|
Blitzingen / Visp / Als Geschäftsführerin
der Oberwalliser Landwirtschaftskammer (OLK) hat Rosmarie Ritz stets ein
offenes Ohr für die Anliegen der Bauern. Die gebürtige Gommerin
trat am 1. August 2004, exakt vierzig Jahre nach ihrem Vater, ihr neues
Amt an. Die RZ sprach mit ihr über den Zerfall des Milchpreises,
den Erhalt der Nebenerwerbslandwirtschaft und warum ihr überhaupt
die Anliegen der Oberwalliser Bauern so sehr am Herzen liegen.
Von Ruth Seeholzer
Markus Pianzola
Die neuesten Meldungen belegen es: Die Milchpreise
für die Produzenten sollen wieder fallen. Was bedeutet das für
die OLK?
Wir bedauern diese Entwicklung sehr. Doch die OLK hat keine grosse
Handhabe, um gegen diesen Preiszerfall etwas zu unternehmen. Die Milchorganisationen
bestimmen die Preise. Die OLK kann höchstens Wünsche und Anregungen
einbringen. Der Milchpreis ist für die OLK ein ganz wichtiger Punkt,
leben doch unsere Vollerwerbsbauern hauptsächlich von der Milchwirtschaft.
Die Milchpreise sinken seit über dreissig
Jahren. Wer ist schuld daran?
Da ist einmal der Weltmarkt und der Abbau der inländischen Marktstützung,
der auf uns zukommt. In Europa gibt es Milchproduktionsstätten, welche
in diesen Dimensionen fürs Oberwallis nie und nimmer vorstellbar
wären. Wenn ein Roboter die Kühe melkt, kann man damit sehr
viele Kosten sparen. Ich bin aber der Überzeugung, dass unsere Milch
dieser fast schon industriell gefertigten Milch qualitativ haushoch überlegen
ist. Auch die einheimischen Vermarkterorganisationen wollen ihre hohen
Kosten abwälzen, und das lieber auf die Produzenten als auf die Konsumenten.
Wie sehen Sie die Rolle der Grossverteiler wie
Migros und Coop?
Die Grossverteiler Coop und Migros üben mit ihren Billigprodukten
Prix Garantie und M-Budget einen grossen Druck auf die Milchpreise aus.
Aldi und Lidl werden künftig noch viel mehr auf das Preisniveau drücken.
Die Konsumenten verlangen nach immer billigeren
Produkten, die Produzenten wollen einen gerechten Preis für ihre
Milcherzeugnisse. Eine unlösbare Situation?
Dieser Konflikt ist wirklich fast unlösbar. Der Zwischenhandel
hat bis jetzt alles, was der Produzent verloren hat, aufgefressen. Darum
konnten die Konsumenten nicht vom Zerfall des Milchpreises profitieren.
Es wird auch Anstrengungen beim Zwischenhandel brauchen, damit die Konsumenten
die Milchprodukte tatsächlich billiger erhalten.
In Deutschland wurde bereits letztes Jahr für
einen Liter Standardmilch bloss noch knapp 45 Rappen bezahlt. Ein Trend,
wie er auch bei uns zu erwarten ist?
Leider ist dieser Trend auch bei uns zu erwarten. Die Milchorganisationen
diskutieren gerade in diesen Tagen wieder eine Preissenkung.
Wie können sich die Milchproduzenten wehren?
Was macht die OLK?
Die OLK kann lediglich die regionalen Vermarkterorganisationen sensibilisieren,
dass die Schmerzgrenze der Bauern erreicht ist. Der Walliser Milchverband
und die Alpgold sind die grossen Abnehmer von Milchprodukten. Daneben
gibt es lokale und regionale Käsereien, die mit ihren Spezialitäten
eine Marktnische gefunden haben. Das ist immer auch ein zweischneidiges
Schwert, weil es hier plötzlich zu Konkurrenzsituationen mit den
grössten Abnehmern kommen kann. Diese Schere tut sich mittlerweile
in der gesamten Landwirtschaft auf. Wir wirken seit Jahren darauf hin,
dass die Bauern versuchen sollten, ihre Produkte selber zu vermarkten,
um eine grössere Wertschöpfung zu erzielen.
In den letzten fünfzehn Jahren sind über
eintausend Bauernbetriebe im Oberwallis eingegangen. Heute sind es noch
knapp 1500. Wo sehen Sie die Zukunft der Oberwalliser Landwirtschaft?
Eines ist sicher: Die Zahl der Vollerwerbsbauern wird im Oberwallis
kaum je wieder ansteigen. Ich befürchte, dass weiterhin Betriebe
schliessen. Ich hoffe wenigstens, dass wir mit der Agrarpolitik 2011 im
Oberwallis nicht so stark unter die Räder kommen und dass nicht auch
noch die Nebenerwerbsbauern aufgeben. Wie wollten wir mit nur mehr rund
300 Vollerwerbsbauern die Landschaft pflegen? Das wäre unmöglich.
Wir sind auf die Nebenerwerbslandwirte angewiesen.
Das Wallis ist ein Tourismuskanton. Warum springen
so wenige Bauern auf dieses Pferd auf?
Vermutlich, weil mehrheitlich die Infrastruktur fehlt. Um Ferien auf
dem Bauernhof anbieten zu können, braucht man die nötigen Lokalitäten.
Wenn ein Bauer zuerst investieren muss, um sich im Agrartourismus zu versuchen,
dann kann man das vergessen.
Ein wichtiges touristisches Produkt der Walliser
Landwirtschaft war doch einmal das Projekt LaNaTour? Sie waren kurze Zeit
Mitarbeiterin dieses Projekts. Was ist daraus geworden?
Bei LaNaTour fehlte mehrheitlich der Wille der Basis. Die Bauern spürten
und spüren es vielleicht noch zu wenig, dass sich die Zeiten ändern,
und dass nun ihre Eigeninitiative gefordert wäre. LaNaTour war ein
Projekt, das die Landwirtschaft, Natur und den Tourismus zusammenbringen
und unter diesem Label Walliser Produkte in Hotels, Restaurants und in
den Läden und auf den Märkten anbieten wollte. Es gab jedoch
mehrere Probleme. Damals konnte man die Milch aus logistischen und finanziellen
Gründen noch nicht konsequent in Walliser Bio- oder konventionelle
Milch trennen und verarbeiten. Also fielen die Milchbauern schon mal weg.
Zugleich entsprach das Fleisch der auf Milchproduktion getrimmten Kühe
nicht den hohen Qualitätsstandards von LaNaTour. Einzig mit den Bäckern
funktionierte es. Doch leider war damals und ist auch noch heute das Angebot
an Walliser Getreide sehr klein. Also blieb es bei LaNaTour immer bei
Nischenprodukten.
Die Hotels und Restaurants hätten mitgemacht?
Einige waren sogar sehr interessiert. Vor allem Vier- und Fünfsterne-Hotels
meldeten ihr Interesse an. Doch stellen Sie sich vor: Diese Betriebe brauchen
die LaNaTour-Produkte genau dann, wenn ihre Gäste da sind. Und genau
in diesem Punkt fehlte es bei den Produzenten. Unsere Bauern sind noch
nicht auf diese Art von Produktivität eingestellt. Es braucht ein
Umdenken auf allen Ebenen. Die ganze Produktion müsste umstrukturiert
werden, damit man künftig die Spitzenzeiten im Tourismus abdecken
kann.
Täuscht das Gefühl, oder ist dieses
Umdenken bei unseren Bauern noch praktisch nirgends durchgesickert?
Das ist so, es ist aber auch nicht einfach, einen eingespielten Produktionsablauf
umzustellen. Aber dies wird sich ändern.
Was wird mit dem Projekt LaNaTour passieren?
Die OLK ist glücklicherweise im Besitz der Marke LaNaTour. Und
ich bin überzeugt, dass wir zusammen mit dem Verein LaNaTour und
vor allem zusammen mit den Bauern wieder etwas Gutes auf die Beine stellen
könnten. In nächster Zeit muss in diese Richtung wieder etwas
gehen.
Warum sind Sie Geschäftsführerin der
OLK geworden?
Dadurch, dass ich acht Jahre in Bern war, fehlten mir zwar einige
Kenntnisse der Oberwalliser Landwirtschaft, und eine ausgebildete Agronomin
bin ich auch nicht. Aber ich bringe Kenntnisse in der Kommunikation mit,
was ja auch sehr wichtig ist für die Landwirtschaft. Mir selber lag
die Landwirtschaft immer sehr am Herzen. Wir hatten zu Hause selber immer
einen kleinen Bauernbetrieb. Und mein Vater war lange Jahre Oberwalliser
Bauernsekretär. Schon damals interessierte ich mich für seine
Arbeit. Als diese Stelle letztes Jahr ausgeschrieben war, war für
mich sofort klar, dass ich mich bewerben würde. Ich fühle mich
darum wohl bei den Bauern, weil ich im Herzen eine Bäuerin geblieben
bin.
Sind Sie eine grüne Landwirtschaftspolitikerin?
Oh nein, gar nicht! Ich schätze zwar die Ideen, die aus diesen
Kreisen kommen. Aber die Landwirtschaft kann nicht alleine von diesen
Ideen leben. Die Landwirtschaft muss auch produzieren. Also kann man nicht
allein auf dem Naturgedanken aufbauen.
Würden Sie einem jungen Mann, einer jungen
Frau heute überhaupt noch raten, in die Landwirtschaft zu gehen?
Auf jeden Fall! Es ist doch etwas Schönes, das Bauerntum. Es
werden sich ganz bestimmt wieder Möglichkeiten auftun, so dass die
Landwirtschaft weiter bestehen kann.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|