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Zermatt / Er ist der Wächter des Horu und der gute Geist für Bergsteiger und Alpinisten. Kurt Lauber (44) ist seit zehn Jahren der Hüttenwart in der Hörnlihütte. Im RZ-Frontalinterview spricht er über den Rummel am Berg, die sogenannten Turnschuhtouristen, den Wassermangel in der Hörnlihütte und sagt: „Wir suchen nach Lösungen, um das Wasserproblem in den Griff zu bekommen.“
Von Walter Bellwald
Als Hüttenwart der Hörnlihütte müssen Sie jeweils früh aus den Federn. Seit wann sind Sie heute morgen auf den Beinen?
Ich bin gegen 3.45 Uhr aufgestanden. Die offizielle Tagwache für die Bergsteiger ist um vier Uhr früh. Dann gibts Frühstück.
Wie viele Bergsteiger wollten heute aufs Matterhorn?
Rund vierzig Alpinisten haben sich heute morgen aufgemacht, um das Matterhorn zu bezwingen. Das sind relativ wenig. An Spitzentagen machen sich weit über hundert Bergsteiger auf den Weg, um aufs Matterhorn zu kommen.
Setzt der grosse Ansturm auf den Berg erst später ein?
Im Monat Juli hatten wir einen ziemlich grossen Andrang. Jetzt im August hatten wir ein bisschen Wetterpech, so dass sich der Sturm aufs Matterhorn in Grenzen hält. Aber wenn das Wetter wieder besser wird, ist bis Mitte September mit einer grossen Nachfrage zu rechnen.
Wie sind die Verhältnisse am Berg?
Im Juli waren die Verhältnisse nahezu ideal. Mit dem Wetterumschwung im August hat es am Berg viel Schnee gegeben. Dadurch sind die Verhältnisse wieder ein bisschen schwieriger geworden. Aber mit dem schönen Wetter werden die äusseren Bedingungen von Tag zu Tag besser. Auch was die Steinschlaggefahr angeht, haben wir einen sehr ruhigen Sommer hinter uns.
Mit welchen Gedanken begleiten Sie die Alpinisten auf den Berg?
In den ersten Jahren als Hüttenwart habe ich mir viele Gedanken gemacht. Mittlerweile hat sich das ganze ein bisschen gelegt. Ich habe schliesslich keinen Einfluss auf den Ausgang einer Besteigung. Auch wenn jemand schlecht ausgerüstet oder zu wenig bergtauglich ist, lässt er sich trotzdem nicht davon abbringen, das Matterhorn zu besteigen.
Suchen diese Leute auch um Ratschläge nach?
Sicher gibt es Alpinisten, die sich nach diesem oder jenem erkunden. Vielfach sind das Leute, die über die Nordwand oder den Z’Muttgrat in die Wand steigen wollen. All jene, die die schwierigere Route über den Hörnligrat wählen, suchen dagegen kaum um Ratschläge nach.
Der Run auf den König der Berge ist nach wie vor ungebrochen. Was halten Sie vom Stau am Matterhorn?
Das Matterhorn hat leider einen schlechten Ruf, weil der Rummel am Berg zu gross sei. Dieser Rummel bezieht sich aber auf sehr wenige Tage im Jahr. Dazwischen geht es gesittet zu und her. Es passieren zwar immer wieder einige Unfälle, aber das ist mehr auf die Unerfahrenheit der Berggänger zurückzuführen. Für mich als Hüttenwart ist es natürlich sehr positiv, wenn möglichst viele Alpinisten den Weg hierher finden. Das Matterhorn ist ein spezieller Berg und zieht recht viele Leute an. Neben den Bergsteigern kommen auch viele Tagesausflügler in die Hörnlihütte und geniessen hier oben die wunderschöne Aussicht.
Tausende von Touristen und Berggängern schleppen sich jede Saison aufs Matterhorn. Darunter finden sich auch viele sogenannte Turnschuhtouristen...
Ja, das ist leider so. Aber die Zahl dieser Leute ist gegenüber früher stark zurückgegangen. Heute stimmt zwar die Ausrüstung, aber dafür weisen viele Alpinisten im hochalpinen Gelände eine grosse Unerfahrenheit auf. Dadurch bekunden sie am Berg Mühe und haben oft grosse Schwierigkeiten, den Gipfel überhaupt zu erreichen. Wenn dann das Wetter umschlägt, hängen sie möglicherweise über mehrere Tage in der Wand fest und müssen auf Hilfe warten.
Sie sind selber auch ein erfahrener Bergretter. Ärgert es Sie manchmal, wenn Sie sich in Gefahr begeben müssen, um leichtsinnige Bergsteiger aus der Wand zu holen?
Eigentlich weniger. Was mich aber aufregt ist die Tatsache, dass es Leute gibt, die gute Ratschläge ignorieren und in die Wand steigen, obwohl man ihnen aufgrund der Wetterprognose abgeraten hat. Wenn man diese Alpinisten dann herausholen muss, ärgert man sich schon ein bisschen.
Werden diese Leute später verbal in den Senkel gestellt?
Nein, das bringt überhaupt nichts. Bei solchen Aktionen bleibt nur zu hoffen, dass sie ihre Lehren daraus ziehen und sich die Ratschläge besser zu Herzen nehmen.
Jährlich bezahlen viele Berggänger ihre Unerfahrenheit am Berg mit dem Leben. Gibt Ihnen das zu denken?
Wir haben täglich so viele Rettungseinsätze, dass uns kaum Zeit bleibt, darüber nachzudenken. Unsere Aufgabe ist es, Bergsteiger und Alpinisten aus ihren misslichen Situationen zu befreien und ihnen unsere Hilfe zukommen zu lassen. Ist ein Einsatz vorbei, müssen wir uns schon wieder auf den nächsten konzentrieren. Die tödlichen Unfälle am Matterhorn sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Das ist unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass sehr viele Bergsteiger, die aufs Matterhorn wollen, mit einem Bergführer unterwegs sind. Im Juli waren beispielsweise rund siebzig Prozent der Seilschaften am Matterhorn mit einem Bergführer unterwegs. Je grösser dieser Anteil ist, umso geringer ist die Gefahr, dass Unfälle passieren.
Sie selbst sind ja auch Wandler zwischen zwei Welten. Was ist der Kick, sich an der Schwelle von Leben und Tod zu bewegen?
Es ist sicher nicht das Ziel, sich am Berg einem vermehrten Risiko auszusetzen. Im Gegenteil: Jeder Berggänger versucht das Risiko so klein wie möglich halten. Das Ziel jedes Alpinisten und Bergsteigers ist es, den Berg zu bezwingen und auf dem Gipfel zu stehen.
Hatten Sie selber auch schon Todesangst am Berg?
Sicher hatte ich schon Angst, aber das muss nicht unbedingt negativ sein. Angst ist ein natürlicher Schutz, der einem davor bewahrt, Risiken einzugehen und sich falsch zu verhalten. Am Berg kommt es immer wieder zu brenzligen Situationen. Das ist ein naturbedingtes Risiko. Aber das gehört nun mal dazu. Wichtig ist einzig, wie man mit einer solchen Situation umgeht.
Sie sind seit zehn Jahren Hüttenwart in der Hörnlihütte. Was hat sich gegenüber den Anfängen verändert?
Das Matterhorn ist immer noch der König der Berge und Tausende von Alpinisten aus aller Welt kommen hierher, um einmal auf dem Gipfel zu stehen. Was sich gegenüber früher verändert hat, ist die Tatsache, dass heute mehr Alpinisten mit einem Bergführer aufs Matterhorn steigen. Ein Grund dafür ist sicher, dass die Negativschlagzeilen über tödliche Abstürze die Leute dazu bewogen haben, sich einen Bergführer an die Seite zu nehmen.
Nach aussen besteht immer noch das Klischee der Hüttenromantik am Berg. Was ist dran an dieser Meinung?
Wenn die Hütte belegt ist, arbeiten wir hier oben zwischen vierzehn und achtzehn Stunden am Tag. Da bleibt wenig Zeit für Hüttenromantik. Andererseits gibt es sicher auch Tage, vor allem bei misslichen Wetterbedingungen, wo wir ein bisschen mehr Freizeit haben. Aber unter Romantik verstehe ich etwas anderes. Auf kleinere Hütten mag dieses Klischee eher zutreffen, aber bei uns ist das weniger der Fall.
Sind Sie lieber der Hüttenchef oder steigen Sie lieber in die Wand?
Das kommt ganz drauf an. Die Arbeit als Hüttenwart ist sehr vielfältig und interessant. In erster Linie bin ich dafür zuständig, Auskünfte zu geben und die Übernachtungen zu koordinieren. Nebenbei helfe ich auch, wo Not am Mann ist. Dazwischen gibt es immer wieder einen Rettungseinsatz. Und wenn es die Zeit erlaubt, steige ich zwischendurch selber gerne aufs Horu.
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Der Hörnlihütte geht das Wasser aus. Ist der Hüttenzauber unter dem Matterhorn bald vorbei?
Das hoffe ich nicht. Aber die Realität ist tatsächlich so, dass wir Probleme mit dem Wasser haben. Weil die letzten zwei Wochen relativ kalt waren, hatten wir fast kein Schmelzwasser zur Verfügung. Wir haben diesen Sommer vier Bohrungen gemacht, um nach Wasser zu suchen. Leider ohne Erfolg. Darum müssen wir jetzt nach anderen Lösungen suchen. Das Wasserproblem besteht zwar schon länger, aber weil die Gletscher immer mehr zurückgehen, wird die Wasserfrage jetzt aktueller denn je.
Was für Möglichkeiten gibt es, damit das kostbare Nass in der Hörnlihütte auch weiterhin fliesst?
Eine Alternative wäre beispielsweise, auf einem Felskopf rund 150 Höhenmeter unter der bestehenden Fassung das Wasser anzuzapfen. Das wäre allerdings auch nur eine Überganslösung. Darum müssen wir weiterhin nach einer fixen Möglichkeit suchen, damit die Wasserzufuhr gesichert ist. Das wiederum ist mit hohen Kosten verbunden. Aber wir werden das Wasserproblem in den Griff bekommen.
Mit anderen Worten, es bleibt eine grosse Unsicherheit bezüglich des Wassers?
Dem ist so. Eine nachhaltige Lösung wäre einzig möglich, wenn man eine Leitung bis nach Schwarzsee ziehen würde. Die Kosten dafür würden sich auf rund eine Million Franken belaufen. Und das ist schwer zu finanzieren. Darum müssen wir uns wohl oder übel mit billigeren Übergangslösungen behelfen.
Und wenn gar kein Wasser mehr fliesst?
Wir werden von Jahr zu Jahr weitersehen. Es steht ausser Diskussion, dass die Hörnlihütte geschlossen wird. Das hätte grosse negative Auswirkungen auf den Bergtourismus und die Station Zermatt. Darum müssen wir eine Lösung finden.
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