D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Amadé Zenzünen, Geschäftsführer Landschaftspark Binntal und Gemeindepräsident Grengiols
„Landschaftspark hat nahezu existenzielle Bedeutung“


 

Binn / Vergangene Woche hat der Ständerat gegen den Willen des Bundesrates der Finanzierung von Landschaftsparks zugestimmt. Ein solcher Landschaftspark entsteht gegenwärtig im Binntal. Im RZ-Interview erklärt Geschäftsführer Amadé Zenzünen die Einschränkungen aber auch die Chancen und betont: „Der Landschaftspark hat nahezu existenzielle Bedeutung für das Binntal.“

Von German Escher
Walter Bellwald

Wieso braucht es eigentlich einen Landschaftspark?
Das Binntal ist einerseits sehr reich an Natur- und Kulturwerten. Andererseits sind wir wirtschaftlich sehr schwach. Kommt hinzu, dass auch die Gemeinden finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Im Kontext der nationalen Rahmenbedingungen ist das Tal heute mit der Frage konfrontiert: Wo gibt es eigentlich noch Entwicklungsmöglichkeiten? Der Landschaftspark bietet dem Tal eine Zukunftsperspektive im Bereich Wirtschaft, Natur und Kultur.

Der Begriff Park tönt aber auch nach strengem Schutz?
Mit diesem Vorurteil werden wir oft konfrontiert. Landschaftspark beinhaltet aber nicht einen Schutz im passiven Sinn. Eine interessante Anekdote dazu: Bei der Beurteilung des Pilotprojekts war es Staatsrat Fournier wichtig, dass man auch künftig im Binntal zur Jagd gehen kann.

Und das kann man auch?
Richtig. Bestehende Nutzungen werden nicht tangiert.

Was ändert sich für die Binner?
Wir haben den Anspruch, mit dem Landschaftspark neue Arbeitsplätze zu schaffen. Jede der Gemeinden hat natürlich andere Voraussetzungen. Aber Binn selber hat bereits heute einen recht gut laufenden, sanften Tourismus, den man im Rahmen des Projekts weiter fördern kann.

Sie betonen die Wirtschaftsförderung. Das Binntal wird also nicht zum Naturreservat, in dem Pflanzen und Tiere wichtiger sind als die Menschen?
Sicher nicht. Gerade darin liegt ja die Chance des Landschaftsparks. Es geht nicht bloss um die schöne Landschaft und die vielfältige Natur, sondern auch um den Lebensraum, in dem Menschen ein Auskommen erwirtschaften können. Die bisherigen Fördermittel und Schutzbestimmungen genügen einfach nicht, um eine Abwanderung zu verhindern. Im Unterschied zu den Nationalparks stehen im Landschaftspark nicht primär die Schutzbestimmungen, sondern die nachhaltige Entwicklung im Vordergrund. Aber die Projekte müssen von der Bevölkerung mitgetragen werden, sie müssen umweltverträglich sein und es muss sich wirtschaftlich lohnen.

Wie streng sind denn die Schutzbestimmungen?
Harte, touristische Erschliessungen sind nicht mehr möglich. Ein Skigebiet im Saflischtal beispielsweise wäre nicht denkbar. Aber eine Zufahrtsstrasse, die für die landwirtschaftliche Nutzung notwendig ist, wird bestimmt bewilligt.

Was bedeutet der Landschaftspark für die Landwirtschaft? Ändert sich viel für die Bauern im Tal?
Die Arbeitsgruppe Landwirtschaft hat festgestellt, dass in diesem Sektor die Möglichkeiten sehr schlecht genutzt werden – beispielsweise für die Käseproduktion. Lediglich ein Teil der Milch wird im Tal verarbeitet. Damit fehlen dem sanften Tourismus auch die regionalen Landwirtschaftsprodukte. Wenn wir eine neue Käserei bauen und eine Vermarktung aufziehen würden, entstünden doch einige Arbeitsplät-ze. Eine erste Kal-kulation hat ergeben: Mit einer Käserei blieben an die 700’000 Franken im Tal. Gleichzeitig streben wir ein Öko-Vernetzungsprojekt an. Da haben wir bereits einen ersten Erfolg erzielt.

Was verstehen Sie unter Öko-Vernetzungsprojekt?
Es geht darum, artenreiche, ex-tensiv genutzte Landwirtschaftsflächen miteinander zu verbinden. Wir haben eine solche Fläche geschaffen, die von Bister über Binn bis nach Steinhaus reicht. Mit den Bewirtschaftern wurden entsprechende Verträge abgeschlossen.

Die Akzeptanz für den Landschaftspark Binn ist also vorhanden?
In jenen Themengebieten, in denen die Bewohner eine Perspektive sehen, erkennt man auch die Bedeutung des Landschaftsparks.

Wie realistisch sind denn die Umsetzungschancen – beispielsweise für eine Sennerei?
Dazu braucht es neue Strukturen und grosse Investitionen. Der Landschaftspark kann Projekte nur initiieren und unterstützen. Die Umsetzung muss durch andere Organisationen realisiert und finanziert werden – beispielsweise durch zinslose Darlehen. Wir ha-ben dem Bund und Kanton auch ein entsprechendes Gesuch zur Vormeinung unterbreitet. Der Kanton verlangt aber, dass wir zuerst mit den anderen Sennereien in der Region Gespräche führen. Ein ähnliches Projekt haben wir in der Holzverarbeitung. Aber auch hier braucht es neue Strukturen und Subventionen.

Auch die Suche nach Mineralien kann mitunter ein Eingriff in die Landschaft bedeuten. Gibts hier Einschränkungen?
Die Mineraliengrube Lengenbach wird heute zwar häufig besucht, aber nicht mehr intensiv genutzt. Der Betrieb wird sicher in der heutigen Form weitergeführt. Wir könnten uns aber vorstellen, dass man im touristischen und wissenschaftlichen Bereich mit Vorträgen oder Exkursionen zum Thema Mineralien, noch mehr machen könnte. Das Strahlen wird im Binntal sicher nicht verboten.

Was wird eigentlich für die Natur selber unternommen?
Sehr viel. In diesem Bereich ist auch die Projektfinanzierung einfacher. In Ernen beispielweise werden wir eine alte, nicht mehr genutzte Wasserleitung instand stellen. Die Gelder dazu – immerhin über 200’000 Franken – sind bereits gesprochen. Zwischen Binn und Feld besteht seit längerem die Idee, den Flusslauf der Binna wieder auszuweiten. Auch dafür sind Subventionen von rund 600’000 Franken zugesichert. Der Landschaftspark Binntal ist also nicht bloss ein Wirtschaftsförderungsprojekt. Auch im Bereich des öffentlichen Verkehrs haben wir Ideen für Zusatzerschliessungen ab Binn. Wir bieten zudem Exkursionen und Events an. Der Landschaftspark gibt sogar einen eige-nen Veranstaltungskalender heraus. Ausserdem wollen wir die Kommunikation weiter intensivieren. Für viele Menschen ist es entscheidend, dass solche Projekte wirklich fassbar sind. Deshalb sind Information und Sensibilisierung wichtig.

Das Beispiel Unesco-Weltnaturerbe zeigt, dass oft grosse Erwartungen mit solchen Projekten verbunden werden, die dann nur schwer einzuhalten sind.
Das Risiko besteht in der Tat. Ich dämpfe die Erwartungen immer wieder. Es gibt – beispielsweise für die Landwirtschaft – Lösungsmöglichkeiten. Aber die Umsetzung verlangt von den Bewohnern auch Geduld. Der Landschaftspark allein ist nicht die Rettung für das Binntal. Das müssen die Einheimischen auch erkennen. Wir können lediglich einen Entwicklungsimpuls geben. Entscheidend bleibt die Eigenini-tiative der Bevölkerung.

Wie weit ist man in der Umsetzung des Landschaftsparks eigentlich?
Es handelt sich vorerst um ein Pilotprojekt, das 2003 gestartet wurde und bis 2008 begrenzt ist. Nach Abschluss der Pilotphase sollte das Binntal als Landschaftspark anerkannt werden und ein solches Label bekommen. Noch sind die genauen Auflagen für dieses Label, mit dem auch regio-nale Produkte oder Dienstleistungen vermarktet werden könnten, nicht abschliessend definiert.

Wie viel Geld stehen dem Landschaftspark Binntal zur Verfügung?
Das Gesamtbudget beläuft sich auf 3,1 Millionen Franken, rund zwei Drittel davon für nicht-bauliche Massnahmen, ein Drittel für Investitionen. Rund 2 Millionen sind durch Bund, Fonds Landschaft Schweiz, Kanton und Gemeinden weitgehend gesichert. Für konkrete Projekte wie die an-gesprochene Senne-rei müssen wir das übliche Subventionsverfahren durchlaufen.

Wenn der Park anerkannt würde, gäbe es eine neue Finanzierungsgrundlage?
Das ist im Detail noch nicht bekannt. Es wird sicher eine Parkverwaltung geben, die einzelne Projekte mit Hilfe des Bundes weiterführen wird.

Letzte Woche hat der Ständerat der Idee der Landschaftsparks gegen den Willen des Bundesrates zugestimmt. Ein Grund zur Freude im Binntal?
Ganz klar. Der Landschaftspark hat nahezu existenzielle Bedeutung für das Binntal. Rückläufige Einnahmen bei den Gemeinden und eine neue Regionalpolitik des Bundes, die auf einen Rückzug aus gewissen Tälern abzielt, verheissen für die Region Binntal nichts Gutes. Ohne Gegenmassnahmen droht dem Binntal eine Wildnis für Wolf, Bär und Luchs.

Zum Landschaftspark Binntal gehören mehrere Trägergemeinden. Wie hat man den Perimeter eigentlich definiert?
Kerngebiet ist die Gemeinde Binn, deren Gebiet sich weitgehend im sogenannten BLN, also im Bundesinventar schützenswerter Landschafts- und Naturdenkmäler befindet. 1964 hat die Gemeinde Binn den wegweisenden Schutzvertrag unterzeichnet und damit auf verschiedene Nutzungen – etwa im Bereich Wasserkraft – verzichtet. Dieses Kerngebiet ist auch Zentrum des Landschaftsparks. Damit der Park aber die erforderliche Grösse erreicht, hat man die Nachbargemeinden (Ausserbinn, Ernen, Grengiols) miteinbezogen. Durch die Gemeindefusion erstreckt sich der Perimeter nun bis nach Steinhaus. Mit der Gemeinde Bister werden noch Gespräche geführt. Dann hätten wir gegen Westen mit dem Tunetschgraben eine natürliche Grenze. Zudem haben wir eine Erweiterungsoption über den Saflisch in Richtung Simplon und könnten so eine Vernetzung mit dem Ecomuseum eingehen. Bereits heute haben wir eine Zusammenarbeit mit dem Parce Naturale Alpe Velio Devero.

Gibt es Einschränkungen für eine Gemeinde? Oder wieso sollte die Gemeinde Bister nicht mitmachen?
Es ist letztlich eine Frage der Finanzen. Jede Gemeinde im Perimeter muss einen Jahresbeitrag bezahlen. Die Gemeinden bezahlen an den Landschaftspark Binn immerhin 124’000 Franken, was allerdings weniger als zehn Prozent des Budgets ausmacht. Die Gemeinde Grengiols beispielsweise bezahlt pro Jahr um die 6’000 Franken.

Sie sind zugleich Gemeindepräsident von Grengiols. Kann es da nicht zu Interessenskollisionen kommen?
Meine Tätigkeit als Geschäftsführer ist ein kleines Teilmandat von 15 Wochenstunden. Aber es kann zu Interessenskonflikten kommen. Wenn die erwähnte Sennerei realisiert wird, habe ich als Gemeindepräsident sicherlich alles Interesse, dass dieses Projekt in Grengiols realisiert würde. Wir wären auch bereit, als Standortgemeinde eine Abgeltung zu bezahlen. Wenn sich diese Frage wirklich stellt, muss ich selbstverständlich in den Ausstand treten.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: