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David Schnyder, Chef der kantonalen Dienststelle für zivile Sicherheit und Militär

„Es gibt keine Sicherheit zum Nulltarif“


 

Sitten / Für die Feuerwehrmänner sind die nächsten Tage besonders wichtig. Zum einen besteht während der Fasnachtszeit ein erhöhtes Brandrisiko. Zum anderen wird am Samstag der Agatha-Tag gefeiert. Für die RZ Grund genug, mit David Schnyder, Chef der kantonalen Dienststelle für zivile Sicherheit und Militär, eine Standortbestimmung vorzunehmen.

Von German Escher
Markus Pianzola

Heute Donnerstag beginnt die Fasnacht. Feiern Sie mit oder befürchten Sie irgendwelche Brände in den Fasnachtslokalen?
Mitfeiern werde ich sicher, aber im kleineren Rahmen. Brände befürchte ich eigentlich nicht. Wir haben im Vorfeld über die Medien die Fasnächtler und Betreiber von Fasnachtslokalen auf die wichtigsten Punkte aufmerksam gemacht. Bei den Fasnächtlern appellieren wir an die Eigenverantwortung, indem beispielsweise für die Kostümierung keine leicht entflammbaren Stoffe verwendet werden. Unser Hauptanliegen an die Veranstalter und Wirte: Notausgänge und Brandmelder dürfen nicht von Dekorationselementen versperrt oder abgedeckt werden.

Wie feuersicher sind die Fasnachtsdekorationen eigentlich?
Eigentlich wäre dies heute kein Problem mehr. Es gibt schwer brennbares Dekorationsmaterial. Aber leider verwenden nicht alle Wirte solche Materialien.

Gibt es Vorschriften und Kontrollen?
Unsere Mitarbeiter und die örtlichen Sicherheitsbeauftragten führen Stichproben durch und machen die Wirte oder Veranstalter auf Missstände aufmerksam. Generell stellen wir fest: Die Vorschriften werden im Grossen und Ganzen gut befolgt. Trotz den höheren Gefahren gibt es kaum mehr Brände als sonst.

Dieses Jahr fallen Fasnacht und Agatha zusammen: Wie wichtig ist die Agatha-feier eigentlich für Feuerwehrmänner?
Der Agatha-Tag ist in mehrfacher Hinsicht wichtig. An vielen Orten wird im Rahmen des Gottesdienstes der Schutzpatronin gedankt. Auch finden ganztägige Übungen statt. Der weltliche Teil ist zu vergleichen mit einer Generalversammlung eines Vereins, an dem man aufs vergangene Jahr zurückblickt und die Schwerpunkte fürs neue Jahr erläutert. Bei dieser Gelegenheit erfahren die eingeladenen Gemeinderäte, welche wichtigen Aufgaben die Feuerwehr heute wahrnimmt. Da kann sich jeder Gemeinderat seine Gedanken machen, ob die Gelder richtig eingesetzt sind oder nicht. Zudem findet mancherorts an diesem Tag auch die Verteilung des wohlverdienten Soldes für die Einsätze und Übungen des vergangenen Jahres statt.

Aber an den Agathafeiern wird auch kräftig gefeiert – mitunter sogar mit ausländischen Tänzerinnen wie in Simplon-Dorf letztes Jahr.
Die Vorführung der Agathafeier vom letzten Jahr in Simplon-Dorf beruht auf einer „spät in der Nacht“ abgeschlossenen Wette. Von solchen Festen halte ich nicht viel. Die Pflege der Kameradschaft gehört allerdings dazu. Dass man zusammen sitzt und ein Glas trinkt, ist normal. Aber in der Regel geht es an den Aga-thafeiern doch sehr gesittet zu und her. Es ging auch in früheren Jahren gesittet zu, doch wurde damals manchmal auch tiefer ins Glas geschaut.

Sie sind der oberste Feuerwehr-Verantwortliche im Kanton. War 2004 ein schlimmes Jahr?
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass sich 2004 in etwa im Rahmen des Vorjahres bewegt. Die Walliser Feuerwehren hatten im vergangenen Jahr 2087 Einsätze. Im Jahr zuvor waren es 2127 Einsätze. Da wahrscheinlich nicht jeder kleine Einsatz von den Kommandanten mitgeteilt und somit nicht in der kantonalen Statistik erfasst wird, gehe ich davon aus, dass die effektive Zahl der Einsätze rund 10 bis 15 Prozent höher ist.

Aber die Feuerwehr ist häufiger im Einsatz als noch vor zehn Jahren?Das stimmt. Mitte der 90er Jahre lag die durchschnittliche Zahl der Einsätze bei 1400. Heute sind es rund 2100 Feuerwehreinsätze pro Jahr. Nur rund 20 Prozent der Fälle betreffen wirkliche Brandbekämpfung. Heute wird die Feuerwehr auch bei Autounfällen, Bergungen aus blockierten Liften etc. aufgeboten. Aber auch die Zahl der Fehlalarme ist angestiegen.

Allgemein habe ich den Eindruck, dass sich die Brände wieder häufen.
Der Eindruck täuscht. Wir hatten den Waldbrand in Leuk und vielleicht die eine oder andere regionale Häufung. Aber das ist Zufall. Gesamthaft ist die Zahl der Brände nicht angestiegen.

Da müsste die Feuerwehr schon fast den Namen ändern?
(schmunzelt) Eigentlich stimmt das. Nicht zuletzt weil die Brandschutzmassnahmen in den vergangenen Jahren verstärkt wurden, sank die Zahl der Löscheinsätze. Die Feuerwehr wird heute zu den verschiedensten Noteinsätzen aufgeboten. Die Feuerwehr ist zu einer schnellen, zivilen Noteingreiftruppe geworden.

Da müsste doch die Zusammenarbeit von Feuerwehr und Zivilschutz intensiviert werden?
Hier gibt es in der Tat grosse Synergien. Weil beide Bereiche in meiner Zuständigkeit sind, versuche ich die Möglichkeiten entsprechend zu nutzen. So haben wir im Zivilschutz im Ober-, Mittel- und Unterwallis je ein regionales Detachement zu je 150 Mann gebildet, das innert ein bis zwei Stunden aufgeboten werden kann und so die Feuerwehr entlastet. Zudem haben wir den Zivilschutz regionalisiert. Die Zahl der Zivilschutzorganisationen wurde von 92 auf 38 reduziert. In diesen neuformierten, regionalen Zivilschutzorganisationen sind Be-strebungen im Gang, den Ersteinsatz stärker zu gewichten. Nebst den vielen gemeinsamen Übungen der Einsatzpartner auf kommunaler und interkommunaler Ebene, führen wir im Wallis jedes Jahr eine Grossübung durch. Vor zwei Jahren fand diese Übung, an der sich 18 Partnerorganisationen beteiligt haben, im Raum Leuk bis Raron statt. Vor zwei Jahren habe ich die Sektion Katastrophenvorsorge gegründet. Heute kümmern sich drei Personen um die Ausbildung der Gemeindeführungsstäbe und stehen diesen, wenn nötig, im Ernstfall beratend zur Seite.

Wir hatten in den letzten zehn Jahren ja etliche Ereignisse?
In meiner 15-jährigen Tätigkeit wurde ich, nebst vielen kleineren Ereignissen, mit dem Vivian-Sturm, dem Bergsturz Randa, den Unwetterkatastrophen 1993 und 2000, dem Lawinenwinter 1999 und zuletzt mit dem Waldbrand in Leuk konfrontiert. Solche Katastrophen gab es immer wieder. Aber die zeitlichen Abstände zwischen den jeweiligen Ereignissen sind kürzer geworden. Wichtig ist, dass man auf verschiedenen Ebenen aus diesen Vorfällen lernt. Das beste Beispiel ist die neue Saltinabrücke in Brig-Glis, die nach dem Unwetter 1993 gebaut wurde und die sich im Jahr 2000, aber auch im letzten Herbst, bewährt hat.

Die Katastrophe von Gretzenbach hat einmal mehr gezeigt, wie gefährlich Feuer-wehreinsätze sind. Wie waren die Reak-tionen der Walliser Feuerwehrmänner?
Auch die Walliser Feuerwehrmänner reagierten betroffen. An einigen Orten fanden Gedenkfeiern für die verstorbenen Feuerwehrkameraden statt. Gretzenbach hat gezeigt: Bei jedem Feuerwehreinsatz besteht ein Risiko. Der Brand war schon beinahe gelöscht, als plötzlich die Decke der Tiefgarage einstürzte. Das lässt sich nicht voraussehen. Da appelliere ich an die Gemeindverwaltungen: Unsere Feuerwehrmänner müssen gut ausgerüstet und gut ausgebildet sein. Das gibt Motivation und Sicherheit. Die Gemeinden müssen das notwendige Geld für die Feuerwehr zur Verfügung stellen. Es gibt keine Sicherheit zum Nulltarif.

Gibt es aus der Katastrophe von Gretzenbach Schlussfolgerungen zu ziehen für die Feuerwehren im Wallis?
Wir hatten zufälligerweise 2004 in der Aus- und Weiterbildung das Schwerpunktthema „Einsätze in Tiefgaragen“. Die Untersuchung in Gretzenbach hat gezeigt, dass der Einsatz der Feuerwehr richtig war. Deshalb lassen sich für weitere, ähnlich gelagerte Löscheinsätze, keine konkreten zusätzlichen Konsequenzen ziehen.

Sind die Ortsfeuerwehren genügend ausgerüstet?
Wir haben vor vier Jahren ein neues Feuerwehrkonzept erarbeitet. Wir wollen mit vermehrter Zu-sammenarbeit und Fusionen von Feuerwehren die Bestände reduzieren und die Synergien nutzen. In den letzten zehn Jahren wurden die Feuerwehrbestände um 30 Prozent reduziert. 1995 hatten wir im Wallis noch rund 9’000 Feuerwehrmänner, heute sind es rund 6’200. Das zweite Anliegen: Wir wollen möglichst rasch am Einsatzort sein. Dazu haben wir ein gutes Alarmsystem aufgebaut. Der dritte Schwerpunkt: Jeder Feuerwehr wird ein Ersteinsatzfahrzeug zugeteilt, damit die Feuerwehren genügend mobil sind. Und schliesslich legen wir grossen Wert auf die Ausbildung. In der Umsetzung dieses neuen Feuerwehrkonzeptes kommen wir gut voran: Über die Hälfte der Feuerwehren haben bereits Fusionsverträge oder Zusammenarbeitsvereinbarungen getroffen.

Wie sieht das Oberwallis aus: Werden Visp oder Brig mit den umliegenden Feuerwehren fusioniert?
Die Feuerwehr-Fusionen sind ein Thema. Denkbar wäre diese Fusion. Die Region Brig hat aber in einer ersten Phase mit den umliegenden Gemeinden einen Zusammenarbeitsvertrag abgeschlossen. Ersteinsatzdetachemente (oder auch Feuerwehrcorps) bleiben aber in jeder dieser Vertragsgemeinden, damit der Ersteinsatz vor Ort garantiert wird.

Wie viel gibt der Kanton für das Feuerwehrwesen aus?
Der Kanton beteiligt sich am Material und an der persönlichen Ausrüstung mit 30 bis 45 Prozent. Bei den Feuerwehrfahrzeugen, die wir zuteilen, übernimmt der Staat 80 Prozent der Kosten. Eine Feuerwehr ohne Atemschutz ist heute keine Feuerwehr mehr. Deshalb subventioniert der Kanton solche Anschaffungen ebenfalls mit 80 Prozent. Der Rest geht jeweils zu Lasten der Gemeinden. Unterm Strich gibt der Kanton für die Feuerwehren pro Jahr sieben Millionen Franken aus. Dieses Budget wird grösstenteils von den Versicherungen übernommen. Die Versicherungsgesellschaften bezahlen 0,05 Promille auf die versicherte Summe. Im Wallis beträgt die versicherte Summe heute rund 110 Milliarden Franken. Vom Bund erhalten wir rund 700’000 Franken für die Einsätze auf der Nationalstrasse.

Geht die Entwicklung in Richtung Teilprofessionalisierung?
Im Moment zumindest geht die Entwicklung nicht in diese Richtung. Man muss sich auch bewusst sein: Eine Teilprofessionalisierung der Feuerwehren verschlingt andere Geldbeträge. Da fahren wir mit unserem Milizsystem doch besser.

Kennen die Walliser Feuerwehren auch Nachwuchsprobleme?
Die meisten Feuerwehren haben keine Nachwuchsprobleme. Im Oberwallis treten pro Jahr über 170 Neueingeteilte einer Ortsfeuerwehr bei. Im Mittel- und Unterwallis sind es jeweils auch 80 bis 100 Neueintritte. Das heisst: Wir können im Wallis mit 350 neuen Feuerwehrmännern pro Jahr rechnen. Und was mich besonders freut: Die jungen Feuerwehrmänner sind sehr motiviert.

Und die Frauen?
Es treten immer mehr Frauen der Feuerwehr bei. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. In Oberems zählt das Feuerwehrkorps etwas über zwanzig Personen, davon mehrere Frauen. Sie sind ebenso wie die Männer ausgerüstet und ausgebildet. Gerade tagsüber, wenn viele Männer auf der Arbeit und deshalb ortsabwesend sind, ist es wichtig, dass Frauen bei Bränden rasch eingreifen können. So stelle ich mir die Feuerwehrcorps in unseren kleinen Bergdörfern vor.

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