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Alt Bezirksrichter Reinhard Schwery
„Die Zahl der Scheidungen hat sich verzehnfacht“


 

Brig / Nach 35-jähriger Tätigkeit am Gericht in Brig blickt Reinhard Schwery zurück, spricht über die Entwicklungen, sinniert über die Gerechtigkeit und sagt: „Kampfscheidungen sind happig.“

Von German Escher
Walter Bellwald

Sie sind seit drei Wochen in Pension. Fehlt Ihnen der Gerichtssaal?
Nein. Ich war mit Herzblut Richter – und das während 35 Jahren. Aber jetzt bin ich zufrieden, die Dinge etwas ruhiger angehen zu können.

Wissen Sie, wie viele Urteile Sie gefällt haben?
Keine Ahnung. Solche Zahlen haben mich nie interessiert. Der Gerichtsschreiber musste wohl genaue Statistik führen. Aber ich habe diese eigentlich nie angeschaut. Mich hat jeweils der aktuelle Fall beschäftigt. Ich hatte meine Dossiers immer à jour.

Aber die Arbeit hat zugenommen?
Ganz klar. Die Zahl der Scheidungen hat sich verzehnfacht.

Ist die Rechtssprechung auch eine Last, von der man sich im Pensionsalter gerne befreit?
Oh ja. Vor allem von der Last der Kampfscheidungen habe ich mich gerne befreit. Kampfscheidungen sind happig. Im Ausmass, in dem man sich früher geliebt hat, kann man sich auch hassen. Und das wird bei Kampfscheidungen im Gerichtssaal spürbar. Zum Glück sind Kampfscheidungen eher die Ausnahme.

Eine Situation, die selbst einem erfahrenen Richter unter die Haut geht?
Ich habe ganz bewusst Versöhnungssitzungen meistens auf einen Freitag angesetzt, um mich am Wochenende davon zu erholen. Aber ich will klar festhalten: Bei den meisten Scheidungen trennt man sich relativ friedlich. Die Eheleute erkennen, dass es einfach nicht mehr geht. Leider werden vielfach Konflikte verdrängt, statt sie gemeinsam zu verarbeiten. Sobald sich in einer Ehe die Resignation breit macht, wird es schwierig. Ohne Konflikte zu bereinigen lebt man keine Beziehung. Aber man muss daraus lernen und sich ändern. Kompromisse kommen nicht wie eine Taube geflogen. Man muss sie gemeinsam erarbeiten. Aber wenn die Resignation so gross ist, dass man nicht mehr miteinander sprechen kann, sieht der Partner meist nur noch das Negative. Das schmerzt. Dann rücken die positiven Erlebnisse in den Hintergrund. Bei Kampfscheidungen kann man die Luft im Gerichtssaal beinahe schneiden. Glücklicherweise spielt die Schuldfrage bei Scheidungen heute keine wesentliche Rolle mehr. Härter ist heute die Frage der Kinderzuteilung. In Kampfscheidungen leidet das Besuchsrecht. Oft wird das Besuchsrecht von den Unterhaltsbeiträgen abhängig gemacht – obwohl diese inhaltlich nicht miteinander verknüpft sind.

Hat der Mann heute eine Chance bei der Kinderzuteilung?
Absolut. Aber oft ist die Umsetzung schwierig. Heute steht oft das gemeinsame elterliche Sorgerecht im Vordergrund. Das ist aber nur dann sinnvoll, wenn auch die Pflichten geteilt werden. Je älter die Kinder sind, desto grösser sind für den Mann die Chancen für eine Kinderzuteilung oder ein gemeinsames elterliches Sorgerecht. Der gute Wille allein reicht aber oft nicht aus. Meist schränkt die Berufstätigkeit des Mannes die Möglichkeiten der Betreuung der Kinder ein.

Wie sieht die Entwicklung in anderen Bereichen aus? Ist die Kriminalität in den letzten 35 Jahren gestiegen?
(denkt lange nach) Gestohlen hat man immer. Unzuchtsdelikte gabs früher auch schon. Ich glaube nicht, dass die Kriminalität generell stark gestiegen ist. Betäubungsmitteldelikte kamen erst später dazu. Es gab immer wieder Wellen. Aber auch die Drogenfälle haben nicht wesentlich zugenommen.

Obsiegt im Gerichtssaal eigentlich immer die Gerechtigkeit?
Was heisst Gerechtigkeit? Goethe war auch Jurist. Er hat gesagt: Aufrichtig sein, das kann ich versprechen, unparteiisch sein, das kann ich nicht versprechen. Allgemein sagt man: Der grösste Feind des Urteils ist das Vorurteil. Der Philosoph Immanuel Kant sagt es noch anders: Die Notwendigkeit zu entscheiden, ist immer grösser als das Mass der Erkenntnis. Ich füge hinzu: Je mehr ich mir meiner Abhängigkeit bewusst bin, desto unabhängiger bin ich. Jeder ist abhängig von seinem Wissen, seiner Verfassung und seinem sozialen Umfeld.

Tönt doch etwas gar theoretisch?
Das mag sein. Aber Recht haben und Recht beweisen – das sind zwei Paar Schuhe. Ein kleines Beispiel aus den Anfängen meiner Richtertätigkeit ist mir bis heute präsent: Damals kam ein Kläger zu mir und hat behauptet: Der Lastwagenfahrer X habe angehalten, sei ausgestiegen und habe ihm mit der Schaufel beide Finger gebrochen. In der Befragung hat der Beschuldigte lakonisch geantwortet: Der soll mir das noch beweisen. Innerlich war ich damals überzeugt, dass der Lastwagenfahrer schuldig war. Aber Aussage gegen Aussage gibt noch keinen Beweis. Dem Kläger mit den gebrochenen Fingern klar zu machen, dass er im Prozess chancenlos ist, da er keine Zeugen hat, ist nicht einfach.

Besteht darin die Kunst des Richtens?
Die Kunst des guten Richters besteht nicht darin, zu beweisen, warum jemand Recht hat. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, zu begründen, wieso man nicht zugunsten des anderen entscheiden kann. Das bekannte Beispiel von Salomon kennen die meisten: Zwei Frauen streiten sich um dasselbe Kind. Salomon schlägt vor, das Kind zu halbieren. Die eine Mutter sagt: Lieber auf das Kind verzichten statt ein totes Kind. Salomon schlussfolgert: Das ist die richtige Mutter. Aber es wäre durchaus auch eine andere Schlussfolgerung denkbar. Die Frau hätte ja auch aus schlechtem Gewissen verzichten können. Grundsätzlich gilt: Je besser und umfassender der Sachverhalt abgeklärt werden kann, desto gerechter ist das Urteil. Letztlich lassen sich Fehlurteile nie ganz ausschliessen. Aber was heisst schon gerecht. Wenn jemand wohl im Recht ist, aber eine Frist – etwa bei einer Mängelrüge – verpasst, hat er keine Chance. Ist das gerecht?

Bringt ein Vergleich die Lösung?
Nicht in jedem Fall. Aber ich habe nach Möglichkeit immer einen Vergleich angestrebt. Ein Urteil beendet zwar den Streit, aber erledigt diesen nicht. Für die Befriedung der Parteien – und auch das ist eine Aufgabe des Richters – ist ein Vergleich meist geeigneter. Ein Urteil lässt da weniger Spielraum. Aber es ist nicht einfach, die Parteien von ihren festgefahrenen Positionen wegzubringen.

Was ist das für ein Gefühl, wenn der Richter auf der Strasse einem Verurteilten begegnet?
Viele dieser Leute haben Mühe, auf der Strasse zu grüssen. Das beschäftigt mich schon. Viele können nicht verstehen, dass man ihrem Antrag einfach nicht folgen konnte, weil es an Beweisen fehlte.

Wurden Sie schon einmal bedroht?
Es kam schon vor, dass mir jemand einen Brief mit aufgemaltem Totenkopf zugeschickt oder gesagt hat: „Weisst Du nicht, was in Zug geschehen ist?“ Wenn ich die Situation sehe, in denen diese Menschen stecken, kann ich solche Drohungen sogar verstehen. Ich war deshalb niemandem böse. Drohungen haben mir nie schlaflose Nächte bereitet. Da haben mich Kampfscheidungen oder Erbstreitigkeiten schon stärker beschäftigt.

Die Walliser Justiz geniesst ausserhalb des Kantons einen zwiespältigen Ruf. Da wurden auch schon Filz-Vorwürfe laut. Verstehen Sie das?
Nein. Ich kann nur für das Gericht in Brig sprechen. Ich habe mich immer bemüht, die Dossiers speditiv unabhängig von den beteiligten Parteien zu behandeln. Mich beschäftigten die Dossiers von morgens bis abends. Erst wenn ein Urteil auf der Post war, konnte ich abschliessen.

Dann müsste die Walliser Justiz mehr für ihr Image tun: Verkauft die Justiz ihre Leistungen in der Öffentlichkeit zu schlecht?
Das mag sein. In grösseren Städten oder Kantonen haben die Gerichte vielleicht eine bessere Kenntnis im Umgang mit den Medien. Die Richter sind nicht pressefeindlich, aber bei uns kennt jeder jeden. In einem solchen Umfeld hat die Gerichtsberichterstattung ganz andere Folgen für das Umfeld des Verhafteten oder Verurteilten. In grossen wichtigen Fällen besteht ein Informationsbedürfnis. Das anerkennen heute auch die Gerichte und laden die Medien entsprechend ein.

War das Richteramt eigentlich Ihr Traumberuf?
Der Mensch hat mich immer interessiert. Ursprünglich wollte ich Psychiater werden und habe deshalb auch ein Medizinstudium begonnen. Unter dem Mikroskop irgendwelche Zeichnungen zu machen, das ist mir bald einmal verleidet. Nach drei Monaten habe ich mich für ein Jus-Studium entschieden. Der menschliche Aspekt stand für mich immer noch im Vordergrund. Ich konnte mich gut in Menschen hineinfühlen. Wohl auch deshalb gelang es mir oft, Vergleiche zu schliessen. Die Rechtssprechung hat mir wirklich Freude gemacht. Eine Karriere als Anwalt indes hat mich nie gereizt. Ich war der geborene Richter.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Anwälten?
Mit den Anwälten verstehen sich die Richter im Oberwallis eigentlich gut. Man pflegt ein faires Verhalten. Natürlich hat der Anwalt die Interessen seines Mandanten zu verteidigen. Ich konnte nur den Kopf schütteln, wenn aktenwidrig plädiert wurde. Vielfach herrscht die Meinung vor, ein Anwalt müsse nur gut reden können. Ich bin anderer Ansicht: Ein guter Anwalt muss auch gut schreiben können und die richtigen Beweismittel vorbringen. Die Rhetorik in einem Schlussplädoyer mag bei einem Strafprozess noch helfen, den einen oder anderen menschlichen Aspekt hervorzuheben, entscheidend jedoch ist die Beweisführung.

Wie haben Sie sich eigentlich vom Stress im Gerichtssaal erholt?
Am Wochenende beim gemeinsamen Wandern mit der Familie. Beim Wandern bekommt man eine gewisse Distanz zu den Dingen. Auch ein gutes Essen mit der Familie und Freunden habe ich immer geschätzt.

Oder beim Pétanque-Spiel auf den Sandwegen des Schlossgartens?
(schmunzelt) Zwischendurch ein Pétanque-Spiel ist Gold wert. Drei Kugeln schieben und dann vergisst man die übrigen Sorgen.

Was fasziniert Sie am Pétanque-Spiel am meisten?
Die Ablenkung. Ich war lange Jahre auch als Ersatzrichter am Kantonsgericht tätig. Da habe ich jede Woche einmal von 18.00 bis 20.00 Uhr Pétanque gespielt, bevor ich nochmals ins Büro ging, um mich mit diesen Dossiers zu beschäftigen. Das tat richtig gut.

Spielen Sie im neuen Schlossgarten auch noch?
Natürlich (lacht). Aber die Pisten, also die Spazierwege, könnten etwas feiner sein...

Ihr Satz „Man sollte viel, viel mehr ein lustiges Völklein sein“ ist stadtbekannt. Sind wir alles Griesgrämer?
Nein. Aber Lachen tut dem Herz und dem Gemüt gut. Die Kraft des positiven Denkens sollte stärker genutzt werden. Besonders im Gerichtssaal ist man gefährdet, nur noch das Negative im Leben zu sehen. Deshalb habe ich mich schon nach meinem Leitsatz gerichtet: Man sollte viel, viel mehr ein lustiges Völklein sein...

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