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Christian Zermatten, Assistenztrainer des FC Sitten
„Dellacasa ist ein Mann, der für den Fussball lebt“


 

Sitten / Turbulenzen beim FC Sitten: Nach der Entlassung von Gilbert Gress ist Gianni Dellacasa bereits der dritte Mann an der Seitenlinie in dieser Saison. Eine der wenigen Konstanten ist derzeit Assistenztrainer Christian Zermatten. In der RZ spricht er über die aktuelle Situa-tion, seinen Boss Christian Constantin und sagt: „Ich bin überzeugt, dass wir den Aufstieg schaffen!“

Von Markus Pianzola
Walter Bellwald

Mit Gianni Dellacasa erleben Sie in dieser Saison bereits den dritten Cheftrainer beim FC Sitten. Wie haben Sie die ersten Tage unter dem Italiener erlebt?
Wir haben uns sofort sehr gut verstanden. Er ist ein Mann, der für den Fussball lebt. In einer ersten Phase habe wir eingehend über die einzelnen Spieler gesprochen. Ich habe ihm erzählt, welche Stärken und Schwächen jeder von ihnen hat. Es war wichtig, dass er sehr schnell alle wichtigen Informationen bekommt, da wir uns momentan in einer wichtigen und entscheidenden Meisterschaftsphase befinden.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Unterschiede zwischen Della-casa und seinen beiden Vorgängern Smajic und Gress?
Smajic verfügt über grosses taktisches Geschick. Er ist jung und hatte daher einen grossen Willen etwas zu bewegen. Demgegenüber zehrte Gress sehr viel von seiner grossen Erfahrung. Er hatte ein vorgegebenes taktisches Konzept, an dem es nur wenig bis gar keine Veränderungen gab. Bei Dellacasa fällt sofort auf, dass er eine total andere Mentalität hat. Bei ihm schlägt das Italienische durch. Das ist eine gänzlich andere fussballerische Kultur. Zudem bringt er den Enthusiasmus mit, den die Mannschaft momentan braucht.

Trotz nur einer Niederlage in 18 Spielen wurde Gilbert Gress von Präsident Chris-tian Constantin entlassen. Ein unverständlicher Entscheid für Sie?
Sieht man nur die nackten Resultate, ist diese Entlassung sicherlich nur schwer nachvollziehbar. Aber es gibt eine Klubphilosophie beim FC Sitten. Constantin verlangt von seinen Mitarbeitern, dass sie sich daran halten. Offenbar war das am Schluss bei Gress nicht mehr der Fall und er konnte die Spieler nicht mehr zu hundert Prozent motivieren.

Ihrer Meinung nach war die Entscheidung Constantins also gerechtfertigt?
Schauen Sie, jeder Trainer hat seine Qualitäten und ein Potenzial, dass er ausschöpfen kann. Gress hat sicherlich sein Bestes beim FC Sitten gegeben. Gegen Schluss seiner Tätigkeit hier hatte man allerdings das Gefühl, dass es nicht mehr derselbe Gress war wie bei seinem Amtsantritt. Den genauen Grund hierfür kann ich Ihnen nicht nennen. Constantin hat zum Wohle des Vereins und der Mannschaft reagiert. Er hat das getan, was seiner Meinung nach in diesem Moment das Richtige war.

Wie haben die Spieler auf die Entlassung reagiert?
Die Spieler sind allesamt Profis. Das ist nicht wie bei einer Amateurmannschaft, wo in einer solchen Situation Fragen gestellt werden dürfen. Heute ist der eine Trainer an der Seitenlinie, morgen vielleicht schon wieder ein anderer. Die Spieler müssen sich schnellstmöglichst anpassen und ihre Arbeit machen. Im heutigen Fussball gibt es zwei wichtige Parameter: Man kann in der Ausbildung der jungen Spieler arbeiten und sucht dabei den langfristigen Erfolg. Ist man aber Trainer eines ambitionierten Profi-Klubs, gibt es eigentlich keine langfristige Arbeit. Es zählt nur der kurzfristige Erfolg. Wichtige Entscheidungen können von einem auf den anderen Tag fallen. Es gibt dabei keine eigentliche Wahrheit. Die richtige Entscheidung muss getroffen werden, das ist alles. Ob diese gut oder schlecht war, wird man im Juni sehen.

Trotzdem war es ein Wechsel hinsichtlich der Trainingsgestaltung und auch des Spielsystems.
Sicherlich gab es in diesen Bereichen Änderungen. Aber es gab keine Wechsel in der Arbeitsstruktur. Das heisst, Christian Constantin hat beim FC Sitten ein Umfeld geschaffen, in dem jeder Trainer fähig sein muss, seine Arbeit zu verrichten. Es ist heute unmöglich, als neuer Trainer in einen Klub zu kommen und in kurzer Zeit alles über den Haufen zu werfen. Es existieren in Sitten professionelle Strukturen mit Assistenztrainer, Torhütertrainern und vielem mehr. Von diesen erhält der neue Trainer bei seiner Ankunft alle notwendigen Informationen. Somit fällt ein Trainerwechsel während der Saison nicht allzu stark ins Gewicht.

Stand es nie zur Diskussion, dass Sie den Cheftrainer-Posten übernehmen?
Das wäre sicherlich auch eine Möglichkeit gewesen. Ich habe die Mannschaft ja auch in der Übergangszeit zwischen Smajic und Gress interimistisch übernommen. Die Situation damals war noch viel schwieriger als heute, weil wir nicht dasselbe Potenzial an guten Spielern hatten. Wenn man mich dieses Mal gefragt hätte, ob ich die Mannschaft übernehme, ich hätte es gemacht, es ist mein Job. Aber meine Bedingung wäre gewesen, dass es sich dabei nur um eine Zwischenlösung gehandelt hätte. Denn ich wurde hier als Assistenztrainer angestellt und nicht als Cheftrainer.

Die vielen Wechsel auf dem Trainerposten, aber auch beim Spielerkader, erleichtern Ihre Aufgabe nicht unbedingt.
Nein, sicher nicht. Es braucht eine gewisse Anpassungsfähigkeit. Der Job eines Trainers entwickelt sich dahingehend, dass es nicht mehr um Stabilität geht. Man muss sich sehr schnell auf neue Situationen einstellen können und das Beste daraus machen. Die Tatsache, dass ich heuer innert kurzer Zeit drei Trainer erlebt habe, ist das beste Beispiel hierfür. Jeder dieser Trainer hat unterschiedliche Methoden und Auffassungen vom Fussball. Hier muss ich mich anpassen und ihm die nötige Unterstützung zukommen lassen.

Der FC Sitten hat momentan sieben Punkte Rückstand auf das zweitplatzierte Yverdon. Ein möglicher Aufstieg scheint in weite Ferne gerückt.
Es gibt in nächster Zeit zwei wichtige Etappenziele: In den folgenden Spielen gegen Vaduz, Luzern und Yverdon müssen wir diesen direkten Gegnern um den Aufstieg so viele Punkte wie möglich abnehmen. Können wir dieses Vorhaben realisieren, dürfen wir uns danach in den Spielen gegen schwächere Gegner keine Ausrutscher erlauben. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich bei der ganzen Sache doch gewisse Zweifel habe: Die Challenge League ist für uns sehr schwierig zu spielen. Für unsere Mannschaft wäre es weitaus einfacher, in der Super League zu spielen. In der Vorbereitung haben wir beispielsweise erfolgreich gegen YB und Xamax gespielt. Der FC Sitten ist in der Challenge League die Mannschaft, die es zu schlagen gilt. Jeder unserer Gegner steigt somit hochmotiviert in die Spiele gegen uns. Es ist fast wie ein Cupmatch. Und
es ist ja hinlänglich be-kannt, dass im Cup Überraschungen jederzeit möglich sind. Wenn wir in diesen Spielen also nicht von Anfang an das Spieldiktat übernehmen, bekommen wir Probleme. Und das ist in dieser Saison bislang leider einige Male passiert.

Als Assistenztrainer sind Sie näher an der Mannschaft als Gianni Dellacasa. Wie ist die momentane Stimmung im Team?
Es herrscht ein guter Mannschaftsgeist vor. Allerdings muss ich sagen, dass die Mannschaft meiner Meinung nach noch zu wenig Charakter hat. Wir bräuchten noch mehr Leaderfiguren, die in schwierigen Situationen das Heft in die Hand nehmen.

Aber beim FC Sitten spielen doch einige sehr erfahrene Spieler, die diese Aufgabe wahrnehmen könnten.
Ein erfahrener Spieler ist für mich ein Spieler, der Erfahrungen gemacht hat in der Vergangenheit. Es kann jemand vier Mal Weltmeister geworden sein und trotzdem nimmt er in einem Team keine Leaderrolle ein. Was zählt, ist die Gegenwart. Das ist es, was mich interessiert.

Präsident Christian Constantin ist als ungeduldiger Mensch bekannt. Wie lange erhält Dellacasa Schonfrist?
Auf kurze Sicht gesehen ist der Aufstieg Pflicht. Als Dellacasa beim FC Sitten unterschrieb, wusste er ganz genau, dass es dieses kurzfristige Ziel gibt. Er kann also nicht für einen langfristigen Erfolg arbeiten. Meiner Meinung nach wird er nicht ewig Zeit haben. Es ist besser für alle, ein so hohes Ziel zu haben. Ich ziehe es vor zu gewinnen, als in der Schlussabrechnung Sechster zu werden. Gelingt der Aufstieg, so wird das nächste Ziel Constantins das Erreichen des Europacups sein, davon bin ich überzeugt. Dellacasa ist dazu verdammt, schnell Erfolg zu haben. Sollte sich dieser kurzfristige Erfolg nicht einstellen, müsste man sich neu orientieren. Aber daran möchte ich im Moment gar nicht denken.

Auch die Fans werden langsam ungeduldig und fordern den Aufstieg. Haben Sie keine Angst, dass der FC Sitten im Falle eines Nicht-Aufstiegs nächstes Jahr vor leeren Rängen spielt?
Alle Fans sollten sich daran erinnern, wo der Klub noch vor einem Jahr stand. Dieses Jahr spricht bereits jeder vom Ziel Aufstieg. Falls der schlimmstmögliche Fall eintrifft und der Aufstieg verpasst wird, müsste nächstes Jahr ein erneuter Anlauf genommen werden. Es wäre trotz allem nicht das Ende der Welt. Auf jeden Fall darf man nicht die Geduld verlieren. Man muss bedenken, dass der Klub in der Vergangenheit sehr schwierige Zeiten durchgemacht hat. Die aktuelle kurze Übergangszeit muss man in Kauf nehmen. Gelingt der Aufstieg sofort, um so besser. Und ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass dieser bereits heuer realisiert wird.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus? Bleiben Sie dem FC Sitten erhalten oder streben Sie einen Posten als Cheftrainer an?
Ich habe einen laufenden Vertrag bis im Juni. Was danach folgt, darüber mache ich mir momentan noch keine Gedanken. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt zur Zeit unserem Ziel, dem Aufstieg in die Super League. Danach sehen wir weiter.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
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