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Doris Leuthard, Präsidentin CVP Schweiz
„Die Walliser sind sehr gute Lobbyisten“


 

Muri / Leukerbad / Sie gehört mittlerweile zu den ganz grossen in der Schweizer Politik. Aufgewachsen ist sie im katholischen Freiamt, einem der Innerschweiz nahegelegenen Teil des Kantons Aargau. Doris Leuthard (42) ist Präsidentin der schweizerischen CVP. Am Samstag weilt sie anlässlich einer Podiumsdiskussion und der Delegiertenversammlung der CVP Frauen Schweiz in Leukerbad. Zum Wallis meint sie: „Der Fall Mörel wirft einen Schatten auf das Walliser Image.“ Warum sie sich trotzdem gerne im Wallis aufhält und warum die CVP, seit sie an deren Spitze ist, wieder mehr auf Erfolgskurs reitet, erzählt Doris Leuthard im RZ-Interview.

Von Ruth Seeholzer
Walter Bellwald

Wieder einmal macht das Wallis negative Schlagzeilen in der Deutschschweiz. Was halten Sie eigentlich von den Wallisern? Sind wir Schmarotzer und Abzocker?
(lacht) Nein, das sicher nicht. Ich habe durch meine Parlamentstätigkeit viele Walliser kennen gelernt. Es sind durchaus gemütliche und ehrliche Menschen. Aber der Fall Mörel wirft schon einen Schatten auf das Image des Wallis. Darum kann es nur im ureigensten Walliser Interesse sein, in dieser Angelegenheit für Transparenz zu sorgen. Und vielleicht, falls tatsächlich Fehler passiert sind, sich auch offiziell dafür zu entschuldigen bei den Spenderinnen und Spendern.

Das Wallis hat nach all den kleineren und grösseren Skandalen – Tomatenschwemme, Aprikosen, Weinschwemme, Leukerbad, Mörel – einen etwas angeschlagenen Ruf?
Sie finden sicher in jedem Kanton Skandale oder Ungereimtheiten. Das Wallis weist eine spezielle Situation auf. Es ist schon rein geografisch abgeschottet. Das Wallis hat keine grossen Strukturen wie Autobahn oder Flughafen. Das ist einfach eine schwierigere Situation als zum Beispiel im Kanton Zürich. Darum wird man vielleicht auch etwas eigener und schaut besonders, dass die Interessen gewahrt werden. Wir Deutschschweizer sind ja etwas neidisch auf diese Fähigkeit. Die Walliser sind sehr gute Lobbyisten, sogar über die Parteigrenzen hinweg.

Die meisten Walliser Gemeinden werden nach wie vor von CVP-lern (oder CSP-lern) regiert. Der bekannte Walliser Hotelier Art Furrer ist gar der Meinung, dass nur wegen dem sogenannten „C-Klüngel“ solche Machenschaften, wie in der Vergangenheit im Wallis passiert, möglich seien. Wie sehen Sie das?
Ich stelle diesen C-Klüngel eigentlich nicht fest. Aber es ist normal, dass wenn man sich kennt, dass man sich auch gegenseitig unterstützt. Das, finde ich, ist völlig legitim. Dieses gegenseitige Helfen hat aber eine Grenze. Es muss rechtskonform und transparent sein. Die Grenze der Legalität darf auf keinen Fall touchiert werden. Ob das jetzt in Mörel der Fall war, werden die weiteren Untersuchungen zeigen.

Das Wallis ist seit über 150 Jahren fest im Griff der CVP. Eigentlich müssten wir Ihr Wunsch- und Lieblingskanton sein?
Ja, ich komme auch gern zu Euch (lacht)! Ich war dieses Jahr schon zweimal im Wallis. Für mich ist es eine besonders gute Situation, weil die CVP im Wallis nicht kämpfen muss, um zum Beispiel von Rang vier auf Rang drei vorzustossen, sondern bereits auf Platz eins ist. Insofern hat das Wallis natürlich von der CVP her gesehen eine Vorbildfunktion für andere. Ich finde, die Walliser CVP/CSP ist gut organisiert. Ich habe dort junge Leute mit sehr guten Ideen und viel Begeisterung angetroffen.

Wie erklären Sie sich die grosse CVP-Treue der Walliser?
Offenbar gab es in der Vergangenheit gute Leute aus der CVP/CSP, deren Arbeit vom Wahlvolk geschätzt und unterstützt wurde. Und dann darf man natürlich das C in unserem Namen nicht vergessen. Die Konfession spielte vor allem in der Vergangenheit eine grosse Rolle, welche Partei man wählte.

Zwar ganz langsam, dafür aber umso kontinuierlicher rollt die SVP auch im Wallis das Wähler-Feld von hinten auf. Was hat die CVP dieser schon in vielen anderen Kantonen beobachteten Tendenz entgegen zu setzen?
Ich bin überzeugt, dass jede Art von Wettbewerb den Parteien gut tut. Man muss dann selber über die Bücher und besser werden. Darum sollen sich auch im Wallis sowohl die links/grünen Parteien wie auch die SVP zu Wort melden. Ich rate auch der CVP/CSP Wallis: Ihr müsst argumentativ überzeugen können, dass eure Ideen die besseren sind als die einer SVP. Damit man sagen kann, wir haben eine Berechtigung, dass die Leute uns wählen, unser Weg bringt das Wallis weiter. Das heisst aber auch, dass man sich vermehrt den Debatten stellen muss. Damit die Leute selber entscheiden können, wer die jeweils besseren Argumente hat.

Sie haben da keine Berührungsängste?
Nein, überhaupt nicht. Wenn man seine Thesen begründen kann, kann man dies sowohl vor einem reinen CVP-Publikum wie auch vor einem gemischten Publikum. Ich finde diese Insider-Veranstaltungen nicht sehr förderlich, wo Parteifreunde unter sich sind. Es muss in der Verantwortung eines Politikers sein, dass er seine Position begründet, sich dafür einsetzt und kämpft.

Sie sind jung, dynamisch – und eine Frau. Eigentlich alles Attribute, die noch bis vor wenigen Jahren mehr als hinderlich gewesen wären, um in der CVP Karriere zu machen. Was hat sich geändert?
Der Kanton Aargau hat schon seit Jahren eine starke CVP-Frauen-Gruppe. Die erste Aargauer Grossratspräsidentin war eine Frau aus der CVP. Wir wurden bereits als junge Frauen gefördert. Mich holte man sofort nach meinem Studium, um mich in die Parteiarbeit einzubinden. Ich bin mir nie vorgekommen als quantité négligeable, sondern uns wurde immer eine Chance gegeben. Das waren sehr gute Voraussetzungen für mich. Die CVP Aargau hat schon seit langem auf die Jungen und die Frauen gesetzt.

Dann ist die CVP Aargau eine Ausnahme?
Nein. Aber es gibt natürlich schon Kantone, welche keine Frauen in National- oder Ständerat haben.

Wie zum Beispiel der Kanton Wallis?
Ja, aber die Walliser bekommen ja jetzt Viola Amherd. Ich habe sie bereits eingeladen nach Bern. Wir werden die jetzige Stadtpräsidentin von Brig-Glis direkt in unser starkes Netzwerk einbinden und sie unterstützen. Je weniger Frauen wir sind, desto besser muss unser Netzwerk funktionieren. Ich hoffe, dass Viola Amherd im Wallis zu einem Vorbild für viele wird und Unterstützung findet, gerade auch im Hinblick auf die Wahlen 2007.

Sie sind nicht nur an der Spitze einer grossen Schweizer Partei. Sie haben auch etwas geschafft, was lange vor Ihnen niemandem mehr gelang: Die CVP zu einer Partei zu machen, die wieder trendy ist. Wie ist Ihnen das gelungen?
Es sind erst ein paar kleine Anfangserfolge. Ich möchte noch nicht von einem neuen Trend reden. Es ist ein langer Weg, bis man in der Bevölkerung wieder ein Profil hat als Partei. Eine Aufbruchstimmung ist ganz sicher spürbar. Was wir heute besser machen, ist, dass wir viel geschlossener auftreten in vielen Fragen und somit für die Wählerinnen und Wähler auch berechenbarer werden. Wir wissen wieder was wir wollen.

Das ist Ihr Verdienst?
Jean-Michel Cina als Fraktionspräsident hat gute Arbeit geleistet. Das Team zählt, nicht die Einzelleistung.

Sie haben in einem Ihrer Referate betont, dass es wichtig sei, Rückgrat zu zeigen. Ist das eine Stärke von Ihnen?
Ich finde es einfach daneben, wenn man unklare Positionen einnimmt oder immer wieder seine Meinung ändert. Wenn man je nach Publikum etwas anderes sagt. Das merken die Leute. Ich denke, den stärksten Faktor, den wir Politikerinnen und Politiker aufzuweisen haben, ist unsere Glaubwürdigkeit. Die kann ich doch nicht aufs Spiel setzen, indem ich mich andauernd anpasse oder nichts sage aus Angst vor einer negativen Reaktion. Das heisst für mich, Rückgrat zu zeigen.

Sie wirken emanzipiert und unabhängig, ohne jedoch Berührungsängste bei eher wertkonservativeren Bevölkerungsgruppen auszulösen. Was ist Ihr Rezept?
Ich komme aus dem Aargauer Freiamt. Das ist eine ähnlich wertkonservative Gegend wie das Oberwallis. Ich bin oft nicht derselben Meinung, wie sie bei den Leuten im Freiamt vorherrscht. Trotzdem werde ich akzeptiert und total unterstützt. Die Leute dort wissen, Doris Leuthard hat diese Meinung, und sie kann sie auch begründen. Ich lasse jedoch auch den anderen ihre Meinung. Obwohl ich natürlich probiere, die Leute auf den Weg meiner Überzeugung zu bringen. Es gibt ja verschiedene Werte. Auch die christlichen Werte muss man, angewandt auf die heutige Realität, unterschiedlich beurteilen. Unsere Gesellschaft, die Welt verändert sich. Werte sind stabil, aber ihre Ausgestaltung darf diskutiert werden.

Und was raten Sie den Walliser Frauen am nächsten Samstag anlässlich der Delegiertenversammlung der CVP Frauen Schweiz?
Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass es im Wallis starke Frauen-Parteien gibt. Ohne dieses Netzwerk der Frauen ist es ganz schwierig, weiter zu kommen und etwas zu erreichen. Die Bedürfnisse der Frauen sind anders. Wenn sie sich nicht wehren, damit sie in der Politik präsenter werden, dann ändert sich auch nichts. Und wehren meinen ich nicht im Sinn eines Geschlechterkampfes, sondern als Partnerschaftlichkeit zwischen Männern und Frauen, auch und gerade in der Politik.

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