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Landeshauptmann Marcel Mangisch
„Die Walliser sehen oft zu wenig über die Berge“


 

Bitsch / Er ist der erste Grossratspräsident aus dem Bezirk Östlich Raron. Im grossen RZ-Interview spricht Marcel Mangisch denn auch über die Bedeutung der Bezirke, geht auf das Verhältnis Ober- und Unterwallis ein und sagt: „Der Walliser ist nicht reformfreudig.“

Von German Escher
        Ruth Seeholzer

Mit welchen Gefühlen werden Sie am Freitag bei Ihrem Empfang in der Wohngemeinde Bitsch ins Dorf einmarschieren?
An diesem Tag werden die Gefühle der Freude überwiegen. An die Tatsache, dass ich zum Grossratspräsidenten gewählt wurde, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Die Aufregung ist verflogen. Dazu muss ich festhalten, dass ich dieses Amt nicht gesucht habe. Ich war acht Jahre Gemeinderat in Bitsch und wurde 2001 angefragt, für den Grossrat zu kandidieren. Dass ich in meiner zweiten Amtsperiode gleich zum Landeshauptmann gewählt wurde, hat mich überrascht, aber natürlich gefreut. Heute bin ich allen dafür dankbar. Ganz besonders freut es mich für meinen Bezirk Östlich Raron, der bisher noch nie einen Grossratspräsidenten stellen durfte. Es ist des halb auch grossartig, wie sich alle für diesen Empfang engagieren. Da spürt man das Zusammengehörigkeitsgefühl des ganzen Bezirkes.

Sie sind der erste Vertreter von Östlich Raron: Kommen die kleinen Bezirke eigentlich zu kurz?
Man hat gewisse Nachteile, wenn man aus einem kleinen Bezirk stammt. Aber man darf daraus keinen Minderwertigkeitskomplex ableiten. Mit zwei Grossräten im Bezirk ist es schwierig, dass einer der beiden einmal zum Grossratspräsidenten gewählt wird. Es ist verständlich, dass kleinere Bezirke hinten anstehen müssen – das gilt übrigens auch für höhere politische Ämter wie Ständerat, Nationalrat etc. Bei Wahlen betreibt jeder Bezirk einen gewissen Heimatschutz. Bei einem Potenzial von rund tausend Stimmen im Bezirk sind die Chancen doch etwas eingeschränkt.

Welche Bedeutung messen Sie den Bezirken eigentlich bei?
Bezirke garantieren, dass das ganze Wallis im Kantonsparlament vertreten ist. Bezirke fördern aber vor allem das Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie haben gesellschaftlich eine grosse Bedeutung. Im Bezirk spürt der Bürger seine Wurzeln. Wirtschaftspolitisch ist deren Bedeutung unwichtig. Wir könnten durchaus eine einzige Wirtschaftsregion Oberwallis schaffen. Aber ob wir einen oder mehrere Wirtschaftsräume haben, die Verteilkämpfe werden die gleichen bleiben.

Müssten wir nicht im Zuge einer wirklichen Territorialreform die Strukturen vereinfachen?
Das wäre der falsche Ansatz. Grössere Wahlkreise würden dazu führen, dass Östlich Raron und Goms wahrscheinlich zum Bezirk Brig kämen. Und dann hätten wir die erwähnten Probleme, dass weniger bevölkerungsstarke Regionen zu kurz kommen. Eine Territorialreform würde zu einer Machtkonzentration in den Grossgemeinden führen.

Die Zusammenführung der vier Wirtschaftsregionen würden Sie aber begrüssen?
Damit habe ich keine Probleme. Wir brauchen im Oberwallis nur eine Wirtschaftsregion. Aber auch dann gilt: Standortfragen müssen mit Fingerspitzengefühl angegangen werden. Der gesamte Wirtschaftsraum Oberwallis müsste gleich behandelt werden.

Seit Jahren reden wir von dieser Wirtschaftsregion, aber es geht kaum vorwärts: Ist das Wallis zu reformängstlich?
Wir scheitern oft an den Ansprüchen der einzelnen Gemeinden. Die Menschen haben Angst, etwas zu verlieren.

Wie erklären Sie sich diese Angst?
Wir sind zu wenig offen. Die Walliser sehen oft zu wenig über die Berge. Wir sind ein eigenständiges Völklein, das bei Verteilfragen in den einzelnen Gemeinden noch enger zusammen rückt. Der Walliser ist nicht reformfreudig. Der Walliser ist arbeitswillig, zäh und heimatverbunden. Das ist alles gut. Aber er sollte auch innovativer und offener sein. Das lässt sich durch die Geschichte erklären. Die Abgeschiedenheit, in der unsere Vorfahren teilweise aufgewachsen sind, hat die Mentalität geprägt. Kommt hinzu: Je kleiner die Strukturen, desto grösser ist der Neid.

Auch das Beispiel von Aletsch Marketing zeigt doch: Wir tun uns mit neuen Strukturen extrem schwer?
Wir sind im Kopf nicht bereit. Die Angst etwas zu verlieren, ist zu gross. Aletsch Marketing ist allerdings kein typisches Beispiel. Hier sind auch unterschiedliche Interessen und Kundensegmente aufeinander gestossen. Stadttourist, Badegast, Alpinskifahrer und Langläufer lassen sich nur schwer gemeinsam anpeilen.

Was liegt Ihnen während Ihrem Präsidialjahr besonders am Herzen?
Jeder Grossratspräsident hat seine Vorstellungen. Aber man darf sich keiner Illusion hingeben: In einem Jahr kann man nicht sehr viel bewegen. Die Aufgabe des Grossratspräsidenten ist primär ein Managementjob. Er muss die Sessionen vorbereiten und führen. Ich werde versuchen, den einen oder anderen kulturellen Tupfer zu setzen. Der Politiker lebt nicht nur von der trockenen Debatte. Er kann zwischendurch im oder vor dem Saal auch einmal ein Bild anschauen oder sich von einer Musikformation überraschen lassen.

Zu Ihren Aufgaben gehören auch sehr viele Repräsentationspflichten. Bei diesen Ansprachen können Sie schon Schwerpunkte setzen?
Diese Möglichkeit, eine Botschaft zu platzieren, werde ich auch nutzen. Der Brückenschlag zu Neuem liegt mir am Herzen. Wir müssen vermehrt über den Gartenzaun blicken.

Auch ein Brückenschlag zwischen Deutsch und Welsch? Die Risse zwischen Ober- und Unterwallis werden immer grösser.
Jeder Grossratspräsident sagt zu Beginn seiner Amtszeit, wie ihm die Einheit im Kanton am Herzen liegt. Das ist schön und gut, bringt aber nicht viel. Hier muss man realistisch sein. Die Voraussetzungen sind einfach nicht überall vorhanden. Das beginnt mit der Sprache, die uns trennt. Aber wenn ich von Brückenschlag rede, dann dürfen wir keine falschen Illusionen haben. Wir Oberwalliser sind in der Minderheit, wir müssen auf die Welschwalliser zugehen und den ersten Schritt über diese Brücke tun. Das gilt auch für die Abgeordneten innerhalb des Parlaments. Die Deutsch- und Französischsprachigen sitzen schön separiert. Vielleicht werde ich einmal für einen Tag die Sitzordnung ändern. Aber wahrscheinlich lässt sich das politisch nicht durchbringen. Da hätten die Fraktionschefs wohl zuviel Angst, sie könnten ihre Mitglieder aus den Zügeln verlieren... (lacht).

Kommt ein Oberwalliser Grossrat in Sitten unter die Räder, wenn er kein Französisch spricht?
Man muss nicht perfekt französisch sprechen. Aber man muss sich mit den Unterwallisern verständigen können – und das ist in der Regel auf Französisch. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Unterwalliser gefälligst auch Deutsch sprechen sollten. Aber das hilft uns nicht weiter. Wir sind als Minderheit auf die Unterwalliser angewiesen. Ohne Mehrheiten erreicht man nichts.

Mit einem Halbkanton, wie er von Unterwallisern gefordert wurde, hätten wir doch klare Verhältnisse und Regeln?
Ich war nicht gegen die Überprüfung dieser Forderung. Die Idee der Halbkantone soll man prüfen. Erst dann haben wir klare Argumente, wieso eine Aufteilung auf zwei Halbkantone keinen Sinn macht. Man darf übrigens nicht nur den Unterwallisern die Schuld zuschieben. Auch im Oberwallis gibt es starke Tendenzen für einen Halbkanton. Die Problematik ist im Raum, also darf sie nicht verdrängt, sondern muss thematisiert werden. Dann würden wir uns vielleicht gegenseitig besser verstehen und kämen wahrscheinlich auch zum Schluss, dass die Schaffung von zwei Halbkantonen finanziell nicht machbar ist. Das Oberwallis allein ist nicht überlebensfähig.

Aber es gibt Kantone in der Schweiz, die kleiner sind als das Oberwallis?
Das mag sein. Gerade deshalb braucht es eine vertiefte Prüfung dieser Frage. Erst dann kann man auf einer fundierten Basis weiter diskutieren. Ich geniesse die Vielfalt unseres Kantons, die ich in meiner Funktion als Grossratspräsident besonders nah erleben kann. Wenn man aber von der Zweisprachigkeit und der multikulturellen Art keinen Gebrauch macht, ist ohnehin alles Theorie. Dann können wir wirklich in zwei Halbkantonen leben. Aber das ist nicht meine bevorzugte Variante. Vielleicht machen wir es uns auch zu einfach, wenn wir die Konflikte auf die Frage Ober- und Unterwallis reduzieren. In der Frage der Gemeindefusionen beispielsweise kann man durchaus auch Verständnis haben für die Bedenken der Unterwalliser, welche die finanzielle Unterstützung der Gemeinden an eine bestimmte Grösse knüpfen möchten.

Nun sitzt die CVPO wieder im Staatsrat. Was wird sich fürs Oberwallis ändern?
Es wäre falsch, einzig daraus ableiten zu wollen, dass sich nun für das Oberwallis sehr viel ändern werde. Das würde bedeuten, dass die CVPO das Allerheilmittel hätte. Dem ist natürlich nicht so. Die Parteizugehörigkeit allein reicht sicher nicht aus, um einen guten Staatsrat zu haben. Aber ich bin überzeugt: Cina wird ein guter Staatsrat.

Wird die CVPO-Fraktion wieder regierungstreuer agieren?
Wenn die eigene Fraktion einen Staatsrat stellt, muss man ab und zu Entscheide mittragen, zu denen man vielleicht eine kritische Haltung hat. Niemand will den eigenen Staatsrat im Regen stehen lassen. Trotzdem: An der CVPO-Politik im Grossen Rat wird sich mit der Wahl von Jean-Michel Cina nichts Grundlegendes ändern. Dass dieser nämlich zu den Inhalten und dem Parteiprogramm steht, ist für mich klar.

Sie selber werden sich als Landeshauptmann in der politischen Debatte zurückhalten?
Man muss als Grossratspräsident eine gewisse Neutralität wahren. Aber deshalb bin ich als erster Bürger noch lange nicht zum Schweigen verurteilt. Die Zukunft des Kantons und damit ein intensiverer Kontakt zwischen Sitten und Bern liegen mir sehr am Herzen. Wir müssen unsere Lobbyarbeit in Bern verstärken. Und warum sollen umgekehrt nicht die Walliser Stände- und Nationalräte einmal im Grossen Rat über die anstehenden Fragen und Schwerpunkte der Bundespolitik informieren? Auch hier ist übrigens ein Brückenschlag angezeigt.

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