D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Hugo Burgener, Direktor Spitalzentrum Oberwallis (SZO)
„Beide Spitalstandorte haben eine reale Zukunft“


 

Brig / Visp / Seit einem Jahr ist das Spitalzentrum Oberwallis (SZO) Wirklichkeit. Doch noch ist der Fusionsprozess voll im Gang. Patienten, Pflegepersonal und Politiker sind häufig verunsichert und verärgert. Trotzdem zieht Direktor Hugo Burgener eine positive Zwischenbilanz.

Von German Escher
Walter Bellwald

Das erste Jahr des Spitalzentrums Oberwallis (SZO) ist vorüber. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Das erste Jahr war turbulent. Das war eine historische Fusion – und hat harte öffentliche Diskussionen verursacht. Diese sollen auch geführt werden, das gehört zur Demokratie.

Die Disziplinenaufteilung hat die Bevölkerung verunsichert. Was machen Sie dagegen?
In die politischen Diskussionen mischt sich die Spitaldirektion nicht ein. Für uns sind die Patienten und Mitarbeiter zentral. Uns geht es darum, die Fusion im Haus optimal umzusetzen. Die Entwicklung einer neuen Unternehmenskultur benötigt Jahre. Dazu haben wir auch eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt, deren Resultate in den Abteilungen als zusätzliche Entscheidungsgrundlage dienen wird. Gleichzeitig befragen wir die Patienten, um die Qualität zu messen.

Aber die Kritik verstummt nicht. Wenn eine ältere Patientin nach einer Untersuchung in Brig mit einer gesteckten Infusion kurz vor 17.00 Uhr selber einen Transport nach Visp organisieren muss, um sich dort den Blinddarm operieren zu lassen, kann wohl kaum von Qualität gesprochen werden?
Es kursieren immer wieder Geschichten, die dramatisiert werden. Wenn es kein Notfall ist und die Angehörigen mit dem Patienten selber nach Visp fahren können, ist dies eine gute Möglichkeit. Aber noch nie wurde ein Patient, dessen Verlegung mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist, von Privatpersonen von einem Spitalstandort zum anderen transportiert. Übrigens: Wir haben sehr wenig Verlegungen. Im letzten Halbjahr wurden knapp hundert Patienten von Brig nach Visp verlegt. Im Verhältnis zu den mehreren Tausend Operationen ist das ein verschwindend kleiner Teil. Die Verlegungen betreffen meistens Falscheintritte in Brig, wie Kinder und Unfälle, die nach Visp gehören.

Hat die Verlegung von Brig nach Visp finanzielle Konsequenzen für den Patienten?
Selbstverständlich nicht. Wir lassen keinen Patienten, der mit einer Ambulanz transportiert werden muss, in ein Privatauto einsteigen. Für medizinisch nicht dringende Fälle haben wir auch schon ein Taxi bestellt.

Und das Taxi bezahlt der Patient?
Natürlich nicht. Sobald jemand stationär aufgenommen wird, sind die Kosten in der Fallpauschale inbegriffen. Und dazu gehört auch eine allfällige Verlegung – sei dies nun per Ambulanz oder Taxi.

Brig wird als Verlierer bezüglich der Operationskapazitäten hingestellt. Stimmt dies?
Wir haben im Dezember die Operationstätigkeit neu organisiert. Die Tageschirurgie in Visp wurde geschlossen. Die planbaren Eingriffe werden nun hauptsächlich in Brig ausgeführt. Beide Spitalstandorte haben eine reale Zukunft: Visp ist das Notfallspital und Brig das Krankenhaus für geplante Operationen – also beide gleichermassen im Akutbereich tätig.

Aber um 17.00 Uhr sollten die Operationen in Brig beendet sein?
Dies ist eine Frage der Planung. Es ist das Ziel, bei planbaren Eingriffen nach Möglichkeit bis 17.00 Uhr die Operationen abschliessen zu können. Bei Bedarf müssen wir den OP-Saal länger in Betrieb haben.

Die Bewährungsprobe steht noch bevor. Im Februar 2002 waren beide Spitäler stark überbelegt. Braucht es Notszenarien, um allenfalls alle Skiunfälle bewältigen zu können?
Nein. Am Neujahrstag hat die Air Zermatt rekordverdächtig viele Einsätze geflogen. Zu den 35 Einlieferungen per Heli kamen noch zahlreiche Notfälle und Skiunfälle, die mit der Ambulanz nach Visp eingeliefert wurden. Trotzdem gab es am Standort Visp keine langen Wartezeiten – weder im Notfall, Röntgen, noch im OP-Saal. Das ist kein Zufall. Wir haben uns auf diesen Ansturm vorbereitet und haben die pflegerischen und chirurgischen Teams entsprechend aufgestockt. Wir werden auch während den restlichen Spitzenwochen der Wintersaison mit einer höheren Belegschaft die Versorgung garantieren.

Braucht es dazu einen zusätzlichen Operationssaal?
Bisher konnten wir mit zwei OP-Sälen in Visp sämtliche Notfälle behandeln. Sollten im Februar oder März wider Erwarten mehr verunfallte Personen eingeliefert werden, haben wir die Möglichkeit, kurzfristig einen zusätzlichen Operationssaal in Betrieb zu nehmen, was aber kaum nötig sein wird.

Im Februar 2002 hatten beide Spitäler eine Bettenbelegung von rund 110 Prozent. Schicken Sie jetzt die Patienten einfach nach Hause?
Sicher nicht. Gesamthaft ging die Zahl der Patienten zurück. Dadurch wurden Betten frei. Wir haben heute in Visp Etagen, die leer sind. Hier könnten wir nach Bedarf kurzfristig Betten in Betrieb nehmen. Aber das wird nicht der Fall sein - wir haben genügend Akutbetten.

Das Pflegepersonal ist verunsichert und zittert um den Arbeitsplatz. Was machen Sie, um ihre Mitarbeiter zu motivieren?
Ich werde in den nächsten Wochen jede einzelne Abteilung des Spitalzentrums Oberwallis besuchen und den Mitarbeitern eingehend die Strategie der Fusion nochmals erklären. Anschliessend werden wir – auch auf der Basis der Mitarbeiterbefragung – den Teamentwicklungsprozess intensivieren. Nur so lässt sich das Klima in den einzelnen Abteilungen verbessern. Es ist auch wichtig, dass jetzt die Mitarbeiter in den neuen Strukturen ruhig arbeiten und sich finden können.

Werden Sie dann jeder Abteilung erklären, wie viele Stellen noch abzubauen sind?
Der Staatsrat hat klar garantiert: es wird keine Entlassungen geben. Wir haben in einzelnen Abteilungen einen Personalüberhang. Das ist kein Geheimnis. Bei heute 710 Vollzeitstellen haben wir einen Personalüberhang von 25 Stellen. Wir können und wollen diese Stellen nicht von einem Tag auf den anderen abbauen.Wir sind deshalb bemüht, personelle Abgänge in einzelnen Abteilungen anhand von Synergiemassnahmen nicht mehr zu ersetzen.

Fährt das Spitalzentrum Oberwallis nur noch eine Abbaustrategie oder entstehen auch neue medizinische Angebote?
Natürlich verbessern wir laufend das Angebot! Ein Spital, das sich in der rasanten technologischen Veränderung nicht weiter entwickelt, ist ein totes Spital. Das Spitalzentrum Oberwallis hat jetzt die Grösse, um von neuen Technologien zu profitieren. Da gibt’s viele Beispiele: Im Orthopädiezentrum, für das wir derzeit den zweiten Orthopäden suchen, können neue navigationsgesteuerte Operationstechniken eingeführt werden. Das wäre vorher aufgrund der Spitalgrösse unbezahlbar gewesen. Durch die Zusammenführung der Onkologie entstand ein grosses Krebszentrum. Deshalb können wir neu eine Psychoonkologie aufbauen, durch die eine psychologische Betreuung der Patienten möglich wird.

Es gibt auch andere Beispiele – etwa die Augenärzte, die sich vom Spitalzentrum abwenden?
Das ist nicht das Problem der Spitalfusion, sondern des neuen nationalen Honorarsystems für Ärzte. Damit sollen unter anderem die Honorare für Augenärzte gesenkt werden, die bisher sehr gut verdient haben. Die Diskussion zwischen dem Spitalzentrum und den Augenärzten ist keine Qualitäts-, sondern eine Geldfrage. Leidtragende sind die Patienten, die nun für Augenoperationen nach Sitten müssen.

Einzelne Spitalärzte aus der Region Brig kritisieren die Spitalpolitik in den Medien. Wie reagieren Sie darauf?
Wir können von Mitarbeitern nicht akzeptieren, dass man den Arbeitgeber öffentlich schlecht macht. Das ist ein Vertrauens- und Loyalitätsbruch gegenüber dem Arbeitgeber, der auch in keiner anderen Firma akzeptiert würde. Wir führen deshalb in diesen Tagen mit jenen Spitalärzten Gespräche und ergreifen die erforderlichen Massnahmen.

Die Initiative „Pflege für alle“ suggeriert, dass die medizinische Versorgung im Oberwallis ungenügend ist?
Der Initiativtitel soll das Begehren sympathisch erscheinen lassen, zielt aber an der Realität vorbei. Wir bieten heute medizinische Leistungen für alle an. Wenn die Initiative mit dem Kantonsspital umgesetzt würde, hätten wir in Sitten ein Kantonsspital und im Oberwallis – unabhängig vom Standort – nur noch einen kleinen „Satelliten“.

Die finanziellen Zahlen des Spitalzentrums Oberwallis sind negativ. Wie gross wird das Defizit 2004 sein?
Konkrete Zahlen liegen erst im Frühjahr vor. Das Defizit wird sich auf fünf Millionen belaufen. Aber es ist nicht so, dass wir die Einsparungen nicht erzielt hätten. Das Versprechen wurde eingehalten! Bis Ende 2004 haben wir zwei Millionen Franken eingespart. Weil wir keine Entlassungen vornehmen, braucht es auch hier Zeit. Insgesamt liegt das Sparpotenzial bei acht Millionen. Trotz substantiell verbesserter Lohn- und Sozialbedingungen haben wir die Kosten stabilisiert, was in der Spitalgeschichte einmalig ist.

Dem Spitalzentrum sind die Einnahmen weggebrochen, weil die Patientenzahl zurück ging. Warum dies?
Es herrscht gelegentlich die Meinung vor, uns würden Patienten wegen mangelndem Vertrauen davonlaufen und sich ausserkantonal behandeln lassen. Das stimmt nicht. Der Patienteneinbruch erfolgte in der Geriatrie und Inneren Medizin. Patienten aus diesen Abteilungen gehen nicht in ausserkantonale Krankenhäuser. Orthopädische Eingriffe werden momentan teilweise ausserkantonal durchgeführt, da ein Orthopäde das Spitalzentrum verlassen hat. Nach der Einstellung des neuen Arztes wird sich auch dies wieder korrigieren.

Die Oberwalliser können aber nicht per 1. Januar 2004 schlagartig gesünder sein als vor der Spitalfusion?
Während des Konkurrenzkampfes waren beide Krankenhäuser bemüht, finanziell möglichst gut da zu stehen. Wer mehr Patienten hatte, galt als wichtiger.

Aber der Hausarzt kann die Zuweisung beeinflussen?
Natürlich. Das Spitalzentrum hatte nach der Bekanntgabe der Disziplinenaufteilung während zwei Monaten markant weniger Einweisungen durch die Hausärzte. Seit dem Herbst bewegen sich die Zuweisungen wieder auf dem Vorjahresniveau.

Wie lange braucht der Fusionsprozess noch, bis das Spitalzentrum Oberwallis schwarze Zahlen schreibt?
Die Defizitdeckung hängt nicht vom Fusionsprozess ab. Wir haben die Kosten weitgehend bereinigt. Entscheidend sind die Einnahmen, die von den Tarifverhandlungen abhängen. Der Fusionsprozess wird noch Jahre dauern, bis wir eine gute Unternehmenskultur haben. Das hängt aber nicht vom Defizit, sondern von den Menschen ab, die im Spitalzentrum Oberwallis arbeiten.

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