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Ried-Mörel / Riederalp / Sie ist die erste Präsidentin in der bald 24-jährigen Geschichte der Walliser Jodlervereinigung: Graziella Wal-ker Salzmann (35) aus Ried-Mörel jodelt nicht nur bei volkstümlichen Anlässen, sondern auch auf der Politbühne kräftig mit. Im RZ-Frontalinterview spricht sie über ihre politischen Aufgaben im Gemeinde- und Grossrat, ihre Liebe zum Gesang und sagt: „Jodeln und Singen wirken sehr befreiend auf mich.“
Von Walter Bellwald
Markus Pianzola
Seit einem halben Jahr sind Sie Präsidentin der Walliser Jodlervereinigung. Was haben Sie bisher gemacht?
Wir hatten schon einige Vorstandssitzungen. Die Vereinigung bezweckt vor allem die Pflege und Förderung des Jodelgesanges, unter anderem durch gemeinsame Proben und Auftritte, deshalb legen wir auf das Kurswesen ein besonderes Augenmerk. Dazu kommen die verschiedenen Veranstaltungen der einzelnen Vereine. Da nehme ich mir Zeit, den einen oder anderen Anlass zu besuchen. Auch das gehört zur Aufgabe einer Präsidentin. Ein weiterer Schwerpunkt ist das 25-jährige Jubiläum unserer Jodlervereinigung, das wir im nächsten Jahr feiern.
Sie wurden als erste Frau in der 24-jährigen Geschichte der Walliser Jodlervereinigung einstimmig an die Spitze gewählt. Sind Sie stolz darauf, eine Männerbastion erobert zu haben?
Meine Wahl zeigt mir, dass wir Frauen in der Jodlervereinigung voll akzeptiert werden und dazu gehören. Das ist ein schönes Gefühl. Ich war schon einige Jahre vorher als Aktuarin im Vorstand und habe gewusst, was auf mich zukommt. Die Wahl zur Präsidentin sehe ich als Bestätigung meiner Arbeit.
Werden Sie von Ihren männlichen Jodlerkollegen in Ihrer Aufgabe unterstützt?
Selbstverständlich. Ich werde in allen Belangen von meinen männlichen Kollegen voll unterstützt. Wir arbeiten eng als Team zusammen und tragen die Entscheide gemeinsam. Zudem sind wir seit der letzten Delegiertenversammlung zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand.
Wie viele Vereine umfasst die Walliser Jodlervereinigung?
In der Walliser Jodlervereinigung sind 15 Jodlerklubs sowie die Alphornbläser und Fahnenschwinger zusammengeschlossen. Mit Ausnahme des Jodlerklubs Alpenrösli, Siders, kommen alle Vereine aus dem Oberwallis. Jeder Verein hat sich ins Pflichtenheft geschrieben, neben den üblichen Anlässen und Verpflichtungen sich mindestens einmal im Jahr sozial zu engagieren, beispielsweise durch einen Auftritt in einem Spital oder Altersheim.
Sie sind seit zwanzig Jahren aktive Jodlerin im Jodlerklub Riederalp. Was fasziniert Sie am Jodeln?
Ich singe sehr gerne. Gerade in der alltäglichen Hektik und im Alltagsstress wirken das Jodeln und der Gesang sehr befreiend auf mich. Die Alltagssorgen sind schnell vergessen und der Jodelgesang wirkt sich positiv auf das Gemüt aus. Ich bin überdies ein sehr geselliger Mensch und schätze das Zusammensein mit Musik, Tanz und Gesang. Das alles kann ich mit dem Jodeln sehr gut verbinden.
Jodeln ist nicht gleich Jodeln...
Dem ist so. Es gibt den Naturjütz, bei dem nur gejodelt wird. Daneben gibt es auch Jodellieder, bei denen auf eine Textstrophe der Jodelteil folgt oder auch zwischen Textpartien Jodelteile gesungen werden. Das A und O des Jodelns ist neben der Jodel- die Atemtechnik. Darauf legen wir viel Wert. Die richtige Körperhaltung, die Zwerchfellatmung und die Mundbewegungen machen es letztendlich aus. Vor jeder Probe machen wir Lockerungsübungen, um uns zu entspannen. Dann geht es mit dem Singen und Jodeln einfacher.
Wie regelmässig üben Sie?
In der Regel einmal pro Woche. Wenn ein Jodlerfest bevorsteht, dann wird im Vorfeld mehr geprobt. Normalerweise beginnen wir im Herbst mit den Proben und üben bis in den Frühling. Den Sommer über geht es dann ein bisschen ruhiger zu und her.
Sie waren eben erst am eidgenössischen Jodlerfest in Aarau. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?
Es war ein wunderbares Fest mit einer herrlichen Kulisse. Allerdings war der Besucherstrom sehr gross. Aber von der Ambiance her war es wirklich sehr schön.
Im Volksmund hört man oft, dass Jodeln eher etwas für ältere Semester sei. Sie überzeugen uns vom Gegenteil...
Das Image vom verstaubten, alten, traditionellen und konservativen Jodler gehört der Vergangenheit an. Auch das Durchschnittsalter ist tendenziell im Sinken begriffen. In jedem Jodlerklub sind Berufsgruppen verschiedenster Art vertreten, von der Hausfrau über den Selbstständigerwerbenden bis hin zum Handwerker, Angestellten oder Studenten.
Lassen sich auch junge und jugendliche Oberwalliser/-innen vom Jodeln begeistern?
Wir haben viele Nachwuchsjodler in unseren Reihen. Die Walliser Jodlervereinigung legt auch grossen Wert auf eine gute Nachwuchs-ausbildung. Die jüngsten Mitglie-der unserer Vereinigung sind knapp 15 Jahre alt. Bei Festanlässen fällt immer wieder auf, dass sich sehr viele junge Leute für unsere Auftritte begeistern und sogar selber mitsingen. Der Jodelgesang ist nicht ausschliesslich für ein älteres Publikum bestimmt. Auch jüngere Zuhörer sind einer gelungenen Darbietung nicht abgeneigt.
Jodeln bringt man fast zwangsläufig mit Tradition und Heimat in Verbindung. Teilen Sie diese Meinung?
Dem ist so. Schon allein die Texte der Jodellieder handeln fast durchwegs von der Heimat, der Verwurzelung der Menschen in den Bergen, von der Natur, dem Heimweh, der Alpfahrt oder bestimmten Orten und Gegenden. Neben dem tradi-tionellen Jodellied haben seit einigen Jahren auch Kompositionen mit klassischen Elementen in den Melodien Einzug ins Jodellied gefunden. Diese Erweiterung ist für ein Publikum, das unter Jodeln einzig das traditionelle Jodellied begreift, manchmal ungewohnt.
Wie verbringen Sie den 1. August?
Ich werde in Mörel die 1. August-Rede halten. Später am Abend werde ich noch auf die Riederalp fahren und mir vor Ort den Lampionumzug anschauen. Den Tag über werde ich vielleicht irgendwo auf einem Bauernhof oder auf einer Al-pe brunchen. Wir haben früher im elterlichen Betrieb selber den 1. August-Brunch angeboten, darum möchte ich diese Tradition gerne aufrechterhalten.
Seit rund einem halben Jahr sind Sie Gemeindepräsidentin der Riederalp und im Frühjahr dieses Jahres wurden Sie als Grossrätin ins Walliser Parlament gewählt. Haben Sie einen Freudenjuchzer losgelassen?
Den Freudenjuchzer werde ich wahrscheinlich im Oktober loslassen, wenn ich erstmals im Grossrat sitze. Auch das Amt als Gemeindepräsidentin der Riederalp ist sehr spannend, aber auch anspruchsvoll. Durch die Fusion der drei Gemeinden Ried-Mörel, Goppisberg und Greich ist diese Aufgabe sicher nicht einfacher geworden. Trotzdem freue ich mich auf die Herausforderung.
Vertreten Sie eher die traditionell-konservative Linie oder würden Sie sich als moderne Politikerin bezeichnen?
Ich sehe mich eher als moderne Politikerin. Für mich steht in erster Linie die Sach- und weniger die Personenpolitik im Vordergrund. Die Sozial- und Wirtschaftspolitik liegen mir sehr am Herzen und zwar sowohl auf kantonaler wie gemeindepolitischer Ebene. Weiter bin ich für eine offene Kommunikation. Dabei sollte man die modernen Kommunikationsmittel vermehrt einsetzen, um die Bevölkerung möglichst rasch und umfassend zu informieren.
Wie hat sich die Fusion der früheren Gemeinden Ried-Mörel, Goppisberg und Greich bisher angelassen?
Im Hinblick auf den immer grösseren Aufgabenbereich der Gemeinden und die knapperen Finanzen ist es sicher von Vorteil, wenn kleinere Gemeinden zusammenspannen. Das haben auch die Einwohner von Ried-Mörel, Goppisberg und Greich erkannt und sich entsprechend klar für eine Fusion ausgesprochen. Von der geografischen Lage her ist es sicher nicht ganz einfach, näher zusammen zu rücken. So ist es ein Nachteil, dass zwischen den drei Dörfen Ried-Mörel, Greich und Goppisberg keine direkte Verbindung besteht, ebenso wenig von Goppisberg auf das Riederalpplateau. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass die Fusion auch in den Köpfen umgesetzt wird. Auch aufgrund der Zusammensetzung des neuen Gemeinderates werden alle Anliegen der einzelnen Dorfschaften eingebracht und berücksichtigt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, offen zu informieren und die Kommunikation zu fördern. Wir sind eine Gemeinde und haben alle ein gemeinsames Interesse, nämlich die Gemeinde vorwärts zu bringen.
Wie bringen Sie die touristischen und politischen Anliegen der neuen Gemeinde unter einen Hut?
Neben den Gemeinden haben auch die Bahnen und die Tourismusvereine erst kürzlich fusioniert. Diese Fusionen brachten auch einen grossen personellen Wechsel. Jetzt braucht es erst einmal Zeit, um neue Strukturen aufzubauen und die touristischen Anliegen umzusetzen. Aber ich bin überzeugt, dass wir die gemeinsamen Synergien nutzen und gemeinsam etwas erreichen können.
Wie sehen Sie Ihre Arbeit im Parlament?
Ich bin sehr gespannt auf meine neue Aufgabe und kann es kaum erwarten, bis es endlich losgeht. Nach dem Hin und Her um meine berufliche Anstellung als Juristin bei der kantonalen IV-Stelle werde ich nun im Oktober erstmals im Grossen Rat Einsitz nehmen. Mich interessiert vor allem, wie das Geschehen auf kantonal-politischer Ebene abläuft und wie die Meinungsbildung über die parteipolitischen Grenzen hinweg erfolgt und sich auswirkt.
Wie haben Sie den Entscheid aufgenommen, dass Ihre Anstellung als Juristin bei der IV nicht mit Ihrem Amt als Grossrätin vereinbar sei?
Den Entscheid kann ich akzeptieren, die Begründung dazu lässt jedoch einige Fragezeichen offen. Der Ent-scheid, meine Arbeit als Juristin bei der IV-Stelle aufzugeben, ist mir nicht ganz einfach gefallen. Es ist eine sehr spannende Arbeit und durch meine Teilzeitanstellung wäre die Situation auch mit meinem Grossratsmandat nahezu ideal gewesen. Ob das die richtige Entscheidung war, mich für eine politische Laufbahn zu entscheiden, wird sich weisen.
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