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Staatsrat Thomas Burgener (SP)
„Die Streitkultur im Oberwallis hat gelitten“


 

Visp / Trotz umstrittenem Spitalentscheid stehen seine Chancen gut, wiedergewählt zu werden: Im RZ-Interview spricht Thomas Burgener über die Streitkultur, Spitäler und die SP.

von German Escher
Markus Pianzola

Nach den politischen Stürmen im vergangenen Jahr ist es erstaunlich still geworden. Beunruhigt Sie das?
Weil für die zwei Oberwalliser Staatsratssitze nur zwei Kandidaten antreten, ist die Situation für die Wählerinnen und Wähler nicht sehr spannend. Darunter leidet auch der Wahlkampf. Es findet zu wenig inhaltliche Auseinandersetzung statt. Die Konstellation, die sich aus dem Verzicht der CSP und der SVP ergeben hat, ist für mich persönlich zwar nicht schlecht, der politischen Auseinandersetzung aber nicht sehr förderlich.

Stehen bei Wahlen wirklich nur noch Köpfe statt Inhalte im Mittelpunkt?
Da sind die Politiker selber schuld, weil sie oft lieber ihr Bild statt die inhaltliche Position in der Zeitung sehen. Die Streitkultur im Oberwallis hat gelitten. Noch vor zehn Jahren gab es unzählige Bürgerbewegungen. Auch die Umweltorganisationen sind stiller geworden. Diese Entwicklung finde ich schade. In schwierigen Zeiten braucht es einen konstruktiven Streit um gute Ideen und Lösungen.

Ist das Wallis – abgesehen von der Spitalpolitik – im Reformstau?
Es wird viel diskutiert und wenig umgesetzt. Ein Beispiel: Quer durch die Parteien sagen heute alle, dass das Oberwallis nur noch eine Region sein soll. Obwohl sich hier eine Reform rasch umsetzen liesse, ist nichts unternommen worden. Der derzeitige Krebsgang ist zum einen mentalitätsbedingt, zum anderen aber die Folge schlechter Strukturen. Mentalitäten und die Missgunst zwischen den Gemeinden und Regionen lassen sich so rasch nicht ändern. Aber mittels Strukturänderungen kann und muss man Hürden überwinden.

Muss nicht der Staatsrat eine klarere Führungsrolle wahrnehmen?
Man kann immer besser werden. Aber in wichtigen Fragen haben wir in der Regierung eine klare Linie vorgegeben: Wir haben gemeinsam das Steuerpaket bekämpft, sind geschlossen hinter der Initiative „Poststellen für alle“ gestanden und treten jetzt gemeinsam für die CO-Abgabe ein. Es ist wichtig, dass sich die Kantonsregierung nicht in sterilen Streitereien aufhält, sondern gemeinsam getroffene Entscheide umsetzt.

Die einzige Reform der letzten Legislatur ist der Spitalentscheid. Seither bekamen Sie aus Brig heftigen Gegenwind zu spüren. Schmerzt Sie das?
Eigentlich nicht. Als Tambour habe ich ein stabiles Trommelfell und als Politiker eine dicke Haut. Ich bin vor sechs Jahren gewählt und vor vier Jahren bestätigt worden, um etwas zu bewegen und nicht, um in Sitten die Daumen zu drehen. Wenn man einschneidende Entscheide fällt und Reformen im Terrain umsetzt, muss man mit Gegenwind rechnen.

Wie stark wird Ihnen der Spitalentscheid jetzt schaden?
Der Spitalentscheid wird mich östlich der Gamsa schon ein paar Stimmen kosten. Aber der Entscheid war richtig, die Resultate sind positiv. In Naters, Ried-Brig und Brig wie in der gesamten Region wird umgekehrt auch anerkannt, dass in Sachen neuer Alters- und Pflegeheimbetten etwas gelaufen ist. Das liegt den Leuten näher als die Frage, was an welchem Spitalstandort innerhalb vonneun Kilometern behandelt wird.

CVPO-Kandidat Jean-Michel Cina sagte im letzten RZ-Interview, der Spitalentscheid sei nicht sakrosankt und müsse allenfalls nachgebessert werden. Sehen Sie auch Handlungsbedarf?
Es ist klar: Die Spitalplanung ist ein rollender Prozess. Zwischen 1990 und 2005 sind die Anzahl Spitalbetten im Wallis von 1269 auf 700 reduziert worden. Das Wallis verfügt heute über 2,5 Betten auf 1000 Einwohner. Das ist ein guter Wert. In einigen Kantonen liegt dieser Wert noch heute bei über fünf Betten. Das heisst: Wir haben heute ein effizientes System. Und unsere Krankenkassenprämien liegen 20 Prozent unter dem schweizerischen Schnitt. Es wird also nicht in Frage kommen, auf Grundsatzentscheide der Spitalreform zurück zu kommen. Optimierungsmöglichkeiten gibt es immer.

Jetzt hat das Gesundheitsnetz eine Kommunikationsfachfrau angestellt. Hat man bisher schlecht kommuniziert?
Wir waren in Sachen Kommunikation keine Weltmeister. Das trifft auf mich als Staatsrat wie auch auf das Gesundheitsnetz (GNW) zu. Bewusste Fehlinformationen der Gegner machten die Sache auch nicht einfacher. Die Kommunikation nach innen und aussen hätte trotzdem besser sein können und müssen. Auch nach der Teilzeit-Anstellung einer Kommunikationsfachfrau durch das GNW bleibt Information nach wie vor eine Führungsaufgabe des Präsidenten und des Generaldirektors des GNW.

Die Einwände der Fundamentalkritiker bleiben: Bestehende Spitalinfrastruktur werde zerstört, die medizinische Versorgung verschlechtert und der Spareffekt sei unter den Erwartungen.
In den letzten fünf Jahren stiegen die Spitalkosten jährlich um rund sieben Prozent. Im Jahr 2005 arbeitet das Gesundheitsnetz mit demselben Budget wie 2004. Das heisst: Die Kurve der steigenden Spitalkosten konnte gebrochen werden. Die Ausgaben hat man im Griff. Die Fusion der sechs Spitäler unter dem Dach des GNW hat dazu geführt, dass der Konkurrenzkampf zwischen den Spitälern weggefallen ist. Die Zahl der Hospitalisationen ist kantonsweit um 6,7 Prozent gesunken, was selbstredend zu einem Einnahmenrückgang führte. Es ist ja positiv, wenn es weniger Spitalaufenthalte gibt. Spitäler sind nicht da, um Umsatz zu generieren, sondern um Menschen zu helfen und zu pflegen. Jetzt muss das Gesundheitsnetz seine Ausgaben der veränderten Einnahmensituation anpassen. Wenn es ein Defizit gibt, dann ist dies auch auf den schlechten Tarmed-Taxpunkt im ambulanten Bereich zurückzuführen, der auf eidgenössischer Ebene und nicht von uns festgelegt wurde.

Wie gross ist die Gefahr, dass alle wichtigen Disziplinen in Sitten zentralisiert werden und in der Provinz noch kleine Spitalableger betrieben werden?
Der Spitalentscheid definiert die drei Spitalregionen Oberwallis, Siders-Sitten-Martinach und das Chablais. Dieser Grundsatz garantiert dem Oberwallis auch in Zukunft eine zeitgemässe Spitalinfrastruktur. Ohne Spitalreform wäre die Gefahr einer Zentralisierung mit der Zeit grösser gewesen als heute.

Können Sie das Wort Spital überhaupt noch hören?
Zugegeben: Es gab einige schwierige Phasen. Aber das Spitaldossier gehört zu meinem Amt. Es ist ein spannendes Dossier.

Liebäugeln Sie mit einem Departementswechsel?
Nein. Erstens gefällt es mir in meinem Departement, in dem ich motivierte und gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe. Zweitens will ich die trotz schädlichen Nebengeräuschen gut angelaufene Reform im Gesundheitswesen weiterführen und eine fürs Wallis optimale, effiziente und kostengünstigere Gesundheitspolitik umsetzen.

Wie beurteilen Sie Ihre Bilanz als Energieminister?
Durchaus positiv. Die Sanierung der Walliser Energiegesellschaft (WEG) hat sich als richtig erwiesen. Zugegeben: Nicht zuletzt auch dank den günstigen Strompreisentwicklungen erwirtschaftet die WEG einen jährlichen Cashflow von rund vierzig Millionen Franken. Zudem konnten mit der EnAlpin und weiteren Partnern gute Lösungen für die regionale Stromverteilung gefunden werden.

Trotzdem mäche ein Wechsel Sinn: Mit einem Visper an der Spitze des Baudepartements käme die Umfahrung Visp vielleicht zügiger voran?
Bei der Umfahrung Visp hat die Kantonsregierung die Hausaufgaben suboptimal gemacht. Die Planauflage war ungenügend vorbereitet. Das Bundesgericht hat ja nicht die Begehren der Umweltorganisationen oder der Gemeinde Lalden geschützt, sondern seinen Entscheid aufgrund eines Berichts des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft in Sachen Ufervegetation gefällt. Bis zur Inbetriebnahme der Südumfahrung braucht es eine provisorische Entlastungspiste von Visp. Eine solche Strasse kann innert wenigen Monaten gebaut werden.

Also wird der Staatsrat das Dossier nochmals an die Hand nehmen?
Ganz klar. Aber auf den nächsten Sommer hin wird dies kaum reichen. Kommt hinzu, dass der Dialog mit den betroffenen Gemeinden und den Organisationen noch intensiviert werden muss.

Seit die SP im Staatsrat vertreten ist, hat die linke Opposition an Biss verloren.
Diese Beurteilung ist nicht ganz falsch. Wenn man in der Regierung ist, muss man auf den verschiedenen Tasten des Klaviers spielen – auf den weissen Tasten der Regierung, welche die Melodie macht, und auf den schwarzen Tasten der Opposition, die den Takt vorgibt. Die Fraktion macht ihre Sache gut. Interessant: Die SP-Fraktion ist mittlerweile fast die regierungstreuste Gruppe im Grossen Rat – das vielleicht darum, weil der Staatsrat nicht zuletzt auch unter meinem Einfluss eine bessere Politik macht als die bürgerliche Mehrheit des Kantonsparlaments.

In den Medien tauchen immer wieder Gerüchte auf, die SP Unterwallis erwäge im zweiten Wahlgang eine eigene Kandidatur. Setzen Ihnen die Genossen das Messer auf die Brust?
Ich habe eine gute Unterstützung der SP Unterwallis. Aber es ist nicht ganz falsch, dass nach acht Jahren SP-Präsenz im Staatsrat die Unterwalliser Linken gerne einmal den Staatsrat stellen würden. Die überwiegende Mehrheit sagt, man könne damit noch vier Jahre warten. Aber es gibt einzelne, die sich eine Unterwalliser SP-Kandidatur im zweiten Wahlgang vorstellen könnten. Deshalb ist es für mich und das Oberwallis wichtig, dass ich im ersten Wahlgang ein gutes Resultat erziele.

Wenn die SP Oberwallis nach dem Nationalrat auch den Staatsrat verlieren würde, ginge der Erosionsprozess des linken Blocks im Oberwallis weiter, was sich bei den nächsten Nationalratswahlen für die SP Wallis rächen könnte.
Wir werden den Sitz nicht verlieren, und von einem eigentlichen Erosionsprozess kann man nicht reden. SP-intern sind sich aber alle einig: Wenn der SP-Staatsratssitz in vier Jahren ins Unterwallis gehen soll, müssen bei den eidgenössischen Wahlen im Jahr 2007 die Weichen so gestellt werden, dass unter dem Strich nach 2009 ein wichtiges Mandat bei der SP Oberwallis bleibt. Wenn alle drei wichtigen Ämter in einer Sprachregion sind, schadet das der Gesamtpartei.

Wie schlimm wäre es, wenn der deutschsprachige Kantonsteil nur noch einen Vertreter in der Kantonsregierung hätte?
Das hätte fürs Oberwallis gravierende Folgen. Ich erlebe es wöchentlich an den Staatsratssitzungen, wenn über Standorte und Investitionsvorhaben diskutiert wird. Wenn da nur noch ein Oberwalliser vier Welschen gegenüber sitzt, hat dieser einen schweren Stand. Ich teile da auch die Einschätzung von Staatsrat Wilhelm Schnyder, der in einem RZ-Interview klar gesagt hat, dass die CVP Mittel- und Unterwallis mit einem Wähleranteil von rund 24 Prozent nicht dauernd vierzig Prozent der fünf Sitze beanspruchen kann. Auch wenn der SP-Sitz 2009 ins Unterwallis geht, muss das Oberwallis mit zwei StaatsrätInnen vertreten bleiben.

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