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Gianni Dellacasa, Trainer des FC Sitten
„Jeder einzelne Sieg muss hart erarbeitet werden“



 

Sitten / Martinach / Das knappe Scheitern am Aufstieg in der letzten Saison ist einigermassen verdaut, schon steht die neue Saison vor der Tür. In neun Tagen beginnt für den FC Sitten die nächste Spielzeit in der Challenge League. Und erneut sind die Walliser der grosse Favorit in der zweithöchsten Schweizer Liga. Unter der Regie von Gianni Dellacasa soll das Vorhaben „Rückkehr in die Super League“ nun endlich Realität werden.

Von Markus Pianzola

Gianni Dellacasa, konnten Sie in letzter Zeit gut schlafen?
Ja, ich habe sehr gut geschlafen. Wieso?

Der Druck auf Sie muss riesig sein. Alles andere als der Aufstieg in der kommenden Saison würde Sie wohl Ihren Job kosten.
Ich spüre keinen Druck. Ich fühle mich lediglich verantwortlich, für die Mannschaft und den Verein zu arbeiten, um meine Spieler weiter zu bringen. Aber ansonsten verspüre ich absolut keinen Druck.

Am 15. Juni hat Ihr Team den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen. Sind Sie mit der bisherigen Vorbereitung zufrieden?
Ich denke, wir haben wirklich gut gearbeitet. Vor allem im Trainingscamp in Orsières konnten wir von sehr guten Bedingungen profitieren. Auch mit der Stimmung, die derzeit in der Mannschaft herrscht, bin ich zufrieden. Die Spieler arbeiten hart und gut an sich und wir haben es bereits geschafft, aus all den verschiedenen Individuen eine Mannschaft zu formen.

Auf welche Trainingsaspekte haben Sie besonderen Wert gelegt?
Bei der Trainingsgestaltung achte ich darauf, dass alle für die Spieler wichtigen Be-reiche trainiert werden. Sei es nun Technik, Taktik, Kondition oder auch das mentale Element. Sicher wird bei einzelnen Übungseinheiten das Augenmerk auf einen bestimmten Bereich gelegt. Aber im Endeffekt ist es wichtig, dass keiner der vier Bereiche vernachlässigt wird. Es ist vor allem eine Frage der richtigen Gewichtung.

Mit Benoit Cauet, Paolo Vogt und Mirsad Mijadinoski wurden drei neue Spieler verpflichtet. Wie sehen Ihre ersten Eindrücke aus?
Jeder dieser drei Spieler hat seine Qualitäten. Qualitäten, die unsere Mannschaft sicher weiterbringen werden. Alle drei Spieler sind Typen, die arbeiten wollen, die neue Erfahrungen sammeln wollen. Und sie haben Siegeswillen, sie wollen den Erfolg und ordnen diesem Ziel alles unter.

Derzeit umfasst das Kader weit mehr als zwanzig Spieler. Haben Sie keine Angst, dass wenig oder gar nicht eingesetzte Spieler für Unruhe in der Mannschaft sorgen könnten?
Wir verfügen insgesamt über 29 Spieler. Bis vor zwei Wochen haben alle gemeinsam trainiert. Einige Spieler werden mit Spielern der U20 eine zweite Trainingsgruppe bilden. Diese trainieren zwar nicht zur gleichen Zeit wie die Trainingsgruppe mit den Stammspielern, absolvieren aber dasselbe Programm. Hier gilt mein Dank Assistenztrainer Christian Zermatten und Torhütertrainer Marco Pascolo. Sie stehen mit mir täglich drei bis vier Mal auf dem Platz für die verschiedenen Trainingseinheiten, das ergibt mehr als sechs Stunden! Einen solchen Aufwand zu bewältigen ist sicherlich nicht immer einfach, aber wir sind der Meinung, dass jeder einzelne Spieler unseren vollen Einsatz und unsere Unterstützung verdient.

In neun Tagen startet die Challenge League. Mit Spielen gegen Luzern, Lausanne, Vaduz und Winterthur ist das Anfangsprogramm recht happig.
Es ist ein Startprogramm wie jedes andere auch. Es spielt keine Rolle, wann wir auf welchen Gegner treffen. Die Mannschaft muss sich ihres Potenzials bewusst sein, aber auch mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben. Unser Weg ist vorgezeichnet. Nicht durch den Präsidenten oder den Trainerstab, sondern durch die Spieler selbst. Am Team liegt es nun auch, diesen eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.

Welches werden die grössten Konkurrenten um den Aufstieg sein?
Alle! Für mich ist jede Mannschaft der Challenge League ein Gegner im Kampf um den ersten Platz. Durch die verschiedenen Transfers lässt sich momentan noch schwer beurteilen, welche Mannschaft wie stark sein wird. Einzelne Teams werden sich in den kommenden Tagen sicherlich noch verstärken. Die Stärkeverhältnisse werden sich erst nach den ersten Runden schlüssig beurteilen lassen. Es ist sowieso so, dass das Motto lauten wird: Alle gegen den FC Sitten. Und der FC Sitten ist bereit für diese Herausforderung.

Wie Sie bereits sagten, ist der FC Sitten die Mannschaft, die es zu schlagen gilt. Ihre Gegner sind deshalb jeweils speziell motiviert. Wie begegnen Sie dieser speziellen Herausforderung?
Für viele Mannschaften wird das Spiel in Sitten das Spiel des Jahres sein. Diese Tatsache wird die Motivation der Gegner vervielfachen. Sie haben den Vorteil, dass sie nichts zu verlieren haben. Daher gilt es, unsere Spieler jedes Mal aufs Neue auf diese speziellen Umstände einzustellen. Die Mannschaft muss begreifen, dass uns kein Gegner den roten Teppich ausrollen wird. Jeder einzelne Sieg muss hart erarbeitet werden, das werden sicherlich keine Spaziergänge. Aber ich bin der Meinung, das Team ist heute soweit, sich dieser Herausforderung erfolgreich zu stellen.

Sie sprechen den mentalen Aspekt an. Wie wichtig ist dieser Ihrer Meinung nach im heutigen Fussball?
Das Suchen des Gesprächs mit den Spielern gehört zum Fundamentalen im Fussball. Jeder von uns hat seine eigenen Probleme. Diese Probleme lässt man nicht einfach zuhause, das ist nicht möglich. Wenn man diese Tatsache ignoriert, fällt es schwer, den Spieler und seine Handlungsweise zu verstehen. Zwischenmenschliche Beziehungen sind also sehr wichtig, auch im harten Profigeschäft. Jeder Spieler braucht eine auf ihn ab-gestimmte Be-handlung, um sein volles Leis-tungspotenzial ausschöpfen zu können. Daher spielt der mentale Bereich eine sehr grosse Rolle. Diese Einstellung muss man als Trainer leben. So bin ich beispielsweise letzthin erst kurz vor Mitternacht nach Hause ge-kommen, weil ich noch mit Spielern Gespräche geführt habe. Aber ich bereue es nicht, dass ich diese Zeit investiert habe. Im Gegenteil, ich war froh und erleichtert, dass ich meinen Spielern helfen konnte. Ich sage immer: Fünfeinhalb Tage lebe ich zu 120 Prozent für den FC Sitten und die restlichen anderthalb Tage gehören meiner Familie.

Man kann also sagen, dass Sie jemand sind, der für den Fussball lebt, mit all den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt?
Ja, das ist tatsächlich so. Während den vorgängig erwähnten fünfeinhalb Tagen lebe ich für meine Spieler, meine Mannschaft, meinen Verein. Und sonst für nichts anderes.

Auch die Fans spielen für einen Verein wie den FC Sitten eine wichtige Rolle. Wie beurteilen Sie das Walliser Publikum?
Es ist ein phantastisches Publikum. An den Heimspielen ist jeweils die Liebe und die Leidenschaft der Zuschauer für diesen Club zu spüren. Auch wenn wir einmal eine weniger gute Vorstellung abliefern, treibt uns unser Publikum trotzdem weiter an, unterstützt uns so gut es kann. Ich glaube, unsere Fans haben gemerkt, dass sich die Spieler mit dem Verein identifizieren und bereit sind, das Maximum für den Erfolg zu geben. Auch wenn nicht immer ein Sieg dabei herausschauen kann.

Seit kurzem fungieren in den einzelnen Regionen des Wallis sogenannte Botschafter als Bindeglieder zwischen dem Verein und den Fans. Was halten Sie von diesem Projekt?
Ich kann nur schlecht die Arbeit von anderen beurteilen. Mein Job ist es, beurteilt zu werden (lacht). Aber ich glaube, die Verbindung zu den Anhängern zu verstärken und neue Fans anzuwerben, ist eine sehr gute Sache. Aus diesem Grund planen wir auch, in Zukunft alle ein bis zwei Wochen Freundschaftsspiele gegen 1. Liga-, 2. Liga Interregional- und 2. Liga-Clubs aus der Region zu organisieren. Dies mit dem Ziel, näher an unser Publikum zu kommen. Die Anhänger brauchen und suchen den Kontakt zu ihrer Mannschaft. Auf diese Weise können sie die Mannschaft besser kennen lernen.

Die Fans wollen Identifikationsfiguren aus der Region. Vor allem aus Oberwalliser Sicht herrscht hier momentan ein Mangel. Gibt es Kandidaten, die diese Position in absehbarer Zukunft einnehmen könnten?
Wir sind dabei, im Oberwallis Spieler zu sichten, die eventuell für unsere U20-Mannschaft in Frage kämen. Ich hoffe, wir werden fündig. Mit Stephan Amacker spielt bereits ein Oberwalliser beim FC Sitten, aber wir sind ständig auf der Suche nach neuen Kandidaten.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
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