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Michael Zurwerra, neuer Rektor des Kollegiums in Brig
„Ich will kein Angstklima in der Schule“



 

 

Brig / Für Michael Zurwerra ist der erste Schultag ein besonderer Tag. Er übernimmt als Rektor die Leitung des Kollegiums in Brig. Im RZ-Interview spricht er über seine Vorstellungen einer modernen Schule, die neue Ski-Akademie und gesteht: „Ich habe durchaus Respekt vor dem Rektorat.“

Von German Escher
Markus Pianzola

Nächste Woche beginnt Ihr erstes Schuljahr als Rektor des Kollegiums Brig. Sind Sie nervös?
(schmunzelt) Eigentlich ist ein Lehrer immer nervös, wenn ein neues Schuljahr beginnt. Auch ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Das Kollegium mit rund 1150 Schülerinnen und Schülern, sowie an die 110 Lehrpersonen, ist ein grosser Betrieb. Kommt hinzu, dass wir bekanntlich an unserer Schule in Zusammenarbeit mit Swiss Ski die Ski- Akademie samt Französischklasse beginnen werden. Dazu laufen jetzt die letzten Vorbereitungen.

Wie bereitet sich ein Rektor aufs neue Schuljahr vor. Hatten Sie während der Sommerferien besondere Hausaufgaben zu erledigen?
Für mich ist die Ausgangslage ein wenig speziell. Ich war vor vier Jahren noch Prorektor. Ich weiss, was etwa auf mich zu kommt. Ich glaube das Kollegium zu kennen. Aber auch ich musste mich nach meiner Wahl wieder einarbeiten und mich in Bezug auf Schulentwicklung und Schulführung auf den neuesten Wissensstand bringen. Ich habe durchaus Respekt vor dem Rektorat, bin aber offen für Neues. Für mich sind sämtliche Strukturen an unserer Schule hinterfragbar.

Wo sehen Sie die grösste Schwäche der Schule?
Eines will ich klar betonen: Das Kollegium läuft sehr gut, aber es gibt in jeder Institution Verbesserungsmöglichkeiten. Jeder neue Rektor setzt sich Ziele und neue Schwerpunkte.

Was heisst das konkret?
Da gibt es verschiedene Themenbereiche: Ich will die interne Kommunikation besser strukturieren und verbessern, indem beispielsweise die Schüler sämtliche Reglemente über Internet abrufen können. Wir müssen die Möglichkeiten des E-Learnings besser nutzen. Aber ich sehe auch Reformbedarf bei internen Organisationsstrukturen und dem Abwartsdienst. Grundsätzlich liegt mir das Klima in der Schule am Herzen. Jeder Schüler, jede Lehrperson und jeder Mitarbeiter soll sagen können: Ich bin stolz, hier am Kollegium zu sein. Das ist meine Vision.

Wird der Schüler direkt am ersten Tag den neuen Wind spüren?
Der erste Schultag wird anders aussehen als bisher. Die Kurzlektionen fallen weg. Wir beginnen direkt mit dem normalen Schulbetrieb. Die Lehrerkonferenz findet nicht mehr am ersten Schultag, sondern am Vortag statt. Kleinere Veränderungen wird es auch im Absenzenwesen geben. Grundsätzlich sind mir die Freiräume für Schüler und Lehrer wichtig. Ich will kein Angstklima in der Schule. Ich stehe für eine offene Schule mit gegenseitigem, respektvollem Umgang.

Das Absenzenwesen hatte unter den Kollegiumsschülern immer wieder zu Kritik geführt. Was ändern Sie?
Wir hatten bis zum letzten Schuljahr ein sehr liberales Absenzenwesen, das es den Schülern erlaubt hat, stundenweise zu fehlen. Das alte System basierte auf Offenheit und Vertrauen. Deshalb ist aus meiner Sicht das jetzige Absenzenreglement ein Rückschritt. Statt der Kontingentstunden darf der Schüler laut neuen kantonalen Richtlinien an fünf Halbtagen fehlen. Aber es hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, dass auch das neue System Freiraum lässt, es muss aber in der Anwendung noch verbessert werden.

Wie wichtig ist für Sie die Eigenverantwortung der Jugendlichen?
In der heutigen Zeit ist die Eigenverantwortung sehr wichtig. Wer die Matura im Sack hat, muss sich selbstständig weiterbilden können. Das ist ein zentrales Anliegen des Kollegiums. Deshalb wollen wir das selbstständige Lernen und Verhalten fördern. Die Gesellschaft ist komplexer geworden. Die Normen und Werte sind nicht mehr derart klar. In diesem Umfeld muss der junge Mensch seinen Weg selber finden. Das setzt ein breites Wissen, aber auch ein selbstkritisches Verhalten voraus.

Immer häufiger wird bemängelt, die Jugendlichen seien weniger belastbar. Teilen Sie diese Ansicht?
In der Tat: Die Jugendlichen sind weniger belastbar und oft gestresster. Das ernorme Freizeitangebot führt dazu, dass die meisten nebst der Schule noch ein reichbefrachtetes Programm haben. Kommt hinzu, dass die moderne Medienwelt mit Internet etc. nur mehr Flashes, also eher Kurzinfos und oberflächliche Nachrichten liefert. Diesem Trend konnte sich auch die Schule nicht entziehen. Deshalb ist es gerade die Aufgabe einer Mittelschule, eine Vertiefung und eine Vernetzung des Wissens anzustreben. Aber häufig haben Schüler Mühe, sich auf ein Thema zu konzentrieren und sich einzuarbeiten. Die Jugendlichen sind nicht mehr kritikfähig. Statt aus Fehlern zu lernen, nimmt man jede Kritik sofort sehr persönlich. Die Jugendlichen sind sehr sensibel, haben deshalb auch mehr Angst, die gestellten Aufgaben zu bewältigen. Die Schule muss die Schüler kritisieren und zeigen können, dass man aus Fehlern am meisten lernt. Es ist ein Problem der Schule, dass wir die Schüler immer nur auf die Fehler und kaum auf das Gute hinweisen. Dadurch bekommen viele Schüler Angst, Fehler zu machen. Und das ist falsch.

Waren Sie selber eigentlich ein guter Schüler?
(lacht herzhaft) Ja, das ist so. Ich ging sehr gerne in die Schule, vor allem ins Kollegium. Am liebsten war ich an der Universität. Hätte ich nicht Geld verdienen müssen, wäre ich wohl noch immer an der Uni... (lacht nochmals)

Sie haben 1981 am Kollegium Brig die Matura gemacht. Was hat sich seither geändert?
Das Kollegium hat sich massiv verändert – nur schon baulich. Praktisch jedes Schulzimmer verfügt über Computer und Beamer. Hellraumprojektoren und Folien werden nicht mehr so oft genutzt. Das Kollegium verfügt über modernste EDV-Infrastruktur. Die Schule selber ist wesentlich offener. Die Schüler suchen stärker das Gespräch mit dem Lehrer, stellen auch den Lehrplan in Frage und geben Anregungen. Bleibt die Frage: Was ist besser?

Und ist es wirklich besser geworden?
Das Kollegium ist heute näher an den Schülern, aber auch grösser geworden. Mit rund 1200 Schülern habe ich nie die Möglichkeit, alle zu einem gemeinsamen Anlass einzuladen. Die wesentlichste Veränderung ist die Aufhebung der Maturitäts-typen. Heute hat der Schüler wesentlich mehr Möglichkeiten, seine Fächer auszuwählen und Schwerpunkte zu setzen.

In der Gesellschaft gewinnen traditionelle Werte wieder an Bedeutung. Spüren Sie das am Kollegium?
Das stellen auch wir fest. Die Schüler wünschen verstärkt, dass Ihnen Werte vermittelt werden. Der Schüler will auch den Standpunkt des Lehrers oder der Schule kennen. Es geht nicht darum, dass sie diesen Standpunkt ungefragt übernehmen. Aber die Schüler sehnen sich nach Orientierungshilfen. Deshalb braucht die moderne Schule Lehrer, die keine Angst haben. Lehrpersonen mit Persönlichkeit sind aber nicht zu verwechseln mit den alten Lehrertypen, die von der Wandtafel herunter den Tarif durchgegeben haben. Die moderne Schule muss Toleranz hochhalten und offen sein für Veränderungen.

Eine Änderung betrifft die Swiss Ski Academy, die am Kollegium eingeführt wird. Werden Sie jetzt Abfahrts- oder Slalomtrainer?
(schmunzelt) An der Sportschule gibt es das regionale Leistungszentrum und die Swiss Ski Acadamy. Das Kollegium ist für die schulische Betreuung der Nachwuchssportler und die Koordination mit den Regionalverbänden und Swiss Ski verantwortlich. Der sportliche Teil ist Sache der Verbände und von Swiss Ski.

Welcher Teilbereich ist wichtiger: Schule oder Sport?
Diese Frage wurde lang und intensiv diskutiert – auch mit Karl Frehsner, der die Verbindung zu Swiss Ski sicher stellt. Die Erfahrung im Skigymnasium Stams (Österreich) zeigt, dass beide Bereiche gleich wichtig sind. In Stams beispielsweise kann ein Fachlehrer einem Schüler bei einem groben Fehlverhalten den Besuch des Trainings streichen. Das ist der einzig richtig Weg: Wir wollen den Nachwuchsleuten eine gute Ausbildung und optimale Trainingsbedingungen bieten. Deshalb ist die Wahl des Koordinators, die in diesen Tagen erfolgen wird, so wichtig.

Was geschieht mit Schülern, die sportlich nicht reüssieren?
Die Evaluation erfolgt beim Eintritt in die Sportschule. Pro Klasse sind dies rund 20 Schüler. Etwa zwanzig Prozent betreiben andere Sportarten. Der Rest sind Nachwuchsskifahrer. Für jene Schüler, die im Rahmen der Swiss Ski Acadamy die Schule absolvieren, gelten natürlich noch härtere Aufnahmebedingungen. Wir rechnen, dass pro Jahr an die acht Jugendliche aus der ganzen Schweiz das Potenzial haben, in der Ski-Akadamie aufgenommen zu werden. Diese Nachwuchsskifahrer absolvieren das Training mit dem Trainer von Swiss Ski. Die übrigen Nachwuchsskifahrer nehmen am Training des Regionalverbandes teil. Während der Zeit in der Sportschule ist mit entsprechenden Resultaten der Übertritt in die Ski-Akademie möglich. Wer aber aufgrund von sportlichen Misserfolgen, schweren Verletzungen etc. aussteigen muss, wird seine Ausbildung am Kollegium oder in der ordentlichen Handelsschule beenden können.

Zurück zu den übrigen Schülern: Im ersten Kollegiumsjahr beträgt die Ausfallquote über 15 Prozent. Sind die neuen Schüler zu schwach oder ist das Kollegium zu streng?
Das hat verschiedene Gründe. Das veränderte Lehrstellenangebot führt auch dazu, dass sich vermehrt Jugendliche fürs Kollegium interessieren. Das Hauptproblem sehe ich nicht darin, dass die Schüler zu schwach sind. Aber wir fordern eine gewisse Leistung. Die Breite des Studiums verlangt Einsatz. Jugendliche, die Mühe mit der Berufswahl haben und sich deshalb fürs Kollegium entscheiden, sind sich nicht bewusst, welchen Einsatz man hier aufbringen muss. Wer das Kollegium als Notlösung sieht, hat selten Erfolg.

Müssten die Erstklässler nicht stärker betreut werden?
Hier haben wir in den letzten Jahren bereits einige Anstrengungen unternommen. Im Kollegium gilt es ab dem ersten Schultag ernst. Das wird von einigen Erstklässlern, die an das selbstständige Arbeiten und Lernen noch nicht so gewohnt sind, unterschätzt. In den ersten Kollegiumsjahren wird die Grundlage fürs Studium gelegt. Allerdings sind die Unterschiede im Reifungsprozess der Jugendlichen sehr gross. Einige Erstklässler haben noch ein fast kindliches Denken, dass man für die Noten oder den Lehrer lernt.

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