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Sitten / Das Schuljahr geht zu Ende. Auch für Dominik Albrecht. Er leitet seit 14 Monaten als Direktor die Walliser Hochschule. Im RZ-Interview geht er auf die neuen Ausbildungsmodule, die Chancen, Schwierigkeiten und Zukunftsper-spektiven der Hochschule ein.
Von German Escher
Ruth Seeholzer
Die Abschlussprüfungen stehen vor der Tür. Wie sind Sie mit dem bisherigen Verlauf des Schuljahres zufrieden?
Die Jahresabschlussprüfungen im herkömmlichen Sinn werden schritt-weise abgelöst durch die Pro-motion pro Modul. Sämtliche Studenten, die letztes Jahr ihr Studium bei uns begonnen haben, werden nach einem modularen System ausgebildet. Jeder Studierende wird in den einzelnen Modulen, also Themenbereichen, geprüft und kann sich so aufgrund des neuen European Credit Transfer System (ECTS) pro Fachgebiet gewisse Punkte sichern. Vereinfacht ausgedrückt: Ausbildungsteile unserer Hochschule werden europaweit auch an den übrigen Hochschulen anerkannt und umgekehrt. Das erhöht die Flexibilität und Mobilität der Studierenden. Die ersten Erfahrungen sind durchwegs positiv.
Die Walliser Hochschule ist also voll EU-kompatibel?
Richtig. Das neue modulare Ausbildungssystem eröffnet den Studenten aber auch der Schule neue Möglichkeiten. Innerhalb der alten EU-Länder gilt ja bereits heute die Personenfreizügigkeit für die Studenten.
Wieviel Studierende zählt die Hochschule Wallis eigentlich?
Wir haben drei Ausbildungsfelder, welche auf verschiedene Standorte aufgeteilt sind: den Bereich Wirtschaft und Dienstleistungen am Standort Siders, den Bereich Ingenieurwissenschaften in Sitten und den Sektor Gesundheit und Soziales in Visp, Leukerbad, Sitten sowie in Monthey. Insgesamt sind an den verschiedenen Instituten an die 2000 Studentinnen und Studenten eingeschrieben. Die Hochschule beschäftigt insgesamt an die 300 Dozenten und Mitarbeiter.
Wie hoch ist der Anteil der Oberwalliser Studenten?
Rund ein Viertel der Studierenden sind Oberwalliser. Je nach Ausbildungsrichtung schwankt der Oberwalliser Anteil.
Wie wichtig ist die Zweisprachigkeit an der Hochschule?
Die Zweisprachigkeit der Schule ist eines meiner Hauptanliegen. Die Institutsleiter und Dozenten wissen das auch. Sobald ich spüre, dass man die Zweisprachigkeit im Ausbildungsalltag nicht mehr lebt, greife ich ein. Wir wollen je-de Ausbildung sowohl auf Deutsch wie aufFranzösisch anbieten. Im dritten Studienjahr ist es möglich, dass es aufgrund der Spezialisierung zu wenig Studierende gibt für zwei sprachgetrennte Klassen. Aber wir haben klare Grundsätze: Der Dozent muss sich in Deutsch und Französisch verständigen können. Jedes Manuskript muss vor Beginn der Unterrichtsstunde in beiden Sprachen vorliegen. Unser Leistungsauftrag ist klar: Wir haben die Ausbildung für beide Sprach-regionen anzu-bieten. Die Zwei-sprachigkeit istein Trumpf fürunsere Schule. Wer die Chance nutzt, die Ausbildung zweisprachig zu absolvieren, hat nebst dem fachlichen Wissen ein weiteres Plus für seinen Werdegang.
Wie ist die Nachfrage aus dem Oberwallis?
Nach der Gründung ist das Interesse aus dem Oberwallis leicht gesunken. Das hatte mitunter auch mit der Schliessung des damaligen Standortes in Visp zu tun. Aber jetzt zeigt die Kurve wieder nach oben. Die Zahl der Oberwalliser Studenten steigt.
Haben Sie keine Angst, dass sich mit der NEAT die Oberwalliser Studenten stärker in Richtung Deutschschweiz orientieren?
Der Zug fährt von Brig/Visp nach Bern. Aber derselbe Zug fährt auch wieder von Bern zurück ins Wallis. Mit anderen Worten: Die NEAT beinhaltet riesige Chancen und Risiken. Das gilt auch für unsere Hochschule. Einige Studenten werden sich vielleicht für eine Ausbildung in der Deutschschweiz entscheiden. Aber ich kann mir ebenso gut vorstellen, dass Deutschschweizer bei uns ihre Ausbildung absolvieren.
Ist das nicht etwas optimistisch?
Nein. Wir haben bereits heute zahlreiche Studenten aus der Deutschschweiz. In den Fachgebieten Life Sciences beispielsweise, welche nur an den Standorten Wädenswil und Sitten angeboten werden, entscheiden sich viele Studenten für den Studienplatz Wallis.
Hat die Hochschule Wallis einen guten Namen?
Ganz klar. Unsere Ingenieurausbildung gilt als sehr streng. Das hat nicht immer nur Vorteile (schmunzelt). Unsere Tourismusfachschule in Siders ist die bekannteste und grösste ihrer Art in der Schweiz. Die Bereiche Betriebsökonomie und Soziales decken primär regionale Ausbildungsbedürfnisse. Für die Ausbildung in Physiotherapie stammen die Absolventen aus der ganzen Schweiz. Die neue Öffnung nach Norden wird auch der Schule Vorteilebringen, in dem wir vielleicht Allianzen mit Instituten in der Deutschschweiz eingehen. Die Ausbildungsinstitute im Tertiären Sektor dürften sich nicht aufs Wallis allein konzentrieren.
Das Hochschulwesen ist ständig im Umbruch: Ist die Hochschule Wallis überhaupt gross genug, um auf die Dauer überleben zu können?
Man spricht immer von den ominösen sechzig Studenten pro Studiengang. Wir erreichen diese kritische Grösse. Dieses Ziel erreichen wir aber nur, wenn wir klare Schwerpunkte im Ausbildungsangebot setzen. Es wäre beispielsweise völlig verfehlt, eine Ausbildung in Architektur oder Kommunikation anzubieten. Wir müssen uns primär auf jene Studienrichtungen konzentrieren, die auch dem regionalen Bedürfnis entsprechen. Das bedingt, dass Walliser mit anderen Studieninteressen ihre Ausbildung ausserhalb des Kantons absolvieren müssen.
Das Ausbildungsangebot ist doch sehr breit. Braucht es nicht eine weitere Spezialisierung?
Es wird eine gewisse Spezialisierung geben – beispielsweise in der Ausbildung der Sozialarbeiter. Hier werden drei Studiengänge auf einen Ausbildungsweg zusammengelegt. Ähnliche Massnahmen hat man bereits getroffen, indem man beispielsweise die Maschineningenieure und Elektroingenieure im Studiengang Systemtechnik ver-schmolzen hat. In der Grundausbildung wurden Lebensmitteltechnologie und Chemie in Life Sciences zusammengefasst. So ist es uns gelungen, in allen Sparten die kritische Grösse zu halten. Es ist meine Aufgabe, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen, damit wir rechzeitig reagieren können.
In einigen Jahren werden die geburtenschwachen Jahrgänge das Studienalter erreicht haben. Spätestens dann werden Sie mit einem Einbruch der Studentenzahlen rechen müssen?
Wir werden diese Entwicklung in acht bis zehn Jahren zu spüren bekommen. Also haben wir noch etwas Zeit, uns auf diese Situation einzustellen. Allerdings stellen wir auch fest, dass die Zahl der Studenten an den Fachhochschulen konstant steigt. Wir werden im Herbst wieder mit einem sehr starken Jahrgang starten können.
Gibt es Studientrends, auf die Sie mit ihrem Angebot reagieren können?
Wir sind der Fachhochschule Westschweiz angeschlossen. Gemeinsam überprüfen wir immer wieder das Studienangebot. Wir haben die Möglichkeit, innert ein bis zwei Jahren auf Nachfrageentwicklungen zu reagieren und allenfalls eine Richtungsänderung vorzunehmen. Das wiederum hat Konsequenzen auf die Wirtschaft. Die Fachhochschulen basieren auf den Resultaten der angewandten Forschung und Entwicklung. Der Wissenstransfer von Forschung und Entwicklung in die Studiengänge sind ein zentrales Merkmal unserer Hochschule. Wir haben sehr wenig Dozenten, die einen reinen Lehrerstatus haben. In der Forschung und Entwicklung entstehen verschiedenste Projekte, die letztlich auch der Wirtschaft zu gute kommen.
Wie stark profitieren die Oberwalliser Betriebe von diesem Wissenstransfer?
Hier wäre eindeutig mehr möglich. Unsere Mitarbeiter machen hier sehr viel. Aber auch hier ist die Bedeutung der Hochschule am steigen.
Fehlt die Innovationsbereitschaft im Oberwallis?
Dieser Aussage kann ich nicht zustimmen. Beispiele wie die Techron in Raron zeigen, zu welchen Ergebnissen Innovation führen kann. Leider fehlt im Oberwallis häufig das Bewusstsein, dass die Hochschule ein interessanter Ansprechpartner sein könnte. Der Oberwalliser ist nicht weniger innovativ. Wir haben die Angewohnheit, vieles auch schlecht zu reden. Es gibt im Oberwallis Unternehmen, die sehr innovativ tätig sind.
Im Tourismus ist die Zusammenarbeit aber recht gut?
Richtig. Die Tourismusfachschule hat heute im Oberwallis in der Branche und bei den Studenten einen guten Namen. Wir können an der Tourismusfachschule längst nicht mehr alle Interessenten aufnehmen. Für die heute rund 130 Studienplätze erhalten wir an die 180 Anmeldungen. Die Nachfrage und die Projektarbeit mit dem Oberwallis hat sich in den letzten drei Jahren stark verbessert.
Die Hochschule bietet auch eine Ausbildung im Bereich der Pflege an. Wird da nicht überqualifiziertes Pflegepersonal ausgebildet?
Ganz ehrlich: Diese Frage habe ich mir anfänglich auch gestellt. Aber ich habe sofort erkannt: Die Qualitätssicherung in den Pflegeberufen ist wichtig. Die Pflegeverantwortliche des Gesundheitsnetzes Wallis bestätigt mir immer wieder: Noch wird die Bedeutung der Fachhochschulausbildung in der Gesundheitspolitik vielerorts unterschätzt. Andernorts in der Schweiz prüft man jetzt, einen ähnlichen Ausbildungsweg wie das Wallis für das Pflegepersonal anzubieten. Dies nicht zuletzt gestützt auf verschiedene Studien, welche die Bedeutung gut ausgebildeter Mitarbeiter/-innen in der Pflege belegen.
Wie sind eigentlich die Berufsaussichten der Hochschulabsolventen?
Früher haben unsere Absolventen immer sofort eine Anstellung gefunden. Heute sieht die Situation anders aus. Wir müssen uns bewusst sein: Die Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz ist auf bis zu acht Prozent angestiegen. Das spüren auch unsere Studenten. Unsere Befragungen bei den Absolventen zeigen, dass fast alle nach sechs bis zwölf Monaten eine Stelle finden. Für die Jobsuche braucht es etwas Geduld.
Provokativer Schlusspunkt: Warum braucht das Wallis überhaupt eine eigene Hochschule?
Wieso sollen wir keine Hochschule brauchen?
Universität haben wir auch keine.
Genau da liegt der wesentliche Unterschied. Es kehren wesentlich weniger Akademiker mit einem Uni-Abschluss zurück ins Wallis als Absolventen einer Fachhochschule. Einerseits schadet es nicht, wenn der Walliser sich ausserhalb des Kantons umschaut und weiterbildet. Andererseits tut es auch gut, wenn die Walliser zurückkehren, Initiative ergreifen und sel-ber etwas auf die Beine stellen. Das Unternehmertum versuchen wir mit verschiedenen Projekten zu fördern. Das kommt letztlich der Walliser Wirtschaft zu Gute. All das kostet etwas. Das ist klar. Aber die Hochschule ist ein wichtiger Pfeiler für die Gesellschaft und Wirtschaft im Wallis. Deshalb kann ich auch nicht verstehen, wenn man immer von den Kosten pro Student spricht. Wir müssen uns bewusst werden: Ausbildung sind keine Kosten, sondern Investitionen in die Zukunft des Wallis.
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