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Saas Grund / Saas Almagell / Es ist ein Wunder: Der einheimische Oskar Anthamatten (69) überlebte als einziger die Mattmark-Katastrophe vor vierzig Jahren. Mit der RZ kehrte er an den Unglücksort zurück.
Von Walter Bellwald
„Dort unten in der Talsohle standen die Baracken.“ Oskar Anthamatten streckt die Hand aus und weist mit dem Finger die Richtung. Zwischendurch schweift sein Blick gedankenverloren nach oben, aufs Allalin. Vor vierzig Jahren stürzte dieser Gletscher mit ungeheurer Wucht ins Tal und begrub 88 Menschen unter sich. Wie durch ein Wunder überlebte Oskar Anthamatten als einziger die Katastrophe.
Ein Bilderbuchtag
30. August 1965: Ein klarer Spätsommertag zieht auf. Nichts deutet an jenem Montagmorgen auf die drohende Katastrophe hin. Die Schichtarbeiter des Mattmark-Stausees fahren wie jeden Morgen mit dem Bus zur Baustelle. Mit an Bord sind auch Emil, Florinus und Oskar Anthamatten. Die drei Einheimischen stehen bei der Firma Swissboring unter Vertrag, die Sondierbohrungen ausführt. „Die Stimmung im Bus war an diesem Morgen sehr ausgelassen“, erinnert sich Oskar zurück. Emil und Florinus geben ihre Weisen zum Besten. „Die beiden haben herzergreifende Lieder gesungen. Warum, kann ich beim besten Willen nicht sagen“, meint Oskar nachdenklich. Auf der Zufahrtsstrasse zur Baustelle liegen an diesem Morgen auffällig viele Gesteins- und Eisbrocken herum. Trotzdem geben sich die Arbeiter unbeeindruckt. „Es kam immer wieder vor, dass Eisbrocken bis auf die Strasse herunterkollerten.“
Ungutes Gefühl
Auf der Baustelle angekommen, machen sich die Schichtarbeiter ans Werk. Oskar Anthamatten ist Materialverwalter der Baustelle. „Die Arbeit lief wie immer gut von der Hand. Nur der Gletscher rumorte lauter als sonst.“ Als sich Oskar und Florinus wie immer nach dem Mittagessen hinter der Kantine ein Nickerchen genehmigen wollen, finden beide keinen Schlaf. „Der Gletscher machte einen solchen Lärm, dass wir kein Auge zumachen konnten.“ Die beiden Männer machen sich ihre Gedanken über die starken Gletscherbewegungen. „Ich hatte ein komisches Gefühl in der Magengrube“, bekennt Oskar. Trotzdem machen sich die beiden wieder an ihre Arbeit. Am späten Nachmittag wird Oskar vom örtlichen Bauführer angewiesen, eine Stollenmaschine zu installieren. Plötzlich hört er ein lautes Krachen. „Als ich aufsah, löste sich von der rechten Gletscherzunge ein riesiger Abbruch.“ Nur kurze Zeit später bricht auf der anderen Seite ein grosser Teil ab. Sekunden später kommt es zum Drama: „Der ganze Gletscher brach zusammen und eine meterhohe Geröll- und Eislawine donnerte auf uns zu. Es war ein Albtraum.“
Die Eislawine kommt
Binnen Sekunden stürzen rund 500’000 Kubikmeter Eis zu Tal. Durch den enormen Luftdruck wird alles weggeblasen. „Die Baracken stürzten ein, Pfeiler wurden durch die Luft gewirbelt und tonnenschwere Maschinen stürzten um“, erinnert sich Oskar. Nach einer ersten Schrecksekunde versucht er zu fliehen. „Ich wollte mich unter einer Vorbereitungsanlage in Sicherheit bringen.“ Doch schon nach wenigen Metern wird er von der Eislawine eingeholt und überrollt. Hier verliert sich seine Erinnerung. Später wird ihm seine wundersame Rettung zugetragen. „Weil mein Kopf aus der Eislawine herausragte, hat man mich schnell gefunden und ausgegraben“, blickt Oskar dankend zurück. Kaum auf den Beinen, sei er im Schockzustand bis hinunter auf die Eyalpe gelaufen. Hier sei er von einem Camionchauffeur aufgeladen und ins Dorf gefahren worden.
Ein Wunder
Oskar ist zum Zeitpunkt des Unglücks schon verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Seine Frau Jeannette erinnert sich: „Ich arbeitete damals in einem Lebensmittelgeschäft im Dorf. An jenem verhängnisvollen Montagabend stürmte plötzlich mein Bruder ins Geschäft und teilte mir mit, dass etwas Fürchterliches geschehen sei. Die ganze Baustelle am Mattmark sei von einer riesigen Eismasse verschüttet worden und alle Arbeiter seien tot. Just in dem Moment ging die Tür auf und mein Mann stand vor mir. Ich glaubte zu träumen.“ Oskar hat Glück im Unglück: Neben einer Verletzung am Sprunggelenk kommt er mit ein paar Schrammen und Schürfungen davon. Doch die seelischen Wunden sitzen tief. „Die ersten zwei Wochen nach dem Unglück waren besonders schlimm“, erinnert sich seine Frau. „Jede Nacht erwachte mein Mann mit lautem Schreien und liess sich kaum mehr beruhigen.“ Schliesslich muss Oskar auch noch bei der Identifizierung der Leichen helfen. Zuviel für den bärenstarken Mann. Er klappt zusammen. „Es war eine schlimme Zeit“, blickt er nachdenklich zurück. Mit der Hilfe seiner Familie lernt er über das schreckliche Ereignis hinwegzukommen. Vergessen kann er die Tragödie allerdings nie. „Dieses Bild der Katastrophe wird mir immer vor Augen bleiben.“
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