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Glis / Die Fastenzeit macht uns auf unsere
Abhängigkeiten aufmerksam, erklärt Rafaela Witschard.
Die 41-jährige Theologin arbeitet als Pastoralassistentin in der
Pfarrei Glis und bietet jedes Jahr eine Fastenwoche an. Im RZ-Frontalinterview
spricht sie über die verschiedenen Möglichkeiten des Fastens,
verrät ihren persön-lichen Vorsatz und sagt: Durch die
Fastenzeit lernt man, bewusster mit sich und der Umwelt umzugehen.
Von Walter Bellwald
Rahel Escher
Die Fasnachtszeit ist vorbei. Sind Sie froh, dass
es jetzt wieder ein bisschen ruhiger zu und her geht?
Für mich fängt die turbulente Zeit jetzt erst an (lacht).
Gerade während der Fastenzeit herrscht Hochbetrieb in der Pfarrei.
Haben Sie sich einen Fastenvorsatz vorgenommen?
Mein Vorsatz ist, dass ich mir jeden Tag einen Moment Zeit für
das Gebet nehme. In der heutigen Zeit, die von Stress und Hektik geprägt
ist, kommt die Stille und Ruhe im Alltag zu kurz. Darum habe ich mir vorgenommen,
mich am Morgen vor der Arbeit bewusst zurück zu ziehen und im Gebet
Kraft zu schöpfen für den Tag.
Als eine Art Meditation?
Es ist mehr als Meditation. Es ist Begegnung mit Gott, Beziehungspflege.
Warum haben Sie gerade diesen Vorsatz gewählt?
Weil ich in letzter Zeit nicht dazu gekommen bin, bewusst vor Gott
zu sein. Das möchte ich in der Fastenzeit wieder einüben und
mir jeden Morgen vor dem Aufstehen einen Moment der Besinnung gönnen.
Viele Menschen tun sich schwer damit, einen Vorsatz
zu halten. Wie ist es mit Ihnen?
Für mich ist es genauso schwer, einen Vorsatz durchzuziehen und
ich werde wahrscheinlich ein paar Joker einsetzen (lacht). Nein, im Ernst.
Ich werde, wie andere auch, kämpfen müssen, meinen
Vorsatz zu halten.
Die Fastenzeit hat am Aschermittwoch angefangen
und dauert bis Ostern. Was bedeutet Ihnen Fasten?
Ich muss vorausschicken, dass ich regelmässig eine Fastenwoche
durchführe (nur trinken). Da achte ich auf die drei Aspekte des Fastens.
Zum einen ist Fasten mit körperlichem Verzicht verbunden, das heisst,
ich esse während einer gewissen Zeit nichts. Dann gehört der
spirituelle Aspekt dazu: Ich pflege vermehrt die Beziehung zu Gott. Und
schliesslich kommt die dritte, soziale Komponente in Form von Almosen
geben hinzu. Diese drei Teile gehören immer zusammen. Das ist auch
die biblische Sicht vom Fasten.
Wie weit kann man den Begriff Fasten auf den Alltag
anwenden?
Wenn ich jetzt von Fasten rede, meine ich eher ein Verzichten. Fasten
ist ein Frühlingsputz für Körper, Geist und
Seele. Die Fastenzeit ist eine Trainingszeit in die innere Freiheit. Sie
stellt uns die Frage nach Verzicht und macht uns auf unsere Abhängigkeiten
aufmerksam. Kann ich ohne Auto in Bewegung sein? Ohne Kaffee aufgeweckt
bleiben? Oder ohne Fernsehkonsum erfüllt sein? Das alles sind Fragen,
die man(n)/frau sich selber stellen sollte. Dadurch nehmen wir ungute
Abhängigkeiten bewusster wahr und lernen, wieder zum Wesentlichen
zu kommen. Den Begriff Fasten können wir weit fassen und ist auf
viele Dinge anzuwenden. Nimmt sich beispielsweise ein Workaholic frei,
ist das auch eine Art von Verzicht.
Was für Vorsätze sollte man sich nehmen?
Es bringt wenig, sich einen Vorsatz zu nehmen, der im Vornherein zum
Scheitern verurteilt ist. Darum sollte man sich nur solche Sachen vornehmen,
die man auch umsetzen kann. Trotzdem muss eine gewisse Überwindung
oder ein Verzicht darin enthalten sein. Ein Vorsatz muss aber mehr enthalten,
als nur auf Kaffee, Fleisch, Süssigkeiten oder Fernsehkonsum
zu verzichten. So sollte einerseits das Geld, das ich dadurch einspare,
einem Bedürftigen, und die eingesparte Zeit andererseits Gott und
meinem Nächsten zu Gute kommen. Das ist der wahre Sinn der Fastens:
Verzicht üben, Almosen geben und Beziehungspflege.
Wirkt sich das Fasten auch auf das innere Gleichgewicht
des Menschen aus?
Der bewusste Verzicht auf Annehmlichkeiten des Alltags oder der Vorsatz,
weniger zu essen, wirken sich bei einem Menschen letztendlich durchwegs
positiv aus. Man lernt, bewusster mit sich und der Umwelt umzugehen und
findet mehr Zeit, sich den Mitmenschen und Gott zu widmen. Ich persönlich
habe sehr viele gute Erfahrungen damit gemacht.
Wo bleibt da der positive Aspekt, wenn jemand
über einen längeren Zeitraum hungern muss?
Fasten ist nicht gleich Hungern. Ich lerne, mit dem wenigen, das ich
täglich zu mir nehme, besser auszukommen. Ich kann das Essen danach
wieder mehr geniessen. Eine positive Begleiterscheinung des Fastens ist,
dass man nach dem Aufbau bewusster, langsamer und auch dankbarer isst.
Trotzdem Ist es sinnvoll, wenn sich jemand
vierzig Tage lang quält, um nach Ostern wieder aus dem Vollen zu
schöpfen?
Nein, natürlich nicht. Fasten sollte eine Gesinnungsänderung
hervor-rufen. Es ist nicht der Sinn der Sache, vierzig Tage zu Fasten,
um anschliessend wieder in alte, ungute Gewohnheiten zurück zu fallen.
Die Fastenzeit sollte man eher wie ein Trainingslager sehen, wo man sich
für den Wettkampf, sprich Alltag, rüstet und lernt, bewusster
zu leben. Die Fastenzeit dient auch dazu, eine innere Ruhe und das Gleichgewicht
zu finden, um Alltagssituationen besser zu meistern. Und schliesslich
wird durch das Fasten auch die Kreati-vität gesteigert.
Vom 3. bis zum 8. März bieten Sie in Glis
eine Fastenwoche an. Was darf der Besucher erwarten?
Es ist eine Fastenwoche für Erwachsene, die gesund sind und sich
auch gesund fühlen. Das Programm ist dreigeteilt. Zum einen wird
der körperliche Aspekt des Fastens aufgezeigt, das heisst, wie faste
ich richtig? Zum anderen ist ein verbaler Austausch über die eigenen
Erfahrungen beim Fasten möglich. Der dritte Aspekt ist mir besonders
wichtig: der spirituelle Teil.
Was nimmt man(n)/frau aus diesem Kurs mit in den
Alltag?
Es geht darum, dass ich eine neue Blickrichtung hin zum Wesentlichen
einübe, wie ich es schon oben ausgeführt habe. Ich versuche
nach dem Motto zu leben: Mehr Zeit für mich, Gott und meine Mitmenschen.
Sie sind Theologin und arbeiten seit zwölf
Jahren als Pastoralassistentin in Glis. Was sind Ihre Aufgaben?
Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Ich unterrichte Religion
auf der Primarschulstufe, gestalte Schulgottesdienste und bin verantwortlich
für Buss- und Versöhnungsfeiern. Auch Sonntagspredigten, Familiengottesdienste
und spezielle Feiern gehören in meinen Zuständigkeitsbereich.
Dabei arbeite ich mit anderen Gruppen, Vereinen und dem Pfarreirat zusammen.
Schliesslich stehen Kranken- und Kommunionbesuche auf dem Programm und
vieles mehr, was in der Pfarreiarbeit sonst noch anfällt.
Wieso haben Sie sich für ein Theologie-Studium
entschieden?
Ich war früher im Jugendverein und im Blauring tätig. Ich
wollte sozusagen mein Hobby zum Beruf machen, deshalb wurde ich nach einem
dreijährigen Studium Katechetin. Ich unterrichtete Religion und machte
Jugendarbeit. Nach zweijährigem Einsatz habe ich mich für das
weitere Theologiestudium entschieden, weil ich vermehrt in der gesamten
Pfarreiseelsorge mitwirken wollte.
Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe?
In erster Linie ist es der Umgang mit Menschen, der mir gefällt.
Ich habe in meiner Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Kranken,
Alten und Gebrechlichen zu tun. Dazu kommt, dass ich allein oder mit anderen
zusammen viele Ideen umsetzen und Projekte in Angriff nehmen kann. Das
ist eine sehr abwechslungsreiche und dankbare Aufgabe.
Als Theologin sind Sie die rechte Hand des Pfarrers.
Stört Sie diese Rollenverteilung?
Nein, überhaupt nicht. Der Pfarrer ist mein Chef und ich bin
seine Pastoralassistentin, das heisst, ich helfe mit in der Pfarreiseelsorge.
Ich habe überhaupt keine Probleme mit meiner Position. Wir ergänzen
und verstehen uns sehr gut.
Wie sehen sie die Arbeit der Frau in der Kirche?
Ich bin klar für Gleichberechtigung. Frauen sollten genauso die
Chance haben, den Beruf des Pfarrers auszuüben, wie Männer.
Ich kenne kompetente und fähige Frauen, die diese Arbeit genauso
gut machen könnten wie Männer. Aber ich persönlich möchte
es nicht und die Strukturen der Kirche lassen das auch nicht zu.
Müsste man das ändern?
Es liegt nicht an mir, dem Vatikan vorzuschreiben, was er zu tun und
zu lassen hat. Tatsache ist: Zurzeit werden Laien immer mehr in die Kirchenarbeit
eingebunden und entsprechend werden ihnen immer mehr Aufgaben übertragen.
Letztlich aber hat die Hauptverantwortung immer noch ein Priester. Und
das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern.
Schätzen die Leute in der Pfarrei Ihre Arbeit?
Ich denke schon. Ich bekomme viele positive
Rückmeldungen. Aber genauso gibt es Menschen, die mit mir Mühe
haben, vielleicht auch deshalb, weil ich eine Frau bin. Aber das stört
mich nicht weiter und ich muss es halt so akzeptieren. Wir haben auch
sehr viele andere Frauen in unserer Pfarrei, die mithelfen, Gottesdienste
und Andachten zu organisieren oder andere Arbeiten zu verrichten. Das
ist sehr hilfreich und ich bin dankbar dafür, dass sich so viele
Leute in der Seelsorge engagieren. Es ist eine Freude, mit ihnen zusammen
zu arbeiten.
Ihre
Meinung interessiert uns!
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