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Visp / Mit Riccardo Fuhrer konnten die Verantwortlichen des EHC Visp auf die neue Saison hin einen schweizweit bekannten Trainer verpflichten. Im RZ-Frontalinterview redet der 49-Jährige über seine Ziele für die kommende Saison, die Wichtigkeit des Walliser Meistertitels und die Bedeutung von seriöser Nachwuchsarbeit.
Von Markus Pianzola
Walter Bellwald
Riccardo Fuhrer, Sie gelten als Trainer, der polarisiert. Entweder man liebt oder man hasst Sie. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Meine Art, dass ich kritisch und ehrlich bei meinen Entscheiden bin, passt manchen Leuten nicht. Ich kann nicht jeden Spieler das spielen lassen, was er sich wünscht oder vorstellt. Und wenn jemand nicht das bekommt, was er will, so ist er automatisch ein wenig in seinem Stolz verletzt. Daraus entsteht dann die Meinung, ich würde polarisieren in dem Sinn, dass man mit mir nur gut oder schlecht auskommen könnte. Aber das ist so nicht richtig.
Wie würden Sie Ihre eigene Arbeitsweise beschreiben?
Ich bin von meinem erlernten Beruf und von meinem Charakter her ein Mensch, der Perfektion anstrebt. Ich glaube, dass man durch ständiges Wiederholen und Üben Erfolge erzielen und sich verbessern kann. Vielleicht erreicht man nicht Perfektion, aber man sollte dies zumindest anstreben. Ich lege auch grossen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung meiner Spieler. Detailpflege ist sehr wichtig für mich und hat mich immer fasziniert. Sicher bin ich ein Mensch, der versucht, neue Sachen heraus zu finden und zu probieren. Wenn dieses Neue nicht klappt, habe ich jeweils eine andere Lösung in der Hinterhand. Es ist manchmal auch eine Gratwanderung mit ständiger Absturzgefahr. Aber solche Dinge ziehen mich an. Auch die Zusammenarbeit mit einer Gruppe von 25 Leuten plus Betreuerteam hat seinen Reiz. Teambildung, mentale Arbeit, Umgang mit verletzten Spielern – all das sind Dinge, die mich immer angezogen haben.
Sie beschreiben sich als Perfektionist. Besteht nicht die Gefahr, sich allzu sehr auf Details zu versteifen?
Natürlich. Aber ich sage nicht, ich bin ein Perfektionist. Ich strebe Perfektion an. Ich kenne wenige Trainer, die mit den Leistungen einer Mannschaft zufrieden sind. Man darf einfach das grosse Ziel nicht aus den Augen verlieren. In einem Jahr haben wir zwischen 220 und 240 Trainingseinheiten, da kann man sich in gewissen Bereichen verbessern. Nehmen wir ein Beispiel: Jemand, der während eines Jahres auf der Schreibmaschine übt, wird am Schluss vielleicht 180 Anschläge pro Minute schaffen. Ein Ungeübter dagegen deren 40 oder 50. Ich weiss, dass man durch ständiges Üben und gezieltes Training Verbesserungen erreicht. Und genau das ist die Aufgabe eines Trainers. Ich versuche, der Mannschaft einen Stempel aufzudrücken und ihr ein System zu geben. Das ist ein fortlaufender Prozess.
Nach Ihrer letztjährigen Tätigkeit in Bozen (Italien) nun Visp als nächste Station. Was gab den Ausschlag für Ihre Unterschrift?
Viele Arbeitsplätze gibt es in der Schweizer Nationalliga nicht, nämlich genau 24. Manche kamen nicht in Frage, weil ich dort schon war und nicht mehr zurück wollte. Andere könnten nicht das bieten, was der EHC Visp zu bieten in der Lage ist. Das heisst Entwicklung von jungen Spielern, eine Vision vor Augen zu haben. Das hat mich fasziniert. Als mich der Verwaltungsrat anfragte und mir seine Vorstellungen unterbreitete, sprach mich dies sofort an. Ich hatte auch den Eindruck, dass dies momentan das ist, was ich brauche und auch gesucht habe.
Sie haben es bereits angesprochen: Der EHC Visp gilt als Ausbildungsclub. Welchen Stellenwert nimmt für Sie Nachwuchsarbeit ein?
Einen sehr grossen. Das Kapital eines Clubs liegt im Nachwuchs. Eigentlich sollte jeder NLA-Club einen funktionierenden Partner in der NLB haben. Dieser würde als Ausbildungsclub fungieren. Auch sollte für die jungen Spieler eine Karriereplanung erstellt werden. Die Grundlagen aber werden in den Hockeyschulen und den verschiedenen Nachwuchsstufen geschaffen. Deshalb sind die Trainer, die in diesem Bereich tätig sind, die wichtigsten. Wenn ich als Trainer einer NLB-Mannschaft 17- bis 18-jährige Spieler bekomme, dann fehlt mir die nötige Zeit zur Grundausbildung, wenn gewisse technische und taktische Voraussetzungen fehlen. Sie müssen sofort in die Mannschaft integriert werden können. In vielen Clubs ist das ein Problem. Ich habe das Gefühl, dass im Nachwuchs allgemein zu viel gespart wird. Hingegen verfügt man in Visp über sehr gute Nachwuchstrainer. Beispielsweise Bruno Zenhäusern, der die Novizen trainiert und dies sehr gut tut. Solche Leute müssen gesucht und in die Clubs integriert werden.
Stehen Sie selber auch in Kontakt mit den verschiedenen Nachwuchstrainern des EHC?
Ich bin jetzt seit einem Monat da und bin noch am Lernen. Die Kontakte sind bereits da, ab Meisterschaftsbeginn planen wir wöchentliche Sitzungen mit den anderen Teamverantwortlichen. Ein wichtiger Ansprechpartner für mich ist Pekka Santanen, der die Junioren trainiert. Danach kommen die Partnerteams Saastal und Langnau. Ohne Kommunikation ist Erfolg nicht möglich.
Wie viele Oberwalliser werden wir während der Saison regelmässig beim EHC Visp im Einsatz sehen?
Entscheidend ist die Leistung. Natürlich ist das Ziel, eigene Spieler ins Team zu integrieren. Hier in Visp wurde das Projekt „Challenge Plus“ lanciert. Wie realistisch die hier aufgeführten Zielsetzungen sind, lässt sich schwer abschätzen. Wir haben ein Team von 25 Spielern. Jeder Einzelne hat seine Rolle im Team. Wenn der Spieler die von mir erwartete Rolle spielen kann, kommt er auch zum Einsatz. Wie viele der eingesetzten Spieler schliesslich Oberwalliser sind, hängt zum grossen Teil von ihnen selber ab.
Anfangs August hat die Vorbereitung auf dem Eis angefangen. Ist die Mannschaft bereit für den Start?
Sie muss bereit sein. Wir haben eine Planung und halten uns an diese. Stellt sich nur die Frage, ob wir bereits das Niveau erreicht haben, das wir gerne hätten. Auch wenn wir die ersten Spiele verlieren würden, wäre das für mich kein Massstab für die ganze Meisterschaft. Natürlich ist es mental von Vorteil, wenn man gewinnt. Dann kann man die kommenden Aufgaben ruhiger angehen. Es ist aber meine Aufgabe, den Druck von den Spielern zu nehmen und diesen auf mich zu verlagern. Das gehört zu meinem Job. Das Team fühlt sich bereit und freut sich auf den Saisonstart. Wir möchten uns während der Saison stetig weiter verbessern. Eine erste Zwischenbilanz wird man im November während der Länderspielpause ziehen können, eine zweite nach Abschluss der Qualifikation.
Gibt es auch eine rangmässige Vorgabe?
Ja. Wir haben mit der Mannschaft diskutiert und diese ist der Meinung, dass der vierte Rang im Bereich des Möglichen liegt. Der grösste Unsicherheitsfaktor in dieser Rechnung ist die Entwicklung der Gegner. Auch ist noch unklar, welchen Einfluss die Tatsache, dass in der NLA das Ausländerkontingent auf fünf aufgestockt wurde, auf die NLB haben wird. Bei den NLB-Teams, gegen die wir in der Vorbereitung gespielt haben, forcierten die Trainer ihre Ausländer bereits überraschend stark. Im Gegensatz dazu haben meist mit vier Linien gespielt. Trotzdem haben wir Siege eingefahren, das ist ein gutes Omen.
Für die Fans sind Derbysiege fast wichtiger als der Tabellenrang. Wie schätzen Sie Martigny und Siders ein?
In Siders herrscht ein hoher Erwartungsdruck, nachdem man zwei Mal hintereinander im Finale stand. Das wird sicher nicht einfach für sie. Aber ich gehe davon aus, dass sie einen Schlachtplan haben. Für uns ist dieser Druck sicherlich von Vorteil. Die Spiele gegen Martigny werden sicher auch speziell. Ich gehe gegen beide Gegner von knappen Spielen aus, die aber hoffentlich jeweils zu unseren Gunsten kippen werden. Wir werden diese Spiele auch anders vorbereiten. Aber wie genau, bleibt mein Geheimnis. Der inoffizielle Titel des Walliser Meisters ist für jede dieser drei Mannschaften ein wichtiges Ziel.
Wie schätzen Sie die restlichen Gegner ein?
Das ist schwierig zu sagen. Auf dem Papier ist zum Beispiel Chur viel stärker als letztes Jahr einzuschätzen. Hier kommt es auch darauf an, welche Spieler von Partner Lugano kommen. Die Verschiebungen in der NLB sind viel grösser als in der NLA. Ich habe auch noch nicht alle Gegner beobachtet. Die Gegner, gegen die wir erst gegen Schluss der ersten Runde spielen, habe ich bewusst noch nicht gesehen. Bis wir auf diese Gegner treffen, liegt noch rund ein Monat Meisterschaft. In dieser Zeit verändert sich in einer Mannschaft sehr viel.
Die Visper Fans gelten als ungeduldig. Nach zwei, drei Niederlagen in Folge wird Kritik nicht ausbleiben. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ein Trainer, der mit dieser Kritik nicht leben kann, ist im falschen Beruf. Es soll aber Kritik sein, die man Ernst nehmen kann. Es ist mir nicht egal, was die Leute über die Mannschaft denken. Ich kann es aber auch unmöglich allen Recht machen. Wenn wir ein Derby gegen Siders spielen, haben wir zum Beispiel 4’500 Trainer in der Halle, die alle genau wissen, wie es richtig gemacht werden müsste. Mit dieser Situation muss man als Trainer leben. Auf der anderen Seite ist Kritik auch leistungsfördernd. So kann ich nach neuen Lösungen suchen und so die Mannschaft weiter bringen.
Sportlich gehört Visp zu den besseren Teams in der NLB. Aber aus finanzieller Sicht wäre ein Aufstieg in die NLA utopisch. Fehlt Ihnen da nicht der Anreiz?
Nein, überhaupt nicht. Ob wir nun wirklich zu den Besten in der NLB gehören, wird sich zeigen. Ich möchte, dass Visp zu einer guten Adresse im Schweizer Eishockey wird. Ein Ort, an den junge Spieler gerne kommen, weil sie eine Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln. Wenn man das schafft, erreicht man automatisch gute Resultate. Wenn wir gute Arbeit liefern, kommen mehr Leute an unsere Spiele und der Club hat schliesslich mehr Geld zur Verfügung. Was damit geschieht, liegt in der Macht des Verwaltungsrats.
Aber grundsätzlich sehen Sie Visp in Zukunft eher als Ausbildungsclub?
Es ist so, dass die finanziellen Mittel schliesslich darüber entscheiden, wo man steht. Erstellt man eine Rangliste der Budgets der NLA und vergleicht diese mit der sportlichen Tabelle, so kann man sich fast sicher sein, dass sich diese beiden sehr ähnlich sein werden. Aber sicher gibt es immer Ausnahmen, als positives Beispiel Thun im Fussball oder auf der anderen Seite als negatives Beispiel der SC Bern, welcher letztes Jahr bis zum Schluss um die Play-offs zittern musste.
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