zu verbringen. Zum anderen war es ein Terminproblem. Zwischen Weihnachten und der Fasnacht bleiben 2005 nicht unendlich viele Daten. Silvester als Premiereabend hat sich da geradezu aufgedrängt. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Trotzdem ist die Premiere seit Wochen ausverkauft.

Ein weiterer Grund für den Premiereabend: Das alte Jahr ist einfach vorbei, also „futsch“?
Die Metapher drängt sich in der Tat auf. Aber dahinter steckt keine Absicht.

Der Regisseur ist also doch nicht so genial, wie man vermuten könnte...
(lacht) Es gibt keinen Zufall. Die Dinge fallen dem Menschen zu. Insofern mag es ja doch zutreffen...

Aber wenn schon an Silvester, hätte die Themenwahl doch etwas festlicher oder fröhlicher ausfallen dürfen?
Das hängt davon ab, welche Bedeutung Silvester für den einzelnen hat. Wer an Silvester nur an Party denkt, wird kaum zur Premiere kommen. Für alle jene, die eine Reflexion machen, wenn etwas Altes zu Ende geht, ist das Theaterstück zum Jahreswechsel genau richtig. Die Dialoge des Autors Roddy Doyle zeichnen sich durch einen guten Wortwitz aus. Er versteht es, ernste Themen auf lustige Art auf den Punkt zu bringen.

Das Stück handelt von arbeitslosen Jugendlichen, die aus Langeweile den Bischof entführen. Sehen Sie, der hauptberuflich als Lehrer tätig ist, Parallelen zur Jugend im Oberwallis?
Inhaltlich gibt es durchaus Parallelen. Ich hatte erst kürzlich mit einer Schulklasse eine heftige Diskussion zum Thema Ausländer. Ich stelle eine gewisse Abwehrreaktion gegen Ausländer fest. Die Jugendlichen sind verunsichert. Sie stehen auf dem Weg in ihre Zukunft, bekommen aber von unserer Gesellschaft zuwenig einlösbare Versprechungen. Das wird von den wenigsten Jugendlichen laut herausgeschrien. Die Verunsicherung kommt eher in den Zwischentönen zum Ausdruck.

Also ist Silvester doch der passende Premiere-Tag. Am Jahresende ist oft eine Standortbestimmung angesagt. Man denkt über die Zukunft nach.
Und genau das kommt im Stück zum Ausdruck. Dieses fehlende Grundvertrauen beschäftigt aber nicht bloss die Jugendlichen. Die Verunsicherung spiegelt sich auch im Abstimmungs- und Wahlverhalten im Oberwallis wieder. Das trifft ebenso auf die kulturell-gesellschaftliche Entwicklung zu. Ich nenne das „Retro zum Etro“. Alles dreht sich um die schöne, alte Zeit. Weil man nicht genau weiss, wohin die Reise führt, sehnt man sich zurück nach dem Vertrauten. Das kann auch als regional-folkloristischer Reflex auf die Globalisierung interpretiert werden. Ich warte darauf, dass die Cüpli-Schickeria die Rituale der katholischen Kirche für sich entdeckt...

Wollen Sie gezielt Jugendliche mit ihrem Stück ansprechen?
Das Stück spricht nicht nur, aber auch Jugendliche an. Ich definiere bei der Stückwahl auch kein Zielpublikum. Spannender war für mich die Erfahrung, mit Jugendlichen auf der Bühne zusammen zu arbeiten.

Aber für einen Lehrer nichts Neues...
... aber das Theater funktioniert anders als der Schulbetrieb. Die Schule ist trotz allem hierarchisch. Für die Schüler bin ich als Lehrer vielleicht schon „en alte Sack“. Aber im Theater nimmt man einander anders wahr. Und wenn man nicht weiter weiss: Bob Dylan ist auch bei Jungen ein Thema... (schmunzelt).

Schweizer Schüler schneiden im europäischen Vergleich schlecht ab. Wie schätzen Sie die Walliser Jugendlichen ein?
Ich bin während drei Schulstunden an der Berufsmatura tätig. Das restliche Pensum unterrichte ich an der Walliser Hochschule in Siders. Da stelle ich fest: Die Jugendlichen sind willig. Die Leistungsbereitschaft ist da. Es gibt jedoch eine Abwehrhaltung und Verunsicherung. Aber wenn ich Berichte über grossstädtische Schulverhältnisse sehe, dann muss ich sagen: Wir leben noch in idyllischen Verhältnissen.

Wie ist das Kulturinteresse der Jugendlichen?
Theater reisst die Jugendlichen kaum von Hocker. Ihr Interesse gilt da schon eher Film und Musik. Wenn wir in Verbindung mit Kulturreisen in deutsche Städte einen Theaterbesuch organisieren, hält sich die Begeisterung anfänglich meist in Grenzen.

Ist die Lust am Lesen vergangen?
War die Lust am Lesen jemals gross? Erinnern wir uns doch an unsere eigene Schulzeit: Ich habe das Kollegium zwar mit Lesen überbrückt und dadurch vielleicht einiges in anderen Fächern verpasst. Aber schon damals haben viele Klassenkollegen nur ein Buch zur Hand genommen, wenn sie der Lehrer dazu gezwungen hat. Das ist also nichts Neues. Verändert hat sich aber der Sprachgebrauch. Die Mail- und SMS-Kultur beeinflusst unsere Sprache.

Hat die Lese- und Sprachförderung im Wallis versagt?
Das kann ich nicht abschätzen. Als Vater stelle ich fest, dass unser Sohn jetzt in der ersten Klasse mit Freude lesen lernt. Aber die Schule kann nicht alles erledigen. Auch die Eltern sind gefordert. Untersuchungen zeigen: Gibt es in einem Elternhaus mehr als fünfzig Bücher, nimmt die Lesefähigkeit der Kinder rapide zu. Mit dem sogenannten PISA-Test, der den Schweizer Jugendlichen im Fach Lesen kein Glanzzeugnis ausstellt, habe ich Mühe. Man kann nicht alle Länder miteinander vergleichen. In Finnland beispielsweise spricht jeder Finnisch. Aber multikulturelles Umfeld und die Problematik Dialekt/Hochsprache schlägt sich auch in diesen Tests nieder. Es wäre klüger, das Geld, das für solche Tests ausgegeben wird, direkt in die Bildung zu investieren.

Sie waren lange Zeit in der Briger Kulturkommission. Wie beurteilen Sie die Kulturförderung?
Vielleicht sollten Gemeinderäte ähnlich funktionieren wie die Kulturkommission, die eine Amtszeitbeschränkung von acht Jahren kennt. Ich bin deshalb seit zwei Jahren nicht mehr in der Kulturkommission, die ich während längerer Zeit auch präsidieren durfte. Zur Kulturförderung selber kann man gut einen Dialog in „Emilia Galloti“ von Lessing zitieren: „Was macht die Kunst? Die Kunst geht nach Brot.“ Kunst benötigt Unterstützung. Früher waren es die Renaissancefürsten, heute ist es die staatliche Kulturförderung. Es gibt Kreise, welche die staatliche Kulturförderung am liebsten abschaffen würden. Das sind aber oft auch jene Leute, die sich selber als Fürsten sehen, welche nur die ihnen genehmen Künstler fördern. Das kann es nicht sein.

Was hat die Kulturkommission bewirkt?
In Brig hat die Kulturkommission immer wieder versucht, kleine Pflänzchen zu giessen. Das wird wohl noch heute einen Teil des 100’000 Franken-Budgets ausmachen. Mit dem Projekt Kunst in der Stadt und dem Ausbau des Werkhofs hat man wichtige Zeichen gesetzt. Nach welchen Kriterien die Kulturkommission heute arbeitet, kann ich nicht beurteilen. Aber ohne den Kulturrat Wallis, die kommunalen Kulturkommissionen oder die Lotterie Romande liessen sich Theaterprojekte wie das unsrige nicht finanzieren. Für die grossen Geldgeber wie Banken oder Versicherungen sind solche Theaterprojekte anscheinend zu klein.

Müssten die Kulturförderer nicht mutiger sein und stärker Nachwuchskünstler statt arrivierte Persönlichkeiten unterstützen?
Richtig. Die Kunst müsste auch Avantgarde sein. Aber auch hier stelle ich diese Retro-Tendenz fest. Um Nachwuchskünstler gezielt auswählen und fördern zu können, müsste die Kulturkommission professionell beraten werden. Ich kann mir vorstellen, dass Brig einen Kulturbeauftragten in Teilzeit anstellt.

Das wäre ein gemeinsames Projekt für die drei grossen Talgemeinden?
Unbedingt. Vor Jahren hat man damit begonnen, dass sich die Kulturkom-missonen von Brig, Naters und Visp einmal jährlich treffen. Das war ein erste Schritt, dem weitere folgen. Dass das Visper Theater im Frühjahr 2005 Auftritte im Briger Kellertheater plant, ist ein Fortschritt.

Das Oberwallis hat eine sehr lebendige Theaterszene. Steht der Oberwalliser, der eigentlich zurückhaltend oder gehemmt ist, so gerne auf der Bühne?
Vielleicht liegt die Erklärung gerade in diesem Widerspruch. Der Oberwalliser ist eher verschlossen wie die Bergwelt, in der er lebt. Der Oberwalliser reagiert lieber, statt zu agieren. Im Innern spürt er vielleicht, dass da noch mehr wäre. Auf der Bühne kann sich der Mensch ausleben. Er kann in fremde Rollen schlüpfen, ohne sich selber der inhaltlichen Kritik stellen zu müssen.

Wie beurteilen Sie die Qualität der Theaterszene Oberwallis?
Sehr unterschiedlich. Die Dorftheater funktionieren unabhängig und haben eine ureigene Aufgabe. Auf den Dorfbühnen werden Schwanks gespielt, also gute Unterhaltung für die Bewohner in der näheren Umgebung. Das ist für die Dorfgemeinschaft sehr wichtig. Andere Bühnen und auch wir gehen einen anderen Weg. Das Niveau unserer Theater finde ich gut. Ich begrüsse auch die Initiative des „Theaterplatz Wallis“, der mit Kursen die Interessierten auf ein höheres Niveau bringen will. Wichtig ist, dass die Freude am Spielen erhalten bleibt. Man soll sich nicht mit Stadttheatern messen. Da ginge viel kaputt. Es gibt nämlich zu viele schlechte Stadttheater... (schmunzelt)

Die Theatergruppe nennt sich Freies Theater Oberwallis. Heisst frei auch provokativer?
Als wir 1986 „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ auf die Bühne brachten, benötigten wir einen Namen. Unsere Überlegung damals: Wir sind kein Verein, sondern eine lose Gruppe, die sich alle zwei bis drei Jahre zu einer Produktion trifft. Also sind wir Frei. Und weil wir Theaterschaffende aus der ganzen Region ansprechen wollen, entstand der Name Freies Theater Oberwallis. Gewisse Kreise haben sich hinter vorgehaltener Hand darüber mokiert, dass wir uns Freies Theater Oberwallis nennen. Diese Reaktion hat uns gezeigt: Jetzt haben wir den richtigen Namen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung ihrer Theatergruppe?
Die Theaterästhetik, die uns am Herzen liegt, konnten wir eigentlich von Produktion zu Produktion verbessern. Wie alle können auch wir noch dazu lernen. Deshalb arbeiten wir regelmässig mit Profis zusammen. Mit dem letzten Stück „Endspiel“ haben wir als Laiengruppe doch ein professionelles Niveau erreicht. Wir haben später gemeinsam dasselbe Stück in Zürich gesehen und festgestellt: Wir müssen uns vor den Profis nicht verstecken. Auch als wir das „Gantertal“ nach unseren Vorstellungen inszenierten, haben wir eine eigene Theaterästhetik gefunden. Eine Entwicklung, die wir weiter vorantreiben. Diesmal kommt eine Rockband mit Gesang hinzu. Das Freie Theater kann für sich heute in Anspruch nehmen, eine eigenständige Ausdrucksform gefunden zu haben.

Wie sind Sie persönlich mit dem zu Ende gehenden Jahr zufrieden?
Ich bin glücklich verheiratet und wir haben zwei tolle Buben. Ich habe einen guten Job und kann Theater machen. Persönlich darf ich zufrieden sein. Weniger positiv fällt aus meiner Optik die gesellschaftlich-politische Bilanz aus. Das Oberwallis hat die höchste Selbstmordrate bei Jugendlichen. Das macht mir Sorgen und tut weh. Auch das Wahl- und Abstimmungsverhalten stimmt mich nachdenklich. Vor zehn oder zwanzig Jahren waren die Oberwalliser progressiver. Wirtschaftlich sieht die Bilanz nicht erfreulicher aus. Man setzt grosse Hoffnungen in die NEAT, aber es bewegt sich sehr wenig.

Und welches Projekt steht 2005 an?
Erstens werde ich im nächsten Jahr fünfzig (lacht). Dann führe ich in Naters Regie und werde mich auf das nächste Projekt des Freien Theaters Oberwallis vorbereiten für 2006, dem 50. Todestag von Bertold Brecht.

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