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Andrea Burgener, Präsidentin Kinderschutz Schweiz
Andrea Burgener, Präsidentin Kinderschutz Schweiz
„Es ist unglaublich schwierig, eine Lobby für Kinder aufzubauen“


 

Fribourg / Visp / Als Präsidentin von Kinderschutz Schweiz kämpft Andrea Burgener für die Rechte der Kinder. Die 49-jährige Mutter von drei Kindern und doktorierte Heilpädagogin lobbyiert vor allem auf Bundes- und auf kantonaler Ebene für die Schwächsten unter uns – die Kinder.

Von Ruth Seeholzer

Die Kampagne „Stop Kinderpornographie im Internet“ wurde soeben von der Schweizerischen Kriminalprävention lanciert. Sie wird von Kinderschutz Schweiz unterstützt . Wie kann die Öffentlichkeit zu diesem Thema sensibilisiert werden?
Kinderpornografie im Internet passiert auf mehreren Ebenen. Das macht es manchmal schwierig, das Thema zu kommunizieren. Hinter jedem kinderpornografischen Bild im Internet steht ein gebrochenes, misshandeltes Kind. Man kann nur ahnen, ob und wie viele Kinder in der Schweiz auf diese Weise missbraucht werden. Die Kampagne ist an die Öffentlichkeit, an Erziehungsverantwortliche und vor allen auch an die Konsumenten von Kinderpornographie gerichtet. Die Täter sollen darauf aufmerksam gemacht werden, wie schwer ihr Verbrechen wiegt. Ein weiterer Aspekt betrifft Kinder und Jugendliche, die im Internet chatten. Hier klinken sich häufig Pädophile ein, um zumindest auf verbaler Ebene ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder gar mit einem Kind einen Treffpunkt abzumachen. Auf diese Gefahren soll mit der Kampagne ebenfalls aufmerksam gemacht werden.

Man hört immer wieder Stimmen, die sagen, dass es das bei uns im Wallis doch gar nicht gäbe. Dass solche Kampagnen übertrieben seien?
Ich kann an einer solchen Aussage nur zweifeln. Das ist gerade das Heimtückische im Internet: Man muss nicht an einen speziellen Ort hingehen, um Kinderpornografie zu konsumieren. Heute können Sie gar auf jeder Alp ins Internet einsteigen. Ich bin überzeugt davon, und die Zahlen beweisen es, dass hier überhaupt kein Unterschied zwischen Stadt und Land gemacht werden kann.

Sie reden von Internet, von chatten. Für viele Erwachsene, auch für Eltern, gehört das Internet jedoch nicht zum täglichen Gebrauch?
Das ist wahr. Die Generation, die nicht mit Internet aufgewachsen ist, versteht häufig nicht, was dort wirklich abgeht. Doch gerade im Hinblick auf die lancierte Kampagne kommen Reaktionen häufig auch von älteren Leuten, die sagen: Ihr müsst dagegen etwas unternehmen! Das Internet spielt sich nicht in einer realen Welt ab. Daher auch die Gefahr, dass sich Konsumenten von kinderpornographischen Bildern manchmal gar nicht bewusst sind, etwas Unrechtes zu tun. Zudem glauben diese Täter auch, man könne sie für ihr Tun nicht strafrechtlich verfolgen. Doch dem ist nicht so. Heute kann, auf Anzeige hin, jeder Internetanschluss kontrolliert werden. Auch dies soll mittels der Kampagne den Tätern mitgeteilt werden: Kinderpornographie ist ein Verbrechen, die Polizei ist auch im Internet präsent, also hütet euch!

Wie sollen Eltern, die selber keine Ahnung haben vom Internet, ihre Kinder schützen?
Es ist tatsächlich so, dass die Jugendlichen in technologischer Hinsicht viel fitter sind als wir Erwachsenen. Leider kapitulieren viele der Erwachsenen vor dem Medium Internet. Das darf man als Eltern nicht. Wir haben selber einen 15-jährigen Sohn, für den das Internet etwas sehr Wichtiges ist. Ich bin der Überzeugung, dass wir Eltern die Verantwortung tragen, was die Kinder konsumieren. Sei es am Fernsehen, oder um so wichtiger im Internet. Bei uns gilt die Regel: Wer die Verantwortung hat, hat auch das Recht auf Information. Wichtig ist, den Computer an einen zentralen Ort zu stellen, den man als Eltern leicht einsehen kann.

Gelten in Ihrer Familie spezielle Abmachungen bezüglich dem Umgang mit dem Computer und dem Internet?
Ja, bei uns gibt es zum Beispiel ganz klare Regeln, ab welchem Geburtstag ein Kind eine eigene E-Mail-Adresse bekommt oder ab welchem Alter die Kinder einen eigenen Speicherplatz auf dem Computer bekommen, zu dem die Eltern keinen Zugang haben. Dies sind einfach die neuen Technologien, mit denen die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit mitgehen müssen. Mein eindringlicher Appell: Als Eltern darf man einfach nicht kapitulieren vor diesen technischen Neuerungen. Ein Computer ersetzt keinen Babysitter. Zwar ist das Kind zu Hause, unter Aufsicht. Aber häufig ist es virtuell ganz weit weg. Ohne dass die Eltern eine Ahnung haben.

Kinderschutz Schweiz kämpft nicht nur gegen Kinderpornographie im Internet. Was gehört alles zu Ihren Aufgaben?
Kinderschutz Schweiz ist ein Verein, der alle Aspekte von Gewalt an Kindern thematisiert. Dazu gehören sexuelle Gewalt, psychische Gewalt, Strassenverkehr, Armut, physische Gewalt, Vernachlässigung. Im Unterschied zu anderen Organisationen bieten wir keine direkte Hilfe an. Zwar melden sich Kinder bei uns. Wir leiten sie jedoch weiter an die betroffenen Stellen.

Arbeiten Sie mit den regionalen Gruppen zusammen? Im Oberwallis zum Beispiel gibt es eine eigene Kinderschutzgruppe.
Nein, im Moment gibt es hier keine Zusammenarbeit. Unser Verein reorganisiert sich jedoch auf das Jahr 2007 hin. Und bis da möchten wir die Zusammenarbeit mit den regionalen Kinderschutzgruppen verstärken.

Dann besteht die Arbeit von Kinderschutz Schweiz momentan vor allem im Lobbying auf politischer Ebene?
Genau. Unsere Aufgabe besteht hauptsächlich aus Lobbyarbeit für die Rechte und den Schutz des Kindes auf politischer, öffentlicher Ebene. Kinderschutz Schweiz hat Einsitz in verschiedenen Kommis­sionen auf Bundesebene. Wir werden häufig auch von Bundesstellen um unsere Meinung angefragt. Doch diesen Einfluss versuchen wir noch zu verstärken. Wovon ich jedoch träume als Präsidentin von Kinderschutz Schweiz, dass es, wie es kürzlich im Parlament eine Woche des Tierschutzes gegeben hat, eines Tages auch eine Woche des Kinderschutzes geben wird. Ob wir das erreichen, weiss ich nicht.

Ist es demnach in unserem Land einfacher, Geld für die Unterstützung von Tieren als zum Schutz von Kindern zu sammeln?
(schweigt lange) Es ist unglaublich schwierig, eine Lobby für Kinder aufzubauen. Andere Themen liegen den Geldgebern mehr am Herzen. Und darunter gehören auch Tiere.

Das ist eigentlich brutal. Woher kommt dieses schweizerische Desinteresse am Wohl der Kinder?
Ich vermute, es liegt zum Teil an der eigenen Betroffenheit. Zudem haben die potentiellen Geldgeber vermutlich das Gefühl, dass es die Kinder in der Schweiz ja wirklich gut hätten. Und falls nicht, dass es dann an den Eltern, oder gar am Kind selber, liege.

Umgekehrt hört man auch viele Leute sagen: Uns hat früher ein „Chlapf“ an den Kopf auch nichts geschadet?
Zu früher hat sich sehr viel geändert. Als erstes und wichtigstes: Der Entscheid, ein Kind zu bekommen, wird heute sehr bewusst gefällt. Daher darf man auch verlangen, dass Eltern ihren Kindern ein Nest bauen, in dem sie mit Ver­-trauen aufwachsen können. Es stimmt, ein „Chlapf“ in dem Sinn schadet wirklich nichts. Das Problem hinter der Ohrfeige ist, dass es ein Türöffner ist. Ein Türöffner für die Gewalt. Damit kann eine ganze Gewaltspirale ausgelöst werden. Wichtig ist zu fragen, wofür der „Chlapf“ steht. Ist es nicht so, dass die Eltern im Moment eines Gewaltausbruches einfach überfordert mit der ganzen Situation sind? Es werden vor allem kleine Kinder körperlich bestraft. Wichtig ist zu wissen, dass sie Eltern nicht absichtlich provozieren. Ihr Verhalten passt in bestimmten Momenten nicht in die Situation, dort liegt die Ursache des Gewaltausbruches.

Welche Erziehungsrichtlinien haben Sie bei Ihren eigenen Kindern?
Ich bin relativ streng, d.h. klar und konsequent mit meinen Kindern. Sie wissen ganz genau, was gilt und was nicht gilt. Natürlich muss man schauen, dass man die Rechte und Pflichten nach Alter abstuft. Auch muss man es ab und zu wiederholen. Aber diese klaren Richtlinien verschaffen den Kindern und den Eltern den nötigen Freiraum. Denn die Kinder murren, ob sie um neun Uhr oder um halb elf Uhr ins Bett müssen (lacht).

Warum engagieren Sie sich für die Rechte und den Schutz des Kindes?
Ich habe in meinem Leben schon vieles gemacht. Für mich selber konnte ich inzwischen feststellen, dass ich mich immer in denjenigen Bereichen engagiere, die zu meinem aktuellen Leben gehören.

Im Unterschied zu anderen, dass Sie sich, wenn Sie sich engagieren, voll und ganz hinein geben? Liegt das in der Familie?
(schmunzelt) Das liegt wohl tatsächlich in unserer Familie. Aber die Rechte und der Schutz der Kinder liegen mir tatsächlich am Herzen. Und nicht nur dasjenige der eigenen Kinder. Darum ist für mich das übergeordnete Engagement wichtig. Hier merken aber meine Kinder auch: Sie macht es ja eigentlich für uns.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
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