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Hobach / Reckingen / Sie leben auf engstem Raum und in einfachsten Verhältnissen. Sascha Imboden (33) und seine Lebensgefährtin Claudia Von Riedmatten (32) bewirtschaften die Hobachalp oberhalb Reckingen und haben sich mit ihren zwei Kindern für drei Monate hier oben eingenistet. Im RZ-Frontalinterview erzählen sie von der harten Arbeit auf der Alp, die spezielle Aura in den Bergen und sagen: „Wir haben die Stille bewusst gesucht.“
Von Walter Bellwald
Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?
Sascha: Um vier Uhr früh hat der Wecker geklingelt.
Claudia: So um viertel nach vier Uhr sind wir dann aufgestanden.
Und was haben Sie als erstes erledigt?
Claudia: Ich habe zuerst das Melkgeschirr zusammengestellt.
Sascha: Und ich habe angefeuert und den Wasserkessel aufgesetzt, damit wir später das Melkgeschirr waschen können. Dann haben wir gemeinsam den Käse, den wir am Vortag gemacht haben, in den Keller gebracht und gesalzen.
Claudia: Und schliesslich haben wir das Vieh von der Weide geholt und eingestallt, um es zu melken.
Was gehört sonst noch zu Ihrer Arbeit?
Claudia: Ein Grossteil der Zeit geht für die Versorgung der Tiere drauf. Dazu kommen viele andere Arbeiten wie beispielsweise das Aufstellen der Zäune und das Käsen. Dazu buttern und backen wir auch, aber nur für den Eigengebrauch.
Sascha: Wir verarbeiten rund 300 Liter Milch pro Tag. Dabei wird die Milch vom Vorabend über Nacht gekühlt und schliesslich mit der Morgenmilch vermengt. Dann verarbeiten wir die Milch zu Käse. Im Schnitt ergibt das acht Laibe pro Tag. Diese Arbeit nimmt rund zwei Stunden in Anspruch. Dann wird der Käse gepresst, gesalzen und gelagert. Neben dem normalen Käse stellen wir auch einmal wöchentlich Ziger her. Der Käse wird im hauseigenen Keller auf der Alp bis Ende Sommer gelagert. Dann werden die Laibe unter den drei Landwirten, die ihre Kühe auf der Hobachalp in Pacht geben, aufgeteilt.
Das tönt nach harter Arbeit. Haben Sie am Abend Schwielen an den Händen?
Sascha: Die Arbeit auf der Alp ist gewöhnungsbedürftig. Vor allem am Anfang ist es recht hart. Die langen Tage und die körperlich anspruchsvolle Arbeit hinterlassen ihre Spuren. Hat man die ersten drei Wochen erst einmal geschafft, dann geht es flotter von der Hand.
Sie sind den zweiten Sommer hier auf der Alpe Hobachalp. Was hat Sie hierher verschlagen?
Claudia: Eine Kollegin von mir hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass auf der Hobachalp noch Älpler gesucht würden. Weil wir vormals auf Alpen im Berner Oberland, in Graubünden und im Kanton St. Gallen tätig waren und beide zurück ins Wallis wollten, haben wir uns genauer informiert. Schliesslich haben wir uns mit dem Alpmeister darauf geeinigt, die Alpe zu bestossen.
Sascha: Jetzt sind wir schon den zweiten Sommer hier und es gefällt uns immer noch sehr gut. Darüber hinaus kommt es uns gelegen, dass hier auf Hobach erst anfangs Juli aufgealpt wird.
Claudia: Dadurch kann unser Sohn Luca jeweils sein Schuljahr beenden und wir können gemeinsam auf die Alp ziehen. Schliesslich kommt mir entgegen, dass wir „nur“ 24 Kühe versorgen dürfen. Das kann Sascha notfalls auch alleine, wenn ich mich um unser fünfmonatiges Baby kümmern muss.
Wie gut hat sich der kleine Ramon akklimatisiert?
Claudia: Recht gut. Die Höhenluft bekommt ihm anscheinend (lacht). Er schläft schon praktisch die ganze Nacht durch. Das überrascht mich doch sehr.
Sascha: Und auch Luca hat sich an das Älplerleben gewöhnt. Er hilft tatkräftig mit, wo er nur kann, und steht seinen Mann.
Claudia: Er ist seit seiner Geburt jeden Sommer auf der Alp. Er kennt den Ablauf mittlerweile sehr gut. Vor allem dieses Jahr können wir uns schon voll auf ihn verlassen und die Kühe folgen ihm sehr gut.
Nach welchen Kriterien wählen Sie eine Alp aus?
Sascha: Wir setzen in erster Linie auf Nostalgie. Viele Alphütten und Käsereien wurden in der Zwischenzeit saniert und modern eingerichtet. Das ist nicht unser Ding. Uns ist es wichtig, noch nach alter Väter Sitte auf einer „Holzträcha“ zu feuern und in einem „Kupferkessi“ zu käsen.
Claudia: Ein zweites Kriterium ist, dass wir Kühe wollen, die Hörner haben. Wir finden es unnatürlich, wenn den Tieren die Hörner verätzt oder abgesägt werden.
Warum verzichten Sie auf eine moderne Einrichtung?
Claudia: Früher hatten die Leute auch keine moderne Infrastruktur und haben trotzdem sehr gute Produkte hergestellt. Das ist auch heute mit einfachen Mitteln durchaus möglich.
Sascha: Natürlich ist die Qualitätssicherung in einem modernen Betrieb einfacher zu gewährleistet. Aber wir wollen aufzeigen, dass man auch unter primitiven Bedingungen eine sehr gute Käsequalität erreichen kann.
Sie leben hier unter sehr einfachen Verhältnissen. Geht Ihnen die Moderne nicht manchmal ab?
Claudia: Nein, überhaupt nicht. Man arrangiert sich mit dem, was man hat. Weil wir hier oben keinen Strom haben, helfen wir uns mit Stirnlampen und Kerzenlicht aus. Einzig für die Melkmaschine haben wir ein Aggregat.
Was reizt Sie daran, den Sommer über auf einer Alp zu verbringen?
Claudia: Für mich ist es in erster Linie die Freiheit, die ich hier oben geniesse und schätze. Wir sind unser eigener Herr und Meister und können uns die Arbeit selber einteilen.
Sascha: Man bewegt sich auf der Alp wie in einer anderen Welt. Die Arbeit ist zwar sehr hart, und trotzdem kann man sich hier sehr gut erholen. Die Hektik und der Stress des Alltags gehen verloren. Wenn es im Herbst wieder zurück ins Tal geht, brauche ich immer eine gewisse Zeit, um mich wieder an die Hektik zu gewöhnen.
Verbinden Sie das Älplerleben mit Nostalgie?
Claudia: Auf alle Fälle. Ich wäre gerne ein paar Jahre früher zur Welt gekommen. Die Leute hatten es zwar sehr streng und mussten sich mit sehr wenig begnügen, dafür war die Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander viel grösser als heute. Die Menschen hatten im Gegensatz zu heute noch Zeit füreinander, ihre Anliegen und Freuden miteinander zu teilen.
Sehen Sie sich als Aussteiger in einer modernen Gesellschaft?
Claudia: Nein, überhaupt nicht (lacht herzlich).
Sascha: Wir sind eine völlig normale Familie. Ich gehe im Winter meiner Arbeit nach, unser Sohn besucht die Schule und Claudia ist Mutter und Hausfrau. Und den Sommer über verbringen wir gemeinsam auf der Alp.
Wie reagieren die Leute, wenn Sie davon erzählen, dass Sie drei Monate auf engstem Raum und ohne Strom verbringen?
Sascha: Mein Vater hat mich letztes Jahr hier oben besucht. Als er aus dem Auto gestiegen ist, hat er gesagt: „Was, hiä chascht du läbä? Ich würdi in der erschtusch Nacht stärbu.“ Das waren seine Worte (lacht).
Claudia: Es gibt aber auch andere Beispiele. So habe ich meiner Französisch-Lehrerin erzählt, dass wir den Sommer über auf einer Alp verbringen. Die Frau war begeistert und hat sich sehr dafür interessiert.
Sind Sie hier oben Selbstversorger?
Sascha: Einmal pro Woche kommt ein Bauer aus dem Tal herauf, der uns das notwendigste mitbringt. Vor allem Gemüse und Früchte.
Und Brot?
Sascha: Das backen wir selber. Im Normalfall einmal die Woche.
Claudia: Wir haben ein gutes System zum Backen herausgefunden. Wir legen den Teig in einen gusseisernen Topf, der mit Glut bedeckt wird. Dadurch geht der Teig schön auf und wird knusprig braun.
Sascha: Not macht erfinderisch. Wir sind hier oben immer wieder gefordert, eigene Ideen umzusetzen.
Claudia: Wir brauchen auch nicht jeden Tag frisches Brot auf dem Tisch. Aber wenn jemand aus dem Tal heraufkommt und einen frischen Zopf mitbringt, sag ich nicht nein (lacht).
Sascha: Der wird ganz bestimmt nicht hart (lacht).
Haben Sie eine Verbindung zur Aussenwelt?
Claudia: Ja, wir haben ein Natel. Aber das brauchen wir praktisch nur in Notsituationen.
Sascha: Und einen Radio. Wir hören schon mal gerne die Nachrichten oder informieren uns übers Wetter.
Es ist ziemlich abgelegen hier oben. Haben Sie die Einsamkeit bewusst gesucht?
Sascha: Ja, uns gefällt es hier sehr gut. Wir haben bewusst die Stille gesucht.
Claudia: Vielleicht gehen wir eines Tages auf eine Alp, die für Touristen besser zugänglich ist. Aber im Moment sind wir dazu noch nicht bereit.
Kann aber gerade bei misslichen Witterungsverhältnissen die Stille und Abgeschiedenheit nicht auch sehr eintönig sein?
Sascha: Es kommt immer drauf an, wie man miteinander auskommt. Wenn man sich versteht, kann die Sonne scheinen oder es kann regnen, und man ist trotzdem guter Laune.
Das tönt sehr kitschig...
Claudia: Natürlich schlägt einem das schlechte Wetter manchmal auf die Stimmung.
Sascha: Wenn es zwei Wochen ununterbrochen „schifft“, wird man langsam missmutig. Auch die Kühe werden dann ungeduldig. Aber das bleibt eher die Ausnahme.
Claudia: Aber es gibt auch Momente, wo ich das missliche Wetter liebe. Wenn beispielsweise der Nebel aus dem Tal aufsteigt und alles zudeckt, dann finde ich das irgendwie heimelig.
Fühlen Sie sich hier oben, auf 2000 Meter über Meer, dem Himmel ein Stück näher?
Sascha: Im oberen Stafel, auf 2500 Meter über Meer, ist man dem Himmel noch ein ganzes Stück näher (lacht).
Schöpfen Sie daraus auch Kraft?
Claudia: Ganz klar. Hier hat es sehr viele positive Energien. Darum sind wir auch wieder hierher zurückgekommen. Daraus schöpfen wir viel Kraft für den Alltag. Ich habe erst letztlich zu Sascha gesagt: „Wenn er mi dri Monat z’Alp led la gah, de bin i nachher niin Monat fiis.“
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