|
Oberwallis / Das Klagelied über mangelnde
Lehrstellen ist derzeit unüberhörbar. Aber es gibt auch andere
Töne beispielsweise von der Berufsfachschule in Visp. Hier
gilt es noch zwölf Lehrstellen für Trendberufe wie Informatiker,
Elektroniker und Automatiker zu besetzen.
Von Rahel Escher
Das Lehrlings-Manko überrascht. Es herrscht
Erklärungsbedarf. Doch über die Gründe können auch
die Ausbildner der Berufsfachschule nur spekulieren. Vor einigen
Jahren konnte die Ausbildung zum Infor-matiker, Elektroniker oder Automatiker
noch nicht so praxisbezogen und abwechslungsreich angeboten werden. Vielleicht
sind noch nicht alle Jugendlichen über das neue Konzept informiert,
mutmasst Ausbildner Beat Seematter, der gemeinsam mit Anton Herren die
Lehrlinge unterrichtet. Sein Kollege ergänzt: Vielleicht trauen
sich viele Lehrstellensuchende einen Weg wie diesen nicht zu. Aber sie
sind ja zum Lernen hier. Daher ist vor allem das Interesse an neuen Technologien
und die Motivation entscheidend, ob jemand für diesen Beruf geeignet
ist. Die Lehrlinge absolvieren ihre Ausbildung hauptsächlich
an der Schule statt wie viele Gleichaltrige in einem Betrieb. Könnte
daher auch der fehlende Lohn die Jungen abschrecken? Das ist kein
Argument. Wir kommen nämlich in den Genuss der üblichen Schulferien.
Da bleibt genügend Zeit zum Geld verdienen, ist Elektroniker-Lehrling
Ralph Martig überzeugt. Einen kleinen Wunsch haben die sonst überaus
zufriedenen Lehrlinge dann aber doch: Wir vermissen die Frauen in
unseren Reihen. Dem können die Ausbildner nur zustimmen. Alle
Lehrstellensuchenden, ob Frau oder Mann, die sich für eine Ausbildung
zu einem der modernen technischen Berufe interessieren, können sich
gerne bei uns melden. Wir haben noch zwölf freie Stellen.
Zufriedene Lehrlinge
Schade, dass sich so wenig Jugendliche für diese Ausbildung
begeistern, es ist eine ideale Alternative zum Kollegium, bedauert
Matthias Bregy. Im Herbst letzten Jahres hat er seine Ausbildung an der
Berufsfachschule begonnen. Nach zwei Vollzeit-Jahren an der Schule folgen
im dritten und vierten Jahr Praktikas in verschiedenen Betrieben. Nach
den vier Jahren an der Berufsfachschule hat Matthias neben dem eidgenössischen
Fähigkeitsausweis und der technischen Berufsmatura, die die Türen
zu den Fachhochschulen öffnet, auch noch einen Einblick in die Industriewelt
erhalten. Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Start ins Berufsleben.
Doch die Lehrstellensuchenden scheint dies nicht zu reizen.
Auch andere Branchen
Die Lehrwerkstätte der Gewerbeschule in Visp ist kein Einzelfall.
Auch andere Branchen haben Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Kritische
Töne sind vorab aus dem Detailhandel zu hören allerdings
meist nur hinter vorgehaltener Hand. Klartext spricht Hans-Ulrich Gotzen
vom Fachgeschäft Brille und Linse in Brig-Glis. Er sucht seit längerem
einen Lehrling ohne Erfolg: Die Probleme waren nicht die
schulischen Leistungen, sondern das formale Bild der Bewerbungen. Die
Begleitbriefe waren voller Fehler. Dies zeigt für mich im Vornherein
mangelndes Interesse, und so jemanden kann und will ich nicht einstellen.
Für Interessenten an einer Ausbildung zum Augenoptiker ist diese
Stelle nach wie vor zu haben.
Anforderungen steigen
Für Manfred Kuonen von der Studien- und Berufsberatung Oberwallis
kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Probleme, Lehrstellen
zu besetzen, waren bisher meist nur in der Bau-, Ernährungs- oder
Gastronomiebranche spürbar, dehnen sich jetzt aber immer mehr aus.
Die Anforderungen werden immer höher und der Arbeitsmarkt ist nach
wie vor sehr hart. Mehr Sorgen als unbesetzte Lehrstellen machen
ihm aber die leistungsschwächeren Jugendlichen, die den gestiegenen
Anforderungen nicht oder kaum mehr genügen. Um diese Probleme in
den Griff zu bekommen, sollten Schule, Lehrmeister und Berufsverband zusammenarbeiten,
statt sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|