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Heute erfolgt der historische Durchschlag im Lötschberg-Basistunnel
Der Durchbruch zu neuen Horizonten


 

Goppenstein / Visp / Jubelstimmung im Wallis und im Berner Oberland: Heute Donnerstag erfolgt der historische Durchbruch im Lötschberg-Basistunnel. Damit werden dem Oberwallis nicht nur neue Märkte, sondern auch neue Horizonte eröffnet.

Von German Escher

Donnerstag, 28. April, 10.45 Uhr: Im Beisein einer illustren Gästeschar, angeführt von Bundesrat Moritz Leuenberger, erfolgt der Durchschlag im Lötschberg-Basistunnel, den die Zuschauer zuhause in einer Livefernsehübertragung miterleben können und über welchen an die hundert angemeldete Medienleute berichten werden. Zweifelsohne ein historischer Moment.

Psychologische Barriere
Noch hat die Durchbruchsfeier vor allem symbolischen Charakter. Das sieht auch Thomas Gsponer, Direktor der Walliser Industrie und Handelskammer sowie Hauptinitiant der IG Neat so: „In erster Linie wird eine psychologische Barriere durchbrochen. Und in der Ökonomie spielt die Psychologie eine entscheidende Rolle.“ Die Transportkosten werden für das Walliser Gewerbe und die Industrie kaum günstiger. Aber das Felsmassiv, das uns vom Deutschschweizer Markt abgeschottet hat, wird durchlässiger. „Das Hauptproblem der Walliser Wirtschaft ist die kritische Grösse“, stellt Gsponer fest. „Wir haben einen zu kleinen Heimmarkt, einen zu kleinen Arbeitsmarkt, eine zu schwache Nachfrage und deshalb auch ein zu tiefes Innovationsniveau.“ Mit der Neat werden dieser Markt und damit auch die Konkurrenz und der Innovationsdruck grösser. Die IG Neat geht davon aus, das die bessere Integration der Walliser Volkswirtschaft in den Schweizer Güter-, Kapital- und Arbeitsmarkt die Wettbewerbs-situation grundlegend ändern wird. Die erhöhte Faktormobilität werde zusammen mit einem wachsenden technologischen Fortschritt die Bedeutung der heutigen vorteilhaften Standortfaktoren wie günstige Bodenpreise und tieferes Lohnniveau erodieren lassen, mutmasst die IG Neat in ihrem Einladungsschreiben zum Neat-Forum, das am 29. April in Visp stattfinden wird. Verschiedener Walliser Unternehmer und mehrere Berner Vertreter werden an diesem Tag aufzeigen, wie sie mit der Herausforderung Neat umgehen werden. Vor allem für den Detailhandel könnte die Sogwirkung nach Thun und Bern auch negative Folgen haben.

Neue Attraktionen schaffen und vermarkten
Grosse Hoffnungen hegt vor allem der Tourismus. Die kürzeren Reisezeiten lassen die Ferien- und Erholungsregion Wallis attraktiver werden. Laut Uni St. Gallen könnten die neuen Fahrzeiten zu einer jährlichen Einsparung von rund 110 Millionen Franken führen. Die selbe Uni hat in einer Studie ebenso deutlich gemacht, dass der Tourismus neue Attraktionen benötigt, um den Ausflugsverkehr aus den Deutschschweizer Ballungszentren in Richtung Oberwallis anzukurbeln. Neue touristische Produkte sowie eine Informations- und Werbeoffensive sind nötig, um die Vorteile der Neat auch zugunsten des Oberwallis zu nutzen.

Städtemarketing forcieren
Das Oberwallis rückt in Pendlerdistanz zu Bern und wird dadurch als Wohn- und Wirtschaftsregion aufgewertet. Visp hat die Chance als erste Gemeinde erkannt, das Ortsmarketing forciert und kürzlich eine interessante Städtemarketingbroschüre publiziert. Weniger ist bisher in Brig-Naters geschehen. Dabei hätte die Simplonstadt durchaus Trümpfe in der Hand. Gemäss eines kürzlich in der Wirtschaftszeitung Cash publizierten Städterankings rangiert Brig-Glis auf dem 49. Rang und ist damit klar bestrangierte Walliser Stadt. Aber auch Mitbewerber wie Thun oder Spiez liegen klar hinter Brig-Glis. Stärken also, welche die Simplonstadt jetzt ausspielen müsste.

 

Nur noch vier Meter bis zum Durchbruch des Lötschberg-Basistunnels
Licht am anderen Ende des Tunnels...

Raron / Frutigen / Die Hauptarbeit am Jahrhundert-Bauwerk, dem Lötschberg-Basistunnel der Neat, ist vollbracht. Heute Donnerstag treffen sich die Mineure von der Berner und der Walliser Seite in der Mitte. Über tausend geladene Gäste feiern mit.

Von Ruth Seeholzer

Bei grosser Hitze, starker Staubbelastung und immerwährendem Lärm haben sich hunderte von Mineuren die letzten Monate und Jahre durch das Lötschbergmassiv gekämpft. Einige von ihnen liessen gar ihr Leben für das Jahrhundertbauwerk Neat. All den Mineuren – ob sie nun aus dem Wallis, aus Österreich, aus Italien oder dem hohen Norden Europas kommen – gebührt der Dank für ihre harte Arbeit. Sie haben ein Bauwerk geschaffen, das viele Hoffnungen weckt. Eigentlich hätte der Tunneldurchstich bereits Mitte März erfolgen können, wenn es nach dem Stand der Arbeiten gegangen wäre. Doch die letzten vier Meter Granit mussten noch stehen bleiben, damit heute Donnerstag nicht nur die Mineure, sondern auch Bundesrat, VIP-Gäste und das Fernsehen an der letzten Sprengung im Lötschberg dabei sein können. Die Brechanlagen und die kilometerlangen Förderbänder, die das Ausbruchmaterial nach draussen transportierten, sind bereits abmontiert.

Die ersten Kilometer Schienen
Trotz Wartens auf die letzte Sprengung wurden die weiteren Arbeiten zügig an die Hand genommen. Bereits sind von Raron her über vier Kilometer Schienen verlegt. Die letzten Mineure werden spätenstens in diesem Herbst die Baustelle verlassen. Und falls nichts Gravierendes mehr dazwischen kommt, soll der Tunnel im Frühjahr 2007 dem Verkehr übergeben werden.

 

Kamil Schmid (31) aus Naters ist Polier auf der Neat-Baustelle Ferden
„Neat schreibt Geschichte“

Naters / Ferden / Er steht seit fünf Jahren bei der Neat AlpTransit im Einsatz und arbeitet unter Tag. Kamil Schmid (31) aus Naters ist Polier und arbeitet am Jahrhundertbauwerk mit.

Von Walter Bellwald

Das orangefarbene Kombi ist verschmiert und der Helm mit Staubpartikeln übersät. „Hallo“, begrüsst mich Kamil Schmid mit einem festen Händedruck. Die schneeweissen Zähne setzen einen starken Kontrast zur schmutzigen Kleidung. Schmid hat eine kurze Auszeit genommen und beginnt zu erzählen.

Fünf Jahre unter Tag
Vor fünf Jahren sei er auf die Neat-Baustelle in Ferden berufen worden, berichtet Kamil Schmid. Für knapp drei Monate – so die Order seiner Firma Prader Losinger SA. Heute sind es fast fünf Jahre, seit er seinen Dienst bei der AlpTransit begonnen hat. Obwohl ihm die Arbeit unter Tag anfangs nicht so behagte, habe er sich schnell daran gewöhnt. „Je länger man auf der Baustelle arbeitet, umso interessanter wird es“, lacht Kamil. Nichts desto trotz ist er froh, wenn das Jahrhundertbauwerk beendet ist. Vor allem die langen Stunden unter Tag seien gewöhnungsbedürftig. „Ich bin ein Mensch, der gerne im Freien arbeitet und sich nach Licht und Wärme sehnt“, betont Kamil. Die langen Arbeitstage im Berg hätten ihm zwischendurch ganz schön auf den Magen geschlagen. „Darum freue ich mich umso mehr, wenn ich an einem freien Tag endlich wieder die Sonne geniessen kann.“

Drückende Temperaturen
Jeden Tag fährt Schmid vier Kilometer in den Berg. Hier beginnt seine Arbeit. Als gelernter Polier ist er dafür besorgt, dass die Arbeiten im Tunnel planmässig vorankommen und sauber ausgeführt werden. „In erster Linie sind wir mit dem Betonausbau beschäftigt“, gibt er zu Protokoll. Die Arbeit unter Tag erfordert viel Einsatz und Geduld. „Vor allem die schwül-warmen Temperaturen machen einem zu schaffen.“ Dazu kommt der stete Lärm der Maschinen („Während der Arbeit müssen wir Ohrenpfropfen tragen“) und das künstliche Licht, an das man sich erst gewöhnen muss. Auch die Gefahr im Berg ist stetig präsent. „Das ist kein Problem“, winkt Schmid ab. „Wir arbeiten ja nicht im Vortrieb. Und ausserdem sind die Schutzmassnahmen enorm.“ Schmid sieht sogar Vorteile im Tunnelbau gegenüber den herkömmlichen Baustellen. „Im Tunnel herrschen immer die gleichen klimatischen Bedingungen. Auf einer Baustelle im Freien kann es im Winter sehr unangenehm werden“, grinst er.

Belohnung wartet
Auf das Jahrhundertbauwerk angesprochen, gibt sich Schmid beeindruckt. „Die Dimension des Bauwerks und die Grösse der Baustelle sind überwältigend. Die kilometerlangen Förderbänder und riesigen Steinbrecher machen Eindruck.“ Mit dem heutigen Tunneldurchstich werde Geschichte geschrieben. „Es ist schon ein ganz spezieller Moment, wenn der Durchschlag erfolgt.“ Noch bis im September ist Schmid an der Neat-Baustelle beschäftigt. Dann ist seine Arbeit beendet. Nach Inbetriebnahme des Bahntunnels will er zusammen mit seiner Frau „sein“ Bauwerk durchfahren. „Das ist wie eine Belohnung für mich“, freut sich Schmid schon heute.

 

Sie haben sich als Parlamentarier in Bern für die Neat-Achse Lötschberg-Simplon eingesetzt
Die Erwartungen der Neat-Vorkämpfer

Daniel Lauber (68), alt Ständerat, Zermatt
Die Neat bringt dem Oberwallis sehr viel, weil die Anfahrtszeiten viel kürzer werden. Das ist ein Quantensprung in der Verkehrsentwicklung. Jetzt müssen wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um diesen Zusatznutzen voll auszuschöpfen. Sowohl Tourismus, Gewerbe und Politik sind gefordert, diese einmalige Chance zu packen.

Rolf Escher (64), Ständerat, Brig
Der Neat-Basistunnel hat ein ausserordentliches Näherrücken zwischen dem Mittelland und dem Wallis zur Folge. Nur müssen wir die wirtschaftlichen Chancen dieser Verbindung nutzen. Sowohl Tourismus, Industrie und Gewerbe sind diesbezüglich gefordert. Wichtig ist, dass wir endlich lernen, stärker zusammen zu arbeiten und uns miteinander zu vermarkten.

Jean-Michel Cina (42), designierter Staatsrat und Nationalrat, Salgesch
Dieser Durchbruch ist für mich von historischer Bedeutung. Die Erreichbarkeit des Wallis wird sich massiv verbessern. Das Oberwallis wird durch den Neat-Basistunnel am Lötschberg für die Touristen noch viel attraktiver.

Peter Bodenmann (53), ehemaliger Präsident der SP Schweiz, Brig
Dieser Durchbruch wird leider nicht so historisch sein, wie viele frohlocken. Das Oberwallis ist und bleibt eine sterbende Region. Leider hat man es hier verpasst, die Neat-Chance zu nutzen. Den einzigen Vorteil, den die Neat heute noch fürs Oberwallis bietet, ist die Nähe zu Bern. Das Oberwallis als Berner Vorort – jedoch mit massiven Lärmproblemen.

Odilo Schmid (60), alt Nationalrat, Brig
Die Neat bringt uns näher an die übrige Schweiz. Durch die gute Anbindung nach Norden rücken die Arbeitsplätze in Thun und Bern in greifbare Nähe. Ich hoffe aber auch auf Investoren, die sich im Wallis niederlassen. Allerdings bringt uns diese Verbindung nur etwas, wenn wir die Vorteile erkennen und etwas daraus machen.

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