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Harry Studer, Präsident des Oberwalliser Fahrlehrerverbandes
„Die neue Ausbildungsform bringt die Moral zurück“


 

Visp / Er ist seit 26 Jahren als Fahrlehrer unterwegs und hat schon viele Neuerungen im Strassenverkehrsgesetz miterlebt. Harry Studer (56), Präsident des Oberwalliser Fahrlehrerverbandes, spricht im RZ-Frontalinterview über die bevorstehende Zweiphasenausbildung, analysiert das Fahrverhalten der Walliser Automobilisten und sagt: „Vermehrte Radar- und Polizeikontrollen sind notwendig, um dem Rowdytum vorzubeugen.“

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Sie kommen soeben von einer Fahrstunde in Sitten zurück. Haben Sie sich über den Verkehr in der Visper Innenstadt geärgert?
Es ist jeden Tag fast das gleiche Bild. Wenn ich von Sitten zurückfahre, staut sich der Verkehr in Richtung Visp schon kurz nach Raron. Das ist umso ärgerlicher, weil viele meiner Fahrschüler/-innen aus dem Mattertal kommen und in Visp den Zug erreichen müssen. Eben erst mussten zwei meiner Fahrschüler aus Zermatt eine Stunde länger warten, weil wir den Zug verpasst hatten.

Ist eine Umfahrung von Visp in Fahrlehrerkreisen ein Thema oder nehmen Sie es, wies kommt?
Natürlich ist die Umfahrung in unseren Kreisen ein Thema. Dass die Umfahrung von Visp schon lange gebaut sein sollte, liegt auf der Hand.

Trotzdem hält sich Ihre Lobby in Verkehrsfragen vornehm zurück?
Wir haben schon öfters interveniert und auf die Verkehrsproblematik aufmerksam gemacht. Vielfach nimmt man uns in der Öffentlichkeit aber zu wenig ernst. Dagegen kämpfen wir an. Man darf nicht vergessen, dass wir erheblich dazu beitragen, dass die Verkehrssicherheit auf den Strassen gewährleistet ist.

Müssten Sie sich für Ihre Belange nicht stärker in der Öffentlichkeit engagieren?
Dem ist so. Das Problem ist nur, dass wir zu wenig politischen Rückhalt haben, um unsere Interessen durchzusetzen. Die Einführung des „Führerscheins auf Probe“ war in Bern hart umkämpft. Gleichzeitig will man die Zahl der Toten auf unseren Strassen reduzieren. Das ist ein Widerspruch. Wenn sich diesbezüglich etwas ändern soll, muss auch die Qualität der Fahrausbildung gesteigert werden. Nur so ist es möglich, auf allen Ebenen einen Schritt vorwärts zu machen. Um unserer Stimme mehr Nachdruck zu verleihen, haben wir uns jetzt auf nationaler Ebene zu einem einzigen Dachverband, dem Schweizerischen Fahrlehrerverband (SFV), zusammengeschlossen. Im eidgenössischen Parlament vertritt unser SFV-Präsident, der Berner Nationalrat Rudolf Joder, unsere Interessen.

Sie waren diese Woche mit einem Ihrer Schüler auf der Fahrprüfung. Wie ists gelaufen?
Sehr gut. Mein Schüler hat die Prüfung mit Erfolg bestanden.

Spricht das für Ihre Kenntnisse als Fahrlehrer?
Natürlich bin ich stolz, wenn eine/-r meine/-r Schüler/-innen die Prüfung besteht. Das spricht sicher auch für die Ausbildung. Gute Kenntnisse in Theorie und Praxis sind unabdingbar, wenn man die Fahrprüfung bestehen will. Die Ausbildung muss zudem so gestaltet werden, dass der Fahrschüler/die Fahrschülerin den Ansprüchen der Verkehrssicherheit genügt und sich sicher im Verkehr einordnen kann. Alles andere ist unseriös.

Wie ist die durchschnittliche Quote der Walliser Fahrschüler/-innen, die auf Anhieb die Prüfung bestehen?
Wir Walliser sind mit Bern die na-tionalen Spitzenreiter, was diese Statistik anbelangt. Zurzeit muss nur jeder vierte Prüfling zum zweitenmal antreten. Das kann als Glanzresultat gewertet werden. Dazu beigetragen haben sicher die Einführung des Verkehrskundeunterrichts und die Qualitätssteigerung im praktischen Bereich.

Demnach sind die Walliser Jugendlichen gute Automobilisten?
Das ist schwer zu beantworten. Ein Permis macht noch keinen Fahrer. Die Jugendlichen von heute sind sehr vielseitig engagiert und werden durch allerlei Sachen in Anspruch genommen. Das hat zur Folge, dass sie für die Fahrschule nicht so leicht zu begeistern sind. Vor allem gezielte Konzentrationsarbeit bleibt oft auf der Strecke.

Was ist der Grund dafür?
Viele Jugendliche werden heute mechanisch nur bedingt gefordert. Das hat eine direkte Folge auf das Fahrverhalten. Dazu kommt, dass das Anforderungsprofil für Neulenker in den letzten Jahren massiv angestiegen ist.

Sie können den Walliser Neulenker/-innen eine Note auf der Skala zwischen 1 (miserabel) und 6 (ausgezeichnet) geben...
Das ist recht schwierig (lacht). Ich denke, ein 4,5 kommt dem Fahrverhalten der Walliser Neulenker/-innen am nächsten.

Das ist knapp genügend...
Keineswegs. Die 4,5 entspricht den Fähigkeiten ziemlich gut. Wie gesagt, die Anforderungen sind in den letzten Jahren massiv gestiegen und dadurch sind die Jugendlichen auch mehr gefordert.

Der Blick auf die Versicherungsstatistik spricht eine deutlichere Sprache. Im nationalen Vergleich verursachen die Walliser/-innen am meisten Unfälle. Wie erklären Sie sich das?
(überlegt lange) Das Fahrverhalten eines Automobilisten ist von mehreren Faktoren abhängig. Einerseits vom Alter, von der Vernunft, von seiner körperlichen und geistigen Verfassung (Stress, Alltagssorgen) und schliesslich nicht zuletzt vom Zeitdruck, dem er ausgesetzt ist. Es ist eher zufällig und wenig aussagekräftig, dass die Walliser diese Tabelle anführen.

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Walliser Raser seien.
Es ist schon so: Wenn man im Wallis achtzig Stundenkilometer fährt, fällt man auf, weil man die gesetzliche Höchstgeschwindigkeit einhält. Fährt man in der „Üsserschwiz“ über achtzig, fällt man auf, weil man zu schnell unterwegs ist. Das erfahre ich jeden Tag: Wenn ich mit meinen Fahrschülern unterwegs bin und wir die Geschwindigkeitslimite von achtzig Studenkilometer einhalten, werden wir ständig überholt, oder es wird von hinten gedrängelt.

Sind wir demzufolge zu temperamentvoll oder ganz einfach dumm?
Ich glaube weder noch. Autofahren hat sehr viel mit Charakter zu tun. Man kann nicht alle Automobilis-ten in den gleichen Topf werfen. Die neue Strassenverkehrsordnung sieht vor, rigoros gegen Strassenrowdys vorzugehen. Das hat man auch bei uns gemerkt. Demzufolge überlegt man sich zweimal, ob man aufs Gaspedal drückt oder nicht. Hier gilt es noch festzuhalten, dass auch Unfälle verursacht werden, die nichts mit Temporausch zu tun haben. Ein Grossteil der Unfälle sind direkte Folgen von Unkonzentriertheit oder Nachlässigkeit.

Was macht letztendlich einen guten Fahrer/eine gute Fahrerin aus?
Wenn sich jemand unauffällig und flüssig im Strassenverkehr bewegt, mögliche Gefahren frühzeitig erkennt und entsprechend darauf reagiert, dann ist es ein/-e gute/-r Automobilist/-in. Die Fähigkeit, bewusst vorauszuschauen und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen eines guten Autofahrers.

Aufgrund der Unfallstatistik wird die Verkehrsordnung schweizweit immer strenger ausgelegt. Begrüssen Sie diese Art von Verkehrserziehung?
Ja. Eine strenge Verkehrserziehung dient der Ordnung auf der Strasse und ist wichtig, um unverbesserliche Fahrer/-innen zu bestrafen. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und Wiederholungstäter dazu zwingen, die Fahrprüfung zu wiederholen. Die vermehrten Radar- und Polizeikontrollen sind notwendig, um dem Rowdytum vorzubeugen. Die Beispiele aus der Deutschschweiz zeigen auf, dass die Autofahrer hier viel gesitteter unterwegs sind als im Wallis, wo weniger Kontrollen stattfinden.

Nach der Senkung der Promillegrenze und verschärften Massnahmen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen wird im Dezember die sogenannte Zweiphasenausbildung eingeführt, bei der der Neulenker/die Neulenkerin nach bestandener Prüfung den Fahrausweis drei Jahre lang auf Probe bekommt. Wie stehen Sie zur neuen Ausbildungsform?
Ich begrüsse die neue Ausbildungsform, weil mit dem Zweiphasensystem die Moral auf die Strasse zurückkommt. Mit der Zweiphasenausbildung wird die Grundausbildung weitergeführt. Ich wäre sogar dafür, den Fahrausweis auf Probe auf vier Jahre einzuführen. Es geht nicht darum, die Neulenker zu diskriminieren, sondern ihr Bewusstsein zu schärfen, wie sie sich im Strassenverkehr zu verhalten haben. Das neue Ausbildungssystem zwingt Neulenker, sich bewusster mit dem Verkehr auseinander zu setzen.

Was ändert sich für Sie als Fahrlehrer beim neuen Ausbildungssystem?
Das Zweiphasensystem ist, wie der Name schon sagt, in zwei Phasen aufgeteilt. Einerseits wird der Führerausweis nach bestandener Prüfung drei Jahre lang auf Probe abgegeben, und andererseits muss ein Neulenker einen zweitägigen Weiterbildungskurs in Fahrtechnik und Eco-drive besuchen, in dem sein Verkehrssinn für gefährliche Situationen optimiert wird. Nach dem Kursbesuch erhält er eine Bescheinigung, um den unbefristeten Führerausweis zu erhalten. Der Fahrlehrer hat nun die Möglichkeit, solche Weiterbildungskurse anzubieten. Dafür muss er allerdings selber einen sogenannten Moderatoren-Kurs besuchen und eine entsprechende Prüfung ablegen.

Begrüssen Sie diese neue Ausbildungsform?
Für den Fahrschüler ist es eine gute Sache. Für uns Fahrlehrer ist diese Form mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden. So müssen wir ein sozialpädagogisches Attest vorweisen, obwohl wir schon vor der Ausbildung zum Fahrlehrer vom
Verkehrspsychologen auf Herz und Nieren geprüft wurden. Dazu ist die Ausbildung zum Moderator sehr kostspielig. Nimmt man den Lohnausfall während den achtzehn Ausbildungstagen dazu, kostet diese Ausbildung jeden Fahrlehrer ein kleines Vermögen – nämlich rund 20’000 Franken. Zudem müssen wir den nötigen Platz in der Grösse von zwei Fussballfeldern zur Verfügung stellen, um die Kurse durchführen zu können. Hier stehen wir mit der Gemeinde Turtmann in Verhandlung.

Die zwei Kurstage kosten eine/n Fahr-schüler/-in 700 Franken. Sind diese Preise angebracht oder werden die Neulenker nicht einfach abgezockt?
Sicher ist es ein zusätzlicher finan-zieller Aufwand, der sich letztendlich aber lohnt. Ich bin überzeugt, dass sich dieser Weiterbildungskurs schon bald einmal positiv auf den Strassenverkehr auswirken wird. Im Kurs lernt der Autofahrschüler, gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen, um rechtzeitig reagieren zu können. Am zweiten Kurstag wird das Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten geschärft und der Verkehrssinn optimiert. Weiter lernt der Schüler umweltschonendes und partnerschaftliches Fahren.

Immer mehr Radarkontrollen und höhere Bussen auf den Strassen. Hand aufs Herz: Macht Ihnen Autofahren noch Spass?
Doch, auch nach 26 Jahren als Fahrlehrer bin ich auch privat immer gerne auf den Strassen unterwegs. Autofahren ist für mich eine Leidenschaft, bei der ich mich sogar gut erholen kann.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
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