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Zermatt / Am Wochenende entscheiden die Zermatter
in einer Konsultativabstimmung, ob der Ausbau der Strasse Täsch-Zermatt
genauer abgeklärt werden soll. Gemeindpräsident Christoph Bürgin
rechnet mit einem Ja, weist aber auf die Finanzierungsschwierigkeiten
hin und sagt klar, dass er das Verkehrsproblem innerorts höher einstuft.
Von German Escher
Ruth Seeholzer
Haben Sie ein eigenes Auto?
Wie die meisten Zermatter habe auch ich ein Auto.
Sind Sie deshalb für den Ausbau der Strasse
nach Zermatt?
Ich bin ganz klar für eine ganzjährige wintersichere Strassenverbindung
von Täsch nach Zermatt. Soweit sind sich alle Zermatter einig. Die
Meinungen gehen in der Frage auseinander, wer künftig die Strasse
benützen darf: Sollen nur Einheimische oder auch die Gäste oder
allenfalls nur jene, die eine Woche in Zermatt bleiben, mit ihrem Wagen
bis vor den Kurort fahren dürfen? Aber sehr viele Fragen sind derzeit
noch ungeklärt allen voran die Finanzierung. Zudem hat man
bis heute mit der Nachbargemeinde Täsch, auf deren Boden sich die
Strasse zur Hälfe befindet, nicht gesprochen.
Wie viel würde der Strassenausbau kosten?
Die Exponenten der IG Zufahrtsstrasse glauben, dass ein Ausbau für
rund 20 Millionen Franken zu machen ist. Baufachleute gehen von über
100 Millionen Franken aus. Die effektiven Zahlen liegen wohl irgendwo
dazwischen. Und selbst dann bleibt die Frage: Wie soll das Strassenprojekt
finanziert werden? Der Kanton hat für die nächsten 25 Jahren
andere Prioritäten. Aber so lange möchten die meisten Strassenbefürworter
nicht warten.
Sind die Zermatter so ungeduldig?
(schmunzelnd) DMattini sind ungeduldigi. Weil manche
nicht zwei Jahrzehnte zuwarten wollen, ist nun von einer privaten Finanzierung
die Rede. Aber auch da gibts unzählige Fragen. Ein Parking lässt
sich problemlos über Gebühren finanzieren. Aber soll für
die Strasse eine Benützungsgebühr erhoben werden? Wie hoch müsste
eine solche Gebühr bei einem Investitionsvolumen von 60 bis 70 Millionen
Franken denn sein?
Hätte Zermatt überhaupt genügend
Platz, um ein derart grosses Parking zu erstellen?
Eingangs Zermatt, wo sich die Kehrichtverbrennungsanlage befindet,
liesse sich ein Parking durchaus realisieren. Aber dazu bräuchte
es eine Zonenänderung. Der aktuelle Quartierplan würde ein solches
Parking nicht zulassen. Wenn man die IG Zufahrtsstrasse auf diese Probleme
hinweist, kommt meist die Antwort: Es gehe nun primär darum, abzuklären,
ob die Zermatter eine solche Strasse im Grundsatz wollen. Erst im nächsten
Schritt solle Geld für Abklärungen und Planungen ausgegeben
werden. Ich gehe davon aus, dass die grosse Mehrheit der Zermatter dem
Strassenausbau im Grundsatz zustimmen wird. Aber es wird nicht die letzte
Abstimmung sein. Weitere Urnengänge über Parking, Finanzierung
etc. werden folgen.
Aber fehlen heute nicht die Entscheidungsgrundlage
für eine solche Konsultativabstimmung?
Die Strassen-Abstimmung kommt eindeutig zu früh.
Sie hätten als Gemeinderat doch den Fahrplan
festlegen können?
Der Gemeinderat hat einstimmig beschlossen, eine Konsultativabstimmung
durchzuführen. Der Gemeinderat war sich aber in Bezug auf den Terminplan
nicht einig. Ich hätte die Abstimmung lie-ber am 5. Juni oder noch
später gehabt, damit sich der Bürger in Kenntnis weiterer Abklärungen
seine Meinung bilden kann. Die Mehrheit im Rat hat sich für den 6.
März ausgesprochen.
Es ist eine Konsultativabstimmung. Trotzdem ist
das Ergebnis als ein Auftrag des Bürgers zu interpretieren?
Das sehe ich auch so. Entweder wird am 7. März die Strassendiskussion
gestoppt, oder der Gemeinderat erhält den Auftrag, weitere Abklärungen
zu treffen. Kernfrage ist und bleibt aber die Finanzierung. Und das wird
nicht einfach, zumal der Bund die Saastalstrasse und den Abschnitt St.
Niklaus-Täsch aus dem eidgenossischen Hauptstrassennetz streichen
möchte. Die IG Strasse glaubt aber, man könne den Abschnitt
bis Zermatt noch ins Hauptstrassennetz aufnehmen, um in den Genuss höherer
Subventionen zu kommen.
Die Strassen-Debatte ist sehr emotions-geladen.
Wieso eigentlich?
Das war schon bei der Abstimmung 1986 so. Die Strasse ist in Zermatt
ein politischer Dauerbrenner. Die Schwarzen waren tendenziell immer dagegen,
die Gelben gehörten eher zu den Befürwortern. Dieses Parteigeplänkel
hat sich auch in den Gemeinderatswahlen niedergeschlagen.
Nachdem das Matterhorn-Terminal in Bau ist, rufen
die Zermatter nach der Strasse. Wollen die Zermatter den Fünfer und
das Weggli?
Solche Reaktionen habe ich auch bekommen. Aus den Kreisen der Walliser
Politiker sagt man mir klar: Jetzt haben wir uns bemüht, dass der
neue Terminal in Täsch subventioniert wird. Kaum ist das Projekt
bewilligt, wird der Ruf nach der Strasse laut. Das wird nur bedingt verstanden.
Wenn Zermatt sich hinten anstellt und warten kann, bis die anderen Strassenprojekte,
denen der Kanton höhere Priorität einräumt, realisiert
sind, stösst die Forderung nach dem Strassenausbau eher auf Verständnis.
Wenn Zermatt aber glaubt, dass sein Strassenprojekt anderen Vorhaben vorgezogen
werde, wirds im Bezirk gewaltig rumoren. Und dafür habe ich auch
Verständnis. Welche Auswirkungen die Zermatter Forderungen auf unser
Image im Kanton haben, bleibe dahingestellt.
Zugleich plant man mit dem sogenannten Masterplan
einen neuen Zermatter Bahnhof. Tanzt die Gemeinde da nicht auf zwei Hochzeiten?
Der Masterplan Bahnhof ist ein Prozess, welcher die Matterhorn Gotthard
Bahn in die Wege geleitet hat und auch primär betrifft. Die MGB hat
vor Jahren Fehler begangen, deren Korrektur heute Millionen verschlingt.
Deshalb braucht es diesen Masterplan. Die Bahn ist für Zermatt wichtig.
Aber längst nicht alle Gäste wollen mit der Bahn anreisen.
Bestes Beispiel sind die Norditaliener. Um diese Gästegruppe bemühen
sich St. Moritz, Montana und Zermatt. Nach der Einstellung des Autoverlads
am Simplon ging die Zahl der italienischen Gäste zurück. Jetzt
ist der Autoverlad wieder in Betrieb. Die Vorzeichen wären also gut.
Aber die Italiener wollen mit ihrem Wagen bis vors Matterhorn-Dorf fahren.
Aber Zermatt wird auch von der NEAT profitieren?
Das stimmt. Aber dann müssen die Zugverbindungen stimmen. Heute
werden die internationalen Züge aus Hamburg nach Interlaken geleitet.
Das hat zur Folge, dass der Gast mit Reiseziel Wallis morgens um fünf
in Basel umsteigen muss. Da waren die langsamen Berner schneller als die
Walliser. Konkret: Wir müssen die Weichen jetzt richtig stellen,
um die Vorteile der NEAT auch nutzen zu können.
Braucht Zermatt deshalb einen neuen Bahnhof?
Am Samstag herrscht am Bahnhof Zermatt Chaos. Am selben Tag reisen
10000 Menschen an und ab. Alle 116 Hotels kommen mit ihren Elektromobils
oder Kutschen. Der Bahnhofplatz ist eindeutig zu klein. Die Erfahrung
zeigt: Bei der Ankunft am Ferienort oder in der Unterkunft sind für
den Gast die ersten drei Sekunden entscheidend. Die Verhältnisse
am Bahnhof sind nicht Zermatt-würdig. Die Platzverhältnisse
auf den Perrons sind eng, die Atmosphäre ist dunkel und kühl.
Das hat die MGB erkannt. Deshalb soll das neue Bahnhofbuffet abgerissen
und der Bahnhofplatz erweitert werden. Der Masterplan wird auch die Verhältnisse
für die Gornergratbahn entscheidend verbessern. Wenn aber die Strasse
Täsch-Zermatt ausgebaut werden soll, wird wohl die MGB nochmals über
die Bücher gehen und den Masterplan Bahnhof Zermatt redimensionieren.
Wie sieht der Zeitplan für den neuen Bahnhof
aus?
Der Masterplan soll im Juni verabschiedet und dann in Etappen realisiert
werden. Die Umsetzungsphase dauert rund 20 Jahre.
Man spricht von Strasse und Bahn und vergisst
das eigentliche Verkehrsproblem. Die Bergbahnen sind für Gäste
nur mühsam zu erreichen. Setzt Zermatt falsche Prioritäten?
Ich stufe die Probleme des Innerortsverkehr höher ein als die
Frage der Zufahrtstrasse. Unsere Ski-Busse haben eine Kapazität von
800 Personen. Die Stundenkapazität der Matterhornbahn, des Sunnegga-Express
und der GGB beträgt rund 6000 Personen. Wir benötigen ein System,
das den Gast rasch zu den Bahnen befördert. Aber das kostet Geld.
Uns wurde kürzlich ein Projekt vorgestellt, das ähnlich einer
Achterbahn die Gäste auf kleinen Zugskompositionen zu den Bahnen
bringen würde. Die Beförderungskapazität dieser Variante
beträgt 2000 Personen pro Stunde. Die Achterbahn-Variante kostet
14 bis 16 Millionen Franken. Aber wer finanziert ein solches Projekt?
Gibts keine Alternativen?
Doch. Man kann die Verteilung der Gäste ins Skigebiet verlagern,
indem man alle drei Gebiete mit Bahnen miteinander verbindet. Der Gast
würde also am morgen jene Bergbahn benutzen, die am nächsten
zu seiner Unterkunft ist und entscheidet sich erst später für
eines der Skigebiete. Entsprechende Projektabklärungen sind jetzt
im Gang. Die Bergbahnen gehen davon aus, dass man frühestens in acht
Jahren so weit wäre. Bleibt die Frage, ob wir so lange zuwarten können.
Die Busse und Taxis können den Gästeansturm schlicht nicht mehr
bewältigen. Bereits heute haben wir rund 500 Elektromobile. Auch
hier ist keine Steigerung mehr möglich.
Setzen sie jetzt auf diese Achterbahn oder geht
das Dossier in die Schublade?
Diese Anlage funktioniert bisher erst auf einem Fabrikgelände.
Sobald der österreichische Hersteller eine solche Bahn irgendwo realisiert
hat, werden wir uns festlegen können. Die Achterbahn-Lösung
war bisher die günstigste Variante.
Und Zermatt wächst weiter, das Problem wird
sich verschärfen?
Das stimmt. Aber es ist sehr schwierig, den Zweitwohnungsbau einzudämmen.
Die Spekulanten haben den Boden nicht mitgebracht. Die Einheimischen haben
ihr Bauland verkauft aus welchen Gründen auch immer. Wenn
nun noch die Lex Koller fällt und der Verkauf an Ausländer freigegeben
wird, wird der Zweitwohnungsbau nochmals angeheizt. Wir haben deshalb
ein Fachbüro beigezogen, das mögliche Massnahmen erarbeiten
soll.
Sie wollen Zermatt als Prestige-Marke positionieren.
Würde mit dem Strassenbau nicht dem Massentourismus und Tagesausflugsverkehr
Tür und Tor geöffnet?
Das ist in der Tat widersprüchlich.
Es macht für mich auch wenig Sinn, wenn dieselben Kreise, welche
die Eindämmung des Zweitwohnungsbau fordern, auch für den Ausbau
der Strasse kämpfen. Zermatt möchte weg vom Massentourismus.
Ob das mit der heutigen Grösse überhaupt möglich ist, bleibt
dahingestellt. Zermatt sollte das Exklusive wieder betonen. Der Walliser
hat offenbar Hemmungen für dieses Business. Ansonsten würden
wir offensiver kommunzieren, wenn Prominente ihren Urlaub bei uns verbracht
haben. Und solche gibt es durchaus. Robbie Williams oder Prinzessin Fergie
sind nur zwei Beispiele der letzten Zeit. Aber Zermatt vermarktet sich
zu wenig exklusiv und verkauft sich zu billig.
Ihre
Meinung interessiert uns!
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