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Vanessa Grand, Sängerin
„Einen Tag vor Rudis Tod habe ich ein SMS von ihm erhalten“


 

Leuk / Sie entführt ihr Publikum in eine andere Welt und singt von der Kraft eines Lächelns, von Liebe, wahren Freunden und unvergesslichen Stunden. Vanessa Grand aus Leuk ist keine Künstlerin im üblichen Sinne. Die 27-jährige Medien- und Kommunikationsstudentin leidet an der Glasknochenkrankheit und ist von klein auf behindert. Im RZ-Frontalinterview spricht sie über ihre Liebe zur Musik, ihr erstes Open Air, den Freitod ihres Produzenten Rudi Margreiter und sagt: „Sein plötzlicher Hinschied hat mich schwer getroffen.“

Von Walter Bellwald
Ruth Seeholzer

In zwei Tagen steigt Ihr erstes Open Air in Leuk. Schon aufgeregt?
Total. Ich freue mich zwar riesig auf mein erstes Open Air. Zugleich kommen mir aber immer wieder viele Sachen in den Sinn, die ich noch zu erledigen habe. Schliesslich hoffe ich doch sehr, dass das Open Air in Leuk den Leuten gefällt und beim Publikum ankommt.

Was für Arbeiten stehen noch an?
Noch gibt es ein paar kleine Sachen zu erledigen. Aber im Grossen und Ganzen sind wir eigentlich parat.

Haben Sie mit Petrus einen Deal vereinbart, damit am Samstag die Leuker Sonne am Himmel steht?
Ich hoffe es doch sehr. Es heisst, wenn Musikanten brav seien, scheine die Sonne. Darum habe ich meine Musikerkolleginnen und -kollegen angehalten, sich im Vorfeld meines Open Airs ordentlich zu benehmen (lacht).

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein eigenes Open Air zu organisieren?
Die Idee ist unter Kollegen an einer Stammtischrunde entstanden. Sie haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert. Zuerst war ich allerdings ein bisschen skeptisch, weil ich neben meinen regelmässigen Auftritten auch noch mein Studium absolviere und daher wenig Zeit habe. Trotzdem hat mich die Idee irgendwie gepackt. Anfangs wollten wir eigentlich einen Unterhaltungsabend organisieren. Nach und nach haben wir unser Vorhaben ausgeweitet und so ist die Idee eines Open Airs entstanden. Vor rund einem Jahr haben wir mit den Vorbereitungsarbeiten angefangen.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Musikprogramm zusammengestellt?
Mir war es ganz wichtig, dass an meinem Open Air nur Musikantenfreunde von mir auftreten. Ich wollte nicht, dass irgendwelche Gruppen oder Interpreten dabei sind, die nur der Gage wegen kommen und sich nach ihrem Auftritt direkt verabschieden. Neben dem musikalischen Können schätze ich auch die freundschaftliche Beziehung neben der Bühne. Das macht es letztendlich aus. Ein weiteres Kriterium war auch die internationale Mischung.

Auf der Gästeliste standen auch Vreni & Rudi. Wie schwer hat sie der plötzliche Hinschied von Rudi Margreiter getroffen?
Rudi war nicht nur ein guter Freund von mir, er war auch mein Produzent und Komponist. Sein plötzlicher Hinschied hat mich schwer getroffen. Wir haben uns sowohl privat wie auch geschäftlich sehr gut verstanden.

Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?
Ich war noch am Tag zuvor im Studio, um die Lieder für mein neues Album einzusingen. Als ich am anderen Morgen die traurige Nachricht erhielt, war ich total geschockt und habe meine Studioarbeit sofort unterbrochen.

Rudi Margreiter war der Komponist und Produzent Ihres ersten Albums „Die Kraft eines Lächelns“ und auch für Ihr zweites Album verantwortlich. Wie haben Sie sich kennen gelernt?
Ich war schon früh ein grosser Fan von „Vreni und Rudi“. Ihre Musik hat mir immer sehr gut gefallen. Darum war es für mich auch naheliegend, einen Produzenten in dieser Richtung zu suchen. Schliesslich habe ich über eine Kollegin den Kontakt zu Rudi Margreiter aufgenommen. Als ich eines Tages von ihm Bescheid bekam, eine Demo-CD zu schicken, war ich schon ein wenig nervös. Ich dachte mir: Oje, da hast du dir aber viel vorgenommen. Der Rudi ist durch und durch Profi, der nimmt dich nie. Zwei Tage später hat er mich angerufen und mir mitgeteilt, dass wir fortan zusammen arbeiten würden. Ich habe mich natürlich riesig gefreut und war überglücklich. Schon bei unserem ersten Treffen haben wir uns sofort verstanden und auch die weitere Zusammenarbeit lief sehr gut.

Sie haben Rudi Margreiter als einen liebevollen und verständnisvollen Menschen beschrieben. Wussten Sie auch um seine angebliche Spielsucht?
Nein. Ich glaube, dass hätte er auch nie gesagt. Allerdings bezweifle ich stark, dass seine angebliche Spielsucht oder seine Schulden ihn zu dieser Tat getrieben haben. Auch sein näheres Umfeld kann sich immer noch nicht erklären, warum er diesen Schritt getan hat. Einen Tag vor seinem Tod habe ich noch ein SMS von ihm erhalten. Darin stand, er könne heute leider nicht ins Tonstudio kommen, weil er krank sei. Am anderen Morgen erhielt ich die Nachricht von seinem Tod.

Also keine äusserlichen Anzeichen auf einen Freitod?
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte auch keinen Grund, mir über sein SMS irgendwelche Gedanken zu machen. Es kann ja schliesslich mal vorkommen, dass man wegen Krankheit einen Termin absagen muss. Auch bei den letzen Veranstaltungen, wo ich ihn gesehen habe, hat er sich nach aussen hin völlig normal benommen. Nichts deutete auf irgendwelche Ungereimtheiten hin.

Gerade im Volksmusik-Schlager-Business wird die Liebe und das Glück musikalisch hoch propagiert. Ist das mehr Schein als Sein?
Nein, das glaube ich nicht. Ich kann natürlich nur für mich selber sprechen, aber ich stehe voll und ganz hinter meinen Liedern. Sie sind auf mich abgestimmt und geben das wieder, was ich fühle, wie ich denke und was ich sehe. Darunter sind aber nicht nur Liebeshymnen und Romantikschnulzen, sondern auch besinnliche und tiefgründige Titel. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es sicher falsch wäre, nur von Problemen und Alltagssorgen zu singen. Wir wollen das Publikum in eine heitere Welt entführen und sie auf die schönen Dinge des Lebens aufmerksam machen. Aber wir wollen den Leuten sicher nicht nur die heile Welt vorgaukeln.

Trotzdem liest und hört man in letzter Zeit gerade in diesem Business immer wieder von Alkoholexzessen einzelner Musiker oder anderen negativen Schlagzeilen. Setzt dieser Trend auch in der Alpenland-Szene ein?
Musiker sind spezielle Menschen, ganz egal, welcher Musikrichtung sie letztendlich angehören. Jeder Musiker oder Interpret führt ein Vagabundendasein. Man hetzt von einem Termin zum nächsten und von einem Auftritt zum anderen. Wenn es die Zeit erlaubt, sitzen auch wir Volksmusikanten nach einem Auftritt noch gerne ein bisschen länger zusammen und trinken etwas. Was aber sicher nicht heisst, dass darum alle Volksmusikanten Alkoholiker sind.

Ist es auf die Dauer nicht anstrengend, ständig den Gute-Laune-Macher zu mimen?
Ganz im Gegenteil. Es ist für mich eine grosse Genugtuung, meinem Publikum und den Menschen mit meiner Musik Freude zu bereiten. Neben meinen vielen Auftritten höre und mache ich auch privat viel Musik. Das liegt mir einfach im Blut. Zum Musiker wird man nicht gemacht, zum Musiker muss man geboren sein. Sicher ist man zwischendurch froh, wenn man ein bisschen ausspannen kann. Aber letztendlich fühle ich mich erst richtig wohl, wenn ich auf der Bühne bin und meine Musik machen kann.

Sie selber sind von klein auf behindert. Woher nehmen Sie die Kraft, trotz Ihrer Behinderung den Menschen von der Sonnenseite des Lebens zu singen?
Meine Eltern haben mich immer wie ein gesundes Kind behandelt und erzogen. So habe ich wie alle anderen Kinder im Ort die Primarschule und später die Orientierungsschule in Leuk besucht. Dadurch haben mich meine Mitschülerinnen und Mitschüler voll akzeptiert und ich habe gelernt, mich möglichst selbstständig fortzubewegen und mich in die Gesellschaft zu integrieren. Das hat mir sehr viel gebracht. Trotz meiner Behinderung bin ich auch ein sehr positiv denkender Mensch. Ich probiere immer zuerst alles aus, bevor ich aufgebe. Und schliesslich geben mir meine Eltern und mein Kollegenkreis sehr viel Kraft, um die natürlichen Hindernisse im Leben zu bewältigen.

Gibt es auch Momente, wo Ihnen nicht zum Singen zumute ist?
Natürlich gibt es solche Momente. Dann verziehe ich mich in mein Zimmer, mache die Stereoanlage an und höre lautstark Musik. Und schon geht es mir wieder besser. Oder ich fahre übers Wochenende zu meinen Musikerkollegen. Das ist auch eine sehr gute Therapie.

Mit dem Sieg bei Achims Hitparade im MDR vor zwei Jahren haben Sie auch international auf sich aufmerksam gemacht. Kam dieser Erfolg überraschend?
Dieser Erfolg war überhaupt nicht voraussehbar und entsprechend gross war die Überraschung. Allein die Tatsache, dass ich mich in der Vorausscheidung durchsetzen konnte und fürs Finale qualifizierte, war ein grosser Erfolg für mich. Als ich dann auch noch die schriftliche Bestätigung für den Finalauftritt bekam, blieb mir einen Moment lang die Sprache weg. Dass ich dann auch noch mit so prominenten Namen wie „Marc Pircher“ oder „Die Ladiner“ im Finale stehen konnte und den sechsten Platz erreichte, war phänomenal.

Hat hier der Mitleidbonus mitgespielt?
Ich glaube nicht. Ich würde es so sagen: Wenn man im Rollstuhl sitzt, braucht man automatisch mehr Zeit, sich für den Auftritt flott zu machen und sich fortzubewegen. Der Aufwand gegenüber einem nicht behinderten Menschen ist viel grösser. Mit meiner gesanglichen Leistung hat das aber nichts zu tun. Es ist aber möglich, dass das Publikum diesen „Mehraufwand“ mitbekommt und entsprechend honoriert.

Zurzeit sind Sie an Ihrem zweiten Album. Wie weit sind die Aufnahmen?
Rund zwei Drittel des neuen Albums sind bereits eingespielt. Durch den Tod von Rudi Margreiter ist die Produktion aber ins Stocken geraten. Jetzt muss ich mir erst einen neuen Produzenten und eine neue Plattenfirma suchen. Aber die neue CD sollte noch in diesem Jahr erscheinen.

Was darf der Hörer erwarten?
Zwei, drei Titel auf der neuen CD sind italienisch angehaucht. Die übrigen Lieder tragen die Handschrift von Rudi Margreiter und kommen in ähnlichem Stil daher wie das erste Album. Diese Art von Musik gefällt mir sehr gut und darauf bin ich stolz.

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