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Maria Matter, Sakristanin in Agarn
„Als Sakristanin steht man immer in der zweiten Reihe“


 

Agarn / Seit über 36 Jahren ist Maria Matter die gute Seele der Agarner Kirchgemeinde. Als erste Sakristanin nahm sie auch bald Platz im Oberwalliser Sakristanenverband. Sie sagt: „Sakristane sind Diener, keine Befehlshaber.“ Trotzdem erfüllt sie der Dienst an Gott und der Kirche mit grosser Freude. Und bald wird man „ds Marie“ wieder Tag für Tag mit einem Arm voll Blumen durch Agarn radeln sehen, die sie zum schmücken „ihrer“ Kirche im eigenen Garten anpflanzt.

Von Ruth Seeholzer
Walter Bellwald

Ostern steht vor der Tür. Haben Sie die Kirche bereits geschmückt?
Das Heilige Grab ist erstellt. Und viele Blumen habe ich bereitgestellt. Für unsere Kirche sind Begonien am dankbarsten. In einem schönen Rot, so kommen sie vor den weissen Wänden gut zur Geltung.

Was bedeutet Ostern für Sie?
Ostern ist für mich ein hohes Fest. Das ist das wichtigste Fest im Jahr. Auch zu Hause schmücke ich gerne auf dieses Fest hin.

Die Kirche zu schmücken ist ja nur ein kleiner Teil Ihrer Arbeit. Was gehört sonst noch dazu?
(holt tief Luft) Also... Am Morgen öffne ich die Tür zur Kirche und diejenige der Rosenkranz-Kapelle. Falls Messe ist, mache ich Wein und Wasser bereit und den Kelch für den Herrn Pfarrer und den Messdienern ihr Gewand. Danach mache ich die Bibel bereit für die Lesung und das Evangelium. Nach der Messe mache ich jeweils einen kleinen Rundgang, ob alles in Ordnung ist, fülle je nachdem Kerzen nach, reinige Kerzenhalter. Am Abend schliesse ich die Kirche um rund sieben Uhr und mache noch mal einen Rundgang. Ich schaue zum Beispiel im Beichtstuhl nach, ob da jemand versteckt ist (lacht).

Hat es das schon gegeben?
Nein, das nicht. Aber ein Opferstock war einmal aufgebrochen. Das ist dann schon eher unangenehm. Weiter schaue ich auch im Kirchenturm nach, ob sich da jemand versteckt hält, hinter dem Hochaltar.

Haben Sie keine Angst?
Nein, also überhaupt nicht! Angst kenne ich keine. Ich mache mir da keine Gedanken drüber.

Sie sind seit über 36 Jahren Sakristanin. Haben Sie die Kirchenglocken früher noch von Hand geläutet?
Nein, bereits in meiner ersten Zeit als Sakristanin wurden die Glocken elektrisch geläutet in Agarn. Allerdings damals noch nicht automatisch. Da musste man die Glocken immer von Hand in Gang stellen.

Dann sind Sie immer bereits morgens um sechs Uhr im Glockenturm gestanden und haben es läuten lassen?
Nein, nein (schmunzelt)! Mein Vorgänger, Leo Matter, hatte das noch so gehalten. Allerdings wusste man bei ihm immer, welche Schicht er arbeitete. Hatte er Frühschicht, läutete es halt bereits um fünf Uhr, hatte er eine andere Schicht, dann läutete es um sechs Uhr morgens. Aber ich hatte mir gedacht, dass das dann doch ein bisschen zuviel würde. Darum läutete es eine Zeit lang – mit dem Einverständnis des Pfarreirates natürlich – nicht mehr morgens in der Früh. Aber seit der Automat eingebaut ist anfangs der achtziger Jahre läutet es halt wieder jeden Morgen, und zwar pünktlich drei Minuten nach sechs Uhr.

Heute läuft das ja alles elektronisch und ferngesteuert. Trotzdem müssen Sie wissen, wie das Ganze funktioniert. Sie haben also auch handwerkliches Geschick?
Natürlich darf man in unserem Beruf nicht gerade zwei linke Hände haben. Aber zum Beispiel mit der Kirchenuhr, das hat eine Spezialfirma übernommen. Wenn dabei etwas nicht mehr geht, dann kann ich das dieser Firma melden. Probleme hat es nur noch ein paar Mal gegeben mit der Umstellung auf die Sommerzeit. Ich erinnere mich, dass just an so einem Sonntag, als in der Nacht zuvor die Zeit um eine Stunde vorgestellt wurde, in aller Frühe das Telefon bei mir läutete. Ich war gerade am Zähneputzen. Am anderen Ende war der Kirchenratspräsident und fragte mich, ob die Messe heute früher anfange, weil doch die Glocken schon läuteten. Ich nichts wie raus und in einem Spurt hinüber zur Kirche, um sofort das Geläute abzustellen. Wegen der Zeitumstellung hatte sich einfach etwas verschoben im Automat. Erst auf dem Nachhauseweg stellte ich fest, dass ich noch um den ganzen Mund die Zahnpasta verschmiert hatte! Gott sei dank war um diese Zeit noch niemand unterwegs (lacht herzlich)!

Jetzt ist alles in Ordnung mit der Zeitumstellung?
Na ja, es geht. Die letzten zwei Mal ging alles reibungslos. Aber ich lasse mich gerne wieder überraschen, obs am kommenden Ostersonntag klappt oder nicht.

In den letzten vierzig Jahren hat sich sehr viel geändert in der katholischen Kirche. Das bedeutete auch für Sie immer wieder Umstellungen?
Ja, natürlich. Am Anfang gab es doch überhaupt keine Art der Mitwirkung einer Sakristanin bei der heiligen Messe. Heute ist man viel mehr einbezogen.

Was gefällt Ihnen besser?
Also ich arbeite sehr gerne mit in der Messe, zum Beispiel eine Lesung lesen oder helfen die Kommunion auszuteilen. Ich bin da so richtig hinein gewachsen.

Änderungen gab es auch beim Pfarreipersonal.
Ja, heute haben wir eine Seelsorgehelferin, die viel Arbeit übernimmt. Auch bei uns Sakristanen hat sich einiges verändert. 1966 wurde der Oberwalliser Sakristanenverband gegründet. Schon in meinem ersten Sakristanenjahr 1969 schickte mich der damalige Pfarrer Pierig an eine Delegiertenversammlung. Mir war ein bisschen mulmig. Ich war nämlich die einzige Frau. Heute hat es mehr Frauen als Männer, die im Oberwallis als Sakristane tätig sind.

Da hatten Sie also eine Art Vorreiterrolle im Oberwallis. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie die Agarner Sakristanin wurden?
Mein Vorgänger Leo Matter hatte diese Arbeit jahrzehntelang gemacht. Als er kündigte, stand die Gemeinde vor einem Problem. Die guten Gemeinderäte nahmen wohl Leos Kündigung nicht so ernst. Sie suchten nicht wirklich nach einem Nachfolger. Bis halt Leo eines Tages quasi streikte. Das war am ersten Sonntag im Februar 1969. Ich erinnere mich noch genau. Vor, während und nach der Messe hörte man keinen einzigen Glockenton. Aber da erwachten unsere Gemeinderäte! Ich hatte schon Jahre vorher, zum Teil als Mitglied der Jungfrauenkongregation, die Kirche geschmückt und zweimal im Jahr die Kirchenwäsche gewaschen. Pfarrer Pierig brachte also mich ins Spiel. Alle waren damit einverstanden. Dann ging eigentlich alles sehr schnell. Meine Mama war zwar nicht sehr glücklich darüber, weil sie mich zu Hause brauchte. Aber irgendwie ging dann alles sehr gut.

Was sind das für Menschen, die Sakristane? Kann man sie irgendwie charakterisieren?
Es muss jemand sein, der sich in der Kirche wohl fühlt oder sogar dafür berufen ist.

Ist da nicht auch ein Zwiespalt? Einerseits haben Sie eine sehr wichtige Rolle in der Kirche, andererseits sind Sie immer mindestens die Nummer zwei oder gar drei hinter dem Pfarrer?
Ja, man muss schon vor- und nachgeben können (schmunzelt). Aber das macht mir überhaupt nichts aus. Ich hatte auch nie Schwierigkeiten mit einem Pfarrer. Der jetzige ist der sechste, seit ich im Dienst bin, und es gab nie Probleme. Natürlich regt man sich manchmal über etwas auf, aber das lässt man sich dann nicht anmerken.

Ist ein Sakristan eher ein Diener oder ein Befehlshaber?
Also Sakristane sind schon eher Diener. Aber das weiss man ja zum voraus. Ich mache ja die Arbeit nicht für mich selber. Ich mache diese Arbeit für den Herrgott und die Pfarrei. Es ist ein Dienst. Wenn man nicht die Berufung hat, dann kann man diesen Dienst nicht machen. Und man darf nicht rechnen. Der Pfarreirat wollte einmal eine Stundenauflistung von mir. Aber das ist schlichtweg unmöglich. Das sind so viele tausend Sachen und Sächelchen, die erledigt werden müssen. Zum Beispiel kaufen wir den ganzen Sommer über nie Blumen für den Kirchenschmuck. Die pflanze ich alle selber in meinem Garten. Ja wie soll ich denn diese Arbeit verrechnen? – Nein, in unserem Beruf darf man nicht rechnen. Wie gesagt, für mich ist es ein Dienst, ein Dienst am Herrgott.

Durch Ihren Beruf kommen Sie auch mit sehr vielen anderen Menschen in Kontakt. Kommen diese auch mal mit ihren Sorgen zu Ihnen?
Das gibt es tatsächlich. Ich erlebe es häufig, dass jemand kommt und zum Beispiel erzählt, er oder sie müsse nächste Woche ins Spital, oder sie verreisten, und ob ich nicht ein wenig an sie denken könne.

Sie beten dann für diese Leute?
Ich entbrenne eine Kerze und schliesse sie in mein Gebet ein, ja.

Hätten Sie sich auch in anderer Form den Dienst an der Kirche vorstellen können?
Als ich zwei Winter lang in Brig die Haushaltungsschule bei den Klosterfrauen besuchte, spielte ich schon mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen. Just zu dieser Zeit erkrankte jedoch mein Bruder. Und damit stand fest, dass mich die Mutter nicht gehen lassen würde, weil sie zu Hause jemanden brauchte, der ihr half.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der katholischen Kirche?
Als erstes und wichtigstes, dass es bald wieder mehr Priester gäbe. Das macht mir wirklich Sorgen.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
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