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Visp / Sitten / Moritz Schwery ist seit Mai dieses Jahres Leiter des Landwirtschaftszentrums in Visp. Der 43-jährige vierfache Familienvater und studierte Bauer kommt zu einer Zeit nach Visp, wo einige Umstrukturierungen am zentrumseigenen Gutsbetrieb anstehen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sieht Schwery darin, den Standort Visp zu wahren und die Aus- und Weiterbildung bei den Oberwalliser Bauern zu fördern.
Von Ruth Seeholzer
Markus Pianzola
RZ: Der Sommer, der keiner war, ist vorbei. Alle jammern. Doch diejenigen, von denen man das eigentlich gewohnt wäre, die Bauern, tun es nicht. War 2005 ein guter Sommer für die Walliser Landwirtschaft?
Moritz Schwery: Von den Niederschlägen her gesehen war es kein schlechter Sommer. Der August jedoch war zu kalt.
Sie waren vierzehn Jahre lang im Amt für Viehwirtschaft in Châteauneuf tätig. In der Verwaltung also, als Beamter, weit entfernt vom Alltag des Bauern und seiner Sorgen?
Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich verbrachte rund einen Viertel meiner Zeit im Aussendienst, besuchte Bauernhöfe, Alpen und züchterische Anlässe.
Waren das eher Repräsentations- oder Kontrollbesuche?
Sowohl als auch.
Und die restliche Zeit?
Zu einem weiteren Teil meiner Aufgaben gehörte die Schulung. Ich bin seit Jahren auch als Unterrichtender an den beiden Landwirtschaftsschulen in Châteauneuf und Visp tätig.
Was hat Sie zu Ihrem Wechsel nach Visp bewogen?
Der Hauptgrund ist, dass ich mir mit meinen 43 Jahren überlegen musste, ob ich für immer in Châteauneuf bleiben oder noch einmal etwas Neues wagen wollte. Und, ehrlich gesagt, ich habe als Ingenieur Agronom nicht sehr viele Möglichkeiten im Wallis. Als sich die Gelegenheit in Visp bot, entschied ich mich dafür. Jeder Wechsel beinhaltet aber auch ein gewisses Risiko. Es kommt immer Neues auf einen zu.
Die Leitung des Landwirtschaftszentrums ist eine vielfältige Aufgabe. Unter anderem führen Sie auch ein Internat für OS-Schüler. Gehört zu Ihren neuen Aufgaben, dass Sie auch ab und zu einen heimwehkranken Internatsschüler trösten müssen?
(lacht) Könnte sein, warum nicht. Aber genau diese Vielfältigkeit macht auch den Reiz aus für mich.
Tatsache ist aber, dass Sie in Visp um einiges näher an der Front, am Menschlichen sind als in Ihrer vorherigen Tätigkeit?
Ich werde wahrscheinlich weniger direkten Kontakt mit den Bauern haben. Zudem werde ich es in meinem neuen Job nur noch wenig mit dem Unterwallis zu tun haben. Aber ich bin jemand, der es nicht scheut, mit den Schülern und Angestellten über ihre Anliegen zu sprechen. Bei mir herrscht das Motto ‚open door’.
Werden Sie weiterhin unterrichten in Visp?
Vorläufig schon. Die Erfahrung wird zeigen, ob die Zeit es noch zulässt.
Können Sie Ihre Fähigkeiten als studierter Landwirt auch hier im Zentrum einbringen?
In der Praxis braucht man häufig relativ wenig von dem, was man im Studium gelernt hat. Ich kann aber hier in Visp das Wissen, das ich mir während meiner Studienzeit aneignete, anwenden und einbringen. Meine Tätigkeit in der Bildung ist eine ideale Gelegenheit, das, was ich gelernt habe, umzusetzen und weiterzugeben. Kommt dazu, dass ich von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ein enormes Fachwissen haben, profitieren kann. Ich lerne von ihnen.
Sie haben keine Mühe, Kompetenzen abzugeben und zu delegieren?
Nein, das kann ich gut. Wenn ich schon so gute Mitarbeiter habe, wäre es doch schade, wenn denen ihr Wissen und Know-how gar nicht zum Tragen kommen würde, oder?
Im zentrumseigenen Gutsbetrieb wird sich in nächster Zeit einiges ändern. Die Schweinemast zum Beispiel wird aufgegeben. Sie war anscheinend nicht mehr zeitgemäss?
(schmunzelt) Gut, wir hatten auch ab und zu Besuch von Kessler (Tierschutz-Hardliner Erwin Kessler aus dem Kanton Thurgau, der die Schweinehaltung im Landwirtschaftszentrum Visp als tierquälerisch bezeichnete; Anm. d. Red.). Wir haben die Schweinehaltung in Visp nicht aufgegeben, weil sie nicht tierschutzkonform wäre. Bei der Umstrukturierung des Gutsbetriebes wollten wir vor allem auf repräsentative Tierarten zurückgreifen. Die Schweinezucht ist im Oberwallis praktisch inexistent. Darum konnten wir die Tiere auch nicht unbedingt für schulische Zwecke einsetzen.
Auch bei den Kühen werden Sie umstellen auf Muttertierhaltung.
Weshalb?
Die Umstellung auf Kleinvieh- und Mutterkuhhaltung entspricht dem Wunsch des Kantons, dass der Betrieb in Visp eine vernünftige Ergänzung zu den übrigen Gutsbetrieben des Kantons bilden soll. Leider muss daher auf die Milchviehhaltung verzichtet werden.
Es sieht aus, als ob mit Ihrem Einzug ein ganz neuer Wind weht auf dem zentrumseigenen Gut?
Dieser neue Wind ist nicht abhängig von meiner Person. Die Änderungen wurden schon vorher aufgegleist. Diese wären auch durchgezogen worden, wenn sich in der Zentrumsleitung nichts geändert hätte.
Also wollen Sie nicht als jemand gelten, der mit dem eisernen Besen auskehrt?
Nein, das brauche ich nicht.
Eine weitere Kernaufgabe des landwirtschaftlichen Zentrums in Visp besteht in der Ausbildung von jungen Landwirtinnen und Landwirten. Doch hier stagniert die Schülerzahl seit Jahren auf sehr tiefem Niveau.
In den letzten Jahren waren es nie mehr als sieben neue Landwirtschaftslehrlinge. Währenddem die Schülerzahl in allen landwirtschaftlichen Schulen der Schweiz abnimmt, ist das bei uns jedoch nicht der Fall. Man hat in den letzten Jahren im Oberwallis sehr viel unternommen, um junge Leute zu dieser Ausbildung zu motivieren. Es gibt eben im Oberwallis noch sehr viele vollamtliche Bauern, die nie eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert hatten. Das sieht man in den anderen Regionen der Schweiz kaum mehr. Wir in Visp bilden nun auch relativ viele Bauern in der zweiten Ausbildung aus, berufsbegleitend quasi. Darum nimmt die Schülerzahl nicht weiter ab bei uns.
Können Sie einem jungen Menschen heute noch guten Gewissens eine Ausbildung in der Landwirtschaft empfehlen? Die Zukunft der Walliser Bauern sieht ja nicht gerade rosig aus?
Diese Diskussionen habe ich zum Teil auch mit Bauern, die überlegen, ob sie ihre Kinder zu uns schicken wollen. Einige sagen ganz klar, dass sie aus diesen Unsicherheitsgründen lieber möchten, dass ihre Kinder eine andere Ausbildung absolvieren. Ich bin jedoch überzeugt, dass es für junge Bauern auch in Zukunft Möglichkeiten gibt, einen eigenständigen Bauernbetrieb auf-recht zu erhalten. Sie müssen jedoch etwas dafür machen. Neben einem grossen Einsatz braucht es auch eine gute Ausbildung.
Sie haben Agronomie studiert. Hätten Sie sich auch vorstellen können, einfacher Landwirt zu werden?
Ich hatte eigentlich nie daran gedacht, selber zu bauern. Heute würde ich jedoch meine Ausbildung vielleicht nicht mit dem Gymnasium beginnen und danach an die ETH gehen, sondern die landwirtschaftliche Lehre machen, um danach an einer Fachhochschule den Ingenieur zu machen. Damit wäre man noch näher mit der Praxis verbunden.
Sie wohnen seit Jahren mit Ihrer Familie in Sitten, sind dort gar Pfarreiratspräsident der deutschsprachigen Pfarrei. Bleiben Sie hier wohnen, trotz dem neuen Arbeitsplatz in Visp?
Ja. Wir sind sechs Personen in unserer Familie, und die Abstimmung fiel sechs zu null für Sitten aus. Wir diskutierten zwar darüber, aber mehr nicht. Natürlich hätte es mein Arbeitgeber gerne gesehen, wenn wir in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnen würden. Wir haben uns jedoch in den letzten vierzehn Jahren so gut in Sitten eingelebt, dass wir vorläufig hier nicht mehr weg wollen. Auch unsere Kinder haben hier ihre Wurzeln. Sie sprechen zwar perfekt walliserdeutsch, haben jedoch alle ihre Kollegen hier in Sitten. Und dies wollten wir ihnen nicht nehmen.
Was meinen Sie, werden Sie eines Tages eines Ihrer vier Kinder als Lehrling in der Landwirtschaftsschule in Visp begrüssen können?
So wie es momentan aussieht eher nicht (lacht). Das würde mich überraschen. Aber wir lassen diesselbstverständlich jedem offen. Also ich würde mich natürlich sehr
freuen.
Was wünschen Sie sich für die Landwirtschaftsschule Visp und ihre angegliederten Betriebe für die Zukunft?
Im Vordergrund steht, dass die Umstrukturierung des Gutsbetriebes gut klappt, und dass die Leute aus der Praxis diese auch gut akzeptieren. Dies ist auch wichtig im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung des Ausbildungsplatzes Visp. Wir sind auf die Akzeptanz durch die Oberwalliser Bauernschaft angewiesen.
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