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Brig / Sitten / Anton Karlen leitet seit Jahresbeginn die neue Postauto-Region Wallis. Im grossen RZ-Interview zieht er eine erste Zwischenbilanz, spricht über die NEAT-Erwartungen und stellt fest: „Im Oberwallis sind die Postautofrequenzen höher als im Umterwallis.“
Von German Escher
Rahel Escher
Wann Sie sind zum letzten Mal Postauto gefahren?
Ich bin heute morgen um 7.15 Uhr von Oberbitsch nach Naters und von dort mit dem Ortsbus zur Arbeit gefahren. Das ist der Weg des Pendlers. In der Regel fahre ich einmal pro Woche mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Als Tourist fuhr ich letzten Samstag mit der Familie zum Wandern mit dem Postauto auf die Moosalpe.
Sind das auch Kontrollfahrten?
Zu einem kleinen Teil. Natürlich nehme ich als Fahrgast vieles anders wahr, als wenn ich den Betrieb vom Schreibtisch aus leite. Der Kontakt zu anderen Fahrgästen führt immer wieder zu interessanten Gesprächen und Anregungen.
Ist Postauto Wallis heute wirklich näher am Kunden als vor zehn oder mehr Jahren?
1993 hat Postauto in der Schweiz eine neue Organisationsform eingeführt und die regionalen Postautozentren geschaffen. Die Verantwortung, aber auch die Kompetenzen wurden vor Ort delegiert. Das hat zu einem Kulturwandel innerhalb von Postauto geführt und das unternehmerische Denken gefördert. Heute sind wir näher am Markt, richten uns stärker auf die Kundenbedürfnisse aus. Ein Beispiel ist die akustische und visuelle Fahrgast-information, die wir schrittweise in fast allen Postautos eingebaut haben. Eine Dienstleistung, die vor allem von den Touristen sehr geschätzt wird.
A propos Touristen: Wie verlief die bisherige Sommersaison für Postauto Wallis?
Postauto Wallis ist mit der Sommersaison zufrieden. Unsere Sommerumsätze liegen rund zwei Prozent über dem Vorjahr. Wir haben nicht nur mehr Passagiere, sondern auch qualitativ sehr gute Gäste mit einer ansprechenden Wertschöpfung. Oft sind es Wanderer, welche das Postautoangebot rege nutzen. Bei gutem Wetter ist auch der Anteil der Tages-ausflügler aus der Deutschschweiz beachtlich.
Mit der NEAT rücken wir noch näher an den Deutschschweizer Markt. Mit wie viel Mehrverkehr rechnen Sie?
Dank des Lötschbergbasistunnels werden wir für Gäste aus den Agglomerationen Bern, Basel und Zürich viel attraktiver. Wir erwarten mit der NEAT bis zu 20 Prozent mehr Tagesgäste.
Die Bahnen erneuern ihr Rollmaterial. Hat Postauto mit Blick auf die NEAT-Eröffnung auch neue Cars bestellt?
Postauto Wallis kennt in den Ersatz-investitionen eine rollende Planung. Im Unterschied zu den Bahnen hat Postauton eine relativ kurze Abschreibungsdauer von zwölf Jahren. Das hat zur Folge, dass im Oberwallis jährlich fünf bis zehn Postautos ersetzt werden. Deshalb werden wir mit Blick auf die NEAT den Fahrzeugpark auch nicht erneuern. Zudem verfügt Postauto Wallis über rund 250 Cars. Das gibt uns den nötigen Spielraum, auf die Nachfrage flexibel reagieren zu können. Falls wir wirklich zusätzliche Postautos benötigen sollten – und das wünsche ich mir natürlich – dann sind diese mit einer kurzen Lieferfrist von einem halben Jahr relativ rasch einsatzbereit.
Die neuen Cars sind aber nicht mit Russpartikelfilter ausgerüstet?
Dieser Entscheid liegt beim Besteller, also beim Kanton. Die Investitionen in Russpartikelfilter betragen pro Fahrzeug rund 20`000 Franken. Im Unterhalt betragen die Mehrkosten pro Kilometer zwei bis drei Rappen. Bisher hat sich der Kanton aus Kostengründen gegen entsprechende Investitionen ausgesprochen. Wichtig ist aber zu wissen, dass die ab 2006 neu eingekauften Fahrzeuge über eine neue Motorengeneration verfügen, welche den Ausstoss an Partikeln massiv einschränken.
A propos Diesel. Was für Folgen haben die steigenden Treibstoffpreise für Postauto Wallis?
Die Folgen sind enorm. Vor einigen Jahren haben wir pro Liter Diesel noch 1,04 Franken bezahlt. Gegenwärtig beträgt der Literpreis 1,60 Franken. Unsere Postautos fahren pro Jahr insgesamt 7,2 Millionen Kilometer. Da sind die Treibstoffpreise ein nicht unwesentlicher Kostenfaktor. Steigt der Dieselpreis um einen Rappen pro Liter, führt das zu Mehrkosten von 27’000 Franken pro Jahr.
Zurück zur NEAT: In Visp plant Postauto Wallis beachtliche Investitionen?
Das stimmt. In Visp investiert Postauto Wallis 3,5 Millionen in den neuen Busterminal, die Überdachung und den Bahnhofvorplatz.
Visp wird auch im Postautoverkehr zur neuen Drehscheibe. Was heisst das für die Angebote ab Brig?
Die einzige, konkrete Auswirkung betrifft die Saastal-Linie. Die Direktkurse nach Saas Fee werden inskünftig nicht mehr ab Brig, sondern ab Visp geführt. Alle übrigen Angebote ab Brig in Richtung Ried-Brig, Termen, Simplon, Birgisch, Mund oder die Feinerschliessung zwischen Brig und Visp mit Gamsen und Brigerbad bleiben erhalten. Es ist eine Mär, wenn gewisse Leute behaupten, in Zukunft würden ab Brig keine Postautokurse mehr angeboten.
Auch die Administration bleibt in Brig?
Die Administration bleibt in Brig. Einzelne Betriebsleute werden selbstverständlich nach Visp verlegt.
Wird es künftig eine Postautoverbindung ab dem Knoten Visp in Richtung Lötschental oder Leukerbad geben?
Über eine Angebotsveränderung in Richtung Lötschental oder Leuk hat nicht Postauto Wallis, sondern der Kanton und das Bundesamt für Verkehr zu entscheiden. Aufgrund meines jetzigen Wissensstandes wird das heutige Angebot erhalten. Ich weiss aber auch, dass Vertreter dieser Regionen mit den Behörden in Bern und Sitten über eine künftige Erschliessung des Lötschentals und der Region Leuk diskutieren. Wir sind gerne bereit, entsprechende Entscheide auszuführen.
Das Oberwallis hat sehr viele Verbindungen. Sind einzelne Postautolinien gefährdet?
Im Eisenbahngesetz sind die Grundsätze der Erschliessung mit dem Öffentlichen Verkehr geregelt. Jedes Siedlungsgebiet, das ganzjährig mit mindestens 100 Personen bewohnt ist, hat Anrecht auf eine Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Können pro Tag mindestens 32 Passagiere befördert werden, sind vier Postkurse zu führen. Je höher die Frequenz, desto besser kann der Fahrplan ausgebaut werden. Ein Beispiel: Für einen Stundentakt müssen täglich mindestens 500 Passagiere befördert werden. Allerdings ist auch der Öffentliche Verkehr von den Sparprogrammen betroffen. Es ist nicht auszuschliessen, dass bei einer nächsten Sparrunde die Entscheidungsgrundlagen verschärft werden.
Die Abwanderung aus den Dörfern hat also Folgen fürs Postauto-Angebot?
Das kann durchaus der Fall sein. Sinkt aufgrund der Abwanderung auch die Passagierzahl, muss das Postauto-Angebot überprüft werden. Deshalb ist es beispielweise wichtig, dass man den Schülertransport in den fahrplanmässigen Verkehr miteinbeziehen kann. Das Oberwallis hat das Glück, dass sehr viele Postautokurse von den Touristen als Erlebnis geschätzt und entsprechend genutzt werden. Rund 40 Prozent unserer Fahrgäste sind Touristen. Das hilft uns, das breite Angebot aufrecht zu erhalten. Aufgrund der gegenwärtigen Frequenzen sollten wir sämtliche Kurse auch nächstes Jahr anbieten können.
Welche Postauto-Vision haben Sie?
Ich verfolge zwei Ziele: Zum einen will ich das gut ausgebaute Postauto-Angebot im Wallis quantitativ aufrecht erhalten und qualitativ weiter verbessern. Zum anderen möchte ich das alternative Angebot zu Randstunden weiter ausbauen. Die bisherigen Erfahrungen mit dem NachtPubliCar in Bitsch und Birgisch-Mund sind sehr gut. Auch für das kürzlich lancierte Angebot in Richtung Gamsen-Brigerbad bin ich sehr optimistisch. Der Gast kann je nach Gemeinde ab 22.15 Uhr bis nach 3 oder 6 Uhr morgens vergünstigt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren. Es braucht dazu natürlich die finanzielle Unterstützung der Gemeinde. Für Gemeinden wie Bitsch ist das PubliCar-Angebot ein Teil des Wohnortmarketings.
Nutzen die Oberwalliser den Öffentlichen Verkehr anders als die Unterwalliser?
Im Oberwallis sind die Postautofrequenzen höher als im Unterwallis. Der Oberwalliser hat einen engeren Bezug zum Öffentlichen Verkehr. Zudem befördern wir im Oberwallis mehr Tagesausflügler als im Unterwallis. Das hängt aber stark mit dem gut gelegenen Ausgangspunkt in Brig und später in Visp zusammen.
Postauto ist auch im Ausflugsverkehr ausserhalb des Wallis aktiv. Wie wichtig ist diese Sparte?
Im Ausflugsverkehr setzen wir fünf moderne Reisecars ein. Es ist dies ein eigenständiges Geschäftsfeld, das in keiner Weise quersubventioniert wird. In dieser Sparte werden in etwa zwei Prozent unseres Jahresumsatzes von rund 60 Millionen Franken erwirtschaftet. Die Zahlen machen deutlich: Der Ausflugsverkehr gehört nicht zu unserem Kerngeschäft.
Immer wieder sorgen Busunfälle für Negativschlagzeilen. Schlägt sich dies in den Passagierfrequenzen nieder?
Nein. Wir stellen bei den Fahrgäste keine Verhaltensänderungen fest. Postauto Schweiz hat in der Bevölkerung ein sehr gutes Image. Eine kürzlich publizierte Studie über den Markenwert von Firmen kam zum Schluss, dass Postauto die zuverlässigste Unternehmung der Schweiz ist. Wir investieren viel in die Sicherheit sowie in die Aus- und Weiterbildung. Nach jeder Meldung über einen schweren Busunfall gehen auch wir über die Bücher und spielen unsere Szenarien durch. Zum Glück sind wir in den letzten Jahren von schweren Verkehrsunfällen verschont geblieben. Die Nachricht über das Busunglück am Grossen St. Bernard hat bei mir und vielen Mitarbeitern grosse Betroffenheit ausgelöst. Man wird sich in solchen Situationen wieder bewusst, dass es auch uns einmal treffen kann. Aller Sicherheitsbemühungen zum Trotz – ein Restrisiko fährt immer mit.
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