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Bern / Wallis / Bundesrat Moritz Leuenberger,
Verkehrsminister der Schweiz, gilt als einer der Väter der Neuen
Alpentransversale (Neat), die via Lötschberg und Gotthard gebaut
wird. Deshalb ist der 28. April, der Tag der Durchschlagsfeier, auch für
ihn ein besonderer Tag. Im grossen RZ-Interview spricht er über die
Chancen der Neat für das Wallis, die verkehrspolitische Bedeutung
des Lötschberg-Basistunnels im internationalen Umfeld und sagt: Ich
freue mich auf den Durchstich und hoffe, er sei ein durchschlagender Erfolg.
Von German Escher
Mit welchem Gefühl werden Sie heute zur grossen
Durchschlagsfeier in den Berg fahren?
Es ist sehr selten, dass ich das Resultat eigener Arbeit feiern kann.
Entweder eröffne ich etwas, was meine Vorgänger initiierten
oder ich steche einen Spaten und meine Nachfolger ernten die Früchte.
Für die Netzvariante setzte ich mich persönlich im Parlament
und in der Volksabstimmung ein. Ich freue mich auf den Durchstich und
hoffe, er sei ein durchschlagender Erfolg.
Der grosse Knall wird dem Wallis ein neues Tor
nach Norden öffnen. Was wird Ihrer Ansicht nach die Neat dem Wallis
bringen?
Die Deutschschweiz rückt näher zum Wallis. Die Reisezeit
von Bern nach Visp wird auf 50 Minuten halbiert. So viel brauchen Pendler
in der Agglomeration von Zürich, um täglich in die Innenstadt
zu gelangen. Bern oder Thun rücken also in die Spannweite eines Pendels.
Auch der Tourismus wird Impulse erhalten. Von Zürich ist Zermatt
nicht mehr weiter weg als das Bündnerland. Sie müssen aber keine
Angst haben, es kämen jetzt nur noch Zürcher, denn via Flughafen
Kloten werden das besonders auch Touristen aus Japan, Indien oder den
USA sein, die im Schnellzugstempo möglichst viele schweizerische
Highlights besichtigen möchten. Und da gehört das Wallis ja
zweifellos dazu.
Wenn Sie Walliser Staatsrat wären, was würden
Sie unternehmen, um die Chancen der Neat fürs Wallis optimal nutzen
zu können?
Es gibt eine heilige Regel in unserem Föderalismus: Jeder Regierungsrat
weiss und sagt, was der Bundesrat eigentlich tun müsste, aber nie
sagt ein Bundesrat, was eine kantonale Regierung tun sollte. Gerade der
Staatsrat weiss ja bekanntlich sehr genau, dass gute Verkehrsanschlüsse
allein noch keine nachhaltige Entwicklung bringen. Es braucht auch ein
Konzept, in dem die Siedlungsentwicklung mit dem öffentlichen Verkehr
abgestimmt werden muss. So können auch Auswüchse im Immobiliensektor
verhindert werden.
Die Neat-Netzvariante mit Gotthard und Lötschberg
war lange umstritten. Auch SP-Bundesrat Otto Stich war gegen den Lötschberg.
Welche Rolle hat die Lötschbergachse in Ihren verkehrspolitischen
Überlegungen?
Die Netzlösung mit zwei Achsen ist ein politischer Kompromiss,
den die Stimmbürger so bestätigten. Dieser Entscheid hat seinen
Preis. Das ist der Preis für unsere Staatsidee, wonach alle Regionen
von den Infrastrukturen profitieren sollen. Auch verkehrspolitisch ist
der Lötschberg wichtig. Weil er lange vor dem Gotthard in Betrieb
geht, kann er bereits in wenigen Jahren einen wichtigen Beitrag zur Verlagerung
des Güterverkehrs auf die Schiene leisten.
Besteht nicht die Gefahr, dass der Lötschberg
vor allem zur Güterachse wird und für den Personenverkehr zu
wenig Trasseekapazität zur Verfügung stehen wird?
Diese Idee gab es. Ich bin strikte dagegen, denn der Sinn der Netzvariante
ist eben auch ein regionalpolitischer. Die Regionen profitieren hautpsächlich
vom Personenverkehr. Während heute pro Tag weniger als fünfzig
Züge in Visp halten, werden es nach voller Inbetriebnahme des Lötschberg-Basistunnels
über hundert ICs sein.
Wäre es nicht sinnvoller, jetzt den Vollausbau
des Basistunnels zu realisieren, um so für die Zukunft wirklich gewappnet
zu sein?
Am einfachsten wäre sicher der Vollausbau, aber dies würde
erneut Mehrkosten bedeuten. Das Projekt musste damals aus finanziellen
Gründen abgespeckt werden. Mit den vorgesehenen Kapazitäten
am Lötschberg sind wir sicher für die nächsten zehn Jahre
gut gerüstet. Dann wird sich zeigen, ob ein Ausbau nötig wird.
Der grösste Flaschenhals auf der Strecke Basel-Milano wird allerdings
nicht am Lötschberg, sondern auf der Strecke Bern Thun sein.
Dort ist es heute schon eng.
Der Lötschbergbasistunnel wurde unter anderem
auch mit Bahn 2000 und als Rawyl-Ersatz gerechtfertigt. Heute fehlen der
Westanschluss in Richtung Welschwallis und der Autoverlad. Sind die Walliser
Anliegen unter die Räder gekommen?
Im Gegenteil: Das Wallis profitiert am meisten vom Lötschberg.
Das sieht man an den massiv verkürzten Reisezeiten. Der Lötschberg
ist für das Wallis, was Bahn 2000 für die übrige Schweiz.
Das ist auch der Grund, weshalb sich Ihr Kanton damals so für die
Netzvariante gewehrt hat. Damit aber die Netzlösung mehrheitsfähig
wurde, mussten wir das Notwendige vom Wünschbaren trennen. Der Anschluss
ins Unterwallis kann später immer noch gebaut werden. Übrigens
funktioniert der Autoverlad durch den Scheiteltunnel gut. Dank dem Preisüberwacher
wird er zudem für die Automobilisten auch immer günstiger.
Mehr Bahnverkehr heisst auch mehr Lärm. Noch
sind die Oberwalliser mit den vorgeschlagenen Lärmschutzmassnahmen
nicht zufrieden. Werden Sie der lärmgeplagten Bevölkerung zwischen
Raron und Brig/Naters noch entgegenkommen?
Kürzlich wurde da mit den Betroffenen eine gute Lösung gefunden,
die den Lärmschutz massiv verbessert. Die zusätzlichen Mittel
dafür werden über den Neat-Kredit finanziert.
Hundert Jahre nach der Eröffnung des Simplontunnels
folgt jetzt nach langem politischem Gezerre der Durchstich am Lötschberg-Basistunnel.
Hatten unsere Vorfahren mehr Pioniergeist?
Der Bau des Tunnels ist eine grossartige Leistung. Die Pionierleistung
von uns ist die Verlagerungs-idee. Sie stiess in der Schweiz und im Ausland
zuerst auf Widerstand und konnte erst nach intensiven Auseinandersetzungen
im Parlament und nach mehreren Volksabstimmungen umgesetzt werden. Auch
in der EU, wo wir bei den Verhandlungen über die LSVA zuerst als
Raubritter galten, hat unsere Idee nun Fuss gefasst. Heute ist eine LKW-Maut
in vielen EU-Ländern eingeführt oder in Vorbereitung. Das freut
mich besonders, weil die Verlagerung nur gelingen kann, wenn das Ausland
mitspielt. Teil dieser Verlagerung sind auch die Basistunnel, also auch
der Lötschberg.
Noch fehlt ein neat-tauglicher Anschluss südlich
des Simplontunnels. Braucht es einen neuen Simplon-Basistunnel, um die
Chancen der Lötschberg-Simplonachse voll zu nutzen?
Das ist vorerst eine Vision. Ob sie auch technisch und finanziell
machbar ist, steht in den Sternen. Bevor wir aber weitere Gedanken zur
Durchlöcherung der Alpen wälzen, müssen wir einmal die
bestehenden Projekte wie den Gotthard- oder den Ceneri-Tunnel realisieren.
Denken Sie auch an Italien, das den zusätzlichen Verkehr abnehmen
müsste. Es muss sich vorerst mal auf die Eröffnung des Lötschberg
vorbereiten, indem es die Kapazitäten auf der bestehenden Strecke
erhöht.
Zurück zur näheren Zukunft: Haben Sie
keine Zweifel, dass die Lötschbergachse 2007 eröffnet werden
kann?
Ich hoffe, dass es klappt. Aber bei einem Jahrhundertprojekt wäre
es vermessen, den Tag der Eröffnung präzise voraussagen zu wollen.
Der Terminplan ist sehr eng und enthält keine Reserven. Es gibt noch
einige Risiken wie die Bahntechnik, die wir nicht nur einbauen, sondern
auch zum Funktionieren bringen müssen. Wir setzen aber alles daran,
das Eröffnungs-Ziel zu erreichen.
Werden Sie nach Inbetriebnahme der Neat öfters
für Ferien ins Wallis fahren?
Das hängt davon ab, ob ich neben den vielen Pendlern und den
chinesischen, japanischen, amerikanischen, deutschen und russischen Touristen
noch einen Stehplatz finde.
Ihre
Meinung interessiert uns!
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