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Steg / Steg ist ein Industrieort, dessen wirtschaftliches Wohlergehen stark mit der Alcan verbunden ist. Wie schätzt die neue Gemeindepräsidentin Andrea Roth die Entwicklung rund um den grössten Arbeitgeber in der Region ein und was sind ihre Hauptanliegen? Nach den ersten sechs Monaten zieht die Gemeindepräsidentin eine erste Zwischenbilanz.
Von German Escher
Walter Bellwald
Seit einem halben Jahr sind Sie Gemeindepräsidentin von Steg. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Die ersten Erfahrungen sind durchwegs positiv. Auch das Echo der Bevölkerung ist eigentlich gut. Ich war bereits während vier Jahren Gemeinderätin. Aber jetzt kam doch viel Neues dazu. Es ist eine andere Erfahrung, diesen Gemeinderat selber zu führen. Das Präsidium ist eine spannende Herausforderung.
Alcan gab kürzlich die Entlassung von 110 Mitarbeitern am Standort in Siders bekannt. Wie haben Sie auf diese Meldung reagiert?
Besorgniserregend. Mein erste Gedanke waren die möglichen Einflüsse auf das Werk in Steg. Wir wurden dann aus erster Hand informiert: Alcan baut in Steg keine Stellen ab. Auch wenn wir selber jetzt nicht betroffen sind, führen die Entlassungen auch bei uns in Steg zu einer grossen Betroffenheit.
Die Elektrolyse in Steg sollte vor Jahren bereits einmal geschlossen werden. Haben Sie heute gewisse Garantien, für wie lange das Werk Steg gesichert ist?
Solche Zusagen haben wir nicht. An der diesjährigen Informationssitzung haben wir eigentlich nur Positives erfahren. In den letzten Jahren wurden regelmässig grosse Investitionen in der Aluhütte Steg getätigt. Das lässt uns doch hoffen, dass der Standort Steg für die nächsten Jahre gesichert ist. Letztlich wird der Strompreis entscheidend sein über den Fortbestand der Alu-Hütte Steg. Diese Verhandlungen zwischen Alcan, der FMV und dem Kanton laufen derzeit.
Wieviele Leute arbeiten gegenwärtig in der Alcan?
Zurzeit beschäftigt Alcan in Steg rund 300 Mitarbeiter. Das Werk hat also nicht nur für die Gemeinde Steg, sondern für die gesamte Region eine grosse Bedeutung.
Steg hat die SAT verloren und die Scintilla schliesst in diesen Wochen die Hallen. Wie sehen Sie die Zukunft des Industrieortes Steg?
Gegenwärtig ist die Situation wirklich nicht einfach. Zum einen die Unsicherheiten bei Alcan, zum andern die Schliessung der Scintilla, die uns allerdings vorzeitig und sehr offen informiert hat. Die Scintilla hat die Zahl der Mitarbeiter seit einem Jahr schrittweise abgebaut.
Die Gemeinde ist Eigentümerin der Scintilla-Hallen. Haben Sie einen Nachfolger gefunden?
Das Produktionsgebäude konnten wir an ein neugegründetes Unternehmen, die Tellsi AG, verkaufen. Die ersten Maschinen der neuen Firma sind bereits installiert. In der bisherigen Scintilla werden künftig Laser-Pistolen hergestellt. Bestehende Dienstwaffen werden mit Lasertechnik umgerüstet und so zu Trainingswaffen für Polizei und Militär. Zu Beginn werden sechs bis acht Mitarbeiter beschäftigt. Es handelt sich um einen Betrieb, der in diesem Marktsegment quasi über ein Monopol verfügt und deshalb gute Wachstumsperspektiven hat.
Steg hatte als eine der ersten Gemeinden im Oberwallis ein Industriegebiet. Aber heute hört man von Steg sehr wenig. Vernachlässigt Steg das Standortmarketing?
Im Bereich Standortmarketing läuft ein Projekt. Die Lage und die Erschliessung sind wirklich sehr gut. Unser Industriegebiet gehört zu den wenigen im Kanton, die beispielsweise mit Gas erschlossen sind. Wir hatten gute Jahre. Aber auch der Werkplatz Steg steht in Konkurrenz mit günstigeren, ausländischen Standorten. Deshalb hat auch die Scintilla Steg verlassen. Wir sind bemüht, diese Lücke nun zu schliessen. Ein erster Schritt ist mit der Tellsi AG gelungen. Für die übrigen Hallen der Scintilla haben wir verschiedene Interessenten. Wir sind zuversichtlich, hier bald einmal Mietverträge abschliessen zu können.
Wie sehen Sie die Zukunft von Steg – eher als Wohn- oder als Industriegemeinde?
Die Strategie der Gemeinde war bisher schwerpunktmässig auf Industrie und Gewerbe ausgerichtet. Touristisch haben wir kaum Alternativen. Dazu fehlen uns die Alpen oder Maiensässe, wie sie andere Gemeinden haben. Deshalb liegt unsere Zukunft auch weiterhin im Gewerbe und in der Industrie.
Und wie sehen Sie die Chance als Wohngemeinde?
Wir sähen gerne eine grössere Bautätigkeit in Steg. Wenn man versucht Arbeitsplätze zu schaffen, hätte man auch gerne, wenn die Arbeiter im Dorf wohnen. Auch in diesem Bereich laufen Bestrebungen. Es ist vorstellbar, dass die Burgergemeinde als grosse Bodenbesitzerin allenfalls gemeinsam mit Privaten Wohnungen erstellt. Ähnliche Projekte kennt man bereits in den Nachbargemeinden. Wir hoffen, auch bei uns diese Projekt-idee bis Ende Jahr konkretisieren zu können. Dabei geht es nicht primär um Eigentumswohnungen. Steg hat heute zu wenig Mietwohnungen. Die Burgergemeinde hat bereits heute zwei Wohnhäuser mit je sechs Mietwohnungen. Auf der Nachbarparzelle liesse sich eine ähnliche Überbauung durchaus realisieren. Jetzt geht es primär darum abzuklären, ob und mit welchen Partnern ein solches Bauvorhaben Sinn macht.
Beziehen Sie auch die Meinung der Bevölkerung mit ein? Gegenwärtig wird eine breite Bevölkerungsbefragung durchgeführt.
Das ist richtig. Die Bevölkerungsbefragung ist ein Novum. Der Gewerbeverein, den Gampel und Steg reaktiviert haben, hat diese Umfrage initiiert. Der Steger Gemeinderat befürwortet diese Befragung, die auch von der Gemeinde Gampel unterstützt wird. Es wird unter anderem nach der Zufriedenheit, dem Angebot an Geschäften und Dienstleistungen, der Wohnqualität, etc. gefragt. Der Bürger kann auch Vorschläge unterbreiten. Die Befragung läuft bis Ende Juni. Bis im Herbst sollte die Auswertung vorliegen. So spüren wir den Puls der Bevölkerung etwas besser.
...und haben eine bessere Grundlage für die künftige Strategie?
Es wird uns vielleicht die eine oder andere Entscheidung erleichtern. Das hängt aber letztlich nicht nur von den Antworten, sondern von der Beteiligung der Bevölkerung ab. Nur wenn genügend Einwohner an der Umfrage mitmachen, sind auch repräsentative Aussagen möglich.
Steg und Gampel sind wie Zwillings-Gemeinden. Müsste die Zusammenarbeit nicht stärker intensiviert werden?
Wir sind bestrebt, enger mit Gampel zusammenzuarbeiten. Die Bezirksgrenze trennt heute Gampel und Steg. Das erschwert die Rahmenbedingungen für eine engere Kooperation. Wir haben mehrere gemeinsame Institutionen und verschiedene Projekte, die wir zusammen realisieren – beispielsweise der Hochwasserschutz entlang der Lonza. Wir haben begonnen, auf Kommissionsstufen enger zusammen zu arbeiten – etwa in der Kulturkommission. Wir führen die 1.August-Feier gemeinsam durch. Die Steger und Gampjier gehen in kleinen Schritten aufeinander zu.
Aber die gemeinsame Feuerwehr ist gescheitert?
Die Idee ist noch vorhanden, die Absichtserklärung unterzeichnet. Aber die Umsetzung ist nicht einfach. Noch ist das Thema nicht vom Tisch. Aber es fehlt wohl noch an der inneren Bereitschaft, diesen letzten Schritt zu tun. Ich bin überzeugt, dass eine gemeinsame Feuerwehr für Steg und Gampel eine gute Lösung wäre.
Wie ist die Zusammenarbeit mit den übrigen Nachbargemeinden?
Mit Hohtenn arbeiten wir eng zusammen. Die Fusion mit Hohtenn ist ein Thema, das in den nächsten Jahren konkret wird. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Als nächstes muss ein Fusionsbericht erarbeitet werden.
Der Schulterschluss mit Hohtenn ist also konkreter als die Fusion mit Gampel?
Das ist so.
Steg und Gampel haben auch gemeinsame Probleme, zum Beispiel den Durchgangsverkehr. Wie stehen Sie zur Umfahrung von Gampel-Steg?
Die Umfahrungsstrasse ist geplant und bewilligt, wird aber vom Kanton in den nächsten zwanzig Jahren kaum realisiert. Steg hat die Umfahrung befürwortet. Der Durchgangsverkehr trennt den oberen Dorfteil von der restlichen Gemeinde ab.
Und was unternehmen Sie jetzt?
Wir haben kürzlich mit den Gemeinden Hohtenn und Niedergesteln die Verkehrsproblematik diskutiert. Alle drei Gemeinden werden gemeinsam beim Kanton nachfragen, wie er das weitere Vorgehen in Sachen Umfahrungsstrasse sieht.
Was haben Sie für eine Forderung?
Steg braucht zumindest eine Alternative für die Umfahrungsstrasse. Das aus mehreren Gründen: Zum einen ist der Durchgangsverkehr enorm. Zum anderen könnten mit der geplanten Umfahrungsstrasse auch die Industriegebiete von Steg, Hohtenn und Niedergesteln besser angebunden werden. Heute fahren die Lastwagen aus diesen Industriezonen teilweise durch unsere Wohngebiete.
Steg lässt sich die Wohnqualität etwas kosten. So hat Steg als einzige Gemeinde ein eigenes Hallenbad. Kann sich das die Gemeinde eigentlich leisten?
Das Hallenbad ist eine Bereicherung des Angebots in der Region. Die nächsten Hallenbäder befinden sich in Brig oder Siders. Unser Hallenbad ist 30-jährig. Wir versuchen, jährlich die notwendigsten Unterhaltsarbeiten zu machen, um so das Hallenbad weiterbetreiben zu können. Wir sagen immer: Wir haben ein Hallenbad, andere Gemeinde haben Skilifte (schmunzelt).
Sie sprechen es an: Müssten die touristischen Infrastrukturprobleme nicht regional gelöst werden?
Das Hallenbad ist in die regionale Tourismuswerbung integriert. Aber einander die damit verbunden Finanzsorgen abzunehmen, ist alles andere als einfach.
Haben Sie als Gemeindepräsidentin eine persönliche Vision für Steg entwickelt?
Solche Visionen hat jede Gemeindepräsidentin oder jeder Gemeindepräsident beim Amtsantritt. Eines meiner Hauptanliegen ist die Schaffung neuer Mietwohnungen. Ein weiteres Projekt ist die Renovation der Turnhalle. In den letzten Jahren haben wir den ganzen Schulhauskomplex und die Gemeindekanzlei renoviert. Mit dem Entscheid über die Sanierung der Turnhalle steht der Bau einer Mehrzweckhalle im Raum. Auch zu diesem Punkt kann sich die Steger Bevölkerung in der Umfrage äussern.
Kann sich die Gemeinde eine Mehrzweckhalle leisten?
Die Investition ist das eine, Betriebs- und Unterhaltskosten sind jedoch nicht zu unterschätzen. Der Gemeinde geht es finanziell sehr gut. Die Verwaltungsrechnung 2004 schliesst ohne Pro-Kopf-Verschuldung ab. Wir haben zu Jahresbeginn auch den Steuerfuss auf 1,1 reduziert.
Also genügend Geld in der Kasse um Visionen anzugehen?
Im Moment stimmt das. Mit einer derart guten Verwaltungsrechnung wachsen auch die Wünsche der Be-völkerung. Wir müssen uns bewusst sein: Die Gemeinde Steg konnte in den letzten Jahr von der Quellensteuer der NEAT profitieren. Diese wird 2005 nicht mehr kommen. Die Steuern der juristischen Personen sind grossen Schwankungen unterworfen, und die Steuern der Scintilla fallen weg. Wieviel Steuern die neue Firma bezahlen wird, ist derzeit noch nicht abschätzbar. Kommt hinzu, dass wir bei der Vermietung der noch leerstehenden, früheren Scintilla-Hallen grössere Ausfälle haben. Unterm Strich wird die Gemeinde Steg 2005 also mit beachtlichen Mindereinnahmen rechnen müssen. Deshalb ist auch in Zukunft eine vorsichtige Investitionspolitik notwendig.
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