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Hans-Rudolf Mooser, Direktor der Matterhorn Gotthard Bahn
„Mit der Ostausfahrt sparen wir mindestens 20 Minuten“


 

Brig / Diese Woche beginnen die Bauarbeiten für die Ostausfahrt in Brig. Damit nimmt die Matterhorn Gotthard Bahn eine weitere Grossbaustelle in Angriff.

Von German Escher
Ruth Seeholzer

Haben Sie Schwielen an den Händen?
Weshalb?
Weil Sie schon fast im Monatstakt von einem Spatenstich zum nächsten antreten müssen?
(schmunzelt) Das ist wohl übertrieben. Aber wir können zufrieden sein, wie es läuft. Wir sind im Zeitplan, den wir uns im Vorfeld des Zusammenschlusses der BVZ und FO vorgenommen haben. Unsere drei grossen strategischen Projekte in Täsch, Visp und Brig sind termingerecht unterwegs. Zusätzlich ist erfreulich, dass wir auch mit der Rollmaterialbeschaffung gut auf Kurs sind. Wir haben nicht nur für den Glacier-Express Rollmaterial eingekauft. Auch für den Regionalverkehr haben wir neben den Shuttle-Zügen für die Strecke Täsch – Zermatt auch neue Triebzüge bestellt, die ab der NEAT-Eröffnung vor allem auf dem Abschnitt Brig-Visp-Zermatt eingesetzt werden.

Heute Donnerstag erfolgt der Spatenstich der Ostausfahrt in Brig. Reicht es bis zur NEAT-Inbetriebnahme 2007?
Die Ostausfahrt ist ein Kraftakt. Im Vorfeld musste wirklich harte Arbeit geleistet werden. Die Arbeitsausschreibungen haben wir bereits anfangs Jahr durchgeführt. Die Aufträge wurden im August erteilt, um am Tag nach der Baubewilligung mit den Bauarbeiten starten zu können. Ich bin überzeugt: Die Ostausfahrt wird bis zum Fahrplanwechsel 2007 bereit sein. Verzögerungen kann ich mir einzig im Bereich der Finanzierung vorstellen. Der Bund sowie die Kantone Wallis, Uri und Graubünden übernehmen 30 der insgesamt 60 Millionen Franken. Die Matterhorn Gotthard Bahn wird durch den Verkauf von Böden in Brig und Naters sowie Eigenmittel zehn Millionen Franken einbringen. Die Finanzierung der noch fehlenden zwanzig Millionen Franken ist angedacht und sollte im Rahmen der Bahnreform 2 machbar sein.

Was bedeutet die Ostausfahrt für die Matterhorn Gotthard Bahn?
Die Ostausfahrt ist für die MGB sehr wichtig. Der künftige Durchgangsbahnhof gibt unserem Fahrplan eine zusätzliche Stabilität. Aufwändige Lokwechsel und die Fahrt durch Naters, wo wir heute 22 Bahnübergänge haben, entfallen. Dank der Ostausfahrt sparen wir mindestens zwanzig Minuten. Diese Zeitersparnis ist bei der Gestaltung des neuen Fahrplans, der auf den Knoten Visp ausgelegt ist, sehr wichtig. Deshalb muss die Ostausfahrt bei der Inbetriebnahme der NEAT betriebsbereit sein.

Ist der sogenannte Hochbahnhof, also die Verlegung der MGB-Perrons aufs Niveau der SBB, eine ernsthafte Option?
Ganz klar. Die Ostausfahrt ist eine erste Etappe. Die Verlegung der Perronanlage wird der nächste Schritt sein. Unser erklärtes Ziel ist es, dass der Hochbahnhof bis 2014 steht. Das ist ein hartes, aber machbares Stück Arbeit.

Die Finanzierung wird nicht einfach sein.
Richtig. Wir werden in Zukunft mit der Bahnreform 2 für unsere Infrastrukturgesellschaft, die vollumfänglich im Besitz der Öffentlichen Hand ist, Leistungsaufträge erhalten. Im Rahmen der Leistungsvereinbarungen, die jeweils auf vier Jahre definiert sind, werden wir selber die Prioritäten setzen können. In der nächsten Leistungsvereinbarungsperiode, also ab 2011, wird der Hochbahnhof in Brig einen hohen Stellenwert bekommen.

Der Bahnhofplatz in Brig ist heute eine schlechte Visitenkarte für die Simplonstadt. Bis 2014 geht es noch eine Weile. Wird mit der Ostausfahrt auch der Bahnhofplatz neu gestaltet?
Die Lösung der Probleme und die Neugestaltung am Bahnhof Brig muss man als längerfristige Konzeption betrachten. Der Bau der Umfahrungsstrasse, die Verlegung der Werkstätte in den Glisergrund und jetzt die Verwirklichung der Ostausfahrt mit dem Hochbahnhof in der zweiten Etappe sind wichtige Meilensteine. Die Ostausfahrt wird bereits zu wesentlichen Verbesserungen führen. Weil wir künftig nicht mehr über Naters fahren werden, dürften die Zugsfrequenzen beim Bahnübergang Dennerkreisel mehr als halbiert werden. Das ist für den Innerortsverkehr zwischen Brig und Naters wichtig.

Wird mit der Ostausfahrt die Sicherheit auf dem Bahnhofplatz gewährleistet sein?
Wir sehen hier keine Probleme. Von der Anzahl Bahnhofplatzüberquerungen der MGB her wird sich praktisch nichts ändern. Bereits heute rollen Zugskompositionen zu Manövrierzwecken über den Bahnhofplatz. In Zukunft werden die Züge fahrplanmässig im Schritttempo über den Platz geführt. Diese Situation gibt es auch andernorts: In Chur funktioniert die Arosabahn sehr ähnlich. Auch der Bahnhofplatz Bern hat eine sehr hohe Tramfrequenz.

Der nächste MGB-Spatenstich in Brig ist das Verwaltungsgebäude. War der Wegzug nach Visp auch ein Thema?
Sicher war das ein Thema. Brig und Visp sind für uns gleichwertige Standorte. Nach sachlicher Prüfung haben wir uns entschieden, in Brig zu bleiben. Ausschlaggebend waren betriebliche Überlegungen. Die Nähe zum Depot im Glisergrund ermöglicht einen optimalen Einsatz des Zugpersonals. Auch die Betriebsleitzentrale unserer Bahn befindet sich in Brig. Und schliesslich musste für das heutige Verwaltungsgebäude, das nun von der Stadtgemeinde übernommen wird, eine neue Verwendung gefunden werden. Aber eines ist klar: Hätten wir in Brig keine optimale Lösung gefunden, dann wäre Visp die Alternative gewesen. Dort hätten wir im neuen Bahnhofgebäude auch rasch eine Lösung verwirklichen können. Jetzt haben wir die Möglichkeit, die betrieblichen Funktionen, die Betriebsleitzentrale und die Verwaltung, die heute in der Nordstrasse und der Überlandstrasse untergebracht sind, an einem optimalen Standort zu konzentrieren, von dem aus wir in Zukunft nach Fertigstellung des Hochbahnhofs bequem zu unseren drei neuen Gleisen gelangen werden.

Jetzt muss nur noch das Briger Stimmvolk zustimmen?
Das ist richtig. Aber das Gesamtkonzept stimmt. Das wird auch den Stimmbürger überzeugen.
Fahren wir mit der MGB zur nächsten Baustelle, also nach Visp. Im Moment kann sich der Laie kaum vorstellen, dass hier in zwei Jahren ein moderner Bahnhof stehen soll. Reicht die Zeit?
Ja. Der Zeitplan ist zwar eng. Letztlich geht es bei der Umsetzung solcher Grossprojekte um Zeit, Kos-ten und Qualität. Wir haben uns einiges Wissen und Erfahrung im Projektmanagement angeeignet, haben zudem mit der SBB bezüglich Projektabwicklung auch einen sehr versierten Partner. Es kommt dazu, dass auch die Gemeinde Visp, welche als Investor des Bahnhofgebäudes und des Parkhauses auftritt und Post Auto Oberwallis, welche auf dem Bahnhofplatz 14 Standplätze haben wird, auch alles daran setzen, dass der Bahnhof Visp bis 2007 bereit sein wird.

Bauten sind das eine. Logistische Planung und Fahrplanentwürfe das andere. Mit wie viel Mehrverkehr rechnen Sie nach der NEAT-Eröffnung?
Die Prognosen sind sehr schwierig. Deshalb ist bei der Beschaffung des neuen Rollmaterials die Flexibilität ein wichtiges Entscheidungskrite­rium. Wir haben uns für sogenannte Triebzüge entschieden, die einfach koppelbar, verlängerbar und ohne Lokwechsel in beide Fahrrichtungen einsetzbar sind. Beim Glacierexpress setzen wir aber nach wie vor auf Lok-bespannte Züge. Die Basis unserer Überlegungen sind die Prognosen versierter Verkehrsexperten. Diese rechnen mit einer Verkehrszunahme von rund zehn Prozent.

Sind diese Annahmen nicht sehr optimistisch?
Das Wallis und unsere Region müssen ihre NEAT-Hausaufgaben bezüglich Vermarktung und Kommunikation noch machen. Das ist entscheidend. Wir sind in einem kleineren Kreis mit den Partnern SBB, Postauto, LLB, BLS und Walliser Tourismus an der Arbeit. Aber auch der Kanton und die touristischen Organisationen müssen miteingebunden werden. Wir müssen der übrigen Schweiz die Vorteile erklären und beispielsweise den Zürchern und Baslern in einer Informationsoffensive kommunizieren, dass man künftig 70 Minuten schneller im Wallis sein wird.

Kommunikation ist das eine...
... aber auch das Angebot muss stimmen. Wir sind Verkehrsdienstleister. Entscheidend sind die touristischen Möglichkeiten, welche auf das wachsende Kundensegment zugeschnitten werden müssen. Das betrifft übrigens nicht nur den Tourismus. Wir müssen uns auch fragen, welche Wohn- oder Baupolitik das Oberwallis für die Zukunft braucht.

Braucht das Oberwallis eine NEAT-Task Force?
Absolut richtig. Die Vorbereitungen gehen auch in diese Richtung. Aber es benötigt auch Gelder, um eine wirkliche Kommunikationsoffensive starten zu können. Erste Konzepte sind vorhanden, die Gespräche mit dem Kanton sind noch zu führen. Es ist verständlich, dass sich die Leute jetzt fragen, wer überhaupt etwas mit Blick auf die NEAT unternimmt. Ich habe allerdings auch die Erfahrung gemacht: Wenn man zu früh mit einer nicht ausgereiften Idee antritt, springen zwar alle auf den Zug auf. Man läuft aber Gefahr, dass das Ganze zu einer Blase wird und somit wirkungslos bleibt.

Das Scheitern der Destination Aletsch hat uns aber auch vor Augen geführt, wie schwach das professionelle Denken im Tourismus verbreitet ist.
Ich bin seit rund vier Jahren Direktor der MGB. Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest: Das Scheitern der Destination Aletsch tat mir am meisten weh. Da war wohl jeder des anderen Gegner. Trotzdem: Das Aletschgebiet hat ein riesiges Potenzial, das wir einfach besser nutzen müssen. Auch für die MGB ist das Aletschplateau sehr wichtig. Es ist ein Gebiet, das stark von Deutschschweizer Gästen besucht wird und welches dank der NEAT, der Ostausfahrt und der MGB-Anbindung an Mörel, Betten und Fiesch in Zukunft noch schneller zu erreichen ist. Es ist geradezu eine Notwendigkeit, dass wir gemeinsam die Aletsch-Vermarktung nochmals in die Hand nehmen.

Die MGB ist zu einem wichtigen Anbieter geworden. Für Kritiker wird die MGB gar schon fast zu mächtig. Steht das Oberwallis ohne MGB still?
Nein. Wir sind nicht mächtig. Wir sind ein wichtiges Glied in der touristischen Dienstleistungskette des Oberwallis und der Regionen Urseren und der oberen Surselva. Wir haben mit dem Glacier Express ein wichtiges Produkt und bekommen mit der Integration der GGB ein weiteres wichtiges Angebot, nämlich den Gornergrat. Wir werden diese Produkte weiter entwickeln. Davon werden auch die nachfolgenden Glieder dieser Kette profitieren. Ein Beispiel: Der Glacier Express bringt im Sommer 40 Prozent der Hotelübernachtungen nach Zermatt. Ob der Glacier Express gut oder schlechter unterwegs ist, ist für Zermatt und damit auch für unsere Region wichtig. Das bedeutet aber nicht primär Macht, sondern Verantwortung, unsere Aufgaben möglichst gut zu machen.

Welches Ziel verfolgen Sie im Bahnhof Zermatt?
Verschiedene Unternehmen und die Gemeinde müssen sich Gedanken machen, wie man den wachsenden Gästeandrang am Bahnhof bewältigen will. Hier besteht wirklich Handlungsbedarf. Der Zubringerverkehr innerorts von und zum Bahnhof muss geregelt werden. Die Zufahrtsstrassen sind zu eng und meist im Einbahnverkehr. Der Bahnhofplatz und die Strassen müssen also erweitert werden. Aber auch die Unternehmungen wie die Matterhorn Gotthard Bahn, die GGB, oder die BVZ Holding haben Handlungsbedarf. Also ist es doch folgerichtig, dass man sich gemeinsam in einem Masterplan Gedanken macht, wie sich dieses Quartier in den nächsten 20 Jahren weiter entwickeln soll. Erste Szenarien sind jetzt auf dem Tisch und werden von den einzelnen Partnern beurteilt.

Kritiker sagen, die MGB schaffe mit neuen Hotelbetten und Geschäftsflächen zusätzlich Konkurrenz. Während man in Zermatt auf Qualität setze, bringe die MGB die Massen.
Die Raiffeisen-Aktion ist für mich ein positives Beispiel guter Zusammenarbeit. Nach mehrjährigen Diskussionen gelang es, dass SBB, MGB, Hoteliers, Bergbahnen und Zermatt Tourismus gemeinsam ein günstiges Angebot kreiert haben, das die Raiffeisenbank mit einem Werbeaufwand von 3 Millionen vermarktet haben. Letztlich gehörten alle Partner zu den Gewinnern. Die Gornergratbahn hat in dieser Aktion eine Tarifreduktion um 50 Prozent gewährt, aber unter dem Strich nicht zuletzt dank des Raiffeisen-Angebotes den Umsatz um mehr als 1 Million Franken gesteigert. Davon haben letztlich alle in Zermatt profitiert. Zermatt hatte noch nie soviele Übernachtungen wie letztes Jahr.

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